Stage 13
Palmerston North - Masterton
 117,67 Kilometer;  5:32:26 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

"Der Mensch ist nicht dafür gemacht, dass es ihm immer gut geht"
- Karl, dem es heute gar nicht gut ging...

Getreu seines weisen Spruches nach etwa 88 Kilometern fand Karl heute (fast) den ganzen Tag keinen runden Tritt. Verdammt schnell setzte ich mich immer nach kurzen Pausen von ihm ab, er hatte "krampfartige Zustände", war angeblichtotal verspannt und haderte mit seiner Trittmotorik, die es ihm einfach nicht erlaubte, die laut eigenen Aussagen (mehrfach betont) vorhandene Kraft auf den Asphalt zu pflastern. Auch ich fand nicht einfach in den Tag. Kotzübel war mir, als der erste Anstieg aus Palmerston North hinaus über die Tararura Range überstanden war, immerhin 330 Höhenmeter mit ziemlich vollem Magen und immer noch leicht ziehender Achillessehne. Wahrscheinlich hätte ich nicht wie ein kleiner Pantani den Berg noch mit großen Blättern hinaufsausen sollen - nach einigen Augenblicken der Ungewissheit am "Gipfel" blieb das Frühstück jedoch wo es auch bleiben sollte und ich konnte mental (nicht physisch) erleichtert weiterradeln. Wäre ja zu schön gewesen, genauso wie in der Horrorwoche zwischen Rumänien und Bulgarien im letzten Sommer erst eine gereizte Sehne zu überstehen und dann herumzureihern.

Zu unserer Enttäuschung hatte die Bergkette ein wenig als Wetterbarriere gedient und uns an der Ostküste feinstes Wetter gesichert, jedoch die Wolken auf der anderen Seite der Gebirgskette wie Autos im Feierabendverkehr um Köln herum aufgestockt. Mit dem Sonnenschein war es somit ab den frühen Morgenstunden weitestgehend vorbei. Karl meinte aber, dass andere Farbschattierungen auch nicht ganz ohne Reiz wären..., stimmt, ich war auch nicht mehr ganz so gereizt, keine vernünftige Fotokamera mehr zu haben!

Ich wusste auch lange nicht, was ein Possum ist (die hier verflucht viel kaputt fressen und noch zahlreicher als die Schafe sind): hier etwas Anschauungsmaterial

Was Karl heute sonst so sagte oder fluchte, weiß ich nicht, da  er erst nach 90 Kilometern wie ein Phönix aus der Asche ersteig und endlich mein Tempo im Windschatten mitgehen konnte. "Mitgehen" trifft den Nagel jedoch nicht so richtig auf den Kopf - nach zwei Wochen auf der Piste und seit heute auch 1000 Kilometern läuft langsam alles wie geschmiert, die Hügel werden im zweistelligen km/h-Bereich erklommen (auch wenn einem danach zum Kotzen ist), der Tritt ist rund und die letzten 30 Kilometer mit 25+ im Schnitt sind auch plötzlich kein wirklich großes Problem mehr.

Karls später Leistungsschub ist vielleicht auch auf sein eigenwilliges Doping zurückzuführen: zwei Bier nach knapp siebzig Kilometern dürften nicht wirklich der optimale Fitnesstipp für die Massen sein, aber Karl schwört auf seinen Biertrunk. Andererseits trinkt er auch immer direkt vor dem Schlafengehen noch 1-2 Kaffee, was normale Menschen ja auch eher dann machen, wenn sie etwas wacher werden wollen. So lange alles funktioniert...

Gar nicht gut funktioniert hat übrigens unser Ruhetag: brütende Hitze lähmte ganz Palmerston North, beinahe kein Gast des Hostels setzte einen Fuß vor den anderen und außer mehrerer Duschgänge hat kaum etwas wirklich Spaß gemacht. Ich hatte am Nachmittag nicht einmal Bock, mit Karl wie üblich in einen Pub zu gehen, was ihn schon etwas enttäuschte. Die stickige Luft verwandelte das Hostel dazu noch in eine Art Brutkasten, durchlüften brachte keine spürbare Besserung und Karl konnte zu nachtschlafender Zeit genauso wie ich kein Auge zudrücken.

