Stage 2
Cala Figuera - Artà
95,14 Kilometer; 04:29:06 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com

„Falls Du es noch für Dein Tagebuch brauchst: „Il Faro“ hieß der Schuppen; bei einem Boykottaufruf bin ich dabei!“
Frank nach unserem abendlichen Besuch des Italieners

Es ist zwar nicht nett, anderen Menschen Misserfolge herbeizuwünschen, aber Franks Ambitionen, unseren (gottverdammten) Fernseher zum Laufen zu bekommen, würde ich nach einer 1937-prozentigen-Steigerung meines durchschnittlichen Pro7-Jahreskonsums an den letzten beiden Abenden und Vormittagen gerne scheitern sehen.

„Germany’s Next Supermodel“ oder all der andere Unfug, mit dem man dort systematisch zugemüllt wird, will ich wirklich nicht tagtäglich wahrnehmen müssen, ich, der Obama-lesende, neunmalklug daherschnackende Pädagoge, der, so Frank zu seiner Freundin (scheiße, Fernsehtöne dringen zu mir auf den Balkon…; Glückwunsch!) auch „ein ganz komischer, aber liebenswerter Typ“ ist. Ich könnte an dieser Stelle und im Kontext der TV-Diskussion zig meiner vielleicht im einzelnen begründbaren Prinzipien aufzählen, die aber alle in ihrer Summe wieder dermaßen widersprüchlich wären, dass man mich gleich einsperren würde, verzichte aber darauf und erinnere lediglich daran, dass der Konsum von Pro7 eben nicht zu meinen tagtäglichen Ritualen gehört, gehören wird oder gar gehören sollte.

Idyll am Wegesrand: Spanien kocht sich seine Paella im Freien. Im Europavergleich sind Spanier die Elftfettesten - Deutschland nimmt peinlicherweise Rang 1 ein, knapp vor Großbritannien. 

Eines jeder Prinzipien, wo ich gerade dann doch schon einmal dabei bin, involviert stets auch gerade noch akzeptable Übernachtungspreise auf Radtouren bzw. im Urlaub allgemein. Das Thema ist alt. Ein Thema, dass schon unzählige Male zum verdeckten und einige Male zum offenen Disput zwischen Frank und mir führte – und bestimmt bis ans Ende unserer Tage auch wird. In Ermangelung wirklicher Auswahlmöglichkeiten im beschaulichen Artà bahnte sich das Thema heute erneut an, denn am Ende eines elenden Herumgegurkes durch die engen Gassen der Stadt standen wir vor einer noblen 4-Sterne-Herberge nahe der Pfarrkirche San Salvador.

Mal so, mal so: Der heutige Tag führte uns nicht nur über traumhaft befahrbare Straßen, sondern auch durch alles andere als optimales Gelände...

Und standen. Und diskutierten das strategische Vorgehen. 70€ als erste Verhandlungsoption und zehn Euro mehr als absolute Schmerzgrenze waren flugs verabschiedet, allerdings wurde mir schon beim Passieren des kleinen Pools im Innenhof schnell klar, dass wir damit nicht weit kommen würden.

Und so war es denn auch, denn regulär, so wurden wir informiert, würde die Nacht 72 Euro kosten. Pro Nase, wohlgemerkt. Ein Deal mit offene Karten? „Wir wollten 70 bieten, haben aber bei 80 die absolute Schmerzgrenze“. Das prompte Gegenangebot: „Unter 100 geht leider nichts.“. „Man muss sich auch einmal etwas gönnen“, kam es flugs als dekadenter Seitenhieb von einem anderen Gast des Hauses, dem vom Anschein her auch die 95€-Green-Fees auf dem nahen Golfplatz nicht allzu sehr stören. Bloß – was waren unsere Alternativen?

Emita de Sant Salvador

Zurück in die 15.000-Betten-Burg Cala Rajada an der Küste, wohl wissend, dass auch dort erst einmal ein passables Bett gefunden werden müsste und die Idee vom netten Abendspaziergang inmitten diverser Hotelbunker jeglichen Reiz verlieren würde?

Wir debattierten und bezogen unsere alteingesessenen Positionen. Frank schien der Preis von 100€ trotz vorher anders vereinbarten Schmerzgrenzen akzeptabel, ich beharrte weiterhin darauf, das Geld nicht zum Fenster hinauszuwerfen, hatte aber unterm Strich überhaupt keinen Bock, noch einen Meter weiter zu radeln. Franks Ermahnung, dass man sich nicht so anstellen sollte, da wir beide bereits Jahre in vergleichbar teuren Herbergen an der Börse verzockt hatten, durften auch nicht fehlen. 90€ bot ich an der Rezeption schließlich als Kompromiss an – eben die Mitte der beiderseitigen Schmerzgrenzen.

Unser Zimmer – natürlich wurde der Deal im nicht wirklich ausgebuchten Landhotel angenommen – ist dafür auch allererste Sahne, dürfte allerdings auch gerne keinen funktionsfähigen Fernseher haben. Ein riesiges Bad mit Whirlpool, eine private Dachterrasse, der leider unbeheizte Pool in dem ich es zumindest länger als Frank aushielt: Nett, nett und nochmals nett. Natürlich wurden wir noch darauf hingewiesen, dass man im Normalfall nie handeln würde, aber wer es glaubt, wird selig.

