Stage 1
Can Pastilla - Calla Figuera 
(via Puig de Randa, 542m
)
120,81 Kilometer; 04:56:52 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Vorwort: 03.04.2009. 7:03. Lingen. Emsland.

Total übermüdet hocke ich gerade im Zug auf dem Weg nach Münster, die Sonne geht langsam auf und ich lasse meinen leidvoll ächzenden Schreibtisch langsam hinter mir, daheim in Leer, schwer beladen mit den Prüfungsvorbereitungen meiner noch drei

Ein Wiedersehen mit unsern Fahrrädern im Hotel.

Wochen entfernten Abschlussprüfung. Sicherlich mag es geschicktere Zeitpunkte geben, um in den (wohlverdienten?) Urlaub zu fahren, aber zum ersten Mal seit unserem 2006-„Debakel“ werden Frank und ich gemeinsam auf Tour gehen (Link). Dieses Mal, so mein Kalkül, schleppe ich auch zwei vollkommen funktionsfähige Knie mit mir herum. Dieses Mal, im zehnten Jahr unserer Radexpeditionen, die vor Urzeiten mit einem ausgesprochen nassen Ritt von Kölle nach Paris begannen (Link). Besser wäre es…

Nun, drei Wochen vor dem offiziellen Ende meines Referendariats in Leer, einen Tag nachdem die Welt einmal mehr durch abstruse Geldversprechen von den Vertretern der G20 gerettet wurde (am Nachmittag meldete Spiegel-online noch die Bereitstellung von 500 Milliarden Dollar, bis zu den Abendnachrichten hatte sich die Summe einmal mehr dezent verdoppelt) und vier Wochen bevor ich nach 31 Jahren auf diesem Planeten endlich einmal „ausgelernt“ (wer es glaubt…) sein werde, ging es früh am Morgen auf zum Flughafen Münster-Osnabrück. Das Rennrad ist gut verpackt, so manches (Wecker, Schlaf-T-Shirt) vergessen und wohl vor allem dank nur wenig Schlaf verspüre ich noch so gar keine richtige Motivation, was das diesjährige Radelunterfangen betrifft.

Die allerdings, da bin ich mir ziemlich sicher, wird nicht lange auf sich warten lassen, sobald das ganze Herumgereise erst einmal überstanden ist, ich ausgeschlafen in den Sattel steigen kann und die Insel zeigen wird, wie fit Frank und ich durch den – dem Klimawandel zum Trotz – dann doch ausgesprochen dem Ideal eines tatsächlichen Winters entsprechenden Winter kamen.

„Selbstzweifel“ wie vor Jahren in Wien wird Frank dieses Jahr nicht haben, falls ich ihn wie damals auf der Tour nach Istanbul gelegentlich stehen lasse – eine Tour mit statistischen Werten, bei denen mir heute beinahe schlecht wird. Man darf auf das damals Geleistete Stolz sein – duplizieren muss man es aber, zumindest ich bin mir da relativ sicher – nicht noch einmal. Übelst über 100 Kilometer am Tag im Schnitt (…und was für ein Durchschnitt dabei…) auf den teilweise das eigene Überleben stets gefährdenden Europastraßen Südosteuropas abzuspulen war sicherlich ein fantastisches Erlebnis, aber keines, nachdem ich noch einmal trachte (Link). Und nun? Am Berg, so Frank vor einigen Tagen in einer E-Mail, werde ich „eh warten müssen“, allein schon aus gewichtstechnischen Gründen, da ich als das abgemagerte Knochengerippe, das ich geworden bin, mindestens zehn bis fünfzehn Kilogramm weniger durch die Gegend quälen muss als Frank. Gemein hin heißt es zwar, dass Referendare während ihrer Dienstzeit nicht nur Unmengen an Erfahrungen sondern auch Unmengen an unschönen Fettpolstern sammeln, irgendwie ist es mir jedoch gelungen, sogar noch mit einem deutlichen Gewichtsverlust durch die vergangenen eineinhalb Jahre zu kommen.

