Stage 3
Artà - Port de Pollenca
98,16 Kilometer; 04:32:35 Stunden

   WB01343_.gif (599 Byte)    WB01344_.gif (644 Byte)    WB01345_.gif (616 Byte)

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

„Hast Du die gesehen? So viel Auto kann ich in meinem Leben gar nicht mehr fahren, wie die schon an CO2-Tier in sich hineingestopft hat!“

Frank in Anspielung auf unsere heutige Frühstücksdiskussion: Thema „menschlicher Fleischkonsum“. Ich – heute in der Rolle des klimaliebenden Tierfreundes den Standpunkt verteidigend, dass zu viel Fleisch schlecht für den eigenen Körper und unser aller Umwelt ist und Frank aus der Warte des menschlichen Fleischfressers argumentierend, dass die Menschheit seit jeher Totes

Abstecher am Morgen: Ermite de Betlem.

 konsumiert hätte und der – wenngleich auch kaum zu verallgemeinernde – Drang zur fleischarmen / fleischlosen Kost ein Phänomen der modernen, westlichen Überzivilisation wäre. Dies ändert jedoch nichts an der Tatsache, dass Studien zu Folge zumindest amerikanische Fleischfresser pro Jahr einen im Durchschnitt um 1.5 Tonnen erhöhten CO2-Ausstoß verursachen (verfressen) als ihre vegetarischen Landsleute – wenngleich der Burger- und Tierkonsum unserer transatlantischen Freunde auch um einiges höher als in der alten Welt sein dürfte. In der Gleichung fehlt jedoch die Berücksichtigung einer gegebenenfalls geringeren Lebenserwartung der Fleischfutterer, so dass ich mich hier auch nicht zu weit aus dem Fenster lehnen möchte…

„Eigentlich handeln wir ja gar nicht“, musste sich Frank heute früh beim Bezahlen in unserer exquisiten Herberge übrigens erneut anhören. Nun gut, dachte ich mir einmal mehr, gäbe es genug Kunden, die euch für 142€ die Nacht Tür und Tor einrennen würden, wäre dem in der Tat so, aber wo kein Gast weit und breit ist – beim Frühstück war für insgesamt sechs gedeckt – sind 90€ eben halt 90€ mehr als nichts. Und das dieser Tagebucheintrag urplötzlich von Tausenden gelesen wird, die demnächst alle lediglich 90€ für ihre Übernachtung latzen wollen, erscheint auch unwahrscheinlich. Und wem dem so ist und die Bude fortan immer ausgebucht ist, gäbe es sicherlich auch Schlimmeres…

Wirklich nett war – wie erhofft – das Frühstück, welches den vier Sternen des Etablissements alle Ehren machte. Frisch gekochte Eier oder Rührei, diverse Käsesorten, leckre aus ehemals

Präperationen für den Tag und Frühstück in Artà.

 CO2-ausstoßenden Viechern gewonnene Fleischprodukte, lecker Vollkornbrot für Pseudo-Ökofreaks: Das „Siegerfrühstück“ unserer heutigen Herberge, so zumindest die vollmundige Ankündigung auf der hauseigenen Webpräsenz, wird an der vorgelegten Messlatte lange zu knabbern haben.

Knabbern werden unsere zukünftigen Herbergen auch am Ambiente unserer heutigen Unterkunft. Allein die Tatsache, dass unser Raum keinen Fernseher hat, eine Feststellung, die Frank bereits nach wenigen Augenblicken machte, erfreut. Mir fiel es, bis zum freudigen Moment seiner Feststellung, gar nicht erst auf, aber wahrscheinlich habe ich den sofortigen Griff zur Fernbedienung nach Betreten eines fremden Raumes auch einfach noch nicht internalisiert. Dazu gibt es eine nette Gastgeberin, Teller und Besteck für das Abendmahl aus dem nahen Supermarkt gibt es einfach aufs Zimmer (wie oft hörte man schon von angepieselten Hoteliers Kram à la „no food in the room…“), eine herrliche Dachterrasse inmitten der verwinkelten Minialtstadt von Port de Pollenca, freilaufende Köter und Katzen, Tischtennis und ein nettes Schachbrett: Müsste man für das Zimmer nicht 60 Euro die Nacht zahlen, man könnte sich beinahe wieder in Neuseeland wähnen. Kurzum: Ein Traum…

Am Cap des Pinar - traumhaft schöne Strecken, traumhaft gutes Wetter...

