Stage 14
Masterton - Featherston (fast; Lake Wairapapa)
  82 Kilometer;  3:22:50 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com  

Nachdem Karl sich an den vergangenen Abenden stets und weit ausufernd über die doch so neuseelandtuntypischen Städte moniert hat ("hier ziehen die alle eine Fratze wie daheim - einfach zum Kotzen" - beispielhafter Kommentar zu Palmerston North), dürfte er heute Abend wieder hochzufrieden sein. Your Humble Narrator sitzt gerade windgeschützt unter dem Vorbau einer kleinen Holzhütte, ein paar Kühe grasen um die einsam stehende Hütte herum, der Wind saust ein wenig über das dahinwiegende Feld, keine Wolke trübt den abendlichen Himmel und ab und zu knarrt die Tür des Schuppens quietschend im Wind.

Viele Faktoren kamen zusammen und bescherten uns diese einzigartige Gratisübernachtung am Lake Wairapapa, etwa zehn Kilometer von Featherston entfernt. In allen Hostels und Hotels von hier bis nach Wellington lungern zigtausende Rugby-Fans aus aller Welt herum, die es nicht lassen konnten, zum Sevens-Nations-Cup im Beklopptensport in die neuseeländische Hauptstadt zu pilgern, irgendwelche Pferderennen finden in der Gegend um Featherston an diesem Wochenende auch noch statt und das (angeblich) aus der Luft betrachtet nicht ganz unabsichtlich wie der Union Jack angelegte Martinsborough (etwa 20 Kilometer in Osten) hat zum zweitägigen Stadtfest geladen. Und die Massen strömen...

...schon weit vom Stadtzentrum entfernt, falls man es bei 1500 Einwohnern so nennen darf, fielen die am Straßenrand geparkten Fahrzeugkolonnen auf: etwas seltsam für ein Kaff mit besagter Einwohnerzahl, ein

...Ankunft auf dem Volksfest in Martinsborough...

 paar Schafen und etwas Weinanbau. Wie uns dann im total überfüllten Pub (Karl: "bin in 10-15 Minuten wieder draußen" - eineinhalb Stunden später holte ich ihn dann etwas genervt heraus, mehr als ein Bier später ebenfalls) gesagt wurde, zieht Martinsborough an den zwei Tagen 30-40.000 Touristen und Besucher an - die lokale Wirtschaft lebt sozusagen von diesen Tagen im Jahr und macht bestimmt ein Drittel des Jahresumsatzes. Ein weiteres Drittel wird dann vier Wochen später erwirtschaftet, wenn sich das ganze Spektakel noch einmal wiederholt...

Heute früh dachte ich, dass ich im Angesicht der recht kurzen und wahrscheinlich eher ereignislosen Etappe heute Abend außer ein paar Zeilen einer Tagesrevue nicht viel zu schreiben hätte, lag damit aber weit daneben. Die Strecke wurde wieder viel schöner als sie es seit Tagen gewesen war, das Wetter verbesserte sich dramatisch und der psychisch schmerzhafte Verlust der Digitalkamera wurde mir besonders auf den traumhaft schönen Nebenstrecken von Masterton nach Martinsborough bewusst. Und jetzt, hier, würde ich bestimmt auch wieder eine halbe (256 MB) Speicherkarte verballern, muss aber stattdessen mit jedem der eventuell qualitativ hundsmiserablen Fotos meiner Kodak-Schmeißwegkamera haushalten. "Die besten Bilder sind eh die, die man im Kopf behält", pflegt der Schweizer dazu zu sagen und meint auch, dass Fotos nur zum angeben und prahlen sind. So viel wie er knipst, hat er eine Menge Prahlerei nach seiner Rückkehr in die Heimat geplant, aber ich halte mich eher an Kodaks (oder welche Firma es auch immer war) Werbespruch "share the moment" (was, bei genauerer Interpretation, auch wieder etwas Prahlerei beinhaltet), auch wenn kein Foto der Welt die friedvolle Idylle dieses einsamen Schuppens einfangen kann. 

Martinsborough, ein wenig Herumgedudel für die Alten, spannende "Rides" für die Jungen...

Vor allem nicht Momente wie gerade jetzt, denn keine drei Meter von mir entfernt machen zwei Kühe Station, schnuppern an meinen über den den Schuppen umschließenden Zaun gehängten Stinkeradklamotten, glotzen mich dumm an und trotteln verträumt davon. Und da ist auch schon das nächste Vieh, leise Kaugeräusche dringen an mein Ohr, dem Vieh läuft es ekelhaft aus der Nase und es verpieselt sich zum Glück, ohne an meinen Klamotten geschnüffelt zuhaben. Nicht nur Menschen scheinen Heuschnupfen haben zu können...

Morgen wird mit der Einfahrt nach Wellington eine typisch hässliche Schlussetappe folgen, um so richtiger, dass es heute, unweit der Metropole, noch einmal eine volle Dröhnung Natur gibt. 

