Stage 3
Boyle Village - Reefton
 84,88 Kilometer;  4:00:01 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Gerade regnet es nicht, meine Saussage Roll, Ham & Egg-Sandwich plus eine Portion Pommes liegen mir etwas schwer im Fast-Food-entwöhnten Magen und selbst die Cola Light, sonst immer Retter in der Not, der Fels in der Brandung, will nicht so recht schmecken.

Ausnahmsweise hat der Wetterbericht heute einen Volltreffer gelandet – kurz vor neun Uhr schien es in Boyle Village etwas aufzuklären und ich schwang mich relativ optimistisch dreinblickend auf mein Rad, das Blau am Himmel war jedoch nur von kurzer Dauer und die Auffahrt zum Lewis Pass wurde eine relativ feuchtkalte Angelegenheit. 14 Grad bei der Abfahrt, 8 Grad am 300 Meter höheren Pass und jetzt wieder 14 Grad in Springs Junction –der Sommer scheint sich über Nacht verabschiedet zu haben und es passt bestens ins Bild, dass gelegentlich Herbstlaub den Wegesrand säumt.

Direkt nach Springs Junction wartet ein weiterer Anstieg von 470 auf 670 Meter auf den wackeren Radler – zu

One down, two to go!

sehen ist davon nichts, da der ganze Saddle von tiefhängenden Wolken eingehüllt ist, die unabhängig von der temporärer Trockenperiode, oh, es hat gerade wieder angefangen zu schütten, der Regen prasselt lautstark aufs Dach – vergessen wir einfach den Satzanfang...

Sicher ist nur davon auszugehen, dass die restlichen 45 Kilometer nach Reefton wenig Spaß werden. Auch deshalb, da irgendetwas mit meiner Schaltung nicht in Ordnung ist und das Rad andauernd die Gänge auf dem hinteren Schaltblatt wechselt, so dass man alle zehn Sekunden einmal kurz ins Nichts tritt. Nicht genug Spannung auf dem Schaltseil? Kette ausgeleiert? Keine Ahnung, aber in Reefton sollte es ein Fahrradgeschäft geben, was zur Lösung des Problems beitragen könnte. Rein vom Gefühl her fühlt sich das Ganze so an wie auf meiner ersten Etappe der Schottlandtour, als ich einen Kettenriss erlitt...

Der Regen stört mich beim Fahren komischerweise weniger als ich erwartet hätte. Man hofft und hofft, dass es doch bitteschön stets trocken bleibt und wenn es dann doch regnet, zuckt man quasi nur lethargisch mit den Schultern. Been there, done that, dann regnet es halt...

Zwischenzeitlich hatte ich auch gehofft, dass es hinter dem Pass besser werden würde. Kurzfristig sah es auch so aus, bestenfalls jedoch sehr kurzfristig. Ein paar Sonnenstrahlen erhellten die Welt, ließen längst

...ein kurzer Hoffnungsschimmer? Gutes Wetter am Nachmittag? Ein voreiliger Gedankenschluss...

vergessene Farben wieder erstrahlen und trieben die tiefhängenden Regenwolken in Windeseile aus dem Tal. In ähnlicher Windeseile hatte mich dann die nächste Regenfront erfasst (bedenke: Regenwolken reisen selten allein) und jetzt prasselt es zwar nicht mehr lautstark auf das Dach des Cafés, nieselt aber immer noch unbahrherzig aus dem selbst die Baumkronen (Vorsicht: leichte Übertreibung) verdeckendem Schleier heraus. Vom Augenschein her eine Wetterkonstellation, die drei Tage Dauerregen verspricht. Wie damals in Schottland...

 

Zweiter Eintrag

...drei Tage wurden es zwar nicht, aber trocken wurde es auch erst 25 Kilometer später. Zum Glück verschwanden auch meine technischen Probleme (springenden Gänge) am Rad, als es wieder trocken wurde, so dass ich mir einen Besuch beim Radelladen erfreulicherweise sparen kann (Nachtrag einige Wochen später: dummer Gedanke, natürlich war etwas nicht in Ordnung; ein Kettenglied versteifte zunehmends, was mir auch auf der letzten Etappe dieser Tour noch auffallen sollte). Richtig Spaß gemacht haben die 45 Kilometer nach Reefton jedoch getreu der vorherigen Prognose kaum, dafür war das Wetter auch nach Ende des Regens zu gammelig und die Temperatur einfach zu niedrig. Erfreulicherweise hingegen kam auf den letzten 15 Kilometern zumindest ein wenig die Sonne durch und ließ auch die Temperatur erstmals die 14 Grad überklimmen. Sommer pur!

