Stage 9
Ohinepake - National Park
61,36 Kilometer;  3:51:44 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

"You have to believe in adventure" - 
Réné, ambitionierter Weltumradler aus Quebec, 64.000 Kilometer und viereinhalb Jahre unterwegs...

National Park Village, 22:30, gemütliches Abendmahl, leckerer Wein, Pasta - das fast-letzte-Abendmahl unserer lustigen Radelgemeinschaft - Karl pfeift mit einem Bier in der Hand wohlgelaunt beim Abtrocknen, Sabine surft im Internet und ich schreibe meinen Schmarren, der eigentlich sowieso niemanden interessiert, gell?

Morning has broken...

Was haben wir heute gelernt? Die Schweiz, jaja, stinkkonservativ, reich und hochnäsig? Sollte man denken! Oh nein; Thema "Beziehungen, Fremdgehen etc.": Ort: vorletztes Abendmahl, National Park. Lektion über die Schweizer, exemplarisch an Karls Dorf: total verfickt! Viel schlimmer als früher seien die Frauen dort, so Karl, vor allem die 30- bis 40-jährigen! Im Dorf hat die Frauenwelt die moderne Telekommunikation (Chats und Ähnliches) erobert, während die Männerwelt brav und ehrlich Holz spaltet, Kühe melkt oder Skilifte ölt. Die Frauenwelt, gelangweilt vom Alltag und dem immer gleichem Bergidyll um die Almen herum, hat wahre Lustspiele ausgerufen: jede versucht jeden in die Horizontale zu kriegen und man könnte fast meinen, dass es ähnlich wie bei den Campern, die wir vor ein paar Tagen trafen, Medallien für x-Seitensprünge gibt. Oder wie bei der Luftwaffe: ein Stern für jeden Abschuss (Karl: "auch ich hätte Zugang, die Frauen..."), vielleicht noch die goldene Kuhglocke für den erfolgreichen Akt mit dem Bürgermeister oder gleich drei Sterne, wenn man mit Großvater, Vater und Sohn, nein, Themenwechsel...

Zwar konnte man sich noch darauf einigen, dass es auch in Deutschland mitunter ähnlich verfickt zugeht, oder auch, dass die heutige Etappe ganz schön verf___t anstrengend war, aber das war es dann auch. Ich weiß nicht, ob ich (außer bei Passetappen) schon einmal mehr als 1000 Höhenmeter auf 61,6 Kilometern zu absolvieren hatte; nach Istanbul lag der "Rekord" ungefähr bei achtzig Kilometern. Rauf und runter und runter und rauf und ewig so weiter: flach war es heute bestenfalls die ersten zehn Kilometern nach unserem Zwischenziel Taumaranui, ansonsten schwitzten und keuchten wir uns bei erneuten Rekordtemperaturen die Seele aus dem Leib. Zum Schnitt von 15,8 muss man wohl kaum noch etwas ergänzen...

Wohltuend war allerdings ein einigermaßen gesundes Frühstück vier Kilometer nach unserer Abfahrt vom Campingplatz, wo bereits ein Ehepaar aus Australien mit etwas Wasser und Orangensaft meine schlimmsten Trinkwasserprobleme am morgen gelindert hatte. Der Morgen war sowieso das herbeigesehnte Ende einer grausamen Nacht: Heuschnupfen ohne Ende, zwar ein Schlafsack aber keine Isomatte und kein angenehmer Boden (folglich ordentlich Rückenschmerzen, was nicht unbedingt von Vorteil ist, wenn man einschlafen möchte), kaum zusammenhängender Schlaf und ätzendes Herumgedöse vom frühmorgendlichen Halbdunkel bis zum Aufstehen um acht Uhr. Erholung sieht irgendwie anders aus, und hat man dann auch noch weder ausreichend Getränke noch irgendetwas zum Beißen, macht der Morgen gleich viel weniger Spaß.

Kaputt von 1000 Höhenmetern auf 61 Kilometern: Karl und ich...

Geschlagene eineinhalb Stunden pausierten wir an einem idyllischen Lavenderhain vier Kilometer hinter unserer Campsite, frühstückten Kuchen und Quiches und rollten einigermaßen gekräftigt der nächsten mehrstündigen Pause in Taumaranui entgegen. Dort angekommen konnte ich auch endlich neue Kameras im Supermarkt erstehen, wurde von der debil indifferenten Kassiererin mehr oder weniger für bekloppt erklärt (bei diesem Wetter und in diesem Land Rad zu fahren) und freute mich zumindest, dass sie darauf verzichtete, eine meiner drei Wegwerfkameras noch ein drittes Mal über den zwei Mal aussetzenden Kassenscanner zu ziehen. Gemerkt hat sie es wohl, aber es war ihr absolut scheißegal. 19,99 Dollar gespart, Danke...

