Stage 2
Spotswood - Boyle Village
  125,97 Kilometer;  6:32:05 Stunden

WB01343_.gif (599 Byte)     WB01344_.gif (644 Byte)    WB01345_.gif (616 Byte)

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Total platt sitze ich am Esstisch meiner heutigen Herberge, der Betreiber telefoniert und kocht nebenbei ein

Abschied von der Gratisübernachtung mit Hummer.

bisschen in der Küche (Abendessen und Frühstück für 10 Ocken Aufpreis, heute kein Gratishummer, wie mir scheint) und ich werde einmal versuchen, ein wenig über die wohl anstrengendste Etappe Neuseelands aufs Papier zu bringen. Sicherlich auch einer der anstrengendsten Etappen jemals, auch wenn das natürlich immer

nur äußerst schwer zu vergleichen ist und ich selbst am Ende meiner Tage noch darauf beharren werde, dass nichts die 120 Kilometer von Florenz nach Bologna vor drei Jahren toppen kann.

Losgefangen hat alles nach einem „einfachen“ Frühstück (kein Hummer!) bei den Fletchers, meiner „Gastfamilie“, von denen ich mich um etwa neun Uhr verabschiedete und Kurs nach Hammer Springs, dem Etappenziel, aufnahm. Ich muss ihnen eine Postkarte schicken, wenn ich wieder in Wellington bin. Ein kleines Dankeschön haben sich die beiden redlich verdient!

Das Hammer Springs nicht Boyle Village ist, sollte nicht schwer zu erraten sein. Trotz unheimlich viel Seiten- und später auch Gegenwind , vielen Hügeln und insgesamt kaum einfachen Passagen hatte ich die 72 Kilometer bis zur Abzweigung Hammer Springs (von dort weitere zehn Kilometer entfernt) schon um 13.20 erreicht. Auch in Waia, meiner ersten Pausenstädte, und an fotografisch wertvollen Haltepunkten hatte ich kaum Pausen eingelegt, war eine Woche nach meiner letzten Radtour spitzenmäßig in Form und fühlte mich nicht unbedingt danach, um 15 Uhr die Füße entspannt hochzulegen. Das würde dann zwar der Definition „Urlaub“ nahe kommen, aber dafür ist an Tagen Zeit, an denen nicht für den daraufkommenden Tag Regen, 18 Grad und Gewitter prognostiziert werden.

Diesen keinesfalls perfekten Bedingungen zur Überquerung des Lewis Pass wollte ich gerne aus dem Weg radeln und entschied in einem Augenblick vollkommener Selbstüberschätzung, den Pass heute noch in Angriff zu nehmen. Relativ bald stellte sich dieses jedoch als Fehler heraus: zuerst radelte ich am „Waiau River“ entlang, dann treffenderweise am „Hope River“. Und außer Hoffnung blieb mir zu diesem Zeitpunkt nicht mehr viel, denn der Wind blies mir mit unbarmherziger Kraft mitten ins Gesicht und verwandelte das Radeln zu einer unglaublichen Tortour. Meine Kräfte schwanden rasend schnell, meine Pausen häuften sich – beinahe alle drei bis fünf Kilometer stand ich wieder erschöpft am Straßenrand -, ich nagte meine schwindenden Vorräte auf und verfluchte mich innerlich, auch wenn sich die Schinderei von heute morgen tatsächlich auszahlen könnte, wenn es denn beschissen wird.

Total kaputt fragte ich nach etwa einhundert Kilometern auf einer „Station“ (neuseeländisch für riesige Bauernhöfe / Schaffarmen), ob ich meinen Schlafsack irgendwo hinlegen könnte. Die gestrige Gastfreundschaft ließ sich jedoch nicht duplizieren. „Chef nicht da, weiß nicht“, murmelte ein in einem total verschmutzen und von leeren Bierflaschen übersäumten Nebenhaus des „Herrschaftshauses“ lebender Angestellter, bot mir dann aber noch an, mich mit dem Auto nach Hammer Springs zu fahren, da er dort selber hinmüsste.

Zurück???

Total bekloppt?

