
Tagebuch während der
Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com
)
Frank
schaut gerade in der Sportschau, wie der FC Köln mit 1:3 baden ging und
die laufende Saison vielleicht doch noch ein spannenderes Ende findet, als
es den Anhängern der Geißböcke lieb ist. Übel baden gegangen wären
wir auch, wenn wir letzte Nacht oder auch nur dreißig Minuten nach
unserer Ankunft hätten radeln „dürfen“. So allerdings kamen wir
sauber und trocken durch den Tag, hatten einmal mehr jede Menge
Sonnenschein und wie bereits bekannt traumhaft schöne Strecken,
wenngleich wir auch auf angedachte Stippvisiten in das Reich der
Tramuntanas verzichteten. Bibbernd verzichteten, denn die Wolken hingen
einmal wieder boshaft in den Berggipfeln fest und hielten uns vehement
davon ab, heute noch den Col den Hono ins Visier zu
nehmen.
Aber ganz egal. Wir haben, unabhängig von
allem, was am morgigen Bonustag vielleicht passiert, das meiste von
Mallorcas Zipfeln, Winkeln und Gipfeln gesehen, rund siebenhundert
Kilometern und 10.000 Höhenmeter abgespult, miese Tiefkühlpizzen
gemampft und eine tolle Woche im Sattel verbracht.
Wirklich passiert ist heute ausgesprochen
wenig, einmal abgesehen davon, dass ich auch den zweiten Ritt auf den Puig
de Randa „gewann“, da wir, wie schon am ersten Tag, den kleinen
Tafelberg nahe Palma erklommen. Den ganzen Tag im Sattel sitzend sind
kleine „Rennsequenzen“ immer noch eine willkommene Abwechslung und
nachdem Frank vor einer Woche mehr als fünf Minuten am Anstieg verlor,
wollte er heute auf jeden Fall an mir dranbleiben, schlabberte vor Beginn
der Steigung sein verbliebenes Kraftgel und zuckelte forsch in den Stieg
hinein.
Er schlug sich dabei durchaus respektabel und
bot mir vor allem im unteren Drittel mehr als nur Paroli. „Ich kann mir
gar nicht vorstellen, dass ich hier vor eine Woche mit 18 km/h hochgewetzt
bin“, monierte ich noch üble Grimassen ziehend, als wir gemeinsam mit
12-13 km/h zu klettern begannen und Frank meine relative „Schwäche“
nutzte,
um mehrmals in „Führung“ zu gehen und das Tempo zu bestimmen. Das
ewige Hin&her wurde mir jedoch spätestens zu doof als wir uns langsam
aber sicher auf rund 15 km/h hochgeschaukelt hatten. Gespielt locker, aber
verdammt hart kämpfend, zog ich vorbei, kletterte im Tempo der Vorwoche
weiter und brach erst auf den letzten dreißig Höhenmetern richtig ein.
Rund zwei Minuten vor Frank erreichte ich dieses Mal das Ziel und muss
feststellen, dass die Woche ihn schneller und mich langsamer gemacht hat.
Frank resümierte beim Buffet gestern Abend auch, dass er mich auf einer
3-Wochen-Tour wohl locker versägen könnte, eine Annahme, der ich nicht
grundsätzlich widersprechen kann. Vielleicht liegt es an meinen
„Frauentellern“ vom Buffet (Zitat Frank), aber ich bin nach einer
Woche auf dem Rad auch ganz einfach etwas im Eimer.
Untergekommen sind wir heute etwas überraschend
ein Haus weiter als noch vor einer Woche, als wir nebenan im Hotel Rhodes
für nette 35€ nächtigten. Auch wenn die trotz des Osterwochenendes
relativ leeren Promenaden keine plausible Erklärung dafür bieten, dass
angeblich alle Zimmer belegt sind, war dem augenscheinlich so, so dass wir
eben halt ein Haus weiter zogen und die Anzahl der Sterne von zwei auf
vier verdoppelten. Leider verdoppelte sich auf diese Art und Weise auch
der Übernachtungspreis, da das Zimmer nun 77€ kostet. Mit dem
sicherlich noch akzeptabeln Abendbuffet in Aussicht bin ich jedoch mit dem
Preis ausnahmsweise einverstanden. „Würden wir jeden Abend in solchen
Hotels pennen, würde ich auf so einer Tour kein Gramm abnehmen“, meinte
Frank gestern über seinem nicht gerade ersten Nachttisch sitzend, aber da
es ja auch nette Anarcho-Schuppen inklusive Verpflegung aus dem nahen
Erotski-Supermarkt auf dieser Tour zu erleben gab, dürfte die Waage
daheim doch auch damit aufwarten, dass wir beide ein wenig Gewicht auf
Mallorca zurücklassen durften. Heutiges Abendbuffet hin oder her.
Schlussendlich
bleibt festzuhalten, dass Mallorca für Radfahrer einfach nur ein Traum
ist – und vor allem ein einfach zu realisierender Traum, den man ohne
allzu große Unkosten oder elendig lange Flugzeiten realisieren kann. Dazu
kommt eine gerade in der Nebensaison perfekte Infrastruktur: Tausende
freie Betten, Hunderte freie Straßenkilometer und meistens gutes Wetter,
auch wenn es den ganzen Urlaub über zu Hause in Leer oder Köln nur
Sonnenschein und tagtäglich höhere Temperaturen gab. Jedoch sollte die
Anomalie des Jahres 2009 kaum darüber hinwegtäuschen, dass es sich im
April in Deutschland meistens recht nasskalt radelt – und eben nicht an
Mallorcas Nordküste, so wie in diesem Jahr.
Dem
Urlaub mochte zwar ein wenig der nicht von der Hand zu weisende
Abenteuercharakter einer Radtour nach Barcelona oder Istanbul fehlen, aber
mir hat es einfach einmal wieder Spaß gemacht, nach einer nun doch schon
relativ langen Pause mit Frank ein Stückchen der Erde mit dem Rad zu
erkunden. Morgen steht nun nur noch ein lockeres Ausrollen in den Süden
auf dem Programm. Oder, falls es regnet, halt gar nichts. Oder, falls es
regnet und wir fahren, ein nasses Ausrollen im Süden. Geflogen wird erst
am späten Abend und wohl einer weiteren, verdammt teuren Taxifahrt, aber
irgendeine Tagesbeschäftigung wird sich schon finden…
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