
Tagebuch während der
Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com
)
„Irgendwann
wird man einfach geruchtsblind…“
Frank beim morgendlichen Fönen der eigenen Radklamotten
Imke hat einmal gesagt – wahrscheinlich weiß
sie es gar nicht mehr – das man eine Definition seiner Selbst finden
muss und in
Ermangelung einer solchen kaum wirkliche Zufriedenheit finden kann. Die
Idee vermag zu überzeugen und erklärt vielleicht auch, weshalb
psychologische Probleme mehr und mehr zu einem Phänomen hochentwickelter,
westlicher Wohlstandsgesellschaften geworden sind. Ist der Sinn des Lebens
erst einmal von den Hirngespinsten von Descartes & Konsorten aus um
jegliche Transzendenz erleichtert, das Leben nur noch ein zielloses, gar
triviales Herumgegumpe im schier endlosen Konsumdickicht, so wehe dem, der
seiner leeren Selbst keine triftige Definition zuzuweisen mag, eine
Definition, wie trivial auch immer, die das Leben lenkt, steuert und mit
einem Sinn versieht. Ein Sinn, den man halt braucht, wenn zum täglichen
Überleben kein Mammut mehr gejagt oder stundenlang auf dem Feld
geschuftet werden muss. Ein Sinn, wenn einem der Altersrechner im Internet
vorrechnet, dass man mit fünfzigprozentiger Wahrscheinlichkeit 89 wird
und somit noch fast sechzig Jahre füllen muss, womit auch immer…
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| Mallorcas
Norden - eigentlich so schön, doch uns schwante bereits nach
wenigen Kilometern Böses... |
Das
professionelle Ich – ganz nebenbei auch ein Resultat eines eher langjährigen
Findungsprozesses, auf dessen Irrwegen der Stumpfsinn einer hier nicht
genauer definierten Abteilung meines mittlerweile vor die Hunde gegangenen
Ausbildungsbetriebes dazu führte, dass ich gelangweilt in den Weiten des
Internets surfte und von einer Radtour nach Paris las, habe ich
mittlerweile gefunden.
Es – also mein professionelles Ich – möchte
zum Denken anregen. Dazu anregen, nicht nur stumpfsinnig und seicht durch
den Alltag zu gleiten, sondern Herausforderungen jeglicher Art anzunehmen,
Leistung zu zeigen und Einblicke zu gewinnen, da es
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Ein
Treffen in der Ferne: Leeraner Spinningbekanntschaften auf der Insel
der Radelträume. |
immer
auch andere Perspektiven gibt, deren augenscheinliche Irrationalität erst
dann einer subjektiven Rationalität weicht, wenn man die Unvollkommenheit
eigener Standpunkte erkennt und das Konstrukt der eigenen Wert- und
Weltvorstellungen zumindest kritisch betrachtet. Kurzum ist es kein
Wunder, dass ich Obamas „Audacity of hope“ nickend verschlinge, denn
wenn ich Barack so lese, scheint mir, als hätte er von mir abgeschrieben
oder meine Gedanken abgekupftert. Nichtsdestotrotz muss ich ihm
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...erste
Hürden des Tages... |
lassen,
dass er es zu mehr gebracht hat. Geringfügig. Und nichtsdestotrotz hoffe
ich, dass auch Georgy irgendwann noch einmal zum Griffel greift und der
Welt – mich eingeschlossen – eine Chance gibt, seiner subjektiven
Rationalität auch nur ein bisschen auf die Schliche zu kommen.
