Stage 1  
Picton - Blenheim
33,94 Kilometer, 01:31:35

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com  


 

Vorwort

"Closing Call" ist mehr oder weniger gleichbedeutend mit meiner neuseeländischen Abschiedstour , nachdem ich die bisherigen zehn Monate am anderen Ende der Welt, "Down Under and a bit further", nicht nur für ausschweifende Radtouren, siehe diese Homepage, sondern auch den Erwerb meines Masters (of International Relations) an der Victoria University von Wellington nutzte. "Closing Call" wird meine fünfte große Neuseelandtour sein und ebenfalls die fünfte Radtour mit Frank enthalten (nach Paris, Barcelona, Italien und Istanbul). Am Ende werden auch mehr als 5.000 Kilometer Neuseeland beradelt worden sein - problemlos, denn "Der Herr des Drahtesels I - IV" beinhalteten schon 4172,23 Kilometer, so dass die 6.000er Marke recht wahrscheinlich scheint (Nachtrag: es wurden 6706,41)

Der größte Unterschied zwischen "Closing Call" und bisherigen Radtouren ist zweifelsohne die Tatsache, dass ich am Vorabend der Tour kaum echte Vorfreude verspüre. Ich freue mich zwar schon auf sechs Wochen auf Achse, bin mir aber zum einen nicht sicher wann, oder ob, "zu lang" zu lang wird und zum anderen recht sicher, dass das Ende meiner Zeit in Wellington kein Grund zum Feiern ist. Es gibt zwar dumme Sprichwörter à la "Man soll aufhören, wenn es am schönsten ist", aber unabhängig davon wie "weise" solche Sprüche wirklich sind, sieht man dieses in eben jenen schönen Momenten sicherlich vollkommen anders. Zum gewissen Grad schließt sich jedoch ein Kreis: als ich im Februar von meiner ersten Radtour auf der Nordinsel wieder nach Wellington einlief, betrat ich mein Wohnheimzimmer verschwitzt und am Ende einer zweiwöchigen Hochsommertour - verlasse ich jetzt mein Zimmer für immer, werde ich  ein vollbepacktes Rad zur Tür hinausschieben und Neuseeland bereisen - dieses Mal im Frühjahr / Frühsommer und auf der Südinsel.

Der Kreis selbst war ein Traum, wenngleich auch mit vielen wiederkehrenden Schrecken, größtenteils bestehend aus Assignments für mein Studium. Im Gegensatz zum deutschen "Bummelstudium" (auch bei Einhaltung jeglicher Regelstudienzeiten) verstehen neuseeländische Bildungsinstitutionen keinen Spaß und bombardieren einen mit kontinuierlicher Arbeit, so dass ich aufs Jahr gesehen rund 50 ausgearbeitete Paper im Umfang von von einer Seite bis vierzig davon einreichen durfte und fortlaufend gut am rackern war. Das

Mein Rad wurde im unteren Parkdeck der Fähre neben den Zügen verzurrt. Die Interislander-Fähren transportieren ständig Güterwagons zwischen beiden Inseln hin und her, da die größeren Häfen auf der Nordinsel liegen und man auch in Christchurch Tiefkühlpizzen haben möchte. 

 Ganze wurde dann noch mit einer umfangreichen Masterarbeit garniert (bei Interesse: www.berntpv.com), aber ich will und darf nicht klagen - Neuseeland war super und es wäre falsch zu behaupten, dass ich die Entscheidung nach Neuseeland zu gehen auch nur eine Sekunde bereut hätte.

"The dawn of Closing Call" beendet dieses Kapitel meines Lebens, aber nur wenn etwas sehr Schönes zu Ende geht, kann etwas Neues beginnen. Wer weiß, wovon Neuseelands "Closing Call" der Anfang sein wird?

Life is what we make of it.

 

Zur Sache

Seltsam – hier sitze ich gerade am Anfang der Marlborough Sounds auf der Arahura (eine der Interislander-Faehren, die mehrmals täglich zwischen Wellington und Picton verkehren) und werde ploetzlich unterschwellig nervoes. Vorfreude?