Aktuell wird allerdings das Leben zeigen, wer von uns beiden wirklich in besserer Form und am Stieg fixer ist, denn wenngleich mein Fitnessstudio in Leer zwar mein zweites zu Hause wurde und ich den Winter über brav zwei Mal die Woche zum Spinning pilgerte, habe ich 2009 erst 410 Straßenkilometer auf dem Buckel. Vor Istanbul waren es mindestens 4100. 37 Höhenmeter waren bis dato wohl auch dabei, zumindest wenn man das Treppenhaus in Leer großzügig mitrechnet (2. Stock). Die Vorbereitung scheint also kaum perfekt – und nette Rundkurse für knochenharte Tagestouren – mein „Spinningmeister“ aus Leer faselte gar von wunderschönen 200-km-Ausritten entlang der gebirgigen Nordküste – werden definitiv nicht auf unserem Programm stehen. Soviel weiß ich bereits jetzt um 07:26 in Rheine. Keine Wolke am Himmel. Man könnte auch einfach aussteigen und hier Rad fahren…

- Zweiter Eintrag, Flughafen FMO. Später. -

Man lässt sich als Mensch gerne verwirren und verängstigen. Naomi K. würde jetzt sogar postulieren, dass man letzteres geradezu systematisch wird, nur um dann gesellschaftliche Umbrüche zu tolerieren oder gar herbeizusehnen, deren einziges Ziel die Errichtung eines den eigenen Interessen prinzipiell zuwider ausgerichteten Systems ist. Ob das Rad mit den Bus zum Flughafen transportiert werden könnte, gar den Expressbus, konnten mir die Münsteraner Verkehrsbetriebe weder per Mail noch telefonisch garantieren. Einen Minibus wie in Osnabrück – ohne das genaue Fabrikat zu kennen, beschreibe ich es einfach einmal als einen zum Großtaxi umgebauten Ford Transit – antizipierend, war ich durchaus überrascht, als um 08:21 ein riesengroßer Bus – ein Bus halt – vor meiner Nase hielt, mein Rennrad und mich vollkommen problemlos vom Straßenrand schluckte und mich flugs zum Flughafen beförderte, wo ich dann zweieinhalb Stunden vor Abflug mehr als nur rechtzeitig eintrudelte. Die übervorsichtig frühe Anreise nach Münster hätte ich mir getrost sparen können. Lohn der ewig währenden Flughafentristesse ist allerdings ein Fensterplatz am Notausgang. Geht doch.

Der eine bringt 85 Kilo mit zur Tour, der andere 70.
Die Ursachenforschung ist nicht sonderlich schwer...

Was bleibt, ist viel Zeit. Viel Zeit. Zeit, um im unsympathisch teuren Flughafenkiosk in meiner Rolle als arg preiskritischer Konsument zwischen den überteuerten Mineralwassern der Republik auszuwählen und bewusst nicht nach dem Gesöff von Evian zu greifen, dessen Schicksal demnächst in den Händen meines Bruders in Frankfurt ruhen wird. Zeit, über den noch leeren Flughafen zu schlendern (ist er jemals voll?). Zeit, irgendeinen banalen Stuss zu verfassen.

In der International Herald Tribune durfte ich gerade noch lesen, dass staatliche Stimuli in aller Regel doch funktionieren – ob nun Roosevelts neuer Deal oder auch Adolfs engagiertes Konjunkturprogramm zur Zeit der letzten echten Weltwirtschaftskrise. Wohl wahr, so der Kolumnist, Intention und tragisches Ziel des deutschen Megakonjunkturprogramms der 30er Jahre dürfte man nur verteufeln, bloß gewirkt hätte das Programm kurzfristig dann halt doch, was denn dann beweise, dass der heutzutage vorrangig im angelsächsischen Bereich propagierte spendable Staat durchaus seine Existenzberechtigung hat, ganz egal wie sehr das alte Europa auch daran erinnert, dass Geldscheine mit mehr Nullen als Brotkrümel als Gegenwert ja auch Teil der jüngeren Menschheitsgeschichte stellen. Vielleicht hätte ich mir vor der Tour noch ein sündhaft teures Vollcarbonrad auf Pump leisten sollen. Vielleicht hätte sich die Schuldenlast während des Urlaubs ganz einfach weginflationiert. Ganz abwegig erscheint der Gedanke kaum…

Traumhaft schön: Can Pastilla nahe Palma de Mallorca. Vielleicht wäre alles bei Sonnenschein noch faszinierender gewesen, aber so war man erst einmal froh, nur eine Nacht bleiben zu müssen...

