Stage 3
Helensville - Paparoa
 107 Kilometer;  5:18:57 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

"It has been a splendid autumn and we knew it had to crash someday"
(Guesthouse Paparoa)
"It seems like winter is finally here" (Wetterbericht Channel 1)
"You can always come back and stay in our hot tub all day" (Rene vom Hostel
in Helensville)
"You still wanna go?" (seine Frau, als ich bei Nieselregen mein Rad beludt)



Draussen rauscht ein LKW nach dem anderen vorbei, vor mir steht ein leer gefressenes McDonalds Tablett und vor mir liegen 28 huegelige und hoffentlich trockene Kilometer bis nach Brynderwyn, von wo es dann noch einmal etwa 20 Kilometer bis zum Ziel sind. Eigentlich duerfte die Etappe auch ruhig schon vorbei sein, denn die letzten 57

Es wird sicherer: keine Toten mehr.

Kilometer hatten es wahrlich in sich. Lockere 1030 Hoehenmeter, mindestens fuenf Schauer und unglaubliche Winde. Aber die Winde halfen auch, hatte ich doch meistens zumindest Seiten- oder sogar wirklich schoenen Rueckenwind. In entgegengesetzte Richtung waere die Etappe die Hoelle gewesen, "Apokalypse Now" auf dem Rad, aber auch so schob ich mein Rad zwei Mal ueber
Huegelkuppen, da der Seitenwind ein langsames Hochfahren kaum ermoeglichte. Es stuermte. Um mich herum sauste und brauste es, manchmal pfiff es sogar richtig. Wuerde ich mit jemandem zusammenfahren, waeren Unterhaltungen phasenweise unmoeglich gewesen, so laut schien es. Dass ich allerdings auf
dieser Tour noch einmal mit jemandem zusammenfahren werde, scheint hoechst unwahrscheinlich, da Rene vom Hostel in Helensville meinte, dass ich der erste Radler seit zwei oder drei Wochen sei. Theoretisch muss auch fast jeder Drahtesler bei ihm einkehren, da die alternativ im Westen verlaufende "1" fuer Radler nicht gerade empfohlen wird ("too many hills, too much, too fast traffic with too many bends or too narrow roads", Pedaler's Paradise, North Island). Und ein zweites Hostel gibt es weit und breit nicht.


Letzte Nacht habe ich mir ganz nebenbei mein drittes F1-Rennen in Folge reingezogen; sicherlich zum ersten Mal seit ich fuenfzehn oder vielleicht neunzehn bin (erinnere mich noch gut an die siegreichen Zeiten Jaques
Villeneuves, als ich bei einem Kumpel im Keller guckte und vor der Arbeit (damals am Wochenende immer McDoof) nach einem Sieg von Jaques unfreiwillig an einer original-Siegerehrung im Keller teilnehmen musste, danach ziemlich nach Sekt stank, mein klitschnasses T-Shirt gegen ein verwaschenes Ersatzshirt der Seattle Supersonics ausgetauscht hatte (drei Nummern zu klein) und ziemlich viel Blicke auf mich zog). Abends war es irgendwie leicht langweilig, da ich auch schon Mittags in Helensville eingetrudelt war, so dass ich um 20:45 im Bett lag und puenktlich zum Rennen um Mitternacht wieder fit war. Ich werde uebrigens spuerbar aelter. Nicht nur, dass ich wieder zu meinem Jugendfernsehen zurueckkehre, nein, ein Liter Cola
Light beim Rennen sorgten auch dafuer, dass ich anschliessend bis vier Uhr nicht einpennen konnte. Zu meinen guten Tagen habe ich das schwarze Gold literweise bei durchzockten Warcraft-Naechten reingekippt und bin danach sofort eingeratzt wie ein Stein. Licht aus, Bernt aus, schnarch.

So, es regnet nicht, der Burger scheint etwas gerutscht und ich werde mich hinaus zu den LKW begeben. Glueck auf!

