
Tagebuch während der
Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com
)
Ich
leide an einem akuten Anfall irrationalem Konsumfrusts – sechzig Euro
kostet unser heutige Schlafgemach pro Nase, ein
Preis, der bei Weitem in tausend Fetzen sprengt, was ich zuvor als meine
absolute Schmerzgrenzen skizziert hätte. Fünfzig Euro hatten wir letzte
Nacht für ein klasse Appartement mit vollausgestatteter und fröhlich
genutzter Kochzeile sowie einem bestenfalls gumpigen Frühstücksbuffet
der absoluten Kreisklasse berappt, 35€ mehr pro Nase und Fahrrad sind es
nun in einem relativ schmucklosen 4-Sterne-Kasten bei Camp de Mar –
Abend- und Frühstücksbuffet immerhin inbegriffen. Und Sauna. Und
Spa-Pool. Und angeblich einem wirklich guten Frühstück. Also: Man sollte
das Rad am Rahmen (?!?!), die Kirche im Dorf und die Kathedrale in Palma
lassen: wie Frank richtig sinnierte, haben wir beide auch schon ohne groß
mit der Wimper zu zucken einen schier endlosen Urlaub in
4-Sterne-Kaschemmen auf den globalen Finanzmärkten versenkt und hatten
heute mächtig wenig Lust, weiter hinter dem nächsten Hügel nach
alternativen Bettenburgen zu forsten.
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Blick
aus dem Fenster in Port de Soller am frühen Morgen. |
Völlig
zufrieden und rational handelnd könnten wir nun also hier hocken, aber an
mir nagen die sechzig Schacken halt doch - auch wenn ich weiß, dass ich
anders denken sollte. Natürlich freue auch ich mich auf das einmal mehr
verdiente Buffet, bin aber trotzdem – irrationale Nachkaufzweifel halt
– etwas genervt, sieben Prozent meines Nettolohns für eine einzige Übernachtung
bezahlt zu haben, ob nun überteuert oder für das Gebotene irgendwie
akzeptabel oder nicht.
„Überteuert“ fand Frank zuvor die von
mir so geliebte Pension mit „Anarcho-Charme“ in Port de Pollenca –
mit sechzig Euro für uns beide und ohne Abendmahl. Und ohne Fernseher,
was mir mindestens fünf Euro die Nacht wert ist. Keine Ahnung warum es
mir
dort so gut gefiel, aber dank Schach und Tischtennis konnte man die Zeit
abwechslungsreich und angenehm verbringen – hier läuft dafür sogleich
wieder die dämliche Glotze, die mich dann heute Abend wohl wieder zum
Lesen ins Foyer treiben wird. Vielleicht glotze ich auch noch die
Nachrichten, aber wahrscheinlich wird beim munteren Herumgezappe auch
flugs über diese hinweggezappt, was, objektiv betrachtet, aber auch nicht
so wichtig ist. Natürlich finde ich es wichtig, immer gut informiert zu
sein, aber manchmal fragt man sich schon, wie wichtig das Ganze wirklich
ist – und ob man es überhaupt merken würde, wenn die Tagesthemen aus
Spaß mal Beiträge von vor drei Jahren unter die aktuellen Meldungen
mischen würden. Es scheint ja auch niemanden sonderlich zu stören, dass
so mancher Privatsender nur in allergrößten Ausnahmefällen wirklich
Wichtiges in die eigenen Schrott- und Selbstbeweihrächerungsnachrichten
mischt. Ganz unbescholten dürfen ARD und ZDF jedoch auch nicht durch
meine Medienkritik kommen, muss man doch festhalten, dass auch immer
regelmäßiger auf eigene Programminhalte jenseits der gerade aktuellen
Sendung verwiesen wird. Aber sollten selbst die Nachrichtenredaktionen der
öffentlichen Sendeanstalten einmal alte „News“ unter das
Tagesgeschehen mischen, so würden es, sofern sich die Meldungen nicht zu
sehr mit dem tagesaktuellen Kontext beißen, wohl kaum Zuseher merken, und
wenn man daheim in Leer am Küchentisch die Herald Tribune studiert und
bestens über Pakistan, die Identitätskrisen der Republikaner und den
neusten Dopingfall aus der MLB informiert ist, fragt sich auch, was
dadurch wirklich gewonnen ist, wenn man es überwiegend nur im Stillen in
sich hineinliest und das Gelesene schweigend für sich behält. Man kann
schlau daherreden, wofür ich ja als Pauker auch gut bezahlt werde, aber
macht das wirklich einen Unterschied? Wäre irgendetwas anders, wenn ich
fortan auch „Germany’s next Supermodelsuperthisandthatstar“ kieken würde
und mich auch bezüglich solch zeitgenössischer Kulturblüten bestens
auskennen würde? Genug geschwafelt…
„Ich
würde für eine Ecke Sonne auch um eine Mülldeponie kreisen“, unkte
Frank heute auf der Piste, keinesfalls um stinkende Müllberge sondern
Mallorcas traumhaftes Westende kreisend. Und spätestens ab den
Nachmittagsstunden beseelte er uns erneut: Der so herbeigesehnte
Sonnenschein ließ die Erinnerungen an Sa Calobre in weite Ferne eilen.
Wir genossen einfach den Tag, der mich am allermeisten an Neuseelands East
Cape oder anderen Segmente der neuseeländischen Nordinsel erinnerte.
Einsame Wege. Unendlich viele Höhenmeter ohne wirklich hohe Punkte.
Steilküsten. Fantastische Ausblicke die Küste entlang. Viel Grün und
hier und dort das obligatorische, gar frei laufende Wollknäuel – der
Postkartentag unserer Hoffnungen kam wirklich noch zum Vorschein und könnte
der Auftakt eines tollen Tourendes sein. In Anbetracht des Wetterberichtes
von vorgestern für morgen steht allerdings zu befürchten, dass es erneut
regnen wird. Andererseits: Vorgestern für morgen? Ganz ruhig…
Im
Notfall – auch das ist gut – sind es bis zurück zum Hotel Rhodes, in
dem unsere Fahrradkartons hoffentlich wohlbehütet auf uns warten, kaum
mehr als zwanzig oder vielleicht dreißig Kilometer. Alternativ – und
falls das Wetter es erlaubt – hat Frank schon Strecken von 60 bis 120
Kilometer gestrickt, optional mit erneut extensiven Ausritten in die
Bergwelt der Serra de Tramuntana und über den Coll de Hono auf 550
Metern. Wie dem auch sei – der Urlaub neigt sich langsam dem Ende
entgegen und hat einmal mehr vollends „funktioniert“. Die doch immer näherrückende
Prüfung ist ferner denn je, man plant und denkt den Tag nur noch um die
zu radelnden Kilometer, genießt die frische Luft um die Nase und freut
sich halt doch auf das bevorstehende Abendbuffet, charakterlos wie der
eigentlich doch ziemlich teure Betonklotz um mich herum auch sein mag…