Relativ nett war noch der schon fast südeuropäisch warme Abend. Ich war mit Ofir, einem 22 jährigen Israeli, zwei Stunden "auf Tour", genauer genommen in einer gar nicht einmal so gemütlichen Kneipe wo ich nicht nur für einen mäßigen Big Lebowski-Trunk (White Russian, für alle, die keine guten Filme gucken), sondern mir auch unter einigen neuseeländischen Soldaten wenig Freunde machet, als ich unverblühmt sagte, dass für mich Bier wie Pisse schmeckt. Ofir war auch ein ganz witziger Typ, hatte gerade seine dreijährige Pflichtzeit bei der Armee hinter sich und dann noch beim lustigen Mauerbau genug Kohle für den Urlaub zusammengerafft. Lachend erzählte er mir, dass der Großteil seiner Kollegen beim Bau Araber seien, was einmal wieder klar macht, dass das friedliche Zusammenleben von Arabern und Juden durchaus funktionieren kann und es eigentlich nur um Geld geht. Die breite Masse teilt die ideologischen Scharmützel von Hamas und Konsorten überhaupt nicht, auf der letzten Endes Terror und Gegenterror durch Israel beruhen. Man möchte einfach in Frieden ein bisschen Geld verdienen, einen Job haben und eben zufrieden sein. Und wenn der Lohn stimmt, bauen dann auch die Araber eine israelische Schutzmauer mitten durchs eigentliche Palästinensergebiet. Ofir selbst hatte bei der Armee zuvor "Glück" gehabt und sich schon während der Ausbildung dermaßen verletzt, dass er nie in den richtigen Kampfeinsatz abkommandiert wurde. Tragischerweise kamen dabei auch zwei seiner Freunde, mit denen er zusammen zur Armee gekommen war, ums Leben. "It is nice not to need an army", meinte er im Bezug auf Deutschland (zumindest im Ausmaß einer israelischen Armee, bei der gelegentlichen Oderflut zahlt sich die Präsenz einer Bundeswehr durchaus aus und auch so mancher internationaler Einsatz macht Sinn) und hat damit auch vollkommen Recht; ich könnte es mir nicht vorstellen, ständig im Bus oder auf dem Markt Angst davor zu haben, gleich in die Luft gesprengt zu werden, aus Angst vor Suizidmördern nicht mehr auszugehen oder den Bau einer international höchst kritisch betrachteten Mauer zu befürworten. Natürlich empfinde ich persönlich den israelischen Mauerbau in seiner jetzigen Form als kriminell, kann diesen Standpunkt aber nicht ernsthaft im Sinne eines völkerrechtlichen Vergehens vertreten, wenn, so wie Ofir es auch bestätigt, die verfluchte Mauer nun einmal Menschenleben rettet.

Ofir hat sich auch für den Urlaub extra ein eigenes Auto gekauft: für 800 Dollar (ca. 450 Euro) trieb er einen zwanzigjährigen Nissan Bluebird auf, die ich bestenfalls noch aus frühester Kindheit kenne. Selbst ein Golf 1 erscheint im Gegensatz zu seinem Gefährt vertrauenswert...

Irgendwie ist die Karre, für die Ofir aus Kostengründen auf jegliche Versicherung (auch Haftpflicht) verzichtet hat, sogar noch für drei Monate mit dem neuseeländischen Äquivalent der Tüv-Plakette ausgestattet. Noch gefährlicher reisen allerdings zwei seiner Landsleute durch die Lande und stellen hoffentlich nicht genau hinter meinem Rückrad fest, dass die zerrostete Lenksäule plötzlich durchbrochen ist: ein Tourist schenkte ihnen einen nicht mehr verkehrstüchtigen Schrotthaufen auf dem Autobasar von Auckland, nachdem sie ihm verklickert hatten, dass die Karre mit ihren offensichtlichen Mängeln keine 500 Dollar mehr wert sein könnte. "Was wollt ihr denn bezahlen?", fragte der verzweifelte Tourist, der gleich zu seinem Flug in die Heimat musste, wurde mit der Antwort "Nichts" konfrontiert und verschenkte die Karre einfach. Das Geld für die dringend nötigen Reparaturen wurde allerdings stumpf in Bier investiert und das Abenteuer mit der Karre konnte beginnen!

Auch wenn es irgendwie cool erscheinen mag, hoffe ich, dass die Bullen das Vehikel von der Straße zerren und die beiden mehr Strafe zahlen müssen, als ein richtiges Auto gekostet hätte. Für den Fall der Fälle, so hatten die beiden Ofir gesagt, wollten sie den Bullen einfach erzählen, dass sie von der notwendigen

Schafidyll in Neuseeland: die Masterton-Region...

