
Tagebuch während der
Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com
)
„Man
kann selten auf der Welt so konstant miserabel essen gehen wie auf
Mallorca…wir möchten mit diesem Buch helfen, damit der Körper nicht ständig
vergiftet wird…“ Vorwort „Szene Reiseführer“ (Javaane Jonges,
Unterwegs-Verlag, 1998-99)
„Wieso regnet das denn jetzt nicht in Strömen? Was `nen Scheiß!“
(Frank am heutigen Ruhetag)
Es regnet zwar nicht, oder zumindest nicht
mehr, oder zumindest noch nicht, aber der heutige Ruhetag zur ungefähren
Tourhalbzeit fühlt sich richtig gut an. Prächtig gut gar, wollte man
schreiben.
 |
 |
|
Impressionen
vom Ruhetag nach dem gestrigen Ausritt zum Cap Formentor (vgl.
Postkarte rechts). |
Natürlich schoss einem das obligatorische
„Was soll denn das nun?“ durch die Birne, als nach dem Frühstück der
Himmel aufriss und Port de Pollenca anschließend in gleißenden
Sonnenschein warf, ein rascher Blick in die massiven Berge entlang der
Nord- und auch der Westküste bewies jedoch, dass man an einem
wettertechnisch ausgezeichneten Ort war – und keinesfalls einen
wettertechnisch ausgezeichneten Tag stationär „vertrödelte“.
Nach mehr als eintausendsiebenhundert Höhenmetern
am gestrigen Tage kämpfte sich Frank auch nur noch unter Wadenschmerzen
die Treppenstufen unserer Herberge hinauf, während mein linkes Knie
bereits seit den frühen Nachmittagsstunden des Vortages – wir
berichteten – ausdrücklich auf eine artgerechte Haltung pochte.
 |
 |
|
Nettes
Nest und nette Herberge...Port de Pollenca am Ruhetag. |
Ein bisschen muss ich die Verletzung, wenn
man es denn so nennen will, auch auf die eigene Kappe nehmen, denn das
schmerzende Knie ist sicherlich nicht einfach nur tragisches Pech oder gar
ein Wink des allmächtigen Schicksals, sondern wohl provoziertes Resultat
einer rabiaten Gangart im hügeligen Inselterrain. Zumindest langte es
nach einer Nacht der Ruhe gestern noch für das Kap, aber jetzt einen Tag
Pause einzuschieben, bevor es nur noch durch die Berge geht, scheint
empfehlenswert.
Gerade fängt auch der Regen wieder an.
Ruhetag. Guter Entschluss. Alles richtig gemacht.
Auf jeden Fall, um den Faden wieder
aufzunehmen, fahre ich meistens in viel zu hohen Gängen, was zwar
ausgesprochen cool kommt, sobald man mit sechzehn oder achtzehn Kilometern
pro Stunde einen steilen Anstieg erklimmt und Frank, ebenso wie so manchen
anderen, dabei gnadenlos und wie auf EPO versägt, etwas langsamer und in
wesentlich tieferen Gängen wäre man jedoch bestimmt wesentlich gesünder
unterwegs. Ob eine langsamere Gangart vor zwei Tagen einen wirklichen
Unterschied gemacht hätte, ist natürlich spekulativ, aber trotzdem
sollte ich mir die akuten Schmerzen eine Lehre sein lassen. Andererseits
– wäre ich die Stiege langsam hinaufgefahren, wohl dosiert mit einer
hohen und maximal knieschonenden Trittfrequenz, hätte mich vielleicht der
übernächste LKW ins Jenseits gebrettert. Knieprobleme wären dann gar
kein Problem mehr und schließlich weiß man auch nie, vor welchen Fehlern
einen ein begangener Fehler bewahrt hat und welchem Pech man durch das
Unglück entkommen ist.
Wirklich fantastisch gefällt mir nach wie
vor unser Domizil, auch wenn mir Frank etwas Leid tut, da er in unserem
Gott-sei-Dank-TV-freien Zimmer heute Abend nicht das tapfere Auftreten des
FC Bayern gegen die Mannen vom FC Barcelona verfolgen kann. Trotzdem –
der Freizeitwert abseits der flimmernden Mattscheibe ist momentan
ausgesprochen hoch und gar unendlich höher als in den meisten 3- oder
4-Sterne-„Absteigen“ der Insel. Eine feine Tischtennisplatte, an der
es für Frank wenig zu holen gab, ein schönes Schachspiel, an dem unser
Wettstreit der Hochintellektuellen unentschieden ausging, ein Frühstück
mit selbstgepantschter Marmelade und hausgemachtem Brot sowie Eiern vom
Bauern nebenan – ich könnte es mir kaum gemütlicher vorstellen.
