Stage 5
New Plymouth - Stratford
 43,72 Kilometer; 2:25:26 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Coole Musik dröhnt aus dem antiquierten Radio auf dem Flur in mein Zimmer des Hostels in Stratford, es ist 22:07 und allerhöchste Zeit, ins Bett zu gehen. Und alles scheint genial...

Sowieso, wieso gibt es hier eigentlich so exzellente Radiosenden? Bruce Springsteen, Creed, Queen - ein extrem unterhaltsamer Mischmasch aus altem und leicht angestaubtem Rock, ganz ohne Werbung und Herumgefasel. Extraklasse. Daheim in Oldenburg ist die Radiolandschaft zwar durch Radio 21 extrem bereichert worden, aber nerviges Frühstücksradio und etwas mehr Werbung als wünschenswert gibt es halt auch. Genauso exzellent wie das Radioprogramm ist auch das Hostel - ich habe einmal wieder ein Dreierzimmer für mich allein, die Übernachtung kostet keine zehn Euro und der Laden wird von einem richtig 

Springsteen, Creed, AC/DC: nur Gutes dröhnte aus diesem etwas bejährten Radio im Hostel...

urigen Kiwi betrieben - heute Nachmittag ging er erst einmal mit seinem Sohn fischen, er selbst sieht aus wie ein Haudraufknabe aus einer dritten oder vierten Reihe einer insgesamt physisch veranlagten Eishockeymannschaft und nette Gesellschaft habe ich auch noch  gefunden. Sabine und Karl (ab jetzt also mit Namen), die beiden Radler vom Vortag, waren gestern noch bis nach Stratford gekommen und hatten am Ende der langen Etappe gleich für drei Tage eingecheckt. Auch klasse ist, dass die beiden mit ihrer Wanderung bis morgen warten, so dass ich mich noch spontan anschließen konnte. Prinzipiell sollte es zwar morgen meiner ursprünglichen Planung nach weiter auf dem "Lost World Highway" gen Osten gehen, prinzipiell sollte man aber auch dem Mt. Taranaki nicht den Rücken

Kiosk des Hostels...sehr einladend...

 zukehren, wenn es warm und trocken ist. Warm mag es hier zwar manchmal sein, mit mehr als 5000 mm Regen pro Quadratmeter und Jahr ist es jedoch niemals trocken. "If you can see the mountain it is about to rain and if you cannot it is already raining" steht zu der Gegend in meinem Reiseführer...

Gestern meinten die beiden noch, dass sie nur ein wenig im Egmont National Park wandern wollten - ohne richtige Wanderschuhe wäre eine Besteigung des Gipfels wohl wenig sinnvoll - heute sah es schon anders aus: morgen steht eben jener Gipfel auf 2518 Metern auf dem Programm!

Wanderschuhe oder einen Rucksack für den Proviant habe ich  zwar auch nicht, meine Radschuhe mit abgeschraubten Klicks werden  nun  aber als Wanderschuhe dienen (müssen). Meine Sprunggelenke werden, wie es der Hostelboss empfahl, ein wenig abgetaped (gerade läuft "Thunder" von AC/DC am Radio, nett) und einen Rucksack hat mir der Sohn des Hostelbetreibers geliehen - seinen alten Schulrucksack. Die Hälfte des Proviants wird mir zwar durch die vielen Löcher und Risse wieder herausfallen, auf eine Nähstunde zu nachtschlafender Zeit habe ich jedoch gar keinen Bock mehr.

Ob der Gipfle mit unserer "Ausrüstung" wirklich eine gute Idee ist, weiß ich nicht. Der Gedanke ist aber auf hundertprozentig faszinierend, die Herausforderung sowieso. Bis auf etwa 1100 Meter wird uns der Hostelboss morgen um sieben Uhr in der Früh hinauffahren, dann liegen etwa sechs Stunden Fußmarsch und 1400 Höhenmeter vor uns. Im Internet las ich noch, dass bereits mehr als sechzig Wanderer den Berg nicht mehr verlassen haben (nein, oben gibt es keine Stadt), ob es ab morgen 61, 62 oder 63 sind, wird das Tagebuch verraten. Oder auch nicht mehr, falls ich selbst den schnellen Weg nach unten wähle...

