Stage 15
Lake Wairapapa - Wellington
 77,08 Kilometer;   3:48:08 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com  

7:15, vorm Schuppen: gemütlich sitze ich auf einem halb verstaubten, halb verrosteten Stuhl, den ich mir aus dem muffigen Schuppen geschleppt habe, um im Sonnenaufgang das Vorwort zur letzten Etappe zu schreiben. Keine Wolke ist am Himmel zu sehen, Vögel und Kühe erwachen rings um unsere Bruchbude herum zum Leben und wenn Karl sich nicht noch unbedingt einen Kaffee kochen müsste, wären wir schon längst unterwegs.

Der Aufwand ohne einen elektrisch betriebene Wasserkocher ist recht groß und dürfte für so einiges an Verzögerung sorgen, mit der es sich aber angenehm leben lässt. Morgens nach dem Aufwachen einen Kaffee, unterwegs und am Ziel Wasser und stetig zunehmende Mengen Bier (wie meinte Sabine noch? "Wenn der so weitermacht, wird der hier noch zum Spritter..") sowie den obligatorischen Kaffee zum Einschlafen. Doch Obacht: keiner von uns ist ohne Macken auf die Welt gekommen...

Auch nicht wirklich erholsam war die heutige Nachtruhe auf dem Holzfußboden des Schuppens: wie schon in Ohinepake wäre eine Isomatte Gold wert gewesen, aber zumindest habe ich so keine Sekunde des Sonnenaufgangs verpasst, den Mond langsam über den Himmel ziehen sehen und ab und zu die eine oder andere Minute Schlaf gesammelt, bis der Rücken wieder weh tat.

Zünftig dürfte es heute auch auf der Piste zur Sache gehen: 10 Kilometer bis Featherston, dann den vielleicht schwierigsten Anstieg der Tour bis nach Upper Hut und von dort aus 50 Kilometer Schnellstraße durch die Stadt in die Stadt - schön wird es bestimmt kaum noch - schön war es dafür aber auch schon genug...

Wenngleich auch kein Ort Neuseelands es mit fantastischen Orten wie dem Yosemite Valley (abzüglich der Touristenmassen) aufnehmen kann, ist mein erstes Resumé jedoch von einer vielleicht nicht euphorischen aber doch beeindruckten Begeisterung gezeichnet. Viel Land, wenig Leute und die zumeist auch noch nett. Häuser werden nicht immer abgeschlossen, Fahrzeuge mit steckendem Schlüssel stehen gelassen, Touristen nicht als Geldsäcke auf zwei Beinen betrachtet - es sei denn, sie stammen aus Asien. Das Geld der Asiaten schröpft der Neuseeländer gerne - der Macker aus Korea mit seiner "Neuseeland in sechs Tagen"-Tour gibt sicherlich genauso viel Kohle aus wie ich in drei Wochen - aber gemocht werden die Asiaten noch lange nicht. Genauso sollte es auch an den Universitäten des Landes zugehen- in Auckland beispielsweise sind 40% der Studenten Asiaten, in Wellington weiß ich es noch nicht. Während nun aber alle einheimischen Studenten stets knapp bei Kasse sind, hauen die Asiaten dick auf die Kacke und machen sich somit wenig Freunde - außer Asiaten. Der Integrationsdruck fällt natürlich bescheiden aus, wenn man selbst 40% der Gesamtheit stellt...

Uni, Studium, Wellington: all das erscheint mir hier auf der Wiese vor dem Schuppen noch vollkommen irreal. Gerne dürfte der erste Urlaub noch etwas länger dauern und Wellington mehr als nur einen Anstieg weit entfernt sein. Zweifelsohne sähe die Welt anders aus, wenn ich nicht zu Tourbeginn Karl und Sabine getroffen hätte: mit ziemlich großer Wahrscheinlichkeit hätte ich nicht in diesem Schuppen übernachtet und hätte unterwegs viel weniger gesehen, da ich alleine nie auf den Mt. Taranaki gestiegen oder durch den Tongarion National Park gewandert wäre. Der sportliche Reiz einer Tour scheint mir persönlich immer etwas zu wichtig und die bremsende Kraft unseres ehemaligen Dreiergespanns hat die erste Tour in Neuseeland zu einem unvergesslichen Erlebnis gemacht. Wenn jetzt endlich der Kaffee fertig wäre...

"Bloody good", murmelt Karl, nun, da sein Kaffee fertig ist. "Bloody good tour" ebenfalls, schießt es mir durch den Kopf. Dann mal auf eine "bloody good letzte Etappe!"...

Zweiter Eintrag, ein paar Wochen später

Wie immer hatte ich es am Abend unserer Ankunft nicht mehr geschafft, noch etwas über die letzte Etappe zu

 schreiben. Die, zugegebenermaßen, etwas irritierend begann, da Karl gleich in Featherston  verkündete, dass "ihm nach einem richtigen Frühstück, mit Kaffee" wäre. Hätte man sich dann nicht die mindestens halbstündige Kaffeeorgie am Lagerfeuer vor nicht einmal zwanzig Minuten sparen können? Leicht genervt ließ ich ihn in einem kleinen Restaurant zurück und rüstete mich im Supermarkt für die letzte Etappe, die dann doch noch schöner wurde, als ich zuvor befürchtet hatte. Man kann zwar - wie immer wenn man in ein

Das Ende naht, Wellington kommt...

 Ballungsgebiet einfährt - nicht von einer durchgehend tollen Etappe sprechen, der Anstieg über die Rimutaka Range war aber doch verdammt schön und anstrengend, da es auf über 500 Höhenmeter ging. Vom Gipfel aus rollte man dann auch noch angenehme 20 Kilometer, bis es wirklich hässlich wurde und man sich nur noch durch Vorort nach Vorort drängelte, an Ampeln aufgehalten und von zigtausenden Autos überholt wurde. Nach langer langer Fahrt war dann aber Wellington endlich erreicht, ich bezog zum ersten Mal mein neues Appartement und Karl blieb noch zwei Tage, bis seine Fähre auf die Südinsel ging. Als "Mietkostenbeitrag" gab es jeden Abend einen Restaurantbesuch, was auch nett und lecker war, bei den Restaurantpreisen Wellingtons jedoch Karls Durchschnittsübernachtungskosten schnell nach oben trieb.

Essen gut, Ende gut, alles gut...

...bis zum nächsten Teil der Serie "Herr des Drahtesels",

Bernt Pölling-Vocke