Anschließend bot er mir auch noch an, mich sogar bis zu einem Backpacker Hostel im Boyle Village zu fahren – mit Rückfahrt für ihn ein Aufwand von 40 Kilometern – was ich jedoch mit einem Verweis auf den Stolz des Radfahrers ablehnte. Mit ging es zwar zum Kotzen und ich war mir nicht sicher, wie ich es nach Boyle Village schaffen sollte, aber mit dem Auto auf gar keinen Fall! „Entweder auf der Station übernachten oder weiterradeln“, meinte ich, schwang mich kaum motiviert auf mein Rad, machte zwei oder drei Kilometer gutes Tempo und hätte dann wirklich abkotzen können. Jeden parkenden Autofahrer fragte ich, ob er irgendwo eine Accomodation gesehen hätte, dabei wusste ich im Gegensatz zu den meisten Autofahrern die Antwort selbst. „Ein Hotel in 10-15 Kilometern, da haben wir die letzte Pause gemacht“, meinte ein Hirni nach 105 Kilometern und verwies damit auf das mir durchaus bekannte Hotel in Maruia Springs (ganz nebenbei 6 Kilometer hinter dem Lewis Pass und zu jenem Zeitpunkt 45 Kilometer entfernt). Andere Autofahrer laberten ähnlichen Stuss, aber irgendwie war es doch immer wieder nötig, überflüssige Fragen zu stellen. Nicht, dass es half, aber es hätte ja auch jemand aus der Gegend sein können und mir ein Bett mit Hummer anbieten können...

Unterwegs fragte ich dann in einem Nest namens Engineers Camp noch einmal, ob ich in der Garage oder sonst wo pennen könnte, schaffte es letzten Endes aber noch selber bis nach Bolye Village, wo das herbeigesehnte Hostel selbstverständlich geschlossen war. Ein Schild forderte Besucher auf, sich im Dorf zu melden, wobei an dieser Stelle anzumerken sei, dass das Boyle Village eine absolute Geisterstadt ist. Etwa zehn verrammelte und teilweise arg heruntergekommen Holzbuden sowie ein gutaussehender Bau, der auch als einziger (!) bewohnt war – meine Anwesenheit heute Nacht verdoppelte die Einwohnerzahl auf einen Schlag! Der Typ, ein richtiger Kletterfan, meinte, dass ich für zwanzig Dollar bei ihm schlafen könnte. Für nur einen Gast würde er das Backpacker-Hostel nicht aufmachen, welches im Grunde genommen auch nur in den Schulferien oder über die Weihnachtsfeiertage für Backpacker zur Verfügung steht. Ansonsten nutzen Schulkassen und andere Gruppen die Anlagen.

Am Abend erzählte mein Gastgeber mir noch von seinen „Abenteuern“. So ziemlich jeden Gipfel, den es in Neuseeland gibt, hat er bereits bestiegen, einen Freund am Mount Everest verloren (erfroren), einen am K2

Mein Gastgeber bei der Ernte.

(Höhenkrankheit) und trotzdem die Liebe zum Wandern nicht verloren; erst kürzlich war er 14 Tage alleine in der neuseeländischen Wildnis unterwegs. Ganz alleine wohnt er im Boyle Village; die anderen Holzhäuser gehören nur Stadtmenschen, die sie sporadisch für Ausflüge nutzen. Oder auch nicht. Er und die Sandflies – von denen es hier Millionen zu geben scheint -, mehr braucht er nicht, um glücklich zu sein. Gerade hat er das Radio angeschmissen, eine Kassette reingepfeffert und 60/70er Jahre Softrock trälltert durch das Haus, das er komplett selbst gebaut hat. Rings um die Veranda hängen Schlafsäcke, Socken, Jacken und ähnliche Ausrüstungsgegenstände vom letzten Trip zum Trocknen aus, das Abendessen wurde größtenteils aus dem eigenen Garten geerntet und einsam, tja, einsam ist es definitiv hier im Boyle Village. Am Arsch der Welt sozusagen; zum Einkaufen muss er 150-200 Kilometer bis nach Christchurch fahren, da im Touristennest Hammer Springs alles total überteuert sei.

Landschaftlich war die Etappe bis zu diesem einsamen Dorf sicherlich eine der attraktivsten meiner Radelkarriere, aber trotzdem nicht unbedingt außergewöhnlich für neuseeländische Verhältnisse. Auf der Südinsel geht es mehr rauf und runter als im Norden, die Berge sind etwas höher und die im Sommer fast komplett ausgetrockneten Flussbette wesentlich breiter. Zwar gibt es auch im Süden immer noch die sporadische Palme hier und dort, dafür aber wesentlich mehr Nadelwald, den ich nicht ganz so spannend finde. Der Blick hier vom Esstisch, durch die große Schiebetür auf den weiteren Talverlauf in Richtung Lewis Pass, ist allerdings schon beneidenswert.

So, morgen mal sehen, ob die Wetterprognose „Regen“ zum ersten Mal zutrifft...