Stage 7
Stratford - Whangamomana
   64,36 Kilometer;  3:28:30 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

"Wenn ich eine Sandfly wäre, würde ich auch nur die Frauen beißen" - Karl, als Sabine sich am zweiten Saddle darüber monierte, andauernd von den Sandflies gebissen zu werden - wir zwei jedoch nicht...

...recht behalten: "Mit Sabine und mir ist das wie mit Eheleuten, nur das wir nicht verheiratet sind", sprach Karl in Sabines Abwesenheit beim Frühstück. Sabine wäre bei der Aussage wahrscheinlich durch die Decke gegangen, aber genauso wie ich geht oder schlurft auch sie heute ziemlich platt und matt durch die Welt. Gestern hat man es vielleicht noch nicht gespürt, aber die Erschöpfung ist schon enorm und ich bin kein bisschen böse, dass es heute erst recht spät auf die Piste geht. Zuerst sollten die Räder zwar um elf Uhr rollen, jetzt ist es aber gleich schon zwölf und die Abfahrt liegt nicht wirklich in der Luft. Ein richtiger Ruhetag würde auch mir bestimmt gut tun, aber mit beschränkter Restreisezeit und zu gutem Wetter, um den Tag im Bett zu verbringen, sollten zumindest einige Kilometer auf dem "Lost World Highway" Pflicht sein. Beim Frühstück gesellte sich auch noch eine bestimmt fast-50-jährige zu uns, die vor dreißig Jahren nach Neuseeland ausgewandert ist, dort lange verheiratet war und nun durch das Land tingelt. In Stratford möchte sie aber etwas länger bleiben, vielleicht Kindergärtnerin werden. Komische Gäste...

 

Zweiter Eintrag, Whangamomana

"Ist ganz gut, dass wir am Arsch der Welt sind", meinte Sabine gerade nach einem kurzen Überschlag ihrer Finanzen und spricht zumindest auch mir aus der Seele - 5 Dollar für eine Übernachtung habe ich zuletzt in Bulgarien bezahlt. Für 5 Dollar kriegt man hier gerade eine unbeheizte (im Sommer aber egal) Holzkabine auf einem Campingplatz (eigentlich 15 Bucks, aber wir sind ja zu dritt), aber Hauptsache günstig! Zwar muss man angeschimmelte Bäder und kochend heiße Duschen, die optisch auch an Duschen aus den 40er Jahren

...kann ja mal passieren, aber was dann????

erinnern, ebenso in Kauf nehmen wie einen Campingclub frisch aus dem Altenheim, aber solche Nebensächlichkeiten machen das Ganze nur noch unterhaltsamer.

Die Küche ist auch nicht der absolute Hit: es stinkt nach irgendeinem Insektentotmachspray oder -pulver, auf dem Flur und rings um das Hauptgebäude herum lässt sich ein fieser Geruch von WC-Steinen kaum ignorieren, Geschirr und Töpfe sucht man vergebens (oder die wenigen stinken nach dem Insektenmittelchen und wurden seit 1965 nicht mehr benutzt) und wer etwas gegen Muff und Staub hat, ist von vornherein fehl am Platz. Egal, der Campingplatz ist gut gefüllt, die Arthrose- und Rheumafreunde aus dem Club der längst Ergrauten genießen die unberührte Natur in ihren oftmals bedenklich verkehrsuntauglich anmutenden Freizeitbehausungen und das Dorf hat zumindest eine Einnahmenquelle mehr als den lokalen Pub,  der zur Zeit unserer Ankunft um 19 Uhr rappelvoll war, voller sogar, als es in Anbetracht der wenigen Häuser hätte möglich sein dürfen. Bei den Senioren geht es übrigens ähnlich wie beim Militär zu; die Veteranen des Campingvereins tragen stolz angesteckte Medallien an ihrer Brust, die es für 50, 100 oder 200 Campingtrips mit dem Club gibt...

...total verstaubte Matratzen treffen auf eine total versiffte Küche..., aber billig isses....

"The forgotten world"-Highway, so hieß unsere heutige Strecke ab Stratford an, und das zu Recht. Anfangs nocheher flach und durch landwirtschaftlich genutzte Gegenden führend, nahm die Nutzung nach und nach ab, die Strecke wurde hügeliger und hügeliger und außer ein paar Määääh-Tieren gesellte sich fast niemand mehr in unsere direkte Nähe. Hier und da blökte es, wir quälten uns über drei zunehmend schöner werdende "saddles" und kamen am Ende noch relativ zeitig am Ziel der insgesamt eher kurzen Etappe an. Viel weiter hätte es aber auch nicht mehr sein dürfen - der Berg von gestern steckt mir noch tief in den Knochen. Sabine machte auch nicht den fittesten Eindruck und Karl versteckte erfolgreich, dass ihm sein Fuß tierisch weh tut (oder es tun müsste). Vielleicht schmerzt er ja doch gar nicht, aber uns heute morgen beim Frühstück einen Blick unter seinen Socken gewährte, blieb uns das Essen quer im Hals stecken. Dick geschwollen, leicht ungesund gefärbt und angeblich "überhaupt kein Problem", so präsentierte uns Karl seinen optisch übel lädierten Huf. Wir rieten ihm zwar, zum Arzt zu gehen oder den armen Fuß zumindest abzutapen, er erwiderte jedoch, dass auch Aboriginals sich selbst offene Brüche durch mentale Kräfte wieder heilen können, bei ihm sowieso alles unheimlich schnell verheilen würde und er allerhöchstens etwas Salbe aus den Werken der verfluchten Schulmedizin gebrauchen könnte. Nun ja, wenn man jetzt glaubt, dass mentale Heilung möglich ist, dieses aber selbst nicht kann, wäre es dann nicht geschickt, auf das zurückzugreifen, was man vielleicht nicht gut findet, aber von dem man weiß, dass es auch nicht ganz schlecht ist, also die normale Medizin?? Komischerweise geht unser Schweizer auch optisch eher uneingeschränkt und auch seine Laune war durchaus prima, auch wenn ich ihn nach einer scherzhaften Wettkampfansage am dritten, längsten und steilsten "saddle" ordentlich versägte. Top in Form sind wir aber eigentlich alle, sonst wären wir wohl kaum gestern auf den bekackten Gipfel gekommen und hätten heute noch einmal 65 Kilometer draufgepackt.