Stage 4
Hawera - New Plymouth
  135,28 Kilometer;  4:40:02 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Grummel, ca. 7:40 Uhr...

Früh aufstehen, 130 Kilometer fahren, Berg sehen: PLAN.

Früh aufstehen, spät mit 130 Kilometern beginnen, Berg nicht sehen, stattdessen aber feiner Nieselregen und etwas Nebel. Soll ich nach wie vor die weitere Strecke in Bergnähe fahren, wenn es sowieso vorerst nur bewölkt ist? Vor der Abfahrt muss es trocken sein, sowieso, aber wann wird das passieren? Der Himmel sieht momentan nach 24 Stunden Regen aus.

Etwas seltsam auch ein Traum in der letzte Nacht: ich war zu Hause bei meinen Eltern in Osnabrück, ganz oben in unserem Treppenhaus, ebenfalls dort war ein kleines Schwein (das Tier, nicht mein Bruder, Herbert oder sonstwer) und störte mich. Etwas gleichgültig schubste ich es deshalb eine halbe Etage tiefer das Treppenhaus hinunter, wodurch unsere Katze Gina auf das kleine Schweinchen aufmerksam wurde. Zwei andere Katzen tauchten auch plötzlich auf - was gar nicht einmal so unrealistisch ist, da die Katzen der Nachbarschaft Ginas Katzenklappe auch kennen und wissen, wo im Haus das Futter steht - und alle Drei fingen an, dass arme Schweinchen auseinanderzunehmen, wobei der Traumdirektor verdammt viel Theaterblut verbrauchte. Plötzlich tat mir das Schwein Leid und ich wollte die Katzen - auch wenn es natürlich dafür schon zu spät war - verscheuchen, trieb sie ins Erdgeschoss hinunter und blieb erstarrt stehen, da ich durch das Fenster in den Garten hinaus eine riesige Hundemeute sehen konnte, die langsam und bedrohlich um unser Haus trottete. Strange...

 

Zweiter Eintrag, am Abend, viele Kilometer später und in New Plymouth angekommen...

Hier sitze ich einmal wieder in einem traumhaft genialen Backpacker-Laden, schaue noch etwas von den Aussie Open am Fernseher und beglückwünsche mich für den exzellenten Tag.

Am Anfang sah alles nicht so gut aus (jetzt beim Schreiben erscheint es fast irreal, dass der Anfang der Etappe wirklich heute, am selben Tag, war), es regnete ein wenig, ich legte mich noch bis halb neun ins Bett zurück und brach dann in die deprimierend graugraue Suppe am Firmament auf. Nach und nach brach der wolkenverhangene Himmel jedoch auf, mehr und mehr vom Mount Taranaki kam in Sicht und mein Radlerherz machte förmlich einen Freudensprung, als ich gegen elf Uhr erstmals richtig in der Sonne radelte.

Es sollte sich auch auszahlen, die wesentlich näher am Mt. Taranaki verlaufende Eltham Road dem Küstenhighway vorgezogen zu haben. Extradistanz hin oder her. Der Anblick des Berges war ein Genuss, wenn  auch nicht von ewiger Dauer. Nur bis Mittags gab es den ganzen Berg zusehen, danach in guten Momenten die Bergspitze über dem wolkenverhangenen Klotz oder gar nichts, bis dann gegen Abend hin der Berg wieder wolkenfrei wurde und mir spektakuläre Aussichten geschenkt wurden. Hätte ich die weiter vom Berg wegverlaufende Küstenstraße gewählt, wäre kaum etwas vom Berg vernünftig zu sehen gewesen (bis abends), die Wahl der Eltham Road war also vortrefflich und brachte auch nicht entscheidend mehr Höhenmeter ein.

Witzig war es auch, als in einem der kleinen, ausgestorbenen Nester entlang der Eltham Road ein total verrosteter Kleinwagen anhielt. Quer über die Straße brüllte der vielleicht 40jährige Fahrer, dem ein Besuch beim Friseur nicht schaden würde, "now is that ever an overseas cyclist if I have ever seen one" - wir schnackten daraufhin ein wenig, ich lies einen entgeisterten Blick durch das chaotische Wageninnere schweifen (Rückbanksitze losgerissen, überall Schrott und Papierfitzel) und er erzählte mir, dass er auch schon mit dem Rad durch ganz Europa gefahren ist; über den Brenner, durch Rumänien und so weiter.

Weiter ging es dann bis Opunake (Foto rechts) an der Küste, wo ich erst im verschlafenen Supermarkt einkaufen ging und dann gemütlich am Strand Pause machte. Überraschend wenig war dort allerdings los - was wohl kaum am perfekten Wetter mit 24 Grad im Schatten liegen kann, wohl aber daran, dass in dieser Region prinzipiell niemand wohnt und Neuseeländer auch größtenteils nicht mehr sonderlich gerne in die pralle Sonne gehen. Die meisten Kinder badeten mit T-Shirt oder Neoprenanzug, bis auf ein paar ultracoole Surfer hatte jeder einen Gut auf und insgesamt hielt man sich lieber im Schatten als direkt in der Sonne auf - die wenigen Sonnenanbeter dürften mit ziemlicher Wahrscheinlichkeit europäische Touristen gewesen sein. Mit der zweithöchsten Hautkrebsrate auf diesem Planeten unter Umständen auch kein Wunder - nur Australier sterben noch häufiger an Hautkrebs als Neuseeländer, da sie mit durchschnittlich besserem Wetter belohnt werden und mehr Strahlung aufnehmen müssen, als die ständig verregneten Neuseeländer. Auch ich cremte mich heute mehrfach mit Sonnenschutzfaktor 30 ein und bekam trotzdem noch gut aufs Fell gebraten.

