Stage 11
HALFMOON BAY - CHRISTCHURCH
87,80 Kilometer, 04:50:42

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

Christchurch, Part II: Waehrend ich unter der Woche schon fuer zwei Tage in Christchurch naechtigte um mich fuer mein bevorstehendes Akaroa-Abenteuer zu regenerieren, steht ab heute Abend „Regenerationsphase, Teil II“, an. In weniger als 48 Stunden wird Frank ziemlich gejetlaged aus seinem Flieger steigen, bevor es dann Dienstagfrueh wieder auf die Piste gehen wird – von dann an wahrscheinlich wesentlich unentspannter 

Summit Road: Blick hinab auf Christchurch.

als bisher, aber ich hoffe, dass die vergangenen zwei Wochen mich einigermassen dafuer gestaerkt haben – und ganz nebenbei schon fuer sich betrachtet ein wundervoller Teil der Radtour waren. Akaroa war insgesamt sicherlich ein lohnenswertes Highlight der Tour – und mit 3724 Hoehenmetern auf lediglich 208,99 Kilometern sicherlich auch eines der haertesten Stuecke Fahrradarbeit, die ich je verrichtet habe.

Heute, auf der Fahrt vom Halfmoon Cottage am Eingang zum Arakora Harbour,  ging es einmal mehr viel rauf, viel runter und respektabel weit, denn die Rueckreise von Akaroa nach Christchurch fuehrte mich erwartungsgemaess ueber einen Anstieg nach dem anderen, wobei ich das “Leiden” noch dadurch maximierte, dass ich bei Christchurch angekommen die dortige Summit Road bis zum bitteren Ende fuhr. Auf der Hinreise nach Akaroa hatte ich die Dyers Pass Road direkt vom Zentrum aus genommen, was 14 Kilometer weniger Summit Road und so einiges weniger an Höhenmetern bedeutete.

Erwischt man gutes Wetter, was ich heute zweifelsohne tat, ist die Summit Road, genauso wie auf der Banks Peninsula, der absolute Hit, wobei ich auch schon Tage zuvor bei duerftigem Wetter hellauf begeistert war. Die Fotos waren allerdings nicht so gut. Fantastische Aussichten auf die Canterbury Plains, den Hafen von Lyttleton und Christchurch selbst machen das staendige auf und ab zum reinsten Vergnuegen, auch wenn ich gegen Ende hin schon dankbar war, als die recht warme Etappe mit mehr als dreissig Grad auf dem Rad sich den letzten Metern zuneigte.

Die Summit Road von Christchurch, Panoramablick auf die Bucht von Lyttleton

Egal, gerade hatte ich eine ungemein interessante Unterhaltung mit einem IT-Werkler aus Deutschland, dessen drei Monate unbezahlten Urlaubs in den kommenden Tagen zu Ende gehen und den es noch fuer zwei Tage nach Akaroa (ins Le Bons Bay Backpackers) verschlagen wird.

Es ist wirklich interessant zu dokumentieren, wie kritisch viele der hier reisenden Deutschen Deutschland, den Ueberwachungsstaat und das Weltgeschehen wirklich sehen, vor allem, da er wie schon das Paerchen aus Oesterreich oben in Springfield ebenso wie ich ein grosser Anhaenger von Chomsky und Co. ist. Erschreckend waren auch seine Eroeffnungen darueber, wie Internetprovider in Deutschland dem Ueberwachungsstaat Tuer und Tor oeffnen muessen – selbstverstaendlich staendig zur Sicherheitsmaximierung der terrorgeaengstigten Bevoelkerung, wenn es doch in der Tat nur darum geht, ein menschenunwuerdiges System aufrechtzuerhalten und zu institutionalisieren.

