"Stage" 6

Mount Taranaki

 wenige Kilometer; viele Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

"Das wird a Tag, den wirschte nischt vergässn", sagte Karl am frühen morgen an Sabine gewandet und traf den Nagel auf den Kopf - vor allem für mich war der 27.01 einfach nur fantastisch.

Gleich vorweg: "we knocked the bastard off" - so steht es zumindest auf unserer kleinen home-made Urkunde, die wir am Abend im "feierlichen" Kreis einer Minigrillparty im Hostel überreicht bekamen. John, er Hostelmanager, hatte wie fast jeden Abend ein paar Kumpels zu Besuch; einen Trucker, einen Gas-Wasser-Scheiße-Heini, der stark nach Hells Angels New Zealand aussah und noch 1-2 weitere Gestalten,

Blablablablablablablabla...

zu denen die Bierdose in der Hand einfach dazugehörte. "Wenn du mit deinen kein Bier trinkst, ist dass wahrscheinlich so, als würdest Du die Freundschaft aufkündigen", meinte Sabine, nachdem ich vehement ein Bier verweigerte und von einem Kahlgeschorenen dann doch noch eines zwangsverabreicht bekam. Gnädigerweise widmete Sabine sich meines Getränkes und schob eine ausgetrunkene Alibiflasche zu mir rüber - puh, noch einmal Schwein gehabt (und selbstgefangenen Fisch, den John auf dem Grill schmiss). Essen, Bier, Schuttle-Service bis zum Plateau auf 1100 Metern (Ausgangsbasis für die Besteigung von Stratford aus): alles im Preis von knapp 10 Euro inklusive. Als absolute Dreingabe gab es dann noch die Bergurkunden, ich behielt meinen Dreier"dorm" die ganze Zeit für mich (Sabine und Karl hingegen zahlten mehr für ihre Einzelzimmer) und Johns Frau brannte mir auch noch meine bisherigen Fotos auf CD, so dass ich wieder Speicherplatz ohne Ende habe: was könnte man mehr wollen?

Speicherplatz habe ich heute beim Auf- und Abstieg vom Berg auch ohne Ende verbraten - fast achtzig Fotos musste mein armer Apparat in den zehn Stunden auf Achse produzieren. Für Karl und Sabine war es nicht die

Der Hostelguy: unser Chauffeur zum Berg.

erste echte Bergbesteigung, für mich war es aber schon das "erste Mal" und somit etwas ganz Besonderes. Um sieben Uhr fuhren wir los, um 7:30 wanderten wir auf und davon und bis 10:30 sah es alles noch nach einem geruhsamen Aufstieg aus. Erst eine angenehme Wanderung durch eine tropisch anmutende Bergvegetation, dann eine lange Treppe am ersten Eisfeld vorbei und schließlich, etwa 1000 Meter unter dem Gipfel, das erste Geröllfeld. Wo es dann, gelinde gesagt, kritisch wurde. Kombiniert man 45 Grad Steigungen mit staubtrockenen Geröllfeldern und Fahrradschuhen, so ergibt dies eine keinesfalls zwangsweise positive Kombination. Bodenhaftung war kaum gegeben; machte man einen Schritt nach vorne, rutschte man wieder zwei den Berg hinab. Relativ bald war ich total frustriert und resigniert und schien zwar viel Staub aufzuwirbeln, so recht aber keinen Meter voran zu kommen. Die ersten paar Hundert Höhenmeter im Geröllfeld gingen zwar noch irgendwie und Sabine schien wesentlich weniger Probleme zu haben als Your Humble Narrator, aber irgendwann ging es einfach gar nicht mehr voran. Ungelogen war ich drauf und dran, alles hinzuschmeißen, als Karl sich meiner erbarmte und mich Schritt für Schritt den mittlerweile unheimlich steilen Abhang hinaufzutreiben. Mühsam trampelte er mit seinen offensichtlich marginal besser geeigneten

...etwas Nebel für etwas Herr der Ringe-Stimmung unterwegs...

Turnschuhen Stufe für Stufe in das lose Geröll, so dass wir langsam aber letzten Endes sicher einen Meter nach dem anderen vorankamen. Ich kann Karl nur unendlich dankbar sein, denn ohne seine Hilfe hätte ich wahrscheinlich aufgegeben. Sehr wahrscheinlich sogar, denn mit meinen Schuhen ging ab einem bestimmten Punkt gar nichts mehr. Auch um uns herum kämpften andere Touristen mit dem

