Stage 4
Gisborne - Tokomaru Bay
  96,74 Kilometer;  4:35:15 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

22:35, einer der bisher schönsten Radeltage in Neuseeland neigt sich dem Ende zu...

Das Hostel, Brian’s Place, wieder genial. Brian, der seit ein paar Tagen jagen ist, kenne ich zwar nicht persönlich, dafür wird der Schuppen aber von einem recht jung dreinblickenden Deutschen im Baywatchlook geschmissen, der ein Jahr mit einem Work&Travel-Visum in Neuseeland verharrt, viel herumgammelt, eine Menge surft und jetzt Brians Laden schmeißt, seine Katzen füttert und es sich gut gehen lässt. Andere Gäste gibt es kaum; ich habe mein eigenes Zimmer: ein eingezogenes Dach unterm Spitzdach wurde einfach als Schlafzimmerboden umfunktioniert, Mattratzen drauf und fertig, die Klos sind Dixiklomäßig vom Hauptgebäude separiert und Warmwasser gibt es auch nur spärlich. Dafür aber einen genialen Blick auf die Bucht und das Meer. Außer mir ist auch nur noch ein auf dem Grundstück zeltender Ami zu Gast („I am just happy to be out of the States“; kein Bush-Wähler, kein Big-Business-Fan und kein

 55-Stunden-die-Woche-mit-12-Urlaubstagen-im-Jahr-Amerikaner, sondern stattdessen ein reisefreudiger Part-Time-Angestellter in einem Restaurant auf Hawai, dessen Ansichten über den Status der Demokratie in den USA ziemlich den von Noam Chomsky gleichen). Und weil Chomsky, auch unter Berücksichtigung eines leicht

 paranoiden Weltbildes, meistens Recht hat, hier ein schlaues Zitat und ein guter Link, falls noch nach mehr davon gelüstet wird:

The bewildered herd is a problem. We've got to prevent their roar and trampling. We've got to distract them. They should be watching the Superbowl or sitcoms or violent movies. Every once in a while you call on them to chant meaningless slogans like "Support our troops." You've got to keep them pretty scared, because unless they're properly scared and frightened of all kinds of devils that are going to destroy them from outside or inside or somewhere, they may start to think, which is very dangerous, because they're not competent to think. Therefore it's important to distract them and marginalize them“

Quelle: http://www.thirdworldtraveler.com/Chomsky/Quotes_MediaControl.html

Neben dem Chomskyrianer treibt sich nur noch ein deutsches Pärchen, beides Medizinstudenten aus Münster, hier herum, die momentan noch vor einem vom Baywatchtypen angeschmissenen Feuer auf der Veranda

Das Tolaga Bay Wharf; angeblich ist der 1926 erbaute und 660 Meter lange Steg der längste der südlichen Hemisphäre. 

 kauern. Mir wurde es etwas zu kalt, außerdem musste ich auch noch meine Tagesration Literatur verzapfen. Außerdem liegt einmal wieder eine schwere Etappe hinter mir. Und vor mir. Nach dem Spiel ist vor dem Spiel, pflegt man doch im Fachjargon zu sagen. Zumindest, wenn man Experte ist, quasi Günter Netzer, der lebende Beweis, dass es noch Möglichkeiten gibt, durch das konstante Schwafeln stets gleicher Nichtigkeiten zum Fachmann werden kann. Sportexperten sind mir sowieso suspekt, da es einfach nicht viel Sinn macht, 24/7 über Sport zu faseln, wenn der Weisheit letzter Schluss dann Phrasen wie „ein Tor würde dem Spiel gut tun“, „über die Saison gesehen gleichen sich Glück und Pech...“ sind.  

Aber zurück zur Tour: Fantastisch war heute die (schon fast relativ flache) Strecke! Zwar verlief sie eher wenig an der Küste, dafür gab es aber geniale Strände direkt hinter Gisborne, tolle Ausblicke unterwegs, kaum Verkehr und viele Schafe. Das alles präsentierte sich mit Sonnenschein par excellence und dem schönsten Tag seit drei oder vier Wochen: kaum Wind (wenn dann nur von vorne), immer über zwanzig Grad und Sonne, Sonne, Sonne. Hätte ich jetzt nicht heute früh im Hostel noch im Internet gesehen (dabei wollte ich doch keinen Weather Report mehr checken!), dass 3-4 schlechte Tage mit richtig fiesen Wetterbedingungen ins Haus stehen, ich würde fast an die Wiederauferstehung des Sommers glauben.  

Auch ein Erlebnis war ein Mitarbeiter meines gestrigen Hostels in Gisborne, der mir heute früh beim Tellersuchen in der Küche wutschnaubend eine Schranktür vor der Nase zuknallte, auf mein „can’t you talk?“  nur grummelig „it’s private“ antwortete (was, Kühlschrank voller Pornohefte oder Sodomistenvideos oder watt?) und abzog. Danach, ich hatte mittlerweile gefrühstückt, entschuldigte er sich, fing dummen Smalltalk an („mit so einem tollen Rad würde ich auch gerne so eine Tour machen“, schleim, trief, „der Wind ist fies, oder?“) und war beleidigt, als ich dachte, dass er ein Ami sei (fragte mich aber davor, wie viele Meilen ich pro Tag fahren würde; okay, die Antieuropäer aus Großbritannien haben auch Meilen, aber statistisch gibt es davon weniger als von den Freiheitskämpfern aus den Vereinigten Staaten) und nervte noch mehr, als zuvor, als er mir einfach die Tür vor der Nase zuknallte.

Nun, ganz einfach ein fantastischer Tag. Auch noch ein nettes, abendliches Geplaudere mit dem Ami und den Deutschen, die ganze Zeit eine megapassive Katze auf dem Schoss gehabt, Tee geschlürft, den Blick auf die nächtliche Bucht genossen und noch mehr Tee geschlürft, den der Ami für alle gemacht hatte, bevor er mit Mr. Baywatch etwas Gras rauchte. Richtig gut waren auch die Namen der beiden Hostelkatzen: Nelson (schwarze Katze, vom Gast aus Südafrika nach Mandela benannt) und „Fifty Bucks“, da die Kastration des letzteren Viechs 50 Dollars gekostet hat und die Katze nach der OP erst einmal ausbüchste. Angeblich neckten die Nachbarskinder Brian danach damit, dass er soeben 50 Dollar verschwendet hätte („50 bucks gone, 50 bucks gone...“), aber als „50 Bucks“ dann zurückkam, war „the name (is here) to stay“.  

Wie es morgen wird? Fies: laut Höhenprofil Megaanstrengend™, hinter der Dorfausfahrt gleich von quasi null auf 280 Höhenmeter und vom Wetterbericht her nass. Letzteres muss aber nichts bedeuten, so wie ich mittlerweile weiß. Außerdem ist die naheste Wetterstation Gisborne und immerhin rund 100 Kilometer entfernt. Was spielt es da für eine Rolle, dass der Wetterbericht für die ganze Nordinsel fies war? Aber es ist sicherlich morgen genauso wie uns die weisen Bücher über Asterix und Obelix schon lehrten: „Ganz Neuseeland war in den Händen des Regens. Ganz Neuseeland? Nein....“

Neuseeland, wie es sich gehört: kein Mensch weit und breit (nur der Fotograf mit seinem Velo), grandiose Landschaften, jede Menge Schafe... (von denen es angeblich rund 40 Millionen gibt - bei 4 Millionen Einwohnern).