Von der Strecke war ich auch nicht unbedingt angetan; die wesentlich tropischer / Far Cryiger gehaltene Flora und Fauna der Nordinsel sagt mir doch mehr zu als der dichte und Nadelreiche Wald, den man hier in Richtung Westküste mehr und mehr antrifft. Ohne die großen Bergmassive vom Vormittag hatte ich auch zwischenzeitlich fast das Gefühl, dass man auch genauso gut durch den Harz fahren könnte, aber vielleicht (oder sehr bestimmt sogar) hat mir der ganze Regen auch nur zu sehr auf die Stimmung geschlagen.

...das  Wetter am Abend: herrlich...

Folglicherweise erscheint es wenig logisch, das sich meine Reise an die Westküste und nach Greymouth fortsetzten werde. Eigentlich wollte ich von Reefton aus gen Norden radeln, vielleicht im Abel Tasman Nationalpark einen freien Tag machen und noch etwas von den Marlborough Sounds sehen, jetzt erscheint mir jedoch plötzlich die Westküste attraktiver. Würde ich es bis zur anderen Küste schaffen, hätte ich eine Inseldurchquerung vom Pazifik zur Tasmanischen See absolviert, was irgendwie „beeindruckender“ scheint, als einfach nur eine Schleife gefahren zu sein. Keine Ahnung, was wirklich von hier aus die bessere Altnernative wäre. Dem Wetterbericht nach sollte ich wie eigentlich geplant in den Norden fahren, andererseits hätte ich jedoch schon Lust, an die feuchtnasse Westküste zu radeln. Jetzt, beim Schreiben, bin ich mir wieder unsicher geworden...

Einfach nur perfekt ist mein heutiges Hostel, dass „Old Nurses Home“ in Reefton, der ersten Stadt mit einer Straßenbeleuchtung, zumindest in der südlichen Hemisphäre dieses Planeten. Heute ist das Nest jedoch nur noch eine reine Durchgangsstadt ohne echten Existenzgrund (und mit guter Straßenbeleuchtung), sonst nichts. Für 18 Dollar, also knapp 10 Euro, habe ich heute ein schönes Doppelzimmer mit gemachten Betten (absolute Ausnahme, sonst muss man immer einen Schlafsack dabeihaben), einem Handtuch (ebenfalls absolut ungewöhnlich, habe ich sonst nur in Stratford auf der Nordinsel erlebt), einer exzellenten Küche, einem luxuriösen Wohnzimmer und dazu auch noch netten Betreibern, die optional für 12 Dollar noch ein 2-Gänge-Abendessen zaubern. Mir ist trotzdem mehr nach Pizza und Tütensalat mit Fertigdressing, aber das Angebot ist nicht ohne Reiz und auf gar keinen Fall überteuert.

Nachdem die heutige Etappe sportlich betrachtet ziemlich einfach war – der Lewis Pass war vom Boyle Village aus auch nur noch 300 Höhenmeter entfernt und auch der Anstieg nach Springs Junction katapultierte mich nur 250 Meter empor – dürfte es morgen lediglich noch einfacher werden. 77 Kilometer bis Greymouth, relativ flach von 190 auf 10 Meter hinab; wenn ich um neun Uhr loskomme, sollte ich ab 14 Uhr genug Zeit haben, ein neues Ladegerät für meine Kamera zu suchen. Jenes habe ich nämlich – tataaaa – in Wellington vergessen! Und was wäre eine Homepage ohne Fotos? Ich bin ohnehin wieder „back to my old self“; habe keine Ahnung, wo mein Wohnungsschlüssel ist (hoffentlich in der Bude gelassen; Nachtrag ein paar Wochen später: auf dem Schreibtisch vergessen), habe mein Shampoo vergessen, letzte Nacht ein T-Shirt zurückgelassen und in Wellington auch meine Telefonkarte gar nicht erst eingepackt. Schade, nach den fast verlustfreien Touren nach Istanbul und auf der Nordinsel bin ich wieder richtig gut in meinen alten Trott zurückgefallen...