Stage 8
St. Arnaud - Picton 
  132,67 Kilometer;  5:07:07 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

Rund 36 Kilometer liegen noch vor mir, dann ist die zweite Neuseelandradtour unter Dach und Fach. Die Sonne scheint, die Saussage Roll war fettig und schlecht, die Diet Coke schmeckt gut und die Pause ist wohlverdient. 90 Kilometer habe ich bereits seit St. Arnaud hinter mir – in etwa dreieinhalb Stunden mit zuerst 28 Kilometern in der ersten Stunden und 33 (!!!!) Kilometern in Stunde zwei. Wenn das kein Rekord ist, weiß ich es nicht.

Wie kommt es? Rückenwind? Nein, nicht wirklich, eher Windstille. Strecke? Schon etwas – von St. Arnaud auf 700 Metern bin ich jetzt bis auf dreißig Meter herunter. Da die Straße weitestgehend einem fast ausgetrocknetem Flüsschen mit einem riesigen Flussbett folgte, ging es eigentlich durchgehend sanft bergab. Von einer richtigen Abfahrt kann zwar keine Rede sein, ein paar Kilometerchen dürfte die Strecke aber beigetragen haben. Auch Patrick, ein Rennradler aus Palmerston North, trug seinen Teil zum Erfolg bei, da er mich 15 Kilometer vor Renwick, wo ich gerade pausiere, überholen wollte, dann aber ein fett beladenes Tourirad bis nach Renwick hineinschleppte. Er wäre gerade auch nicht Top in Form, entschuldigte sich der Ingenieur, der bald als Lecturer an der Massey Universität in Palmerston beginnt, fast dafür, mich nicht abgehängt zu haben. Falls ich mal in der Nähe von Palmerston sei, könnte man gerne zusammen auf Tour gehen, sprachs und verabschiedete sich am Dorfeingang, wo er momentan seine hier lebende Mutter mit seiner Anwesenheit beglückt.

Wirklich beglückt hat mich auch die Entscheidung, gestern nicht nach Nelson geradelt zu sein. Stattdessen bin ich die fünfstündige Wanderung auf die St. Arnaud Range (1780 Meter über Null, Anfangshöhe 700 Meter) in etwa siebeneinhalb Stunden gewandert, was zumindest zum Teil die Mühen und den heutigen ersten Muskelkater der Tour, wert war. Nur zum Teil? Ja, da man zwei Drittel der Zeit nur durch den Wald wanderte, was einem Biologen aus Freiburg zwar prima gefiel, mir aber schnell auf den Senkel ging. Jeder Meter oberhalb der Baumwuchsgrenze belohnte jedoch für das Waldgerenne doppelt und dreifach, wie auch die Fotos beweisen dürften. Hinab zog sich der Wald dann zwar auch noch einmal gefühlte 27 Stunden und meine Knie schmerzten irgendwann höllisch, so dass ich wie ein steifer Rentner den Berg hinabhoppelte, empfehlen würde ich die Tour jedoch jederzeit. Vor allem, wenn man auf Bäume steht.

Am Abend tauchten dann noch zwei Faststudentinnen (die eine fertig, die andere kurz davor) im Hostel auf und wir zogen noch mit zwei partywütigen und somit in St. Arnaud absolut deplatzierten Israelis (die auch abgewaschen haben, jawohl!) in die Hotelbar nebenan, wo eine der beiden Deutschen dann feststellen durfte, dass man Kommentare à la „die ist aber unfreundlich“ im Bezug auf die Bardame nicht unbedingt von sich geben sollte, da theoretisch die von ihrem Job zu Recht am späten Abend gelangweilte Dame aus Österreich kommen könnte. Ich fand es witzig...

 

Zweiter Eintrag

Aus und vorbei – die zweite Radtour in Neuseeland ist beendet, ich sitze seit etwa einer Stunde wieder in meinem kleinen, noch leicht chaotischen, Appartement in Wellington, habe zum Glück meinen verloren geglaubten Wohnungsschlüssel auf meinem Schreibtisch gefunden, habe zum Glück noch all meine Habseligkeiten, da ich auch nicht abgeschlossen hatte und schmiede erst einmal keinen neuen Pläne. Nach zwei Radtouren innerhalb eines Monates ist jetzt die Zeit fürs Studium gekommen und ich bin auch nicht ganz abgeneigt, einmal mehr als maximal zwei Nächte an einem Ort zu bleiben. In drei Tagen werde ich es anders sehen...

Die letzten 36 Kilometer seit dem vorhergehenden Eintrag wurden noch einmal richtig haarig und sahen einen rapiden Abschwung meiner bis dahin exzellenten Durchschnittsgeschwindigkeit: die Waden schmerzten, ich drehte genau in den Nordwind hinein (was zumindest bewies, dass ich bei den raketenähnlichen Geschwindigkeiten vorher nur Seitenwind hatte) und strampelte mit 16-17 km/h und schmerzverzerrter Mimik ins Ziel. Kurz überlegte ich, meine Fähre umzubuchen und noch am Samstag nach Wellington zurückzufahren, dann entschied ich mich aber doch, in ein Hostel einzukehren und noch einen Tag mehr das Reisefeeling aufrechtzuerhalten. Was auch wieder gut klappte, da ich Richard aus England traf, der seit zwei Jahren abwechselnd am Reisen und Arbeiten ist und noch ein recht netter Gesprächspartner für einen gemütlichen Abend war. Richard mit seinem Bier und ich mit meiner Vanilla Diet Coke, so begaben wir uns gegen Abend hin noch an die Hafenbucht, froren ein wenig im Wind und quatschen über alles Mögliche. Thailand, Australien und Neuseeland waren bislang die Stationen seiner kleinen Welt/Asienreise, die seit acht Monaten etwas von ihrem Reisecharakter verloren hat, da er in Auckland einen ganz guten Job bei der Stadtverwaltung aufgabeln konnte. Abgeschlossen wurde meine zweite Tour dann noch mit einer leicht verbrannten Tiefkühlpizza und etwas Tütensalat, kein Festmahl, aber durchaus schmackhaft.

Direkt über die Tour reflektierend kann ich denjenigen nur widersprechen, die die Nordinsel im Gegensatz zur Südinsel für weniger bereisenswert halten. Sicherlich bin ich nicht entlang der Highlights der Südinsel gefahren, habe aber wohl einige Highlights der Nordinsel beradelt, aber oftmals vernommene Pauschalurteile oder gar Aversionen gegen den Norden scheinen mir nach meinen ersten knapp 2000 Kilometern in Neuseeland vollkommen unangebracht. Das Resultat der allgemein vorherrschenden Südpräferenz ist jedoch ganz eindeutig, dass es im Süden wesentlich mehr Touristen und auch wesentlich weniger Einheimische gibt: „im Grunde genommen wohnt dort unten ja keine Sau“, könnte man von Wellington aus betrachtet schreiben. Treffend schreiben. Auch Radfahrer gibt es im Süden unheimlich viel mehr als im Norden, vollkommen unberechtigterweise, wenn man mich fragt, aber die Massen folgen gerne den Massen, so ist es nun einmal.

So, das war es dann erst einmal, aber Teil III der Neuseelandtouren kommt bestimmt auch noch und wenn es nach mir geht, bleibt es auch nicht bei der Triologie. Man wird sehen, was das Jahr so bringt und vor allem, was die Victoria University vom tapferen Radler so erwartet beziehungsweise wie viel Zeit sie ihm lässt, das Rad sowohl im Norden als auch im Süden Gassi zu radeln.