Stage 3
Wairoa - Gisborne
106,56 Kilometer;  5:17:24 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Zugegebenermaßen, die Herausforderung grenzt ans Unfaire, aber Respekt, was der Innenarchitekt aus diesem Pizza Hut gemacht hat. Zumindest, nachdem man ihm angeboten hat, den ganzen Laden für 5000 Dollar einzurichten und den nicht ausgegebenen Rest als Salär einzustreichen. Aber was beschwere ich mich, habe ich doch mein erstes Pizzabuffet Neuseelands gefunden und werde ein paar Zeilen schreiben, bevor es mit den Stücken 8+x weitergeht.

Genauso wie gestern war die Etappe heute spitze. Sonnenschein beim Frühstück, zuziehende Bewölkung ab Mittag und ein angenehm aufgelockerter Horizont als ich gegen vier Uhr an den Strand von Gisborne plumpste und mich mit einer Diet Coke Vanille fürs Geschaffte belohnte. Ein Lohnt, den ich mir redlich verdient hatte, aber dazu mehr nach Stück acht...

...Stück 10 tot. Immer noch ein wohlverdientes Maß. 105 Kilometer galt es heute zu absolvieren – nicht auf dem State Highway 2 entlang der Küste (98 Kilometer), sondern auf der ehemaligen Hauptstraße durchs Hinterland – angeblich wesentlich hügeliger und angenehm verkehrsarm. Wer fährt schon den Umweg? Außer Radfahrer?

Beides traf dann auch zu meiner vollsten Zufriedenheit zu. Kamen die ersten 1000 Höhenmeter gestern relativ flott nach 73 Kilometern, war es heute schon nach 63,3 Kilometern soweit. Ein neuer Rekord für eine nichtalpine Etappe? Ich weiß es nicht –auf einer der beiden vorherigen Neuseelandtouren gab es auch schon einmal 1000 auf 6x Kilometern. Ich werde es nachschauen müssen...

Nachtrag: auf der Etappe von Ohinepake nach National Park gab es 1000 Höhenmeter schon auf 61,6 Kilometern (http://www.hockeyarenas.com/cycling/neuseeland1nordinsel/stage9.htm).

Hügel hin, Hügel her, Hügel rauf, Hügel runter: superschön war die Strecke trotzdem wieder. Oder gerade deswegen. Absolut einsam, viele Schafe, keine störenden, faulen Menschen auf vier Rädern, kein Regen: so macht die Tour Spaß!

Wirklich aufschlussreich war auch ein kurzer Dialog mit meinem Maorigastgeber in der letzten Nacht, der mich fragte, was ich später denn Wichtiges werden würde, wenn ich schon am studieren wäre (ich behaupte, dass die Akademikerquote Waioras höchstens im tiefen einstelligen Bereich ist). „Teacher“, meinte

....12 Stücke auf (zwei Omis fingen an die Buffetreste – es wird nicht mehr nachgebacken, da 21 Uhr vor der Tür steht)....

Also, „Teacher“, nichts wirklich Wichtiges, meinte ich, wurde aber von ihm eines Besseren belehrt. Etwas wichtigeres gäbe es fast gar nicht, und ich mit meinen Radtouren wäre auch ein gutes Vorbild (würde er mich bei Pizza Hut sehen, würde er etwas anderes denken), würde sehr gesund leben und so weiter (12 Stücke? Gesund? Fetttriefende Pizza?). Ein Vorbild durch meine Radtouren und Fitness? So etwas würde ein Deutscher niemals sagen, da er den Zusammenhang erst gar nicht sehen würde. Zumindest nicht sofort. Mir gefiel das Kompliment auf jeden Fall und ich muss den Maori absolut Recht geben, auch wenn die Assoziationskette Radeln-fit-guter-Lehrer&Vorbild etwas kulturell bedingt scheint. Es wäre schön, wenn es auch bei uns so wäre, aber ich fürchte, dass so manche debile Schulklasse einen Lehrer eher dann cool findet, wenn er einen fetten 5er BMW fährt, als wenn er mit dem Rad bei Regen zur Schule fährt. So, mehr Pizza...

13 Stücke, etwas Pasta, ein Teller Salat, etwas Mousse Chocolat – das 3500+-Kalorien-Abendessen scheint perfekt. So nimmt man auch beim Radfahren noch zu, aber lecker war es trotzdem. Vorbildlich! (während des Tages kam dann noch 1 Liter Milch mit Cornflakes (zumindest fettarme Milch) , 2 Schokoriegel, eine Saussage Roll, ein 6er Pack Miniwürstchen, 3.5 Liter Wasser, 0.6 l Diet Coke, 0.3 l Orangensaft und 6 Scheiben Toast mit Marmelade hinzu). Da kann man quasi nicht mehr gegenanradeln...

Auch ein echtes Erlebnis ist, wie so oft in Neuseeland, mein heutiges Hostel: ein altes

Strand von Gisborne: Radler und Rad erschöpft: Ankunft nach 106 nicht unbedingt flachen Kilometern.

 Minikloster, umgebaut zur günstigen (16 Dollar) Backpackerherberge. Da wo mein Bett steht, stand früher mal der Altar der Klosterkirche. Ein durchaus nicht unwitziger Gedanke; da wird der Herr heute Nacht bestimmt gut über mich wachen. Oder über mir?

Radfahrer habe ich – nicht ganz neuseelanduntypisch aber schon überraschend (in Anbetracht aller Empfehlungen in Radfreiseführern) – am Ostkap nach gar keine gesehen. Die Hoffnung auf ein lustiges Trio à la Sabine und Karl scheine ich mir langsam aber sicher in die Haare schmieren zu können, vor allem, da man im letzten Hostel zu mir meinte, dass pro Jahr höchstens zwanzig Radler zu Gast wären. Und da es auf rund 100 Kilometern kein anderes, ausgewiesenes (Reiseführer, BBH-Heft) Hostel zu geben scheint, die Hälfte aller Radler sicherlich in Hostels absteigt und nur wenige 200 Kilometer am Tag fahren dürften, werde ich wohl auch niemanden in meine Richtung radelnd treffen. Statistisch betrachtet. Statistisch betrachtet gewinnt man auch nicht im Lotto oder wird vom Blitz erschlagen. Anders betrachtet, wird man allerdings verdammt oft vom Blitz erschlagen, bevor man im Lotto gewinnt. Sollte man kein Lotto spielen?

Geschickter wäre meine gesamte Tour sowieso „andersherum“ (ums East Cape bzw. die Küste danach entlang), zumindest was die typischen Windmuster Neuseelands angeht. Bei 2800 Höhenmetern auf 225 Kilometern ist der Wind jedoch kein echter Faktor mehr.

Pizzen weg, Tagebuch fertig, Radler sattgefressen.

...Impressionen nachmittags am Strand von Gisborne, rechts unten das "Flying Nuns Backpacker Hostel", darunter noch ein paar Fotos von der heutigen Fahrt...