Bei all der Neuseeland-mäßigen
Situationsromantik darf jedoch nicht unterschlagen werden, dass auch
vieles einfach irgendwie improvisiert wird und nicht von der genormten
Stange kommt. Eier gab es zumindest heute keine („Bauer hat keine
gebracht“) und die Kaffeemaschine, gerade erst repariert, ist nach einem
wirklich guten Kaffee erneut „broken“. Allerdings – gerade kam
unsere Pensionsbetreiberin mit Mama und Bruder in den schnieken
Aufenthaltsraum und bot mir an, mit ihnen Mittag zu essen. Ganz ehrlich
– netter und freundlicher geht es gar nicht mehr, auch wenn die
verfluchten Eier einmal ausbleiben und man beim
 |
|
Straße
zum Cap Formentor - herrlich... |
Frühstück
lange auf das selbstgebackene Brot warten und stattdessen mit fiesem
Toastbrot Vorlieb nehmen muss. Die beiden kniehohen Tölen der Herberge
hocken gerade dösend unter der Tischtennisplatte, Mama, Bruder und
Betreiberin beten erst gemeinsam und spachteln dann ihre Suppe, Jack
Johnson (noch mehr Anspielungen an Neuseeland, auch wenn ich auf diese gut
verzichten könnte) trällert im Hintergrund und mir, tja, mir geht es
gut. Ich bedankte mich auch gerade noch ausdrücklich dafür, dass es auf
den Zimmern keinen Fernseher gibt, wozu sie meinte,
selber
auch gar keinen zu besitzen. Noch sympathischer. Vor allem spanische Gäste
würde die Abwesenheit der Glotze oftmals stören – von Deutschen würde
man derlei eher selten vernehmen…
Ein Traum – abgesehen vom Knie – war auch
die gestrige Etappe, knüppelhart wie sie auch war. Zuerst rund 860 Höhenmeter
auf 38 Kilometern hinaus zum Kap Formentor und zurück, dann weitere
siebzig Kilometer im weiten Bogen über den Col de Sa Batalla auf immerhin
stolzen 579 Metern nach Port de Pollenca zurück: Respekt vor uns!
Erschwerend kam hinzu, dass das herrliche
Sommerwetter vom Kap auf der Fahrt ins Landesinnere einem doch zunehmend
unheilsschwangeren Grau am Firmament wich. „Unterschwellig wissen wir
beide, was passieren wird…“, unkte ich noch als wir Meter für Meter
der in den Gipfeln hängenden Suppe entgegenfuhren, unterschwellig sehr
wohl wissend, was passieren würde. Natürlich erwischte uns der Regen
wenig später volle Möhre. Frank nervte, rational betrachtet nicht zu
Unrecht, mein ewiges Umziehen mit dem damit einhergehenden „stop&go“,
mein Knie monierte die Herausforderung des Tages beinahe durchgehend und
unsere Wege trennten sich zwischenzeitlich, bis wir uns sickennass am Pass
wieder trafen.
Frank, am Ende der langen Auffahrt
berechtigterweise eine eisig kalte Abfahrt fürchtend, suchte jedoch kurz
nach meiner Ankunft flugs das Weite und warf mir gnädigerweise noch zwei
Müsliriegel zu. Einen weiteren Klamottenwechsel später folgte ich ihm
dann zum Glück beinahe durchgehend im Trockenen durch das Nordgebirge zurück
zur „Heimat“. Traumhaft schön war die Strecke, auch bei tiefhängenden
Wolken und einer ständigen Regengefahr, trotzdem, so dass wir uns gestern
Abend eindeutig im Sinne des heutigen Ruhetages entschieden. Die Strecke
lediglich einem weiteren Regentag in den Rachen zu schmeißen wäre pure
Vergeudung, sahen wir schnell ein, so dass wir nun auf die morgige Sonne
hoffend ausharren, Jack Johnson lauschen, Frank gerade eine Siesta hält
und ich für meinen Teil nun den Griffel beiseite legen werde, um noch
etwas Barack Obamas „Audacity of Hope“ zu lesen. Das Buch muss auch
endlich mal „weg“, denn so gerne ich Barack auch lese, bin ich nach
„Dreams of my father“ und „Audacity“ auch erst einmal heilfroh,
dass er die kommenden vier bis acht Jahre keine Zeit haben dürfte, allzu
viel zu Papier zu bringen.
 |
 |
 |
Impressionen
der leider doch recht feuchten Streckenführung durch das Inland.
Sportstatistiken:
1
Tischtennismatch: 3:0 Sätze für mich (11:8; 12:10; 11:2)
Schachstatistik:
2:2 |