Karl ist übrigens von Beruf Schreiner, versucht auch angeblich erfolgreich bei der Arbeit in der Schweiz eine neuseeländisch-lockere Einstellung zu behalten, hat noch nie eine längere Radtour gemacht (formuliert dafür aber Weisheiten wie "man soll auch nicht jeden Tag radeln, da man sonst sich selbst vorauseilt") und ist von uns der einzige mit Bergerfahrung. Irgendwie mag das Reisekombo einer gerade fertigen Studentin unterwegs mit einem nicht gerade gleichaltrigen Schreiner zwar auf den ersten Blick komisch erscheinen, aber hier in Neuseeland wundert mich gar nichts mehr. Wer weiß, vielleicht werde ich auf der Resttour auch noch mit den beiden weiterfahren, da unsere geplanten Routen nicht ganz unähnlich sind. Sabine selbst ist ganz nebenbei schon eine alte Radelveteranin, ganz im Gegensatz zum Novizen aus der Schweiz,  und seit dreizehn Jahren mit dem Rad unterwegs (urlaubsmäßig). Vor drei

Nur in Stratford: New Zealand`s only Glockenspiel! Mich hat es nicht wirklich interessiert...

 Jahren gefiel ihr jedoch die neuseeländische Ostküste wesentlich mehr als die Westküste, die jetzt auf dem Programm steht. Mag sein, muss ich rausfinden. Andererseits haben ihr auch früher die ganzen kleinen Käffer gefallen, von denen sie heute meint, dass es ja eigentlich überall der selbe, kulturlose Mist ist. Amüsant sind dann auch Diskussionen zwischen ihr und Karl; sie ein wenig angesäuert darüber, dass hier jede der austauschbaren Bruchbudenstädte gleich ein eigenes Museum haben muss und alles über 50 als Antiquität gilt, er fest davon überzeugt, dass die Menschen hier sogar noch wesentlich "kultureller" als bei uns daheim sind - ausgehend von einem Geschichtsverständnis, nachdem derjenige kulturell interessiert ist, der sich mit der Vergangenheit beschäftigt. Hierbei ist es dann aber prinzipiell vollkommen egal, wie lange die Vergangenheit her ist. Die beiden (Streithähne) sind auf jeden Fall eine Bereicherung für meine Tour, so viel steht schon jetzt außer Frage.

Tour? Ja genau, eigentlich ist das hier ja ein Radtourtagebuch. Nun, zum Radeln heute: nicht viel weit, doch viel hoch und viel doof Wind: so macht es auf dem Rad gar keinen Spaß und ich bin erst einmal dankbar, morgen einen Tag die Pedale unangetastet zu lassen. Der Tag begann zwar recht gut mit einer schnellen Reparatur an meiner Gangschaltung, danach ging jedoch gar nichts mehr schnell, außer dem heftigen Verkehr, der dichtgedrängt an mir vorbei gen Süden preschte. 468 Höhenmeter auf 40 Kilometern waren auch nicht

Karl mit dem Karlstrunk

unbedingt spaßig. Abfahrten gab es fast gar keine und zu sehen auch nicht viel. Folglich machte ich viel zu viele langweilige Pausen, kroch mit 15-17

Meeting of the waters scenic reserve

 durch die eher dröge Landschaft und war "durch" als ich Mittags in Stratford eintrudelte, wo jede Straße nach einem Charakter aus Shakespeares Werken benannt ist (ich wohne "Romeo Street"). Einzig nett war eine kleine Grünoase entlang des Highways Nr. 3 (Meeting of the Waters Sceninc Reserve), die ich für ein paar Fotos und die erste Pause nach nur erbärmlichen sechs Kilometern nutzte.

Wirklich unterhaltsam ist auch noch die Geschichte von Karl und der Technik, denn mit allem, was modern ist, hat er wenig am Hut. MP3: sagt ihm nichts, zu Hause hätte er noch 5-6 ungeöffnete CDs, die ihm irgendwann einmal von netten Menschen geschenkt worden wären, die vergessen hatten, dass er keinen CD-Spieler besitzt. seinen einzigen Computer, einen Dinosaurier aus dem Jahre 93, hatte er eines Tages zertrümmert, als beim Versuch der Dateneingabe auch der vierte Versuch scheiterte. "Draufgehauen und in die Ecke geschmissen", dass hätte er getan! Wie er jetzt an die Fotos seiner Digitalkamera kommen wird - 1024 MB Speicher trägt er bei sich und sollte somit im Urlaub kaum Probleme bekommen - weiß er auch noch nicht, sagt er nur lachend...

Sorgfältige Vorbereitung der "Wanderschuhe" am Abend.