Naben der professionellen Definition meiner
Selbst gibt es aber auch noch mein Freizeit-Ich, ein Ich, für das Sport
schon immer wichtig, zunehmend jedoch zentral geworden ist. Imke meinte
auch, dass ich mich eben über das Radfahren definiere, ein Gedanke, der
zwar stimmt, mir jedoch manchmal mehr wie eine Last denn eine wirklich
sinnstiftende Definition vorkommt. Wie oft zweifelt man auf der Tour –
gerade erst zuletzt vor zwei Tagen, als das Knie schmerzte, der
Nieselregen nervte und ich einfach keine Lust mehr hatte – daran, dass
das „Fahrrad-Ich“ wirklich dem entspricht, wie ich mich selbst sehen
– gar definieren – möchte? Wie oft denkt man gar, dass die zwangsläufige
Mitgift eines solchen Ichs – das teilweise stupide Radeln im flachen und
windigen Ostfriesland, die Spinningstunden in den stickigen Gefilden der
Muckibude, die manchmal unheimlich bescheidenen Tourtage im Urlaub, der
angeblich schönsten Zeit des Jahres – nur Ballast ist, derer ich mich
liebend gerne entledigen würde?
Natürlich ist es so, dass viele meiner
Mitmenschen bei mir gleich ans Rad denken und mich somit flugs in eine
passende Schublade einsortieren, aber wie viel Freiheit lässt mir dieses,
wenn auch ich mich dort richtig einsortiert wähne, gleichzeitig jedoch
immer wieder daran zweifele, dort wirklich hinzugehören? Und wenn nicht
dort, wo dann?
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...noch
erträglich: Die Anfahrt nach Sa Calobre - teils im Pulk, teils
allein... |
Und
dann gibt es sie, Tage wie den heutigen. Tage, an denen man abends nach
einem lecker selbstgekochten Abendmahl durch das dunkle Port de Sollér
schlurft während Frank in unserem Appartement abwächst (ironischerweise
die gleiche Rollenverteilung beim Kochen und Abwaschen, die ich auch von
zu Hause gewohnt bin) und ganz genau weiß, von der Zeh- (großer Zeh) bis
zur Haarspitze (sofern noch nicht ausgefallen, man wird älter), dass das
Radeln das ist, was man ist.
Objektiv betrachtet war heute vieles unter
aller Kanone. Grottig. Von der schönsten Etappe Mallorcas haben wir fast
gar nichts gesehen. Keinen Puig Major, keine tollen Ausblicke an der Nordküste,
keine fantastische Ab- und Auffahrt bei Sa Calobre. Stattdessen 2080 Höhenmeter,
von denen 1200 im Niesel- oder auch Dauerregen abgespult wurden. Kurzum:
Ein Tag, an dem einmal wieder alles nass wurde, was man an Radelklamotten
überhaupt besitzt. Ein Tag an dem man bei sieben Grad auf der 800 Höhenmeter
langen Abfahrt nach Sollér alles anzog, was noch irgendwie trocken war,
stets hoffend, sich eben halt doch nicht zu erkälten. Ins Tourgras zu beißen.
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Frank
vor der Abfahrt. Noch hatte er etwas zu lachen... |
Ins
Gras beißen mussten heute auch so manche, die morgens an den
Wetterbericht glaubend losradelten und kein ordentliches Regenzeugs auf
ihren feschen Rennrädern dabei hatten. Feststellen mussten, dass
zigtausend Euro Carbon auch nicht helfen, wenn eine 50€-Regenose
„retten“ würde. Die nachmittäglichen Szenen am Ende der Auffahrt von
Sal Calobre, der längsten
Auffahrt
der Insel, waren erschütternd und faszinierend zugleich. Im Lagerraum
eines abgewrackten
Kiosks am Wegesrand standen wir Radler dichtgedrängt und frierend
beisammen. Alles bibberte. Ein Radler saß total durchnässt, vollkommen
ausdruckslos und in sich zusammengekauert bei kaum mehr zehn Grad in der
Ecke. Sein Begleiter redete wenigstens noch, war aber ebenfalls bis auf
die Knochen durchnässt und durchgefroren. Hatte keine Ahnung, wie sie es
in ihre vierzig Kilometer entfernte Herberge schaffen sollten.
Telefonierte mit einem Bekannten, der irgendwo einen Bully mieten sollte.
