Stage 5
Punakaiki - Murchison
 140,65 Kilometer; 6:27:18 Stunden

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Inangahua Junction, der Dorfladen

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Einmal wieder werden die abendlichen Zeilen anderswo geschrieben, als es eigentlich geplant war. Die Idee zum heutigen Schwachsinn kam mir gegen zehn oder elf Uhr, als ich die Küstenstraße trocken (kurze Regenpause nur im gerade rechtzeitig erreichten Charleston) verließ, erfreut auf die Uhr schaute und zu rechnen begann. Entgegen den Ergebnissen der deutschen Schüler in der PISA-Studie kriege ich dies in der

Morgenstund hat Gold im Mund. Ober bleibt zumindest trocken. Sieben Uhr in der Früh...

 Regel relativ gut hin, auch wenn es noch galt, das Ergebnis in die Tat umzusetzen...

Ein Schild mit der Aufschrift „Murchsion 91 Kilometer“ überzeugte mich dann zwar übergangsweise es nicht ganz bis dorthin zu schaffen, aber als ich dann um 14 Uhr am eigentlichen Ziel in Inangahua war, entschied ich mich endgültig, auch noch Murchison anzusteuern.

Weniger Häuser, als es die laut Reiseführer 190 Einwohner vermuten ließen, nur ein heruntergekommener Dorfladen, der raubkopierte VHS-Videos zu verleihen schien: in Inangahua möchte ich nicht alt werden, nicht einmal älter, nicht einmal eine einzige Nacht! Etwas Kraft hauchte mir auch eine Radeltruppe aus Auckland ein – alle 40 Jahre aufwärts – die ebenfalls nach Murchison wollte. Wenn die Greise es schaffen...., dachte ich, was natürlich absolut dumm war, da dieser Gedankengang vollkommen außer Acht ließ, dass die Bande vielleicht einen anderen Startort hatte (war natürlich auch so, sie hatten bis dorthin 45 Kilometer gefahren, ich bereits mehr als das Doppelte mit 95), aber psychologisch funktionierte der Ansporn trotzdem. Hauptsache, man kann sich selbst gut bescheißen.

Zum Teil spielte auch die Strecke eine Rolle: Die Küste, „Big Sur Light“, hatte es in den frühen Morgenstunden – um 6:55 fuhr ich im ersten Tageslicht los (absoluter Ewigkeitsrekord für frühes Losfahren) – verdammt in sich. Gnadenlos musste ich einen Anstieg nach dem anderen überwinden, war aber von meiner relativ rationalen Regenangst und fantastischen Ausblicken angetrieben überraschend gut gelang. 750 Höhenmeter durfte mein fleißiger Tacho auf den ersten 50 Kilometern zählen – fast schon alpine Dimensionen auf einer Küstenstraße – danach ging es aber geruhsamer zu, so dass ich nach 91 Kilometern und 1000 Höhenmetern davon ausging, dass es bis Murchison relativ „flach“ weitergehen würde.

Zonk – ging es nämlich nicht, aber das war dann auch egal. Als Wegzehrung hatte ich mir in Inangahua noch zwei Snickers gekauft – einen für 110 Kilometer und einen für 130 – und radelte durchaus den Tagesschnitt nach oben treibend von Schokoriegel zu Schokoriegel, selbstverständlich stets trocken. Jetzt soll es angeblich morgen richtig schlecht werden, aber morgen ist morgen, heute ist heute und trocken ist am Besten. Insgesamt war es heute auch schon fast wieder sommerlich warm und zu Spitzenzeiten sogar 200% wärmer als auf dem Lewis Pass (dort 8 Grad). Die Sonnencreme brauchte man zwar nicht, gefroren wurde aber auch nicht. Mir schwant jedoch trotzdem, dass der Sommer in den letzten Zügen ist und ich bald gar nichts mehr dagegen haben werde, meine Nase den ganzen Tag in schlauen Büchern zu vergraben. So richtig kann ich mir zwar noch nicht vorstellen, ab Montag ein einjähriges Powerstudium auf dem Weg zum Master of International Relations an der Victoria University of Wellington aufzunehmen, aber was kommt, das kommt. Montag ist Montag, heute ist nicht Montag und trocken ist am Besten.

 

„Ich sehe das auch nicht so dramatisch“

„Du hast doch keine Ahnung. Schwachsinn!“, konterte der Mann aus Deutschland donnernd, der mit seiner Frau (?) unterwegs ist und mich gerade noch darüber aufklären musste, dass Neuseeland zwei Gesichter hat und er den Neuseeländern auf die Schliche gekommen ist. Klingt schon fast wie Rassenkunde. „Im Pub nett, aber hinterm Steuer“, meinte er und verwies Mal für Mal auf die angeblich superrabiaten Motorristen, vor allem jene am Steuer der bösen LKW. Amerikanische Lastwagenfahrer – ein Traum! Neuseeländer? Absolute Arschlöcher: so spricht der Kerl, der nach rund 5000 Kilometern (über drei Urlaube verteilt) a) seltsamerweise immer noch lebt und der b) Neuseeland überdrüssig geworden ist. „Wie auf einer weißen Wolke bin ich nach dem ersten Mal nach Hause gefahren“ (jaja, das erste Mal...), meinte er, hat jetzt aber von Vielem die Schnauze gestrichen voll. „Da oben“, beschreibt er die maorisch geprägte Ostküste der Nordinsel, „ist asoziales Land. Maoriland. 95% arbeitslos und abends liegt Metall in der Luft“ – und ähnlichen Driss gab es ohne Unterlass. „Nordinsel scheiße – Süden cool“ gehört ebenso dazu wie die stetige Belehrung, dass die LKW-Fahrer uns Radlern ja auch etwas mehr Respekt zollen könnten. Ich wäre auch angeblich der erste, der mit dem Verkehr kein Problem hätte (nun ja, wie wäre es mal mit ihrer Frau???), sagte Mr. Griesgram. Als ich dann auf Bukarest verwies, durchaus kein angenehmes Pflaster für Radfahrer, meinte er nur „10 mal Bukarest und einmal tot“, was zwar seiner Polemik entspricht, aber ungefähr genauso dämlich ist, wie ein Großteil seiner restlichen Radelweisheiten. Nun gut, ab ins Bett...