Weniger nett wurde dafür der Abend – womit wir dann wieder beim leidigen Thema der mallorquinischen Abzocke wären. „Jetzt waren wir drei Mal abends essen und bei Burger King war es am Besten“, resümierte Frank als wir am Abend einmal mehr bei einem Italiener einkehrten und übelst über den Tisch gezogen wurden. Es schmerzte in der „Feinschmecker“, nein, besser gesagt „Leckeresserseele“, Frank bedingungslos zustimmen zu müssen, auch wenn ich es auch bei Burger King scheiße fand. Zwar war meine Pizza heute günstiger (-1,50€), größer (ca. einen Zentimeter mehr im Durchmaß, der sich langsam gängigen Kindergrößen annäherte) und echt (keine TK), aber erneut ausgesprochen schlecht, trocken und mit einsamen Käseatomen auf einem millimeterdünnen Teig gesegnet. Unterm Strich glaube ich, dass die Materialkosten einer günstigen Tiefkühlpizza höher liegen, denn was kann ein bisschen Mehl, etwas Spinat, ein bisschen Tomatenpansche und eine Scherzdreingabe Käse schon kosten?

Trotz allem war meine Pizza um Welten besser als Franks Nudelportion, die ihn dermaßen auf die Palme brachte, dass er sich prompt bei der Mama des Hauses beschwerte und auf den durchschnittlichen Kalorienbedarf eines Nichtäthiopiers verweisend um einen mindestens gleichwertigen Nachschlag bat. Kurz nachdem ich ihm dann zur mehr als verdienten und vehement geäußerten Kritik beglückwünschte, kam Mama wieder, murmelte pflichtbewusst, dass die Portion den Restaurantspezifikationen entsprechend 130g maß und man daher auch absolut gar nichts machen könnte, da andere Gäste ja auch davon satt würden. Franks Verweise auf augenscheinlich größere Kinderteller am Nachbartisch nützten nichts, wobei eventuell ein Zusammenhang zu den teuren Gerichten der Eltern bestehen könnte: Mehr gab es nicht und die Portion wäre – Originalzitat – „angemessen“.

Frank gab, ganz entgegen seiner Prinzipien, worüber es auch bereits eine angeregte Diskussion gab, keinen einzigen Cent Trinkgeld.

Ach ja, geradelt wurde heute auch noch…

Es ist nicht immer eine gute Idee, potenziell verkehrsarme Straßen bekanntermaßen gut asphaltieren Hauptstraßen vorzuziehen, so wie wir lange vor den kulinarischen Highlights des Abends am heutigen Wandertag erfahren durften.

Franks löbliche und von unserem Kartenmaterial zweifelsfrei als problemlos markierte Idee, ab Calonge bis zum Ermita de Sant Salvador eine kleine Parallelstraße zur Ma0412 zu fahren, entpuppte sich nach irreführend schönen Kilometern als mächtiger Fehltritt, da aus unserer total verlassenen Traumstraße ein absolutes Trümmer- und Schlaglochfeld wurde, durch das Frank irgendwie radelte, ich jedoch sehr zum Dank meiner teuren Speichen und Felgen gemächlich schob. Ohne die Zeit im Nacken war das Ganze allerdings nicht wirklich problematisch, jedoch auch nicht ganz wie bestellt. Erinnerungen an den Walters Peak und traumhaftes Offroad-radeln in Neuseeland wurden zwar kurzzeitig wach (Link), ohne ein geeignetes Rad fehlte jedoch das letzte Stück zum Glück. Und auch mit dem hatte ich mich ja in Neuseeland gleich zwei Mal auf die Nase genagelt. Darum: Wer sein Rad liebt, der schiebt…

Am heutigen „Lustanstieg“ des Tages zum Ermita de Sant Salvador wollte ich es dann nach den gestrigen Erfahrungen – ein flinker Anstieg und ein fieser Absturz am Tagesende – wesentlich ruhiger angehen lassen und auf jegliche Selbstbeweihräucherung verzichten. Interessanterweise war ich in der letzten Nacht auch von einem schmerzhaften Krampf im in der rechten Wade geweckt worden. Zeichen genug, dass die Form nicht ist, was sie sein sollte, wenn man mit 18 km/h irgendwelche Erdhügel hinaufknüppeln möchte.

Artà am Abend.

Dummerweise überholte mich allerdings 250 Höhenmeter vor dem Gipfel ein halber Mensch, mit dem ich mir dann doch wider besseren Wissens ein erbittertes Rennen bis zum Schluss gab. Leider gewann er nach meiner zwischenzeitlichen Führung von mindestens 50 Metern im Endspurt ausgesprochen deutlich, flog er doch mit mindestens 25 km/h an mir vorbei, guckte sich alle zwei Sekunden um und stellte sicherlich zufrieden fest, von mir keinen Schlussspurt befürchten zu müssen. Latent frustrierend war bloß, dass ich ihn noch einmal sehen sollte – nämlich während unserer Pause am Gipfel, die der magersüchtige Hempfling dazu nutze, noch einmal den Berg hinabzurollen und ein weiteres Mal hinaufzukeulen.

Abgesehen vom kleinen Rennen am Berg, einer insgesamt gemächlicheren Etappe und jeder Menge Sonneschein gab es heute nicht viel zu berichten, sieht man einmal von den eingangs beschriebenen Problemen der Herbergssuche in Artà ab. Was bleibt, ist die Hoffnung auf ein dem Preis angemessenes Frühstück, denn wirklich satt verabschiedet sich heute Abend niemand in die Kojen…