Einfahrt in die Marlborough Sounds.

Ich weiss es nicht, aber im Moment wuenschte ich mir nur, dass wir endlich im Hafen von Picton einlaufen wuerde und es losgehen kann. Und nein, mit dem Seegang hat der Wunsch wenig zu tun. Gleich hinter Picton folgt ein erster, sanfter Anstieg und damit der erste Test, wie schwer sich mein Rad wirklich anfuehlt. Hochhebetests sind ein guter Fruehindikator fuer “sehr schwer”, denn versucht man es mitsamt vollbepackter 

Taschen hochzuheben, holt man sich hoechstens einen Bandscheibenvorfall, die graue Masse schreit “Oh Gott” und man hofft, dass die Waden es schon richten werden. 

Nur knapp dreissig Kilometer werden es bis Blenheim heute werden, aber dreißig die ersten, brennenden Fragen beantwortende Kilometer nichtsdestotrotz. Fragen wie: Wie geht es meinem seit Wochen zwickendem rechten Knie (eine Frage, die bei der morgen anstehenden Horroretappe nach Kaikoura wesentlich interessanter wird)? Wie faehrt sich das schwerbepackte und ungewohnt unstabile Rad, da ich erstmals auf 28mm-Reifen auf Reisen gehe? Bin ich wirklich so muede, wie es mir momentan vorkommt? 

Meine letzte Nacht in Wellington war zwar wenig ereignisreich – sieht man einmal von einer ausgedehnten Putzsession ab – aber recht telefonreich, da ich von Mitternacht bis um zwei sowie um drei und vier in der Frueh an der Strippe hing. Und um acht schon wieder aufstand, um rechtzeitig meinen Wohnungsschlüssel abzugeben und es zur Fähre zu schaffen...

Im Moment fuehle ich mich eher nach einem ausgedehnten Mittagsschlaf als nach eigentlich mageren dreißig Kilometern, aber zumindest scheint die Sonne. Passend zum Tourstart soll es morgen nach zwei schon fast hochsommerlichen Wochen nasskalt werden – aber beinahe ein Jahr Neuseeland hat mich gelehrt, dass es meistens nicht so schlimm kommt wie man denkt – und generell sowieso anders als prognostiziert. We shall see...


Zweiter Eintrag

Vierunddreissig Kilometer und total erschoepft, so lautet das peinliche Ergebnis des ersten Tages. Ich schiebe einfach einmal alle Ermuedungsanzeichen auf den nichtexistierenden Schlaf in der letzten Nacht und die

...on the road again (erster, kleiner Gipfel der Tour, direkt hinter Picton)...

 ungewohnte Affenhitze – alles andere waere wirklich fatal, denn morgen geht es knapp 96 Kilometer weiter als heute. 

Das Wetter hat mich heute total geschafft. Irgendwann im Januar, lang lang ist es her, war es sicherlich schon einmal so bruellend heiß wie heute auf dem Weg nach Blenheim, aber sonst kann ich mich an nichts Vergleichbares erinnern – bis 37 Grad Celsius zeigte mein Thermometer heute an. Fuer den November schier unglaublich, auch wenn die Temperatur natuerlich nicht dem Schattenhoechstwert entsprach – heute angeblich 26 Grad, falls ein Aussenthermometer in Blenheim korrekt war.

Das die Touristensaison langsam wieder beginnt war zwar auf der bestenfalls moderat besetzten Faehre kaum zu spueren, im Hostel wimmelte es heute Abend allerdings wieder von reiseverrueckten Deutschen (denen ich mich erst einmal nicht zu erkennen geben werde) und emsig arbeitswilligen Asiaten, die ueberwiegend ausschauen wie frisch aus dem Fluechtlingscontainer. Mir schwant, dass momentan Erntezeit in den ausgedehnten Weinanbaugebieten rings um Blenheim ist. Aushaenge im Hostel erinnern daran, was die Mindestarbeitsbedingungen sind, auf die man bei der Arbeit dringlichst bestehen sollte. Unter anderem einen Mindestlohn von 9.50 Dollar die Stunde – etwas mehr als fuenf Euro, aber für viele Backpacker sicherlich eine lebensnotwendige Finanzspritze fürs arg gebeutelte Reisebudget.

