Stage 4 + Ruhetag
Port de Pollenca - Cap de Formentor - Puig de Barracar - Port de Pollenca
110,25 Kilometer; 05:35:33 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

„Man kann selten auf der Welt so konstant miserabel essen gehen wie auf Mallorca…wir möchten mit diesem Buch helfen, damit der Körper nicht ständig vergiftet wird…“ Vorwort „Szene Reiseführer“ (Javaane Jonges, Unterwegs-Verlag, 1998-99)

  „Wieso regnet das denn jetzt nicht in Strömen? Was `nen Scheiß!“ (Frank am heutigen Ruhetag)

Es regnet zwar nicht, oder zumindest nicht mehr, oder zumindest noch nicht, aber der heutige Ruhetag zur ungefähren Tourhalbzeit fühlt sich richtig gut an. Prächtig gut gar, wollte man schreiben.

Impressionen vom Ruhetag nach dem gestrigen Ausritt zum Cap Formentor (vgl. Postkarte rechts). 

Natürlich schoss einem das obligatorische „Was soll denn das nun?“ durch die Birne, als nach dem Frühstück der Himmel aufriss und Port de Pollenca anschließend in gleißenden Sonnenschein warf, ein rascher Blick in die massiven Berge entlang der Nord- und auch der Westküste bewies jedoch, dass man an einem wettertechnisch ausgezeichneten Ort war – und keinesfalls einen wettertechnisch ausgezeichneten Tag stationär „vertrödelte“.

Nach mehr als eintausendsiebenhundert Höhenmetern am gestrigen Tage kämpfte sich Frank auch nur noch unter Wadenschmerzen die Treppenstufen unserer Herberge hinauf, während mein linkes Knie bereits seit den frühen Nachmittagsstunden des Vortages – wir berichteten – ausdrücklich auf eine artgerechte Haltung pochte.

Nettes Nest und nette Herberge...Port de Pollenca am Ruhetag. 

Ein bisschen muss ich die Verletzung, wenn man es denn so nennen will, auch auf die eigene Kappe nehmen, denn das schmerzende Knie ist sicherlich nicht einfach nur tragisches Pech oder gar ein Wink des allmächtigen Schicksals, sondern wohl provoziertes Resultat einer rabiaten Gangart im hügeligen Inselterrain. Zumindest langte es nach einer Nacht der Ruhe gestern noch für das Kap, aber jetzt einen Tag Pause einzuschieben, bevor es nur noch durch die Berge geht, scheint empfehlenswert.

Gerade fängt auch der Regen wieder an. Ruhetag. Guter Entschluss. Alles richtig gemacht.

Auf jeden Fall, um den Faden wieder aufzunehmen, fahre ich meistens in viel zu hohen Gängen, was zwar ausgesprochen cool kommt, sobald man mit sechzehn oder achtzehn Kilometern pro Stunde einen steilen Anstieg erklimmt und Frank, ebenso wie so manchen anderen, dabei gnadenlos und wie auf EPO versägt, etwas langsamer und in wesentlich tieferen Gängen wäre man jedoch bestimmt wesentlich gesünder unterwegs. Ob eine langsamere Gangart vor zwei Tagen einen wirklichen Unterschied gemacht hätte, ist natürlich spekulativ, aber trotzdem sollte ich mir die akuten Schmerzen eine Lehre sein lassen. Andererseits – wäre ich die Stiege langsam hinaufgefahren, wohl dosiert mit einer hohen und maximal knieschonenden Trittfrequenz, hätte mich vielleicht der übernächste LKW ins Jenseits gebrettert. Knieprobleme wären dann gar kein Problem mehr und schließlich weiß man auch nie, vor welchen Fehlern einen ein begangener Fehler bewahrt hat und welchem Pech man durch das Unglück entkommen ist.

Wirklich fantastisch gefällt mir nach wie vor unser Domizil, auch wenn mir Frank etwas Leid tut, da er in unserem Gott-sei-Dank-TV-freien Zimmer heute Abend nicht das tapfere Auftreten des FC Bayern gegen die Mannen vom FC Barcelona verfolgen kann. Trotzdem – der Freizeitwert abseits der flimmernden Mattscheibe ist momentan ausgesprochen hoch und gar unendlich höher als in den meisten 3- oder 4-Sterne-„Absteigen“ der Insel. Eine feine Tischtennisplatte, an der es für Frank wenig zu holen gab, ein schönes Schachspiel, an dem unser Wettstreit der Hochintellektuellen unentschieden ausging, ein Frühstück mit selbstgepantschter Marmelade und hausgemachtem Brot sowie Eiern vom Bauern nebenan – ich könnte es mir kaum gemütlicher vorstellen.