Bleibt auch nur zu hoffen, dass Karl nachher nicht die ganze Bude abfackelt. Laut einem Schild nicht sonderlich weit von hier herrscht in der Region Feuerverbot, ein ziemlich dicker Bewohner eines nicht mehr fahrtüchtigen Campers ("wohne hier seit sieben Jahre") etwa einen Kilometer entfernt meinte jedoch, dass ein kleines Feuer niemanden stören würde. So lange es klein bleibt. So trocken wie alles scheint, sollte man die evolutionären Kräfte der Flammen nicht leichtfertig unterschätzen. Kalt schmecken die Dosenravioli jedoch auch kaum, die er sich im schnuffigen Supermarkt von Featherston erstanden hat. Der Dauercamper arbeitet angeblich auf einer Farm, durfte heute schon ab vier Uhr in der früh Kühe melken und hat den einsamen Schuppen, in dem wir heute Nacht wohnen, früher für Partys genutzt. Verstaubte und mehrere Jahre alt aussehende Bierflaschen um uns herum zeugen davon...

Thema Zeitung: in der Dominion Post, Wellingtons größter Tageszeitung, gab es heut einen großen Artikel über die Erdbebengefährdung Wellingtons. Nach dem Beben vor zwei Wochen (welches ich morgens noch halbverträumt vorm PC meines Hostels sitzend höchst erschrocken mitbekam - 5.5 auf der Richterskala) scheint im Lager der Seismologen eine gewisse Nervosität zu existieren, denn genauso wie auch in San Francisco kommt das nächste, große und verheerende Beben ganz bestimmt. Nächsten Freitag oder in 50 Jahren. Als besonders gefährdet gilt die Innenstadt, da zwei Erdplatten und somit eine Erdbebenspalte genau durch das Zentrum verlaufen - ohne Witz ziemlich genau zwei Querstraßen parallel zu meiner neuen Wohnung, die ab morgen mein zu Hause sein wird. Und hoffentlich nicht von einer türkischen Baugesellschaft gebaut wurde. Irgendwie ist e schon komisch, eine Radtour bei einer unbekannten und stets einsturzgefährdeten "Neiheimat" zu vollenden, auch wenn Wellington nur temporär mein Wohnsitz sein wird. Im besten Fall bis Dezember, im schlechten Fall bis zum nächsten großen Beben...

...schon 7,5 auf der Richterskala würde dem Zeitungsbericht zur Folge für Tausende Opfer ausreichen, die Innenstadt für Tage von der Außenwelt abschließen, unkontrollierbare Gasfeuer verursachen und die Stadt, die schon gegen Ende des 19. Jahrhunderts total von einem Beben zerstört wurde, arg in ihrem Erscheinungsbild verändern. Auch die überwiegend auf abschüssigen Hügeln rings um das potentielle Epizentrum zwei Querstraßen von mir entfernt angelegten Wohngebiete dürften im Fall der Fälle (oder im Rutsch der Rutsche) dem Zentrum relativ flott auf den Buckel rutschen...

Zweiter Eintrag: ich sitze gemütlich auf dem Zaun, Karl hat ein Feuer gemacht, kocht Ravioli, Vögel zwitschern, sporadisch heult ein "Muuuh" über die sanft dahinwiegenden Wiesen und die Welt ist perfekt. Bergketten umschließen unseren ruhigen See auf beiden Seiten, die schon längst hinter den Bergen herabgesunkene Sonne lässt vereinzelte Wolken mystisch rot erleuchten, ein Hund kläfft weit entfernt und es herrscht eine unheimliche, nein, eine unglaubliche Stille. Das Feuer knistert leise, ein weiterer Vogel mischt sich in das abendliche Herumgeträllere ein und ich  schaue einem Vogelschwarm beim Formationsflug hoch über unseren Köpfen zu. Niemand spricht mehr als unbedingt nötig, wir genießen einfach nur. Ich habe sicherlich schon viele Sonnenuntergänge erlebt, so manchen auch in Einsamkeit, aber solch eine entspannende Ruhe - selbst wenn Karl einen Ast für sein Feuer durchbricht erscheint dieses unnatürlic laut - habe ich, wenn überhaupt, ganz selten erlebt. Ich will gar nicht reden, nur dem Spiel der Natur lauschen, an nichts denken. Vor allem letzteres gelingt in diesem Umfeld vorzüglich - ich wüsste nicht, womit ich mich in der letzten Stunde beschäftigt hätte. Man ist einfach nur, bald isst man auch, der Himmel verdunkelt sich, das kleine Feuer zuckt hektisch auf und ab und die Leere im Kopf fasziniert. Man ist einfach nur, sonst nichts . Gar nichts. Und das ist wunderschön.

Landschaft unterwegs (zwischen Masterton und Martinsborough) Kühe am Abend, unsere Nachbarn quasi.
Noch kurz hinter Masterton: selbst Flüchtlinge auf den meisten Flüchtlingsschiffen haben mehr Platz pro Nase als dieser Haufen Schafe.