Morgen soll es zumindest an der Kueste regnen – im Gegensatz zur Affenhitze von heute vielleicht sogar eine 

Parkplatz einer Autowerkstatt direkt neben meinem Hostel in Blenheim.

angenehme Abwechslung. Unterwegs werde ich sicherlich auch wieder ein ebenfalls mit dem Rad reisendes Paerchen aus Kingston, Ontario, ueberholen. Die beiden gingen heute ebenfalls in Picton auf grosse Reise und möchten 25 Kilometer weiter als ich, in Seddon, ihr Zelt aufschlagen (in ihrem Fall im wahrsten Sinne des Wortes). Manchmal ist es schon vorteilhaft, eine mobile Behausung in Zeltform zu besitzen – fuer zeltlose Radler wie mich gibt es wahrscheinlich auf den naechsten 130 Kilometern keine regulaere Unterkunft. Die beiden hatten uebrigens zuvor noch nie eine Radtour gemacht und jetzt gleich einen Monat auf in Wellington erstandenene 2nd-Hand Mountainbikes vor sich. Viel Spass!

Kabul, Baghdad, Blenheim: was haben alle Staedte gemeinsam? Draussen durchzieht Leuchtspurmunition den abendlichen Himmel und es donnert und kracht munter die gane Nacht hindurch. Allerdings ist in Blenheim kein versprengter Taliban-Haufen am Werke, sonder der Poebel vollzieht die Huldigung von Guy Fawkes, einem historisch korrekten Terroristen, der 1605 das britische House of Lords in die Luft sprengen wollte, um King James den ersten zu beseitigen. Der Plan wurde jedoch rechtzeitig gelueftet, Guy Fawkes letzten Endes exekutiert und zu Ehren des Plans wird bis heute am Guy Fawkes Day geboellert was das Zeug haelt. An Sylvester hingegen wird in Neuseeland gar nichts in die Luft gesprengt, es sei denn, es gibt noch Restvorraete vom Guy Fawkes Day, da Sprengstoffutensilien jedes Jahr nur in den zwei Wochen vorm Guy Fawkes Day verkauft werden.

Betrachtet habe ich das lustige und im Gegensaty zu Baghdad eigentlich ungefaehrliche, bunte Treiben am Himmel zusammen mit einigen meiner restlichen, fast ausnahmslos deutschen, Mitgaeste, die, sieht man einmal von der Fraktion asiatischer Arbeitsbienen ab, eher auf der Durchreise als bei der Arbeit sind.

Witzig war auch noch eine japanische Zimmergenossion, die mich abends im Bett mein Tagebuch schreibend auffand, sich kurz mit mir unterhielt und sich dann mit “you can write down now – I interrupt” quasi dafuer entschuldigte, mit mir geredet zu haben. Sie mochte mir auch nicht glauben, dass ich schon 27 Jahre alt bin, nachdem ich meinte, dass es wichtig ist, wenn man in jungen Jahren viel von der Welt sieht und verschiedene Eindruecke bekommt, um den eigenen Horizont zu erweitern. “I am not young”, erwiderte sie, stets grinsend, wobei sie mir dann sagte, dass sie 28 sei. Na und? Ich bin 27, erwiderte ich, was dann ihre “surprise of the day” war.

Blenheim, eigentlich eine Stadt vollkommen ohne jeglichen touristischen Reiz, hat fuenf oder sechs Backpackerhostel, was nur daran liegt, dass viele laenger Reisenden die Weinanbaugebiete dafuer nutzen, kurzfristig die oftmals arg gebeutetlten Reisekassen aufzuwerten. Eine ebenfalls auf den Weinbergen arbeitetende Bayerin meinte zu mir, dass sie die einzig Deutsche auf ihrem Berg sei, neben “vielen Asiaten und einem Neger”.

Genau, aber was wuerde man auch von einem Bayern erwarten?