...Impressionen entlang der Strecke: witzige Briefkästen und wenig dezent werbende Schlachtereien...

Gut aufs Fell gebraten hatte es auch einer Studentin aus Deutschland, die weiter im Norden in einem Hostel einen doppelt so alten Schweizer getroffen hat und nun erst einmal mit ihm zusammen durch die Gegend radelt. Der Schweizer war auch einer der so typischen Neuseelandtouristen, die allesamt losgelöst von zeitlichen Zwängen am relaxten anderen Ende der Welt "abhängen". In fast jedem Hostel sind junge Leute mit Work&Travel-Visum unterwegs oder am jobben und dieser Schweizer hatte eine Woche lang in einem Hostel einige Tische geschreinert (wohl eher schwarz und ohne Arbeitsvisum, die gibt es nur bis dreißig) um etwas

Am Abend endlich ganz zu sehen: der Mt. Taranaki!

 Geld zu verdienen bzw. umsonst zu wohnen. Nicht viel anders die Studentin (mein Gefühl sagt mir, dass ich die Namen der beiden ausnahmsweise nicht innerhalb kürzester Zeit vergessen habe, wie man es von mir so gewohnt ist, sondern sie gar nicht erst erfragte, deshalb vorerst "Studentin" und "Schweizer"), die nach Abschluss ihres Studiums noch für drei Monate ihre Sachen gepackt hat. Ich selbst passe mit meinen aus akademischer Sicht nicht wirklich notwendigen Auslandssemestern bestens ins Bild dieses  unheimlich gastfreundlichem und günstigem Land am anderen Ende unserer Welt. In vielen Belangen ist Neuseeland einfach unheimlich "cool", um es "hip" auszudrücken: auf dem Land lässt man vor dem Supermarkt gerne mal das Rad mit Gepäck stehen, in Hostels sowieso seine Sachen liegen und in meinem heutigen Hostel gibt es dann auch noch ein kostenloses Telefon mit freiwilliger Spendenbox für die Gäste, was auch nur so lange funktioniert, wie die Gäste die Betreiber nicht verarschen. Es scheint aber zu funktionieren...

Naja, die beiden wollten heute noch bis nach Stratford - meinem morgigen Ziel - und hatten zum Zeitpunkt unseres Treffens noch siebzig lange Kilometer vor sich. Für mich waren es bis nach New Plymouth von unserem Treffpunkt aus auch noch 65 Kilometer, zumindest mit meinem 10 km-Abstecher zum Mt. Egmont Lighthouse. Vielleicht treffe ich die beiden morgen wieder - bei gutem Wetter wollen sie auf den Berg rauf - denn auch ich werde in Stratford im gleichen Hostel wie de beiden einkehren. Nicht, dass es groß Auswahl gäbe...

Nach meinem lohnenden Abstecher an die Steinküste beim Mt. Egmont Lighthouse hatte ich auch zum ersten Mal überhaupt richtigen Rückenwind und bekam gleich einen ganzen Sack voller neuer Leben eingehaucht. Waren die Beine doch vorher bleischwer, radelte es sich urplötzlich mit dreißig oder sogar noch mehr Kilometern pro Stunde richtig komfortabel. Sprunghaft explodierte auch meine Durchschnittsgeschwindigkeit von etwa 20 auf 22 km/h - ein wenig verlor ich dann auf den Hügeln vor New Plymouth - und ich fühlte mich nach 135 Kilometern ironischerweise fitter als am frühen Morgen, als ich stocksteif wie ein ungeölter Roboter aus dem Bett kraxelte.

Unglaublicherweise war jene namenlose Studentin von der Landschaft an der Westküste ziemlich enttäuscht - "kommt mir manchmal vor wie das Emsland" - so dass ich mir gar nicht erst vorstellen kann, wie es wohl an der schon von ihr bereisten und als gut befundenen Ostküste aussehen mag. Eines Tages werde ich es erfahren und hoffentlich auch erradeln... Auch war sie teilweise tierisch vom Verkehr genervt, besonders in der näheren Umgebung von Auckland, aber ich kann mir kaum vorstellen, dass es dort fieser als auf der Europastraße in Rumänien zugeht. Mir kam es heute eher wie "ein Auto alle fünf Minuten" vor, dazu breite Randstreifen und stets ordentlicher Asphalt. Nur die letzten zehn Kilometer vor New Plymouth scheint irgendein Türke gebaut zu haben: wie schon im vergangenen Sommer im Türkenland hatte sich der Asphalt vom Sonnenschein schön aufweichen lassen und klebte unangenehm an den Pneus.

Morgen geht es hoffentlich auch wieder relativ früh los. Ich muss jedoch unbedingt noch zu einem Fahrradgeschäft (praktischerweise nur zwei Blocks entfernt, weniger praktischerweise ohne Öffnungszeiten im Schaufenster), da meine Schaltung nicht mehr richtig funktioniert und ich in die untersten neun Gänge kaum mehr hineinschalten kann. Auf den bevorstehenden Hügeletappen dieser Tour wäre dies bestimmt als "wenig spaßig" einzustufen...

...lustige Verkehrsschilder gegen die Raserei. Blick auf das Cape Egmont Lighthouse und den wolkenvergangenen Mt. Taranaki.
Oben links: Küstenstreifen nahe New Plymouth in den Abendstunden, oben rechts Straßenverlauf nahe der Kaitake Range etwa 30 Kilometer vor New Plymouth und links Blick aufs Meer hinaus aus New P.