Trocken? Hatte ich echt gehofft, trocken bis ans Ziel zu gelangen? Einen Scheiss bin ich: acht Kilometer nach

Beschiss ohne Ende: typisches Propagandamaterial neuseeländischer Tourismus unternehmen: da wird einem doch echt vorgegaukelt, dass das Cape Reigna der nördlichste Punkt ist (der, wenn man die Karte nicht verdreht abdruckt, wesentlich weiter im Osten ist).

 Wellsford erwischte mich der erste Schauer, bis zum Ziel sollten noch vier weitere folgen. Vor meiner PAuse
beim "Goldenen M" hatte ich die Schauer nicht mitgezaehlt und fuer das Tagebuch fuenf geraten, aber insgesamt koennen es heute auch gut ein Dutzend gewesen sein. Zwei Mal mischte sich auch etwas Hagel in den Regen, so dass ich tief ueber dem Lenker gebeugt den Widrigkeiten strotzte und vom Himmel ordentlich bombardiert wurde. Tragischerweise musste ich 28 Kilometer nach Wellsford die "1" verlassen, was mich zwar von den schweren Sattelzuegen befreite, dafuer aber unangenehm in den Wind bugsierte. Laut dem Wetterbericht heute Abend bei Windboeen bis 100 km/h kein Vergnuegen.

Von Brynderwyn aus ging es dann jedoch erst einmal zuegig bergab, so dass ich mich nach spaetestens einer Stunde am Ziel waehnte. Ploetzlich machten sich jedoch die Strapatzen des Tages bemerkbar; die Kraft wich aus den erschoepften Beinen, die Strecke wurde nicht wie erhofft flacher und der Wind legte einen Zahn zu. Dazu hagelte es dann noch. Total entkraeftet schob ich einen der letzten Anstiege bei froestelnden acht Grad hinauf - gegen den Wind konnte ich bergauf nicht mehr antreten. Bei stroemendem Regen kam ich
anschliessend in Paparoa an, wo man mir am Guest House eroeffnete, dass man leider kein Backpackerhostel mehr betreibe. Da mir jedoch pro

Regen nach dem Regen: da macht überholt-werden mit dem Velo richtig Spaß!

Sekunde sieben Liter Wasser auf den Kopf klatschten, erbarmte man sich, so dass ich jetzt als einziger Gast des Guest Houses die freie Auswahl aus acht Betten und etwa genau so vielen Sofas habe. Gerne wuerde ich irgendetwas davon gegen eine Heizung eintauschen, denn dreizehn Grad sind nicht gerade viel. Da der Herr des Hauses in der Kueche des Guesthouses Bomben zu basteln scheint (er
musste erst einmal sein Chemielabor abbauen, bevor ich hineindurfte) habe ich aber messen koennen (einige

Apparaturen waren noch "funktionstuechtig"), dass ein nicht isoliertes Holzhaus bei leicht geoeffneten Fenstern beim Kochen von Spaghetti von 13.2 auf 15 Grad aufgeheizt wird. Netterweise stellte mir die Dame des Hauses auch noch einen Napf voller "Homemade Soup" (siehe rechts) hin, so dass ich fuerstlich mit mehreren Gaengen speisen konnte.

H
offentlich wird es morgen endlich wieder etwas besser. Der Wetterbericht macht nur bedingt Hoffnung; weiterhin viel Wind und Regen, dazu aber auch "fine periods". Lustig auch, dass es auf meinen Fotos von heute so aussieht, als haette ich einen traumhaften Tag gehabt. Jeder, der nur die Fotos schaut und diesesn ganzen Schrott nicht liest (jeder, der bis hierher gelesen hat, kann mir ja mal eine Mail schicken: bernty@gmx.com - wetten, es wird nie eine kommen?) wird sich auch denken, dass ich einmal wieder Dusel hatte.

