Stage 9
CHRISTCHURCH - LE BONS BAY
92,77 Kilometer, 05:27:02

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Meanwhile: Während ich am Tag vor meiner Reise zum Le Bons Bay im Nieselregen von Christchurch darauf wartete, die verbleibenden Löcher des Golfplatzes trocken zu absolvieren, machte etwas mehr als zwanzigtausend Kilometer entfernt Frank sein Fahrrad flugtauglich. 

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

„You only get a week off?“ - “Yes, if you are lucky” - “I thought you had two!” - “But that is if you are 50 or so!”
Unterhaltung zwischen einer amerikanischen Aussteigerin und einem Briten darüber, weshalb Amerikaner generell nicht reisen.  

Draußen zirpen die Grillen, angenehme Musik dudelt im Hintergrund und ich schlürfe entspannt am 

Blick zurück auf Christchurch: schon nach wenigen Kilometern und vielen Höhenmetern hat man die Straßen auch an Wochentagen wieder für sich, genießt einen netten Ausblick und weiß ganz genau, wieso die Summit Road so heißt, wie sie heißt. 

Weißwein von Anna, einer Deutschen, die es genauso wie mich für ein Jahr zum Masterstudium nach Neuseeland verschlagen hat.

Zwar ist sie einer der zumeist suspekten Juristen und studiert obendrein noch im hässlichen Auckland, aber eigentlich doch ganz nett. Momentan holen sie ihre Eltern vier Wochen lang ab und landeten mit ihr im Le Bons Bay Backpackers, einem der bestbewertesten Hostels Neuseelands (laut BBH Backpacker Ratings 2005: 95%).

Zwar gibt es keinen wohlig-blubbernden Spa-Pool oder kostenloses Internet (oder überhaupt Internet), aber ein unheimlich gemütliches, TV-freies Hostel auf der fasziniernden Banks Peninsula, etwa eine Autostunde südwestlich von Christchurch.

Gutgelaunt strampelte ich zuerst über die Summit Road Christchurchs aus der Stadt hinaus, bevor ich am Nachmittag die Summit Roads rings um Akaroa (Fotos unten) zum Le Bons Bay nahm. Die insgesamt 1666 Höhenmeter des Tages waren ewiger Rekord.

"Superspektakulär" – auch wenn das Wort etwas affig klingt (wohl verwandt mit Klassikern wie "oberaffentittengeil" oder "megakrass"TM) – kann man die Banks Peninsula anders nicht beschreiben. Die ganze Halbinsel ist ein ehemaliger Vulkan, dessen Krater jetzt eine Bucht bildet und einfach nur wunderschön gelegen ist (gerade kam auch die Tochter des Hostelbetreibers in die Küche, sieht aus wie höchstens 12 und erzählte, dass morgen Sports Day an der Schule ist und sie beim Hochsprung 1,40 Meter schaffen wird, was ganz nebenbei auch mein Lebenszeitrekord ist, wohl gemerkt als ich wesentlich älter und größer war, ach, welch peinlichen Erinnerungen an meinen Leichtathlektik-Kurs in der Obstufe...). Der Nachteil des riesigen 

Falsch abgebogen?

Vulkankraters ist natürlich, dass alles unheimlich hügelig ist, vor allem wenn man über die „Summit Road“ dem ehemaligen Kraterrand folgt, tolle Aussichten genießen darf und ordentlich zu arbeiten hat. Mag sein, dass die Fotos die traumhafte Landschaft heute nicht würdig wiedergeben können, da das Wetter nicht gerade förderlich für tolle Aufnahmen war, aber insgesamt ist die Halbinsel wohl mit das Spektakulärste, was ich auf dieser Radtour bislang sehen durfte.

1666 Höhenmeter – sofern ich mich nicht täusche, ein absoluter Rekord auf allen meiner bisherigen Radtouren (Nachtrag: ein ganz knapper Rekord, denn die ehemalige Bestleistung lag bei 1635 Höhenmetern auf den 107 Kilometern von Helensville nach Paparoa in den Northlands, http://www.hockeyarenas.com/cycling/neuseeland4nordinsel/stage3.htm). Überraschenderweise fühle ich mich auch immer noch relativ fit, was eigentlich nicht sein dürfte. Beim abendlichen Veerdauungsspaziergang schmerzte jedoch wieder mein rechtes Knie – nun schon ein bedenkliches Dauerleiden seit fast eineinhalb Monaten, wenngleich auch stets on and off. Das Knie bereitet mir zwar mittlefristig keine Sorgen, da es beim Radfahren nicht unbedingt stört, aber langfristig schon, da ich fürchte, dass das Knie einfach nicht mehr sein könnte, was es einmal war.

Um den erwartunsgsgemäß hohen Schwierigkeitsgrad der heutigen Etappe noch zu steigern – der Lonely Planet empfielht die Tour nach Akaroa hinaus nur am Ende einer ausgedehnten Neuseeland-Tour – verließ ich schon Christchurch über den Dyers Pass und dir dortigen Summit Roads (hinauf und anschließend wieder hinab bis auf 500 Meter). Alternativ hätte ich den Pass auch mit kaum Mehrkilometern flach umfahren können, aber flach war es heute eigentlich nur vom Ende der Summit Roads des Dyers Passes bis zu den ersten Anstiegen auf der Banks Peninsula, was auch kein Zuckerschlecken war, da eiskalte Winde über die Canterbury Plains gen Norden gedroschen wurden und ich einmal wieder nicht nur Gegenwind, sondern Frostwetter auf dem Rad hatte.

