Stage 5
Port de Pollenca - Cala de sa Calobra - Port de Sóller 
95,17 Kilometer; 05:02:28 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

„Irgendwann wird man einfach geruchtsblind…“
Frank beim morgendlichen Fönen der eigenen Radklamotten

Imke hat einmal gesagt – wahrscheinlich weiß sie es gar nicht mehr – das man eine Definition seiner Selbst finden muss und in Ermangelung einer solchen kaum wirkliche Zufriedenheit finden kann. Die Idee vermag zu überzeugen und erklärt vielleicht auch, weshalb psychologische Probleme mehr und mehr zu einem Phänomen hochentwickelter, westlicher Wohlstandsgesellschaften geworden sind. Ist der Sinn des Lebens erst einmal von den Hirngespinsten von Descartes & Konsorten aus um jegliche Transzendenz erleichtert, das Leben nur noch ein zielloses, gar triviales Herumgegumpe im schier endlosen Konsumdickicht, so wehe dem, der seiner leeren Selbst keine triftige Definition zuzuweisen mag, eine Definition, wie trivial auch immer, die das Leben lenkt, steuert und mit einem Sinn versieht. Ein Sinn, den man halt braucht, wenn zum täglichen Überleben kein Mammut mehr gejagt oder stundenlang auf dem Feld geschuftet werden muss. Ein Sinn, wenn einem der Altersrechner im Internet vorrechnet, dass man mit fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit 89 wird und somit noch fast sechzig Jahre füllen muss, womit auch immer…

Mallorcas Norden - eigentlich so schön, doch uns schwante bereits nach wenigen Kilometern Böses...

Das professionelle Ich – ganz nebenbei auch ein Resultat eines eher langjährigen Findungsprozesses, auf dessen Irrwegen der Stumpfsinn einer hier nicht genauer definierten Abteilung meines mittlerweile vor die Hunde gegangenen Ausbildungsbetriebes dazu führte, dass ich gelangweilt in den Weiten des Internets surfte und von einer Radtour nach Paris las, habe ich mittlerweile gefunden.

Es – also mein professionelles Ich – möchte zum Denken anregen. Dazu anregen, nicht nur stumpfsinnig und seicht durch den Alltag zu gleiten, sondern Herausforderungen jeglicher Art anzunehmen, Leistung zu zeigen und Einblicke zu gewinnen, da es

Ein Treffen in der Ferne: Leeraner Spinningbekanntschaften auf der Insel der Radelträume.

immer auch andere Perspektiven gibt, deren augenscheinliche Irrationalität erst dann einer subjektiven Rationalität weicht, wenn man die Unvollkommenheit eigener Standpunkte erkennt und das Konstrukt der eigenen Wert- und Weltvorstellungen zumindest kritisch betrachtet. Kurzum ist es kein Wunder, dass ich Obamas „Audacity of hope“ nickend verschlinge, denn wenn ich Barack so lese, scheint mir, als hätte er von mir abgeschrieben oder meine Gedanken abgekupftert. Nichtsdestotrotz muss ich ihm

...erste Hürden des Tages...

 lassen, dass er es zu mehr gebracht hat. Geringfügig. Und nichtsdestotrotz hoffe ich, dass auch Georgy irgendwann noch einmal zum Griffel greift und der Welt – mich eingeschlossen – eine Chance gibt, seiner subjektiven Rationalität auch nur ein bisschen auf die Schliche zu kommen.

Naben der professionellen Definition meiner Selbst gibt es aber auch noch mein Freizeit-Ich, ein Ich, für das Sport schon immer wichtig, zunehmend jedoch zentral geworden ist. Imke meinte auch, dass ich mich eben über das Radfahren definiere, ein Gedanke, der zwar stimmt, mir jedoch manchmal mehr wie eine Last denn eine wirklich sinnstiftende Definition vorkommt. Wie oft zweifelt man auf der Tour – gerade erst zuletzt vor zwei Tagen, als das Knie schmerzte, der Nieselregen nervte und ich einfach keine Lust mehr hatte – daran, dass das „Fahrrad-Ich“ wirklich dem entspricht, wie ich mich selbst sehen – gar definieren – möchte? Wie oft denkt man gar, dass die zwangsläufige Mitgift eines solchen Ichs – das teilweise stupide Radeln im flachen und windigen Ostfriesland, die Spinningstunden in den stickigen Gefilden der Muckibude, die manchmal unheimlich bescheidenen Tourtage im Urlaub, der angeblich schönsten Zeit des Jahres – nur Ballast ist, derer ich mich liebend gerne entledigen würde?

Natürlich ist es so, dass viele meiner Mitmenschen bei mir gleich ans Rad denken und mich somit flugs in eine passende Schublade einsortieren, aber wie viel Freiheit lässt mir dieses, wenn auch ich mich dort richtig einsortiert wähne, gleichzeitig jedoch immer wieder daran zweifele, dort wirklich hinzugehören? Und wenn nicht dort, wo dann?

...noch erträglich: Die Anfahrt nach Sa Calobre - teils im Pulk, teils allein...

Und dann gibt es sie, Tage wie den heutigen. Tage, an denen man abends nach einem lecker selbstgekochten Abendmahl durch das dunkle Port de Sollér schlurft während Frank in unserem Appartement abwächst (ironischerweise die gleiche Rollenverteilung beim Kochen und Abwaschen, die ich auch von zu Hause gewohnt bin) und ganz genau weiß, von der Zeh- (großer Zeh) bis zur Haarspitze (sofern noch nicht ausgefallen, man wird älter), dass das Radeln das ist, was man ist.