 "warranty of fitness" nichts wussten und auch nicht gut englisch sprechen können, aber wenn es nach mir geht, kommen sie damit nicht durch. Es wäre nicht gerade vorteilhaft, von einer schadhaften Schrottkiste ohne Zulassung von der Straße gerammt zu werden, vor allem, wenn die Fahrzeugführer in keiner Weise versichert sind.

Ofirs Urlaub ist auch für ihn, genauso wie für viele andere hier, etwas ganz Besonderes. Fünf Monate möchte er verreisen, die Armeezeiten vergessen und danach studieren gehen, in Jerusalem, falls denn alles klappt. Für mich ist es seltsam, einem 22jährigen gegenüberzustehen, der schon drei Jahre Soldat war, dabei seine Liebe zu Harry Potter entdeckt hat, alle Bände verschlang, die es bislang gibt und laut eigener Aussage niemals in der Lage wäre, einem Tier etwas anzutun. Ich bin froh, nicht in Israel zu müssen, denn als Soldat wäre ich mindestens genauso ungeeignet, wie Ofir es mir scheint... Andererseits hätte wohl auch Ofir noch zwei Freunde mehr, wenn ein Konflikt, dessen endgültiger Ausgang im Grunde genommen feststeht, schon mit Barak, Billy und Arafat in Camp David zu Grabe getragen worden wäre. Aber in Israel ist es halt genauso wie in der NHL: beide Seiten wissen, was zu machen wäre, um die Saison zu retten (oder die Liga), beide Seiten vertreten einen Standpunkt, der den anderen ausschließt und beide Seiten glauben ernsthaft, durch die konsequente Verweigerung eines Kompromisses irgendetwas erreichen zu können.

Aber nun auch noch ein paar Worte zur heutigen Strecke, bevor ich mich für den heutigen Tag verabschiede. Steht man vor der Wahl, von Wellington aus über die Ost- oder Westküste weiterzureisen, sollte man bedenken, dass die Ostküste zwar wesentlich angenehmer zu radeln ist, es jedoch andererseits auch nicht überall Hostels gibt und man unter Umständen als Tourist im touristischen Niemandsland der Ostküste eine absolute Ausnahmestellung einnimmt. Neuseeland mag zwar zwei Millionen Touristen pro Jahr und nur vier Millionen Einwohner haben, um Masterton herum gibt es jedoch eigentlich nur Neuseeländer und Schafe. Masterton selbst hat 20.000 Einwohner und, man glaubt es kaum, im näheren Umkreis etwa vier Millionen Schafe, die einen auf Schritt und Tritt anblöken oder debil weghoppeln, wenn man etwas abseits der Hauptstraßen durch die Countryside juckelt. Glücklicherweise hat Karl den heute von mir ausgearbeiteten Streckenverlauf gar nicht wirklich wahrgenommen. Hätte ich ihm schon früher geflüstert, dass der von mir ausgeheckte Weg abseits des eher stark befahrenen Highways 2 beinahe vierzig Kilometer Umweg bedeutet, wäre er wohl gar nicht mit über die Wiesen gezottelt, zumindest nicht in seiner heutigen Verfassung. Zeitlich vollkommen ungebunden (Karl) ist es jedoch auch schon Sabine aufgefallen, dass Karl einem überall hin folgt, ohne auch nur einmal selbst seine Karte zu bemühen. Laut eigener Aussage profitiert er auch gerne einmal von anderen, auch wenn ich denke, dass etwas mehr Kartenstudium für ihn heute durchaus profitabel gewesen wäre. Zumindest musste so die Route nicht diskutiert werden und "was man nicht weiß, macht einen nicht heiß..."....

Schwachsinnig und uneffizient wie sie auch  war, hat mir die Nebenstraße trotzdem unheimlich viel Spaß gemacht. Aber nein, ein Unmensch möchte ich nicht sein: meine eigentlich geplante 100-110 Kilometer-Streckenführung von Masterton nach Feathersont (direkt auf dem Highway wären es hingegen nur 40 Kilometer) habe ich schon auf siebzig Kilometer abgekürzt, um Karl wieder etwas rebounden zu lassen. Ich selbst würde mir zwar bis Wellington noch gerne den absoluten, sportlichen Kick geben, radele aber nun einmal nicht alleine. Und Spaß macht es zu zweit auch mehr, auch wenn ich es lieber sehen würde, wenn er nach siebzig Kilometern ein Gatorade kaufen würde. Und kein Bier. Und noch eines... (aber es hat funktioniert...).

So, "Start me up" von den Stones läuft gerade am Radio, "if you start me up, I will never stop" - genauso fühle ich mich heute...