Weit entfernt: der Mt. Ruapehu im Tongarion National Park

 Untergrund, niemand jedoch hoffnungsloser als ein neuseeländischer Teenie im "kritischen Alter". Papi war von Sohnemanns Herumgehampel  auch wenig begeistert, aber allein vom Equipment her war die Ausgangslage total hoffnungslos (Skaterschuhe, überhaupt kein Profil, Schuhe nicht zugeschnürt). Sohnemann rutschte ein ums andere Mal meterweit auf dem Bauch den Berg hinab, auch Karl konnte den uneinsichtigen Bengel nicht davon überzeugen, sich zumindest die Schuhe zuzuschnüren und insgesamt war der bestimmt mit anderen Vorstellungen angereiste Vater wenig angetan. Insgesamt waren eh nicht alle Gruppen am Berg das, was man harmonisch nennen dürfte; der Vater quälte sich mit seinem Sohn, ein Kanadier musste alle 5 Meter auf seine wenig begeisterte Frau einreden (wahrscheinlich à la "wir haben gesagt, wir machen den Berg hier und gehen dafür morgen auch...") und auch meine beiden Mitreisenden sorgten im später folgenden Abstieg für stetig absinkende Stimmung.

Nebelverhangens Zwischensegment... ...an einem prinzipiell superschönen Tag.
Vor der Kletterei ging es durchs Grünzeug... ...auf den noch unerreichbar weit scheinenden Gipfel zu.

Ich selbst war dabei in unserer "Dreierbeziehung" in der nicht ganz uninteressanten Position, von beiden "informiert" zu werden, wo den das Problem liegt und dürfte auch der einzige sein, der weiß, was der eine wirklich über den anderen denkt. Oder vorgibt, zu denken. Für den/die einen/eine von den beiden ist der/die andere ziemlich planlos, ziellos und macht alles brav wie ein Wauwau mit, für den/die anderen/andere sieht es so aus, dass eigene Wünsche stets zurückgesteckt werden müssen, um die Stimmung nicht noch weiter zu gefährden. Was der/die eine also als konstante und konsequente Indifferenz auslegt, nimmt der/die andere als "beziehungserhaltende" (im Sinne einer Reisegemeinschaft, um jegliche Missverständnisse auszuschließen) Defensivhaltung gegenüber eine "chronisch miesgelaunten Person" wahr. Richtig lustig kommt dann noch hinzu, dass Person mit der von außen als indifferent identifizierten Haltung zu mir sagt, dass er/sie "die Schnauze voll habe und ab morgen die Tour alleine fortsetzten möchte", die andere Person auch eigentlich gerne alleine in Neuseeland reisen wollte und jetzt "kein Ende" in der Folgschaft des Indifferenten sieht und am Abend doch wieder beide prima miteinander auszukommen scheinen. Und natürlich auch morgen zusammen weiterreisen werden. Auch mit mir - unsere geplante Routen sind identisch und etwas Gesellschaft ist immer klasse, vor allem, da ich mit den beiden ziemlich  gut "kann".

Nicht gut können konnte ich heute aber auch relativ weit oben am Berg, nach zuvor beschriebenem Schotterfeld (nach stundenlanger Schweizer Hilfe gemeistert) und dort, wo das richtige Klettern begann. Steigeisen oder ähnliches Equipment brauchte man zwar nicht, dafür aber große Selbstüberwindung um sich auf den 45 Grad-Schrägen von Stein zu Stein zu ziehen. Nur selten konnte man noch richtig gehen und oft waren die Schritte auf den nächsthöheren Gesteinsbrocken so groß, dass nur noch vehementer Armeinsatz half. Darüber nachdenken durfte man nicht allzu viel, 45 Grad Schräglage sowieso, kantige Steine, über die man sich gen Gipfel robbt, unter einem die Wolken und ein fast freier Blick auf die letzten 1000 Höhenmeter! Irgendwann, keine einhundert Höhenmeter vom herbeigesehnten Gipfel entfernt, dachte ich dann zu viel nach, schaute mich um, blickte zur Seite und stellte mit Schrecken fest, wo ich mittlerweile wirklich angelangt war. Im Moment lese ich Stephen Kings "The Stand" auf englisch ("Das letzte Gefecht" auf deutsch) und konnte mich dort oben am Berg noch gut an das Verb "to go thang" erinnern, dass Stephen in einem der vorderen Kapitel benutzte. Keine Ahnung, ob es das Wort auch im allgemeinen Sprachgebrauch gibt - dann hätte Stephen es allerdings kaum erklärt - aber "to go thang" ist, wenn ein Tier im Angesicht einer heranrauschenden Gefahr erstarrt, beispielsweise im todbringenden Scheinwerferlicht eines heranrauschenden LKWs. Genauso ging es mir plötzlich hoch droben:

Steep enough for you?

