Stage 16
Wellsford - Helensville
  57,46 Kilometer;   2:39:48 Stunden

WB01343_.gif (599 Byte)     WB01344_.gif (644 Byte)    WB01345_.gif (616 Byte)

Helensville, Ende der ersten Etappe (erste Etappe) links, Helensville heute, rechts

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

15 Tage am Stück - seit Barcelona 2001 habe ich nicht mehr so viele Tage in Serie auf dem Rad verbracht. Manche Tage waren zwar sehr kurz, was den Barcelona-Vergleich etwas hinken lässt, dafür aber auch nicht immer so angenehm warm wie damals in Europa, auch wenn die letzte Woche sicherlich winterliches Traumwetter vom Feinsten bot. Sonnenbrand, Sonnenschein: Winter! Manchmal kann man Neuseeland geradezu lieben, auch wenn in einer Fußnote angemerkt werden sollte, dass außer den Northlands auch nicht mehr viel richtig warm ist.

15 Tage am Stück - ich merke es. Es mag auch an der fast verschwundenen Erkältung liegen, aber die Akkus sind einfach leer. "Ich habe fertig". Heute wieder nur sechzig Kilometer. Dies war zwar geplant, aber am Ende war ich erneut Schach matt. Platt. Mir kommt es fast so vor, als wäre die Tour hier schon zu Ende. Morgen stehen nur noch sechzig relativ flache Kilometer bis zum Aucklander Stadtrand an, dann weitere dreißig hügelige Kilometer mit etwa einer Milliarde Ampeln bis ins Zentrum hinein. Sind diese sechzig Kilometer absolviert, ist die vierte Großtour in Neuseeland unter Dach und Fach.

Eine echte Belohnung am Abend des fünfzehnten Tages war der Hotpool bzw. Whirlpool des Malolo Houses, meines Hostels in Helensville, in dem ich auch schon am Abend der ersten Etappe nächtigte. Entspannung pur, kochend heißes Wasser, ich glaube, ich werde heute Abend noch einmal gehen...

Wie schon auf der Hinfahrt zum Kap, als die Etappe von Helensville nach Paparoa mit Hügeln, Regen und Gewitter zum ungemütlichsten Teil der ungemütlichen ersten Tourhälfte werden sollte, war auch das Wetter heute wieder das Ungemütlichste der "Abfahrt" vom Kap. Kühl, viel Nebel, kein Wind und nach meiner Ankunft jede Menge Nieselregen, was mir jedoch im Pool sitzend denkbar egal war. Wasser unten, Wasser oben, was soll's? Ganz nebenbei der erste Regen seit sieben Tagen. Nett.

Morgen kann kommen was will; auf der letzten Etappe gibt es kein "danach" mehr. Friert es, weht es noch so fies: vor einer Verschniefung muss ich keine Angst mehr haben, da keine halsbrecherische Etappe am Tag darauf mehr zu fürchten ist. Laut Wetterbericht soll sowieso die Sonne scheinen. Vor einer Woche hatte ich geschrieben, dass so etwas wie Sonnenschein auch einmal verdient wäre, jetzt wäre objektiverweise einmal wieder etwas schlechtes Wetter verdient, da es kaum angehen kann, dass der Winter hier besser als der Frühsommer daheim ist.

Sind die Northlands im Winter gut zu beradeln? Absolut, auch wenn es gelegentlich etwas ungemütlich werden kann.

Die Tageshöchstwerte lagen eigentlich immer zwischen 12 und 16 Grad, unabhängig davon ob die Sonne schien oder ein Tief durchpfiff. Natürlich sind windstille 16 Grad in der Sonne auch schon schnell 25-30 Grad und nasskalte 12 Grad gefühlte minus-5, aber wenn man etwas Zeit hat und an schlechten Tagen nach 30 oder 50 Kilometern aufhören

Nebel, auch mal was Neues in Neuseeland...

kann, muss man sich vor den Northlands im Juni nicht fürchten. Ist man blond und hellhäutig, kann man sich sogar einen Sonnenbrand einfangen, so wie ich während der vergangenen Woche. Natürlich wären auch die Northlands im Februar oder April noch schöner, aber jene Monate kann man besser für die wesentlich kältere Südinsel opfern und sich den Norden für den Schluss oder Anfang, falls es schon im November auf die Piste geht, vornehmen. Einen Februar auf den Norden zu verschwenden erscheint dumm, vor allem, da halb Auckland bestimmt dieselbe Idee hat und nordwärts strömt. Folglicherweise könnte es unangenehm voll werden, darauf lässt zumindest die Quantität an Hostelbetten, beispielsweise in Paihia, schließen. Jetzt im Juni, mit vielen quasi-leeren Hostels, in denen jeder Gast vom Betreiber hofiert wird, ist es wesentlich angenehmer.

"It is about the bike", finde ich, werde morgen ein letztes Mal die müden Beine über sechzig Kilometer prügeln und jetzt Lance Armstrongs "It is not about the bike" fertig lesen. 28,99 Neuseelanddollar für zwei Tage Lesespaß ist zwar nicht wirklich günstig, das Buch ist allerdings unheimlich interessant. Ob ich allerings bei der demnächst beginnenden Tour des France Lance die Daumen drücken werde, weiß ich nicht. Wenn Jan Ullrich ausnahmsweise mal nicht verschnupft ist oder zu viel Gewicht auf die Waage schleppt, würde ich auch ihm den zweiten Toursieg wünschen. Sicherlich wäre ein historischer, siebter Sieg von Lance auch "erlebenswert", aber irgendwann ist auch mal genug, oder? Die Berge werden es richten, mich haben sie in den vergangenen zwei Wochen auf jeden Fall nicht gerichtet.

Wer es gerne flacht hat, soll übrigens besser auf der Südinsel fahren und sich aus den dortigen Tälern heraus die imposanten Bergmassive anschauen. Hier oben gibt es zwar keinen echten Berg weit und breit, dafür aber auch keinen Meter ebenen Asphalt. Rene, der Obermeister vom Malolo House in Helensville, hatte mir vor zwei Wochen gesagt, dass die Northlands angeblich die größte Herausforderung Neuseelands sein. Betrachten wir es mal statistisch auf meine bisherigen Touren bezogen:

Streckenprofilvergleich

Tour Distanz Höhenmeter Höhenmeter je km
Prag - Istanbul 2296,63 12.770 5,56
Osnabrück - Cottbus 547,1 1901 3,4
Schottland 756,05 4762 6,29
Herr des Drahtesels I - Nordinsel 1167,09 10.040 8,6
HdD II - Südinsel 684,84 5.788 8,45
HdD III - Nordinsel 1198,87 12.512 10,43
HdD IV - Nordinsel, Northlands 1121,43 13.890 12,39

Nicht schwarz auf weiß, sondern orange auf beige: die Northlands sind verdammt hügelig. Man kommt zwar nie hoch hinaus - der durchschnittlichste Höchstpunkt lag gerade einmal auf etwa 160 Metern über Normalnull - dafür ist es aber immer hügelig. Quasi Höhenmeter wie in den Alpen, nur ohne die Aussichten (okay, Frank hatte bei seiner Alpentour rund 21 Höhenmeter je Kilometer, aber schließlich sind das dann auch die richtigen Alpen). Was Neuseeland angeht - noch habe ich ja die Südinsel nicht extensiv befahren - scheint es bisher so, als wären die Northlands in der Tat "as bad as it gets". Weitere Folgen des Herrn des Drahtesels werden dieser Frage nachgehen...