Stage 2
Napier - Wairoa
  121,45 Kilometer;   5:26:01 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

“Auf der Strecke wurde mir schon im Bus richtig schlecht”
 Deutscher Backpacker aus Berlin (jaja, Namen) zur nicht wirklich flachen Etappe

Klasse Wetter, klasse Strecke, klasse Hostels: KLASSE ERSTE ETAPPE!  

Die ganze Nacht hatte es in Napier wie aus Kübeln geschüttet, tagsüber ein bisschen in Waiora und selbstverständlich nie dort, wo ich gerade war. Wieso auch? Die Temperatur war beinahe angenehm sommerlich: 20 Grad unter den Wolken, mehr wenn die Sonne einmal kurz durchkam und durchweg mehr als 

Gangland East Cape?

irgendwo auf meiner Südinseltour vor eineinhalb Monaten (vielleicht war es bei meiner Wanderung an den Nelson Lakes genauso warm, aber sonst?). Der Schweiß floss, die Radlerseele grinste...

„Zwischen Napier und Gisborne ist es scheiße, kannste besser mit dem Bus fahren. Auch supergefährlich: viele Lastwagen, enge Straßen“, meinte vor 6-7 Wochen mein Lieblinsgsdeutscher in Murchison, als wir über das East Cape, also das „Asozialenland“, sprachen. Wenn die heutige Strecke „scheiße“ ist, will ich nicht wissen, wo der Nörgelkopp überhaupt einmal glücklich wird. Angeblich ist das Nörgeln und Miesmachen ja eine typisch deutsche Eigenschaft. Solcherlei Verallgemeinerungen haben

 zwar immer einen nicht zu befürwortenden Touch von Völkerkunde, aber ganz von der Hand weisen kann man die prinzipiell eher negative oder pessimistische Lebenseinstellung vieler Deutscher doch nicht. Genauso wie das chronische Sicherheitsdenken, was unsere Gesellschaft prägt. Klar, erzogen und aufgewachsen im Nachkriegsdeutschland ist es verständlich, dass viele von ihren Eltern Doktrinen à la „was man hat, dass hat man“ (da die meisten erst mal gar nichts mehr hatten und bei Null anfangen mussten) aufgeschnappt haben, aber Lebensweisheiten wie „mach doch vorm Studium erst mal eine Ausbildung, dann hast du etwas sicheres“ sind auch typisch Deutsch. Ich weiß, ich habe auch erst eine Ausbildung gemacht, etwas grundsolides...

Die Küste am morgen: Auf zum East-Cape!

 (Versicherungskaufdepp, falls es jemanden interessiert)

Zugegebenermaßen war es nicht die schönste aller Etappen, aber da ich nur Driss erwartete, wurde ich angenehm überrascht. Ungefähr so, als wüsste man, dass man den ganzen Tag „Big Brother“ gucken muss und dann am Ende „Seinfeld“ gucken darf. Mit dem Verkehr mag der Nörgelgeneral allerdings Recht haben: wenn auf den teilweise wirklich engen und kaum gut einsehbaren Straßen (ohne adequaten Randstreifen) jede Menge Brummis unterwegs sind, kann man als Radfahrer schon mal zum Freiwild mutieren. Glücklicherweise war heute jedoch Ostersonntag – mein erstes Ostern ganz ohne Ei und zum ersten Mal seit Jahren gänzlich ohne Eiermalen, was doch für kurze Heimwehanwandlungen sorgte. Insgesamt für mich aber ein guter Deal; die Brummifahrer sitzen zu Hause, schaukeln und futtern ihre Eier, ich kann sorgenlos radeln...

Den ganzen Tag über überholten mich wahrscheinlich weniger Autos und LKW als binnen zwanzig Minuten auf Rumäniens Europastraßen. Mit Schrecken erinnere ich mich noch daran, dort zum ersten Mal auf dem Rad wirklich daran gezweifelt zu haben, ob man auch als Radfahrer eine statistische Lebenserwartung von 78 Jahren hat (http://www.hockeyarenas.com/cycling/pragistanbul2004/stage10.htm).

Angst kann einem sowieso den Spaß am Radfahren nehmen. Gestern im Bus fragte ich mich oftmals, wie auf unserer Straße noch ein Rad sicher verkehren sollte. Aus der Perspektive des Busfahrers sieht die Welt natürlich anders aus, aber als David dann doch so manche Kurve etwas übertrieben eng und schnell anging kam ich nicht umher, mir eine Radtour vor Davids Bus als potentiellen Suizid vorzustellen. Die beste Therapie – „be like Nike, just do it“ – hat mich aber heute wieder etwas rehabilitiert. Radfahren, nicht totgefahren werden, einfach nicht daran denken, dass in wenigen Sekunden David von hinten kommt und die uneinsichtige Kurve à la Michael Schumacher nimmt. Okay, dann wäre Platz genug für zwei Radfahrer nebeneinander. Sagen wir mal wie Jaques Villeneuve oder Michael Andretti, als sie beide noch Rennfahrer waren. Meines Wissens nach fährt der eine gar nicht mehr und der andere gibt bestenfalls vor, bei Sauber zu fahren. Und dürfte die aktuelle Saison kaum überstehen...

