Stage 15
Thames - Auckland
 136,37 Kilometer;   5:54:18 Stunden

WB01343_.gif (599 Byte)     WB01344_.gif (644 Byte)    

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

Die Sonne strahlt, keine Wolke trübt den Himmel und ich schaukele gemütlich nach Wellington zurück. Knapp 700 Kilometer, knapp 400 Brücken und gut zehn Stunden – Neuseelands Bimmelbahn in Action!

Draußen rollen die grünen Hügel vorbei, der Wetterbericht von

100 Kilometer in viereinhalb Stunden: endlich einmal flach, kein Problem. Wo ist der Regen?

vorgestern ist nur noch ein Running Gag – wie so oft – und wenn es irgendwo regnet, dann heute Abend in Wellington. Aber das ist noch viele Stunden entfernt.

Nicht mehr ganz so viele Stunden – als der Zug an Geschwindigkeit aufnahm, fing es dermaßen zu wackeln

an, dass ich kein gekrakeltes Wort mehr lesen konnte. Jetzt steht das Bähnchen allerdings 45 Minuten zum Durchschnaufen am Bahnhof vom National Park Village herum. Draußen pustet es ordentlich – trotz Sonnenschein ist es recht kalt – und der Mt. Ruapehu zieht ein paar der wenigen Wolken an.

Wieso eigentlich Auckland? Gestern? Nun, eigentlich hatte ich vor etwa einer Woche in Whakatane ein Bahnhofticket ab Papakura gekauft. Papakura ist ein Vorort von Auckland, etwa dreißig Kilometer südlich der Innenstadt gelegen. Damals erschein es mir wenig attraktiv, durch die Millionenmetropole (rund ein Drittel aller Neuseeländer wohnt in Auckland) zu radeln, nur um dann sofort wieder mit der Bahn abhauen zu müssen. Dann erzählte man mir allerdings im Hostel von Thames, dass Papakura nur ein schäbiger Vorort ohne jegliche Hostels wäre, im Internet fand ich nur Unterkünfte für 50 bis 70 Dollar und, überhaupt, wie würde denn eine Überschrift „Napier – Papakura“ auf der Homepage aussehen?

Ach ja, es gab auch noch das Risiko des Regens, der seit gestern das sonnige Auckland terrorisieren sollte. Man darf dem Wetterbericht einfach überhaupt nicht trauen – wahrscheinlich hat einfach der Wind gedreht, das Hoch wieder nach Neuseeland zurückbefördert und den Regen gen Fidschi gesandt. Wer wie. Der apokalyptische Wetterbericht vom Freitag (TV), eingeleitet mit den Worten „look what a difference 24 hours ca make, as we were all set for a nice weekend yesterday...“ wurde komplett auf den Kopf gestellt – binnen 24 Stunden. Ein „nice weekend“ war es dann im wahrsten Sinne des Wortes...

Panisch vor dem Regen flüchtend war ich gestern auch schon um 7:30 in Thames aufgebrochen. Jeder trockene Kilometer ist ein guter Kilometer, dachte ich mir und verschob meine erste längere Pause auf den sicherlich bald über mich hereinbrechenden Regen. Keine Pause nach 20, 40, 60 oder 80 Kilometern: es blieb durchweg trocken und ich grübelte mehr und mehr darüber, doch nicht nach Papakura sondern nach Auckland zu fahren. Schließlich wäre ich auch dank meiner wenigen Pausen schon viel zu früh im insgesamt etwa 100 Kilometer von Thames gelegenen Papakaura – die 100er Marke hatte ich nach viereinhalb Stunden hinter mir, was auch eine Art Rekord darstellen dürfte. Was sollte ich also in einem teuren, langweiligen Motel in einem hässlichen Vorort wenn es nicht einmal regnet?

Etwa, hier zitiere ich Pedaller’s Paradise, auf die „orgasmic experience of avoiding Auckland’slarge number of crazed car drivers“ verzichten?

So schlimm wurde es aber nicht. Auckland ist zwar hässlich groß und LA-style-mäßig eine niemals endend wollende Aneinanderreihung von Vororte und Einfamilienhäusern, mit dem Rad kommt man allerdings trotzdem ganz gut voran. Ich schaffte zwar von 7:30 bis 12.00 100 Kilometer, bis 15:00 waren es dann aber bloß 30 mehr – ohne signifikanten Pausen. 30 Kilometer Stadt, Ampeln, nach-dem-Weg-fragen: es nervte zwar tierisch, dafür schien jedoch die Sonne. Und kein Vergleich mit Istanbul oder Bukarest.

Irgendwann erreichte ich auch das echte, sehr amerikanisch-steril wirkende Zentrum, verzweifelte an der chronisch anmutenden Unwissenheit der zumeist asiatisch geprägten Mitarbeiter in Tankstellen und Geschäften, die überhaupt keine Ahnung hatten, wo der auch gar nicht ausgeschilderte Bahnhof sein könnte und fand ihn schließlich doch. Selbst von außen war kein wirkliches Schild am Bahnhofsgebäude angebracht, und da die Gleise unterirdisch verlaufen (alle VIER Bahnsteige wohlgemerkt – Leer hat genauso viel), wurde es einem auch nicht gerade einfach gemacht, den Bahnhof zu finden. Die Bahn, am Ende eines langen Privatisierungsprozesses mit mehreren Widerverkäufen, ist quasi am Ende. Täglich fährt ein Zug von Auckland nach Wellington, ist dabei langsamer als ein Bus, fährt mit nur vier Waggons und hat so gar nichts mit einem auch nur ansatzweise flächendeckenden Transportdienstleistungsunternehmen gemeinsam. Mein Ticket konnte ich glücklicherweise noch umstellen lassen (von Papakura auf Auckland), verschanzte mich dann noch einen dann doch verregneten Abend über im letzten Hostel meiner Tour, radelte heute früh um 6:30 die fast letzten Meter der Tour zum Bahnhof und werde nur noch sechs Stunden im Zug verbringen, bis der „Herr des Drahtesels III“ endgültig vorbei ist. Ab morgen hat mich dann das Studium zurück.

Wetten, dass es in Wellington bewölkt sein wird und wahrscheinlich sogar regnet?

...links der Mt. Ruapehu auf der Rückfahrt mit dem Bähnchen, recht, naja, das Ende...