Ebenfalls (ist irgendwem aufgefallen, dass dies der vierte Abschnitt in Folge ist, der mit einem "e" beginnt?) war er kein grosser Anhaenger von Internetsuchmaschinen, allen voran Google, da er das seltsamerweise von Anfang an profitable  Unternehmen – nicht ganz unberechtigterweise – als perfektes Medium zur staatlichen Informationssicherung betrachtet, gegruendet an einer Uni, die auch im Ruestungsforschungsbereich nicht untaetig ist. Die unglaublichen Moeglichkeiten des Internets zur freien Meinungsauesserung lassen sich bestens sabotieren, wenn Google, als marktfuehrende Suchmaschine, kontrolliert, was die Leute noch wissen oder finden – denn was man nicht weiss, kann man gar nicht erst wissen. Ziel Googles ist es darum, durch Produkte wie Gmail oder die monopolartige Stellung im Suchmaschinensektor das Wissen der Internetuser zu filtern, andere Suchmaschinen zu korrupieren und der Ueberwachung der Internetuser alle Pforten zu oeffnen. Sicherlich mag das Ganze ein wenig nach Verschwoerungstheorien klingen, aber ganz realistisch betrachtet scheint dieses nicht unbedingt so. Er selbst berichtete, dass sein Unternehmen kuerzlich eine Art “Black Box” einrichten musste, die es den deutschen Ueberwachungsorganen ermoeglicht, auf jede E-Mail im System zuzugreifen, selbstverstaendlich ohne das der Provider die Moeglichkeit erhaelt, die Kontrolleure zu kontrollieren – sonst koennten Kunden schliesslich vorgewarnt werden. Ab und zu kaeme es allerdings so Performanceproblemen, offensichtlich, wenn einmal wieder riesige E-Mail-Bestaende abkopiert werden. Bedenklich.

Biometrische Daten in Ausweisen, eindeutige Produktnummern fuer einzelne Waren anstelle traditioneller Barcodes, Ueberwachungskameras in den Innenstaedten, stille SMS, die es der Polizei ermoeglichen, Handys zielsicher zo orten, ohne das der Besitzer etwas merkt: sicherlich geht es darum, “Katastrophen” wie das kuerzlich brennende Frankreich zu verhindern, aber fuer wen sind solche Ausschreitungen den Katastrophen? Als Frankreich brannte, war ich nicht im geringsten ueberrascht – wie denn auch, wenn man sich die gesellschaftliche Lage vieler Benachteiligter genauer anschaut?

 

Sind solche sozialen Katastrophen nicht vielmehr einfach nur die Konsequenz eines menschenunwuerdigen Wirtschaftssystems, das tatsaechlich ganze Bevoelkerungsgruppen ausgrenzt - oder im neo-marxistischen Sinne nicht ausreichend zur Mitwirkung korrupiert - und ihnen nicht zu Unrecht irgendwann aufgeht, dass sie ganz einfach systembedingt keine Chance darauf haben, im Kollektiv ihren franzoeischen oder amerikanischen Traum auszuleben? Wuerde nicht auch Amerika brennen, wenn es den Maechtigen nicht staendig gelingen wuerde, einen “War against Terror” und eine gemeinsame amerikanische Identitaet zu konstruieren, die Arm und Reich unter einem Banner vereint, ganz unabhaengig davon, dass die Schere zwischen Arm und Reich immer groesser wird? Das verdaechtig wenig Weisse in New Orleans zurueckbleiben mussten? 

Das verdummte Volk konsumiert natuerlich nur noch, selbst freie Medien wie das Internet werden durch Suchmaschinen gesteuert und der Orwellsche Ueberwachungsstaat nimmt mehr und mehr Form an, ohne dass jemand die Ueberwacher ueberwachen koennte. Postuliert man solche Meinungen, wird man oft als Klassenkaempfer verschrien – oder man versteht ja nur die neoliberale Realitaet nicht, in der jeder Herr seines eigenen Gluecks oder Ungluecks ist – aber fragt man sich einmal wirklich, wem viele der modernen Sicherheitsmassnahmen wirklich dienen, versteht man schnell, dass die zu Grunde liegenden Interessen wenig mehr als die Zementierung eines einseitig vorteilhaften Systems zur Bereicherung von wenigen auf Kosten der Allgemeinheit – oder gar der Menschheit – sind.

Ich fuerchte, dass ich etwas vom typischen Tagebuchinhalt abgeschweift bin und jetzt auch den Faden fuer heute endgueltig verloren habe, aber wen interessiert schon wirklich, wie die Kilometer 56-61 wirklich waren (wahrscheinlich steil bergab oder bergauf)? Ich geniesse einfach meinen Ruhetag in Christchurch, werde im Internet ein paar Logfiles konstruieren die meine Surferei auf Schritt und Tritt nachvollziehbar werden lassen und bin zumindest anschliessend unauffindbar, da ich kein Handy bei mir trage – es sei denn, ich passiere eine der Ueberwachungskameras, die in der Stadt zu meiner eigenen Sicherheit installiert sind.