Ich blieb trocken, verbrachte eine sonnig-entspannende Frühstückspause zusammen mit Dutzenden schwarzer Schwäne am Lake Tutira und war überraschend gut in Form: 1505 Höhenmeter sind wirklich kein Klacks. Auch wenn es nie höher als 348 Meter hinauf ging, ging es doch stets entweder auf oder ab – zumindest abgesehen von flachen Segmenten auf den ersten 21 und letzten 25 Kilometern. Bei den ersten 21 Kilometern bretterte ich stets mit 30 km/h oder mehr durch die Morgenluft und sah mach schon nach vier oder fünf Stunden im Ziel. Bei den letzten 25 Kilometern war ich dann nur noch heilfroh, die müden Beine keinen Berg mehr hinaufscheuchen zu müssen. Die 4-5-Stunden-Rechnung hatte ich selbstverständlich um fast das Doppelte verfehlt...

Das heutige Hostel ist auch wieder eine absolute Wucht: betrieben von einem ziemlich stark und maorimäßig (auch im Gesicht) tätowierten Maori mitsamt seiner weißen Frau und zwei Kindern wird Platz für maximal sechs Gäste angeboten, was in einer guten Saison bestenfalls für einen mageren Lebensunterhalt langen mag. Massenarbeitslosigkeit soll unter Maoris durchaus weitverbreitet sein, auch wenn Neuseeland momentan die geringste Arbeitslosigkeit aller OECD-Länder hat. Und da das East Cape überwiegend von Maoris bewohnt wird, dürfte so etwas wie ein fester Job einer regelrechten Ausnahme gleichkommen. Aber zurück zum Hostel: sobald neue Gäste ankommen, gibt es am Abend ein Maori-Welcome: Vater und Sohn halten Reden, Vater, Sohn und Sohn und Vater und Sohn führen im Wohnzimmer Tänze vor und Vater und Mutter singen am Ende noch ein nettes Ständchen, bevor sich alle brav die Hände geben und die Nasen zusammenstubbsen. So wie es sich nach Maori-Tradition gehört. Urig und fremdartig und so ganz anders als ich Neuseeland bisher erlebt habe.

Al Maori

 

Früh übt sich der Terrorist von morgen: der Sohnemann vom Hostelbesitzer bedrohte nicht nur einen japanischen Gast, sondern führte auch seine exzellente Ausrüstung ausgiebig vor. Neuseeland wird erzittern!

Aber ist das East Cape vielleicht doch eine Ganggegend, „Asozialenland“ (Tags deuteten darauf hin und einer der beiden Söhne schien paramilitärische Ambitionen zu haben), so wie mir auch noch von einer Kommilitonin in Wellington gesagt wurde? Ich werde es in den nächsten Tagen herausfinden...

Thema Wetter: Der Lonely Planet empfiehlt das East Cape vom November bis zum März – aber auch in Anbetracht meines fantastischen Auftakts sollte man Andreas Geschichte in Erinnerung behalten. Sie, dreißig, aus Österreich, arbeitslose Gymnasiallehrerin mit einer Anstellungsaussicht „in ein paar Jahren“, jobbt seit zwei Jahren für jeweils fünf Monate auf einem russischen Eisbrecher, der solvente Touristen in die Tiefen der Antarktis fährt. Rustikales Schiff, viel Wellengang, ein paar Fotos mit Pinguinen. 2500 Euro aufwärts pro Nase. Danach stehen dann jeweils noch ein paar Monate Dauerurlaub an – im letzten Jahr Australien, dieses Jahr Neuseeland. Ich hatte sie gestern in Napier im Hostel kennen gelernt, wo wir uns zusammen mit zwei neuseeländischen Partiemiezen ein Zimmer teilen mussten. Am morgen fehlte eine der beiden. „She must be having fun“, meinte die andere, die spät nachts zurückkam und offensichtlich nicht ganz soviel „fun“ finden konnte. Sie berichtete (also Andrea, nicht die Partymieze), dass sie zuvor vier Tage erfolglos in Taupo ausgeharrt hatte. Auf dem Plan stand eigentlich das Tongario Crossing, aber vier Tage Dauerregen haben sie schließlich doch zur Flucht an die Küste animiert. Der Sommer ist vorbei. Punkt. Witzigerweise hätte sie auch schon letztes Jahr eine Stelle in Ostdeutschland haben können, die sie aber dankend ablehnte. Dann doch lieber die Antarktis und vier Tage Regen in Taupo...

Erste Pause: Lake Tutira: wenige Camper, ein Radler und jede Menge schwarze Schwäne.

Der Betreiber meines Hostels in Waiora, einer der wenigen Maoris mit traditionellen Tätowierungen, die ich während der gesamten Tour antraf.