Stage 2
Otaki - Wanganui
  123,34 Kilometer;   5:33:23 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

"Stell Dir vor Du bist im Arsch und es sind noch noch 50" - 50 Kilometer lagen noch vor mir, als ich gegen zwölf Uhr in Sanson auf mein Huhn mit Gemüse und Cashews wartete. Ein Mahl, dass mich im Nachhinein davon überzeugte, demnächst wieder auf gewohnten Fraß von Subway oder McDonalds zurückzugreifen. Der 

...ein großer Haufen Hühnerdreck, 11 Dollar...

Geschmack des eher suspekten Fleisches in der nach Nichts schmeckenden Soße werde ich so schnell nicht wieder los (in der Tat nicht, auch jetzt, beim Abtippen des Tagebuches, habe ich das Zeug wieder auf der Zunge; typischer Fall eines Take-Away-Chinesen-Traumas)...

50 Kilometer - jene Distanz, die ich heute früh in etwa drei Stunden mit einer Fahrtgeschwindigkeit von 24.9 im Schnitt abspulte, fehlten mir noch bis zum Muss-Ziel "Wanganui", vor dem kein weiteres Hostel auf meiner Strecke liegen würde. Und da ich wenig Lust verspürte, fünfzig oder mehr Dollar (auch neuseeländische) für ein Motel ohne eigene Küche auszugeben, wenn in Wanganui ein Hostel für zwanzig Dollar auf mich wartet, hieß es nur "Augen zu und durch". 

Schon in Sanson zogen die Oberschenkel gut, auf den letzten Kilometern ging dann gar nichts mehrund ich kam mir vor wie der Hase, der früher in der TV-Werbung von Duracell immer vom topfidelen Duracell-Hasen in Grund und Boden getrommelt wurde. Total deklassiert. Pausen nach 78, 83, 90, 97, 103 und 119 Kilometern waren nötig, um mich kräftemäßig immer wieder neu zu mobiliseren. "Erst 25 im Schnitt und dann platt - selber Schuld!", könnte man denken, aber so war es heute

Flott am Morgen, dann mit Sorgen...

 nicht. In der Früh - ich brach bereits um 7:50 auf - herrschte absolute Windstille, die Sonne versteckte sich hinter freundlichen Wolken und die Strecke durch langweilige Farmlandschaften war überwiegend flach wie in Ostfriesland. Am Nachmittag dann ein neues Spiel: Gegenwind, fast dreißig Grad in der Sonne, Hügel: kein Wunder, dass nichts mehr ging, aber ein Wunder, als ich endlich total platt am Ziel ankam. Zu platt mich zu freuen, zu matt noch  zum Aussichtsturm von Wanganui hochzulatschen, von dem man aus laut der Dame des Hostels einen super Blick auf das kleine Nest am Wanganui River hat. Ich wollte nur noch zum Supermarkt, ins Bett, den Schmerz zum Ziehen abklingen lassen und hoffen, dass es morgen besser gehen wird. 92 Kilometer lautet der Plan für die morgige Etappe, 92 wahrscheinlich alles andere als flache Kilometer aber damit auch hoffentlich landschaftlicher interessanter als heute. Der Wetterbericht verspricht auch Gegenwind - alle Radelgötter stehen mir hoffentlich zu Seite (und treten ein bisschen mit)!

Auch Rege gab es den ganzen Tag einmal wieder nicht - an einer Tankstelle meinte man zu mir, dass ich nicht so erschöpft dreinblicken solle, dies sei schließlich der Sommer, auf den man ewig gewartet hätte. Rein interessenhalber betrachtete ich abends im Internet noch die Klimadaten vom Dezember - je nach Ort lagen die Temperaturen zwischen zwei und vier Grad unter Normal - der Dezember war der kälteste Dezember seit 1945 und der Viertkälteste seitdem man die Messungen in der Mitte des 19. Jahrhunderts begann. Laut Wetterbericht könnte es nun aber auch noch die nächsten drei Tage trocken bleiben - wäre doch fantastisch, oder?

Abgesehen von meinem unbarmherzigen Kampf mit der Strecke passierte heute jedoch den ganzen Tag über nicht viel. Nur ein scheiß Huhn halt. Von der Küste gab es leider fast gar nichts zu sehen, da meine Strecke stets fünf bis zehn Kilometer parallel zum Ufer verlief und mich lediglich sporadische "sonstwo Beach turn left"-Schilder an die theoretische Präsenz interessanter Regionen erinnerten. Lustig waren nur Geschwindigkeitsreduktionen vor uneinsichtigen oder gefährlichen Kurven auf dem State Highway: statt den normalen 100 km/h erlaubten die

Geisterstadt Wanganui: Captain Trips im Anmarsch?

 Warnschilder lediglich 95 km/h. Na dann...

Wanganui war übrigens auch eine höchst suspekte Stadt: alles bis aufs Feinste herausgeputzt erinnerte die

 Innenstadt eher an die Filmkulisse der Truman Show als an eine echte Stadt, in der auch einmal jemand ein Taschentuch fallen lässt oder ein Kaugummi auf die Straße rotzt. Fast alle Geschäfte waren eine Geisterstadt gleich geschlossen und überhaupt keine Fußgänger waren weit und breit auszumachen. Auch in meinem Hostel ein ähnliches Bild, habe ich doch ein 4er Zimmer ganz für mich allein. Ein paar Gäste wuseln zwar noch im Wohnzimmer umher, aber man könnte fast meinen, dass wir im Hostel von den Evakuierungsteams einfach nur vergessen wurden. Passenderweise lese ich auch gerade "The Stand" (bzw. "Das letzte Gefecht") von Stephen King, in dem auch fast die ganze Bevölkerung von einem mysteriösen Virus dahingerafft wird...

...günstig Pause machen... ...teuer Pause machen...
Wanganui mit dem Wanganui Tower, auf den mich aber Nichts mehr trieb. Früh am morgen: 50 Kilometer das Ostfriesland Neuseelands...