Bei all der Neuseeland-mäßigen Situationsromantik darf jedoch nicht unterschlagen werden, dass auch vieles einfach irgendwie improvisiert wird und nicht von der genormten Stange kommt. Eier gab es zumindest heute keine („Bauer hat keine gebracht“) und die Kaffeemaschine, gerade erst repariert, ist nach einem wirklich guten Kaffee erneut „broken“. Allerdings – gerade kam unsere Pensionsbetreiberin mit Mama und Bruder in den schnieken Aufenthaltsraum und bot mir an, mit ihnen Mittag zu essen. Ganz ehrlich – netter und freundlicher geht es gar nicht mehr, auch wenn die verfluchten Eier einmal ausbleiben und man beim

Straße zum Cap Formentor - herrlich... 

Frühstück lange auf das selbstgebackene Brot warten und stattdessen mit fiesem Toastbrot Vorlieb nehmen muss. Die beiden kniehohen Tölen der Herberge hocken gerade dösend unter der Tischtennisplatte, Mama, Bruder und Betreiberin beten erst gemeinsam und spachteln dann ihre Suppe, Jack Johnson (noch mehr Anspielungen an Neuseeland, auch wenn ich auf diese gut verzichten könnte) trällert im Hintergrund und mir, tja, mir geht es gut. Ich bedankte mich auch gerade noch ausdrücklich dafür, dass es auf den Zimmern keinen Fernseher gibt, wozu sie meinte, selber auch gar keinen zu besitzen. Noch sympathischer. Vor allem spanische Gäste würde die Abwesenheit der Glotze oftmals stören – von Deutschen würde man derlei eher selten vernehmen…

Ein Traum – abgesehen vom Knie – war auch die gestrige Etappe, knüppelhart wie sie auch war. Zuerst rund 860 Höhenmeter auf 38 Kilometern hinaus zum Kap Formentor und zurück, dann weitere siebzig Kilometer im weiten Bogen über den Col de Sa Batalla auf immerhin stolzen 579 Metern nach Port de Pollenca zurück: Respekt vor uns!

Erschwerend kam hinzu, dass das herrliche Sommerwetter vom Kap auf der Fahrt ins Landesinnere einem doch zunehmend unheilsschwangeren Grau am Firmament wich. „Unterschwellig wissen wir beide, was passieren wird…“, unkte ich noch als wir Meter für Meter der in den Gipfeln hängenden Suppe entgegenfuhren, unterschwellig sehr wohl wissend, was passieren würde. Natürlich erwischte uns der Regen wenig später volle Möhre. Frank nervte, rational betrachtet nicht zu Unrecht, mein ewiges Umziehen mit dem damit einhergehenden „stop&go“, mein Knie monierte die Herausforderung des Tages beinahe durchgehend und unsere Wege trennten sich zwischenzeitlich, bis wir uns sickennass am Pass wieder trafen.

Frank, am Ende der langen Auffahrt berechtigterweise eine eisig kalte Abfahrt fürchtend, suchte jedoch kurz nach meiner Ankunft flugs das Weite und warf mir gnädigerweise noch zwei Müsliriegel zu. Einen weiteren Klamottenwechsel später folgte ich ihm dann zum Glück beinahe durchgehend im Trockenen durch das Nordgebirge zurück zur „Heimat“. Traumhaft schön war die Strecke, auch bei tiefhängenden Wolken und einer ständigen Regengefahr, trotzdem, so dass wir uns gestern Abend eindeutig im Sinne des heutigen Ruhetages entschieden. Die Strecke lediglich einem weiteren Regentag in den Rachen zu schmeißen wäre pure Vergeudung, sahen wir schnell ein, so dass wir nun auf die morgige Sonne hoffend ausharren, Jack Johnson lauschen, Frank gerade eine Siesta hält und ich für meinen Teil nun den Griffel beiseite legen werde, um noch etwas Barack Obamas „Audacity of Hope“ zu lesen. Das Buch muss auch endlich mal „weg“, denn so gerne ich Barack auch lese, bin ich nach „Dreams of my father“ und „Audacity“ auch erst einmal heilfroh, dass er die kommenden vier bis acht Jahre keine Zeit haben dürfte, allzu viel zu Papier zu bringen. 

Impressionen der leider doch recht feuchten Streckenführung durch das Inland.

 

Sportstatistiken:

1 Tischtennismatch: 3:0 Sätze für mich (11:8; 12:10; 11:2)

Schachstatistik: 2:2