Pause hier, Pause da, zehn Stunden unterwegs, 4 Stunden gefahren: wäre ich bei solch einer Performance noch

Zum Teil arg marode: Bahnbrücke an der Ostküste.

in der Vergangenheit an die Decke gegangen, bin ich hier wunderbar relaxt. Entspannung pur, anders kann man den Urlaub nicht bezeichnen. Ich wusste nicht einmal mehr den Wochentag (bis er mir genannt wurde), was Bände spricht, ich habe meistens nur eine grobe Vorstellung von der Uhrzeit und genieße einfach nur alles um mich herum: das Land, die (wie Sabine als zukünftigen Zahnmedizinerin auffiel) oftmals zahnlosen oder gebisslosen Einheimischen und die angenehme Gesellschaft von Karl und Sabine, die eine eindeutige Bereicherung der Tour darstellen. Sicherlich sind wir keine homogene Truppe oder nicht einmal nahe daran (wobei wir im Gegensatz zur NHL und NHLPA geradezu eine Traumpaarung darstellen): Der 45-jährige Schweizer auf der Suche nach der Neuseelandfaszination, die er bei seinem ersten Urlaub vor 24 Jahren erlebte, die abgeschlossene Studentin auf ihrem letzten längeren Urlaub vor einem hoffentlich erfolgreichen Einstieg in das anstrengende und monatelange Urlaube vernichtende Berufleben und ich, der jüngste in der Bande, der gerade die Notbremse vor dem heranrauschenden Examen gezogen hat und sich an das Ende der Welt verzog, um noch ein Jahr Aufschub vor der Realität zu genießen. Aber als "Team" funktionieren wir gut, meistens...

Auch unheimlich interessant war ein kurzes Zusammentreffen mit Réné Wallet aus Quebec, einem 54-jährigen, der sich zum 50. Geburtstag das Geschenk seines Lebens machte: ein neues Leben! Vom Marketingjob im eiskalten Quebec gelangweilt und laut Sabine auch bestimmt davor von seiner Frau (Karl lässt sich gerade ächzend auf das Sofa fallen, murmelt "ein Sessel und ein Bier") verlassen, hat er sich entschieden, alles stehen und liegen zu lassen. Und zu radeln. Und zu radeln. 64000 Kilometer hat er in viereinhalb Jahren schon hinter sich gebracht, Lateinamerika überlebt ("you have to talk to the people, you

Réné: 64.000 von 90.000 Kilometern geschafft!

camp wild and you get killed, you ask people to sleep in their backyard and they protect you"), von Besancon (Frankreich) aus zum ersten Weihnachten seiner Tour die bislang einzige Heimreise angetreten, das Nordkap im Winter erreicht, es sich zwei Tage in Finnland im Schnee mit einer Flasche Champagner gemütlich gemacht, mit der er eigentlich Norweger bestechen wollte, sich in Tansania die Hand verbrannt (die er seitdem mit einem Lederhandschuh, den ihn eine Gruppe Motorradfahrer in Louisiana geschenkt hat, schützt) sich in Indien Malaria eingefangen, selbst Nepal beradelt, Australien durchquert und nun Taiwan ins Visier genommen, wo ihm jemand ein neues Rad schenken will. Momentan reist er auf einem ausgenudelten Rennrad, hat einen großen Rucksack im Hausfrauenkorb am Lenker dabei, transportiert einen riesig großen Regenschirm mit sich herum und zieht mit seiner fetten Kanada-Flagge am Gepäckträger durch aller Herren Länder. Ein Leben in der Heimat vermag er sich nicht einmal mehr vorstellen: erst Hongkong, dann Taiwan, dann vielleicht China und schließlich die größte Herausforderung der Tour: Alaska mit den Grizzlybären, den gefährlichsten Tieren auf dem ganzen Planeten. "Snakes and lions are scared and run away, but Grizzlies are out to kill", so sprach Réné und schien trotzdem positiv gestimmt, es auch an den Bären vorbei zurück nach Quebec zu schaffen. "You have to believe in adventure", murmelte er im etwas schwer zu verstehendem Englisch (jaja, die Frankokanadier), er, den sie in der kanadischen Presse nur "Forest Gump" nennen, und machte sich auf nach Taiwan. Er muss seine Tour auch unbedingt überleben, denn zumindest drei weitere Weltumrundungen sind noch geplant (spätestens hier wurde es mir alles etwas zu versponnen). Nummer zwei mit dem Motorrad, drei und vier wie auch immer. Zu Fuß? "Yea, that would be a challenge..."

"Go, Forest go!"

Noch etwas vom Abend: Sabine und ich tauschen E-Mail-Adressen aus, Karl schaut interessiert zu. Sabine: "Sollen wir dir eine E-Mail Adresse einrichten, dass ist voll einfach, jeder Vollbongo versteht das..." Karl: "Nee, nee...."

Etwas später, etwas Sabine und mir schmeichelnd..., Karl: "So gut gefühlt wie jetzt habe ich mich noch niemals..." 

Na dann...

Mt. Ngauruhoe - ode rauch Mount Doom beim Herrn der Ringe...