…ein Traum, der mir mindestens genauso lieb wie das heutige Frühstücksgelaber in Artà ist („Ich hätte gerne einen Tee“ – „Schwarz, grün oder Früchte?“ – „Schwarzer Tee.“ – „Lieber einen Earl Grey oder einen kräftigeren…“). Natürlich war man dort, den vier Sternen entsprechend, ausgesprochen nett und umsorgte die Wünsche der wenigen Gäste nach Menschenkönnen, aber genauso wie Frank sich eher als „Currwurst-Pommes-Typ“ charakterisiert, fühle auch ich mich hier zumindest wesentlich „richtiger“ am Platz, auch wenn man morgen Früh wohl kaum ein „Guten Morgen Herr Pölling-Vocke“ beim Frühstück erwarten kann, da in Artà ein jeder Gast beim Namen begrüßt wurde. Natürlich wirkt das Ganze auch etwas aufgesetzt und setzt dank einer Kopie meines Ausweises in den Händen der Rezeption auch nicht gerade telepatische Fähigkeiten voraus – aber unterm Strich unterstreicht es halt den persönlichen Charme eines Hotels und gefällt mir, so viel Ehrlichkeit muss sein, auch. Vielleicht hätte ich im Umkehrschluss auch nach den Namen des Personals fragen sollen, aber so verhält er sich halt, der profane Tourist…

Ebenfalls ein absoluter Traum war unsere heutige Streckenführung. Ich bin – kurz gefasst – hin und weg von der Schönheit der Insel. Unser frühmorgendlicher Abstecher zum Ermitel de Betlem, wo wir keinen der dort angeblich in aller Abgeschiedenheit hausenden fünf Mönche erspähen durften, die Küste, unser Abstecher zum Cap des Pinar unter strahlend blauem Himmel, die Steilküste bei Cala Sant Vicenc, wo wir leider kein freies Bett fanden und daher nach Port de Pollenca zurückkehren mussten: Alles war einfach bloß schön. Alles? Naja, fast alles, denn…

…es gibt gute und schlechte Schmerzen. Gute Schmerzen beinhalten den auf Touren zwangsläufig wunden Hintern, die folglosen Wadenkrämpfe der ersten Nacht, die harmlose Nackenstarre vom stundenlangen Rennradgeplackere – all jene Schmerzen einfach, die weder sonderlich intensiv noch überraschend daherkommen. Sie gehören, wie das Salz in der Suppe oder das 131. Nudelgramm beim Abendmahl, einfach zum Erlebnis des Fahrradurlaubs dazu. Anders jedoch mein linkes Knie, welches heute auf der Fahrt vom Cap de Pinar nach Alcudia tierisch zu zwicken begann. Die Selbstdiagnose könnte in Ermangelung besserer Alternativen so etwas wie „temporäre Verdrehung / Überdehnung / Reizung des lateralen Bandapparats am Knie“ lauten – ich konnte kaum mehr treten, fuhr den Tag bis Cala Sant Vicenc nur einbeinig und hoffte, dass der Schmerz ganz einfach ebenso flugs wie er gekommen war auch wieder abklingen würde. Mit Belastung zu treten war vollends unmöglich und fühlte sich so an, als würde ich mir gleich das Band sauber selber durchreißen. Glücklicherweise ließ der Schmerz auf der Rückfahrt nach Port de Pollenca zumindest etwas nach, aber was heute Abend zu hoffen bleibt, ist, dass sich morgen alles wieder wie gewohnt anfühlt und die Mitarbeiterin unserer letzten Herberge Unrecht behält, unkte sie doch, dass wir den Wetterbericht für morgen gar nicht erst wissen wollten. Mittlerweile weiß ich zwar, dass zwei Tage Regen prognostiziert sind und es daheim in Ostfriesland sowohl wesentlich wärmer als auch trockener zugeht, aber richtig schlechtes Wetter wäre dem Cap dem Formentor, einem der Highlights unseres Urlaubs, einfach nur unwürdig.

Cala Sant Vicenc - geplantes Übernachtungsziel ohne freie Übernachtungsmöglichkeit.