Objektiv betrachtet war heute vieles unter aller Kanone. Grottig. Von der schönsten Etappe Mallorcas haben wir fast gar nichts gesehen. Keinen Puig Major, keine tollen Ausblicke an der Nordküste, keine fantastische Ab- und Auffahrt bei Sa Calobre. Stattdessen 2080 Höhenmeter, von denen 1200 im Niesel- oder auch Dauerregen abgespult wurden. Kurzum: Ein Tag, an dem einmal wieder alles nass wurde, was man an Radelklamotten überhaupt besitzt. Ein Tag an dem man bei sieben Grad auf der 800 Höhenmeter langen Abfahrt nach Sollér alles anzog, was noch irgendwie trocken war, stets hoffend, sich eben halt doch nicht zu erkälten. Ins Tourgras zu beißen.

Frank vor der Abfahrt. Noch hatte er etwas zu lachen...

Ins Gras beißen mussten heute auch so manche, die morgens an den Wetterbericht glaubend losradelten und kein ordentliches Regenzeugs auf ihren feschen Rennrädern dabei hatten. Feststellen mussten, dass zigtausend Euro Carbon auch nicht helfen, wenn eine 50€-Regenose „retten“ würde. Die nachmittäglichen Szenen am Ende der Auffahrt von Sal Calobre, der längsten Auffahrt der Insel, waren erschütternd und faszinierend zugleich. Im Lagerraum eines abgewrackten Kiosks am Wegesrand standen wir Radler dichtgedrängt und frierend beisammen. Alles bibberte. Ein Radler saß total durchnässt, vollkommen ausdruckslos und in sich zusammengekauert bei kaum mehr zehn Grad in der Ecke. Sein Begleiter redete wenigstens noch, war aber ebenfalls bis auf die Knochen durchnässt und durchgefroren. Hatte keine Ahnung, wie sie es in ihre vierzig Kilometer entfernte Herberge schaffen sollten. Telefonierte mit einem Bekannten, der irgendwo einen Bully mieten sollte. Und ich – so komisch es auch klingt – ich genoss die Atmosphäre…

„Irgendwie braucht man so etwas wohl“, meinte Frank, als wir vor Tagen über die mittlerweile gnadenlos kommerzialisierte Besteigung des Mount Everests quasselten, da ich erst kürzlich John Krakauers „Into thin air“ verschlungen hatte und ihm davon berichtete, wie 1996 wohlbetuchte und alteingesessene Kraxler am höchsten Berg der Welt gleich im Dutzend verstarben. Und irgendwie, so Frank, wären unsere Radtouren ja auch genau dasselbe, wenn auch sicherer und günstiger. Kein moderner Bürohengst wie er oder ein „denkt-mal-alle-fleißig-Pauker“ wie ich muss 2080 Höhenmeter bei Drisswetter auf dem Rad verbringen, mit ansehen, wie andere ohne die eigenen Regenklamotten zusammengekauert in dunklen Ecken hocken oder wie Frank am Ende einer eiskalten Abfahrt von Hypothermie geplagt am Straßenrand anhält, um die Zuckungen unter Kontrolle zu bekommen. Nein, all dies muss man nicht – aber, andererseits, muss man es halt eben doch. So dämlich es auch klingen mag: Hätten wir heute traumhaftes Postkartenwetter gehabt, hätte ich wohl kaum erkannt, wie sehr ich diese Radabenteuer liebe. Und 2080 Höhenmeter abzuradeln und abends voll erschöpft, jedoch keinesfalls richtig kaputt zu sein, ist genauso cool wie offensichtlich banal.

Noch trockene Sehenswürdigkeit am Ende der wolkenverhangenen Abfahrt: Der (das?) Torrent de Pareis, der zweitgrößte Canyon Europas (...laut Reiseführer "per Auto oder Boot bequem, zu Fuß auf schön anstrengende Art zu erreichen...". Und mit dem Radel?

Unterwegs traf ich heute interessanterweise auch noch auf einen Leeraner Spinningbekannten, der die letzte Etappe seines diesjährigen Mallorca-Urlaubs radelten und übelst auf das wohl „schlechteste Wetter seit zwanzig Jahren“ schimpfte. Ein frustrierter Eindruck, der sich so gar nicht mit unserem bisherigen Urlaubsverlauf deckt, denn vor allem die ersten drei Tage strahlte uns fast durchgehend die Sonne ins Gesicht. Der Norden der Insel, das Mekka der höhenmetergeilen Radfahrtouristen, war aber wohl die ganze Zeit in fiese und unheilsschwangere Wolken gehüllt, so wie man des öfteren zu hören bekommt. Aber wer weiß, was wir noch bekommen?

Regen, Kälte und Höhenmeter ohne Ende: Die letzten Stunden des Tages waren hart - und auf ihre Art
und Weise einfach bloß herrlich...

Nach der Bestätigung meines Ichs hätte ich morgen allerdings nichts gegen eben jenes Postkartenwetter, welches meiner Selbstfindung heute nur im Wege gestanden hätte. Ich wünsche es auch Frank, den der heutige Tag doch etwas mehr schlauchte. Zumindest hat er jetzt einen Fernseher und Fußball auf der Scheibe. Von der Form her will ich gar nicht einmal sagen, dass ich viel besser in Form bin, aber gerade an höhenmeterreichen Tagen wie dem heutigen sind fünfzehn Kilo Gewichtsunterschied halt eine Welt. Vorteile auf der Abfahrt konnte Frank aufgrund der nassen Fahrbahnen leider auch kaum realisieren, da man sich bloß schnell auf die Klappe gelegt hätte. Auch das, so wurde im kalten Schuppen am Ende der Auffahrt von Sa Calobre berichtet, hätte es heute zu beobachten gegeben. Ein unschöner, gar erschreckender Gedanke…

Fütterungszeit - man hatte es sich wahrlich verdient...