Beim Regen fotografiert man allerdings weniger und zwischen dem heutigen Dutzend Schauern kam auch immer einmal wieder kurz die Sonne durch. Und wenn der Wind mit bis zu 100 km/h reist, sind selbst boese Wolken am Horizont eines Fotos binnen fuenf Minuten ueber einem. Etwas verarschend war auch,
dass ich heute Abend nach der herbeigesehnten, warmen Dusche draussen einen vollkommen wolkenlosen Sternenhimmel erblickte. Zehn Minuten spaeter trommelte es aber wieder erbarmungslos auf das DAch, bevor spaeter wieder die Sterne schienen und es momentan wieder regnet. Schluss damit! Hilfe!

Schade ist auch, dass es hier kein Internet gibt. Nur zu gerne wuerde ich mehr ueber das "Non" der Froesche zur EU-Verfassung wissen, aber die Spastis von Channel 1 berichteten fast gar nichts. Dafuer aber jede Menge ueber einen Mord irgendwo in Neuseeland. Schoen ist allerdings, dass die franzoesische Bevoelkerung, da sie ja nun endlich einmal demokratische Macht in aktuellen Entscheidungsprozessen hatte, gegen die wenig transparenten EU-Ambitionen protestiert. Da half es auch nicht, dass die Oui-Fraktion in Frankreich allen Wahlberechtigten die EU-Verfassung zuschickte. Einem Artikel der New York Times der letzten Woche nach kann das 300+x-Seiten-Manuskript sowieso niemand ohne abgeschlossenes Jurastudium verstehen. Lange war ich auch ein Fan der EU, aber yweifele langsam daran, ob etwas so wenig homogenes und zunehmend monstroeses noch zu regieren ist. Stutzig macht mich

Auf, auf hinauf!

da auch ein Artikel ueber den aktuellen Immobilienboom Spaniens und die dringt benoetigte Fiskaldaumenschraube durch einen hoeheren
Leitzins. Tja, die gibt es aber nicht, damit der deutsche "Wachstumsmotor" nicht total abgewuergt wird. Wuerde es jetzt nicht beiden Laendern mit eigener Waehrung besser gehen? Irgendwie habe ich etwas die Angst, dass Europa einfach zu gross wird. Ich habe nichts gegen Bulgaren, Polen oder
Portugisen, aber wenn ich mir vorstelle, dass es der neuen Verfassung nach dann auch so etwas wie einen EU-Praesidenten geben soll, auf einer Augenhoehe mit Georgi oder Wer-auch-immer-gerade-China-vertreten-darf, frage ich mich doch, ob dieser jemand noch in der Lage ist, wirklich die Interessen aller Europaer zu vertreten. Zu gerne erinnere ich mich an das Theater im Vorfeld des letzten Irak-Feldzuges, als ledigliches das "Alte Europa" den Wuenschen seiner Buerger nachgab und den Krieg scharf kritisierte. Das "Neue Europa" hingegen, wie Rumsfeld so nett unterscheiden konnte, kroch den maechtigen USA gerne in den Hintern und handelte absolut entgegen dem Willen der eigenen Bevoelkerung, die zumeist auch den Krieg kategorisch ablehnte. Da fragt man sich dann, was die Aufgabe demokratisch
erwaehlter Repraesentannten ist. Wenn es nur darum geht, ueber die Koepfe der dummen und unwissenden Buerger hinab zu entscheiden, was fuer sie am besten ist, kann man sich das Theater mit einer Demokratie auch gleich sparen. Die Repraesentation elitaerer Ziele, eingepackt in den Schleier einer Demokratie, ist nichts wirklich Erstrebenswertes. Wie Noam Chomsky auch schon zur "Demokratie" der USA erwaehnte, geht es eigentlich nur darum, dass das Volk alle vier Jahre den einen oder anderen Vertreter der Elite zum
Praesidenten erwaehlt und ansonsten nur Super-Bowl guckt und Angst hat.