Mit rund 600 Höhenmetern auf dem Buckel begann ich schließlich den ersten Anstieg der Banks Peninsual – erneut ein Aufstieg auf rund 500 Meter über null. Komischerweise fand ich heute einen exzellenten Rhythmus und überradelte auch den 1000. Höhenmeter des Tages relativ einfach. Mir scheint, dass ich mittlerweile echt gut in Form gekommen bin, aber wie schon vor einigen Tagen erwähnt hat miene Tour schon lange nichts mehr mit einer reinen Preseasontour für die Reise mit Frank zu tun. Frank schrieb mir zwar, dass ich es etwas lockerer angehen lassen solle, da er in der Woche direkt vor der Tour auch nichts mehr machen würde, aber nachdem mir dieses 22 Sekunden lang logisch erschien, dachte ich mir, dass meine Tour nicht erst mit Franks Ankunft beginnt, sondern schon längst am Laufen ist.

Wirklich schön war auch das Abendessen im Hostel, welches für sein günstiges und exzellentes 12-Dollar-Futter bekannt ist. Da der Ruf dem Mahle vorauseilt, nahmen alle Gäste am abendlichen Mahl teil, die Teller wurden reichlich beladen und die Stimmung war super – ich liebe einfach Backpacker Hostels und den intrinsischen, recht relaxten Reisestil der meisten Gäste. Auf einer Karte betrachtet sind 16 Reisetage von Picton nach Christchurch ein Witz, aber auch nur, wenn man die Karte streng nach absurden Effizienzkriterien betrachtet. Realistisch betrachtet fühlen sich 16 Tage mit Abstechern zum Arthur’s Pass und auf die Banks Peninsula genau richtig an und ich sorge mich einfach, dass die bevorstehenden vier Wochen nach Franks Ankunft relativ stark „on the beaten track“ bleiben werden, den ich hier wirklich verlassen habe.

Christchurch war gestern, am Ruhetag, auch noch ganz nett, vor allem da ich beim Golf endlich einen neuen, persönlichen Rekord aufstellen konnte – wenngleich auch erneut mit miserablen 158 Schlägen (bisheriger Rekord: 158). Viel mehr wäre drin gewesen, da ich nach den ersten 9 Löchern nur 71 Schläge hatte, aber am Ende spielten mir wohl die Nerven einen Streich und ich verbockte die letzten neun nach Strich und Faden. Im Club House empfing mich bei der Schlägerrückgabe – dieses Mal hatte ich keinen Schläger unterwegs verbummelt und musste auf geistige Abwesenheit hoffen – ein uralter Deutscher, der mir durch seine schiefen Zähne zuzischte, dass er seit dreißig Jahren in Neuseeland sei und ihm Deutschland „gestohlen bleiben könne“. Der Winter, das Herumgemaule, das teure Golfspielen: soll doch nach Deutschland zurückgehen, wer will, aber für ihn kommt allein der Gedanke nicht in Frage!

Blicke auf die Bucht von Akaroa, einen Vulkankrater, von der Summit Road aus.

Dummerweise fing es an einem weitestgehend wolkenverhangenen Tag auch noch beim Golfen zu regnen an, so dass ich etwas desillusioniert nach sieben Löchern unter einem Baum Zuschlupf fand und recht lange 

Die Summit Road, flach wie eh und je.

auf den sanft herabfallenden Nieselregen starrte, bevor sich das Wetter irgendwann, sicherlich eine Dreiviertelstunde später, etwas in den Griff bekam und ich die Runde sogar bei etwas Sonnenschein beenden durfte.

Am Cathedral Square traf ich anschließend noch eine Kommilitonin aus Wellington, mit der ich mich für den 

Abend noch zum Kino verabredete. Tragischerweise war ich allerdings abends nicht mehr in der Stimmung, mich noch durch den erneuten Nieselregen vom Hostel zum Kino zu schlagen. Zum Filmbeginn um 21 Uhr lag ich auch schon im warmen Bett und konnte mich auch nicht mehr geschickt bei ihr melden, aber ich hoffe einmal, dass sie auch ohne mich im Kino etwas Spaß hatte (sie reiste sowieso in Begleitung; geplanter Film war „Turtles can fly“). Ganz schön asozial, aber egal, wobei mir jetzt beim Abtippen des Tagebuchs auch auffällt, dass ich meinem Vorhaben, mich noch einmal per E-Mail zu entschuldigen, seit rund eineinhalb Monaten nicht nachgekommen bin). Ursprünglich, sehr naiv in Anbetracht der späteren Realität, wollte ich nach dem Kino sogar noch in einer Sportsbar in der Innenstadt Australiens Entscheidungsspiel um die Teilnahme bei der bevorstehenden Fußballweltmeisterschaft verfolgen, aber wer es nicht aus den Federn schafft oder dem Regen strotzen möchte, schafft es auch nicht ins Kino oder zum Passivsport auf der Leinwand.

Das Le Bons Bay Backpacker's Hostel: Badewannen mit Ausblick, fantastisches Futter für die Gäste, ein engagierter Gastgeber und natürlich eine kleine Streichelwiese...