Stage 6
Port de Sóller - Andratx - Camp de Mar
86,07 Kilometer; 04:16:35 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Ich leide an einem akuten Anfall irrationalem Konsumfrusts – sechzig Euro kostet unser heutige Schlafgemach pro Nase, ein Preis, der bei Weitem in tausend Fetzen sprengt, was ich zuvor als meine absolute Schmerzgrenzen skizziert hätte. Fünfzig Euro hatten wir letzte Nacht für ein klasse Appartement mit vollausgestatteter und fröhlich genutzter Kochzeile sowie einem bestenfalls gumpigen Frühstücksbuffet der absoluten Kreisklasse berappt, 35€ mehr pro Nase und Fahrrad sind es nun in einem relativ schmucklosen 4-Sterne-Kasten bei Camp de Mar – Abend- und Frühstücksbuffet immerhin inbegriffen. Und Sauna. Und Spa-Pool. Und angeblich einem wirklich guten Frühstück. Also: Man sollte das Rad am Rahmen (?!?!), die Kirche im Dorf und die Kathedrale in Palma lassen: wie Frank richtig sinnierte, haben wir beide auch schon ohne groß mit der Wimper zu zucken einen schier endlosen Urlaub in 4-Sterne-Kaschemmen auf den globalen Finanzmärkten versenkt und hatten heute mächtig wenig Lust, weiter hinter dem nächsten Hügel nach alternativen Bettenburgen zu forsten.

Blick aus dem Fenster in Port de Soller am frühen Morgen.

Völlig zufrieden und rational handelnd könnten wir nun also hier hocken, aber an mir nagen die sechzig Schacken halt doch - auch wenn ich weiß, dass ich anders denken sollte. Natürlich freue auch ich mich auf das einmal mehr verdiente Buffet, bin aber trotzdem – irrationale Nachkaufzweifel halt – etwas genervt, sieben Prozent meines Nettolohns für eine einzige Übernachtung bezahlt zu haben, ob nun überteuert oder für das Gebotene irgendwie akzeptabel oder nicht.

„Überteuert“ fand Frank zuvor die von mir so geliebte Pension mit „Anarcho-Charme“ in Port de Pollenca – mit sechzig Euro für uns beide und ohne Abendmahl. Und ohne Fernseher, was mir mindestens fünf Euro die Nacht wert ist. Keine Ahnung warum es mir dort so gut gefiel, aber dank Schach und Tischtennis konnte man die Zeit abwechslungsreich und angenehm verbringen – hier läuft dafür sogleich wieder die dämliche Glotze, die mich dann heute Abend wohl wieder zum Lesen ins Foyer treiben wird. Vielleicht glotze ich auch noch die Nachrichten, aber wahrscheinlich wird beim munteren Herumgezappe auch flugs über diese hinweggezappt, was, objektiv betrachtet, aber auch nicht so wichtig ist. Natürlich finde ich es wichtig, immer gut informiert zu sein, aber manchmal fragt man sich schon, wie wichtig das Ganze wirklich ist – und ob man es überhaupt merken würde, wenn die Tagesthemen aus Spaß mal Beiträge von vor drei Jahren unter die aktuellen Meldungen mischen würden. Es scheint ja auch niemanden sonderlich zu stören, dass so mancher Privatsender nur in allergrößten Ausnahmefällen wirklich Wichtiges in die eigenen Schrott- und Selbstbeweihrächerungsnachrichten mischt. Ganz unbescholten dürfen ARD und ZDF jedoch auch nicht durch meine Medienkritik kommen, muss man doch festhalten, dass auch immer regelmäßiger auf eigene Programminhalte jenseits der gerade aktuellen Sendung verwiesen wird. Aber sollten selbst die Nachrichtenredaktionen der öffentlichen Sendeanstalten einmal alte „News“ unter das Tagesgeschehen mischen, so würden es, sofern sich die Meldungen nicht zu sehr mit dem tagesaktuellen Kontext beißen, wohl kaum Zuseher merken, und wenn man daheim in Leer am Küchentisch die Herald Tribune studiert und bestens über Pakistan, die Identitätskrisen der Republikaner und den neusten Dopingfall aus der MLB informiert ist, fragt sich auch, was dadurch wirklich gewonnen ist, wenn man es überwiegend nur im Stillen in sich hineinliest und das Gelesene schweigend für sich behält. Man kann schlau daherreden, wofür ich ja als Pauker auch gut bezahlt werde, aber macht das wirklich einen Unterschied? Wäre irgendetwas anders, wenn ich fortan auch „Germany’s next Supermodelsuperthisandthatstar“ kieken würde und mich auch bezüglich solch zeitgenössischer Kulturblüten bestens auskennen würde? Genug geschwafelt…

„Ich würde für eine Ecke Sonne auch um eine Mülldeponie kreisen“, unkte Frank heute auf der Piste, keinesfalls um stinkende Müllberge sondern Mallorcas traumhaftes Westende kreisend. Und spätestens ab den Nachmittagsstunden beseelte er uns erneut: Der so herbeigesehnte Sonnenschein ließ die Erinnerungen an Sa Calobre in weite Ferne eilen. Wir genossen einfach den Tag, der mich am allermeisten an Neuseelands East Cape oder anderen Segmente der neuseeländischen Nordinsel erinnerte. Einsame Wege. Unendlich viele Höhenmeter ohne wirklich hohe Punkte. Steilküsten. Fantastische Ausblicke die Küste entlang. Viel Grün und hier und dort das obligatorische, gar frei laufende Wollknäuel – der Postkartentag unserer Hoffnungen kam wirklich noch zum Vorschein und könnte der Auftakt eines tollen Tourendes sein. In Anbetracht des Wetterberichtes von vorgestern für morgen steht allerdings zu befürchten, dass es erneut regnen wird. Andererseits: Vorgestern für morgen? Ganz ruhig…

Im Notfall – auch das ist gut – sind es bis zurück zum Hotel Rhodes, in dem unsere Fahrradkartons hoffentlich wohlbehütet auf uns warten, kaum mehr als zwanzig oder vielleicht dreißig Kilometer. Alternativ – und falls das Wetter es erlaubt – hat Frank schon Strecken von 60 bis 120 Kilometer gestrickt, optional mit erneut extensiven Ausritten in die Bergwelt der Serra de Tramuntana und über den Coll de Hono auf 550 Metern. Wie dem auch sei – der Urlaub neigt sich langsam dem Ende entgegen und hat einmal mehr vollends „funktioniert“. Die doch immer näherrückende Prüfung ist ferner denn je, man plant und denkt den Tag nur noch um die zu radelnden Kilometer, genießt die frische Luft um die Nase und freut sich halt doch auf das bevorstehende Abendbuffet, charakterlos wie der eigentlich doch ziemlich teure Betonklotz um mich herum auch sein mag…