ein wahrer Panikschub überkam mich, den ich so noch niemals erlebt hatte (nicht einmal vor Französischklausuren am Gymnasium, auch wenn ich dort zu Recht Angst hatte)! Ich krallte mich am Stein fest und wünschte mir nur noch: "runter vom Berg, es geht nicht mehr!". Auslöser der Panikattacke war ein besonders tückisches und steiles Streckensegment, an dem ich einfach nicht mehr wusste, wie ich die nächste "Stufe" erklimmen sollte. Ich suchte nach dem nächsten Schritt, blickte ein wenig umher, mir wurde schwindelig, ich blickte hinter mich zurück, hatte das Gefühl, jegliches Gleichgewicht zu verlieren und ließ mich nur noch gegen den Stein sacken. Vielleicht ein oder zwei Minuten dauerte meine Starre an, dann beschloss ich, es auch noch bis zum Gipfel zu versuchen. Würde ich den Stein hinaufkommen, wenn er alleine auf einem Parkplatz vor Lidl liegen würde? Klar. Was für eine Rolle spielte es dann, in 2200 Metern vor diesem Stein zu stehen? Keine? Fast, und mit dieser Einstellung schaffte ich es dann auch tatsächlich auf den Gipfel. Das große Ganze stets ausgeblendet, jeder Schritt und Tritt für sich und viel Ruhe und Zeit, so ging es. Und runter müsste es genauso gehen: 1-2 Stunden 45 Grad abwärts mit einem weiten Blick nach unten über lose Steine, große Brocken und fieses Geröll? Keine Chance! Von einem Stein zum nächsten, als lägen sie lediglich auf einem kleinen Haufen im Garten? Kein Problem. Das Kunststück im Garten 1354 Mal am Stück? Eigentlich  auch kein Problem!

Oben am Gipfel angekommen fühlte man sich dann einfach nur noch fantastisch. Der Krater des Vulkans war komplett mit Schnee gefüllt, die Aussicht dank vieler Wolken eher wie aus dem Flugzeug und die Pause wohlverdient. Zig Fotos wurden verballert, es wurde sich gegenseitig gratuliert und nach etwa einer Stunde stand der Abstieg auf der Agenda. Meine Knie schmerzten zwar relativ schnell fürchterlich und das Herabgerutsche im späteren Schotterfeld ab etwa 2000 Metern war auch nur mit abgetapten Sprunggelenken ratsam (Karl holte sich gleich eine nette Bänderdehnung und meinte auch noch, dass er heute drei Mal umgeknickt wäre), aber nach insgesamt etwa zehn Stunden hatten wir endlich wieder das Plateau erreicht, von wo aus der Gipfel schon wieder so immens mächtig und unerreichbar aussah, dass das Geschaffte zumindest für mich als absoluten Bergnovizen unbeschreiblich erschien.

Karl, unser Bergveteran... ...ohne den Novizen wie ich nie auf den Berg gekommen wären. Die Aussicht ist die Mühen aber zig Mal wert!
Fast am Gipfel angekommen... ...durch Schnee stapfend (und jetzt noch ein paar Schritte zurück, ja, bitte, noch ein bisschen....)

Unten angekommen harmonierten Sabine und Karl allerdings nicht mehr wirklich gut; Karl wollte auf ein Bier in die noch vier Kilometer bergabwärts gelegene Bergkneipe (betrieben von einer verwitweten Schweizerin, von der er schon am Radio gehört hatte, auch redete er oft davon, dass nächste mal zum "Honeymoon" nach Neuseeland zu reisen...) , Sabine wollte nur noch zum Hostel zurück und ich hielt mich relativ aus der ganzen Diskussion heraus, die eigentlich auch mehr aus gegenseitigem Anschweigen bestand. Wenn Blicke töten könnten... (dürfte ich morgen alleine weiterradeln und es gäbe 62 Bergopfer...).

Ich hatte zwar genauso wie Sabine überhaupt keinen Bock, noch vier Kilometer bis zum Gasthaus zu latschen, andererseits war eine Bergtour ganz ohne würdigen Abschluss auch eine miese Kiste. Ziemlich angepisst zischte Sabine dann nach Minuten des spannungsgeladenen Schweigens ab - zu Fuß in Richtung Gasthaus. Karl blieb verdutzt zurück und gesellte sich zu mir in den Schatten - so schnell würde ich nicht aufstehen und weiterlatschen, ganz egal, was die beiden vorhatten - und erzählte mir dann noch von seinen Problemen mit den Frauen, die allesamt etwas komisch zu sein scheinen und das er ab morgen wieder alleine reisen wolle - "genug sei genug", denn solcherlei Streitereien hätte es in den letzten zwei Wochen zu Haufe gegeben. "Blablabla" dachte ich mir nur, und sollte...

Fantastischer Blick über die Wolken... ...auch vom zugeschneiten Krater des Vulkans aus...
...zu dem die letzte halbe Stunde jedoch verdammt steil war... ...was aber auch erst dann ein echtes Problem wurde, als es wieder hinabging...
Der Gipfel...  
Oben links: freier Blick 1500 Meter hinab (und jetzt bitte von Stein zu Stein...), rechts daneben: ich beim Abstieg, schon etwas unterhalb der absoluten "Danger Zone" und links der Abschied vom Berg, nachdem wir wieder fast am Plateau waren. Alle drei, kein Todesopfer Nummer 61, 62 oder 63 heute!