Und ich – so komisch es auch klingt – ich genoss die Atmosphäre…
„Irgendwie braucht man so etwas wohl“,
meinte Frank, als wir vor Tagen über die mittlerweile gnadenlos
kommerzialisierte Besteigung des Mount Everests quasselten, da ich erst kürzlich
John Krakauers „Into thin air“ verschlungen hatte und ihm davon
berichtete, wie 1996 wohlbetuchte und alteingesessene Kraxler am höchsten
Berg der Welt gleich im Dutzend verstarben. Und irgendwie, so Frank, wären
unsere Radtouren ja auch genau dasselbe, wenn auch sicherer und günstiger.
Kein moderner Bürohengst wie er oder ein „denkt-mal-alle-fleißig-Pauker“
wie ich muss 2080 Höhenmeter bei Drisswetter auf dem Rad verbringen, mit
ansehen, wie andere ohne die eigenen Regenklamotten zusammengekauert in
dunklen Ecken hocken oder wie Frank am Ende einer eiskalten Abfahrt von
Hypothermie geplagt am Straßenrand anhält, um die Zuckungen unter
Kontrolle zu bekommen. Nein, all dies muss man nicht – aber,
andererseits, muss man es halt eben doch. So dämlich es auch klingen mag:
Hätten wir heute traumhaftes Postkartenwetter gehabt, hätte ich wohl
kaum erkannt, wie sehr ich diese Radabenteuer liebe. Und 2080 Höhenmeter
abzuradeln und abends voll erschöpft, jedoch keinesfalls richtig kaputt
zu sein, ist genauso cool wie offensichtlich banal.
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Noch
trockene Sehenswürdigkeit am Ende der wolkenverhangenen Abfahrt:
Der (das?) Torrent de Pareis, der zweitgrößte Canyon Europas
(...laut Reiseführer "per Auto oder Boot bequem, zu Fuß auf
schön anstrengende Art zu erreichen...". Und mit dem Radel? |
Unterwegs
traf ich heute interessanterweise auch noch auf einen Leeraner
Spinningbekannten, der die letzte Etappe seines diesjährigen
Mallorca-Urlaubs radelten und übelst auf das wohl „schlechteste Wetter
seit zwanzig Jahren“ schimpfte. Ein frustrierter Eindruck, der sich so
gar nicht mit unserem bisherigen Urlaubsverlauf deckt, denn vor allem die
ersten drei Tage strahlte uns fast durchgehend die Sonne ins Gesicht. Der
Norden der Insel, das Mekka der höhenmetergeilen Radfahrtouristen, war
aber wohl die ganze Zeit in fiese und unheilsschwangere Wolken gehüllt,
so wie man des öfteren zu hören bekommt. Aber wer weiß, was wir noch
bekommen?
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Regen, Kälte und
Höhenmeter ohne Ende: Die letzten Stunden des Tages waren hart -
und auf ihre Art
und Weise einfach bloß herrlich... |
Nach
der Bestätigung meines Ichs hätte ich morgen allerdings nichts gegen
eben jenes Postkartenwetter, welches meiner Selbstfindung heute nur im
Wege gestanden hätte. Ich wünsche es auch Frank, den der heutige Tag
doch etwas mehr schlauchte. Zumindest hat er jetzt einen Fernseher und Fußball
auf der Scheibe. Von der Form her will ich gar nicht einmal sagen, dass
ich viel besser in Form bin, aber gerade an höhenmeterreichen Tagen wie
dem heutigen sind fünfzehn Kilo Gewichtsunterschied halt eine Welt.
Vorteile auf der Abfahrt konnte Frank aufgrund der nassen Fahrbahnen
leider auch kaum realisieren, da man sich bloß schnell auf die Klappe
gelegt hätte. Auch das, so wurde im kalten Schuppen am Ende der Auffahrt
von Sa Calobre berichtet, hätte es heute zu beobachten gegeben. Ein unschöner,
gar erschreckender Gedanke…
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Fütterungszeit
- man hatte es sich wahrlich verdient... |