Ungefähr jetzt dürfte auch Frank rund zweihundert Kilometer südlich von hier den Kölner Flughafen ansteuern. Die Tour beginnt. Ich bin hundemüde und groggy – und hoffe, die Prüfungslast des Alltags zumindest für eine Woche vollends vergessen zu können, ohne dafür von der Lebensrealität am Prüfungstag so richtig eine geklatscht zu bekommen

- Etappe -

„Die Leute hier verstehen halt ihr Geschäft“, rechtfertigt beziehungsweise erklärt Frank
gerade die 20€-Kapriolen vom gestrigen Taxi. --- Gestern?

Wahrscheinlich steht es bereits in vielen Tagebucheinträgen, aber es ist einmal mehr absolut faszinierend, wie fix die Vergangenheit – im konkreten Fall das Kölner und Leeraner Vorgestern – auf Tour verloren geht. Selbst im zehnten

5 Euro für einen Witz: Frank 
mit seinem Eis.

 Jahr. Selbst auf Etappe 203 meiner „Radkarriere“. Wie viele Kilometer ich insgesamt auf dem Sattel verbracht habe, gelegentlich vielleicht auch stöhnend aus diesem heraussteigend und mühselig einen Anstieg erklimmend? Unbeschreibbar viele, soviel steht in Ermangelung genauer Zahlen oder der Motivation, diese mühselig zu ermitteln, fest. Anzumerken ist jedoch, dass ich letzte Nacht noch von der Schule geträumt habe – ganz so weit wie unterwegs gefühlt bin ich wohl noch nicht von daheim entfernt.

Und der Tag? Man könnte jetzt gleich wieder über die touristische Abzocke, der man auf Schritt und Tritt begegnet, nörgeln. Da man es könnte, mache ich es auch einfach. Man sieht uns halt nur einmal – denkt man – und muss diese Gelegenheit nutzen, damit möglichst viele Euro den Besitzer wechseln. Franks unbeschreibliches 5€-Eis heute Abend im Hotel oder unsere nicht

Frank und unser freundlicher Taxifahrer. Noch ahnte man nichts Böses...

 wirklich schmackhaften Tiefkühlpizzen (der Teig war viel zu genormt, um „eht zu sein“, was den Belag angeht, weiß man es nicht, vermutet aber ähnliches) für den dubiosen Preis von 8,20€ beim „Italiener“ um die Ecke sind nur einige Beispiele von vielen, eben halt genauso wie die 20€ teure Taxifahrt zu unserem Hotel in Can Pastilla am gestrigen Ankunftstag. Anzumerken sei, dass die Fahrtstrecke rund zwei Kilometer betrug und das Taxameter, weshalb auch immer es überhaupt angeschaltet wurde, bei der Ankunft friedvoll nahe sieben Euro verharrte – die 4€-Initialgebühr inbegriffen. Plötzlich sollten es dann aber eben drei Mal so viele Euro sein – angeblich wegen unseres „Spezialgepäcks“, nämlich der Fahrräder. Gutmütig hatte Frank vor der Abfahrt am Flughafen noch geflüstert, dass man dem guten Herrn ja auch für seine Mühen mit dem Gepäck ein etwas großzügigeres Trinkgeld geben könnte. Die Szenen am Hotel – Frank und der Fahrer bekamen sich beinahe in die Haare während ich versuchte, von der Rezeption Hilfe zu holen – waren allerdings Kleinode einer wesentlich unspendableren Disposition des Herrn Schumachers, der sich, auch wenn es sein Gegenüber wohl kaum verstand, „hier nicht verarschen lassen wollte“. Und es – wohl oder übel – wohl musste, da auch unser Hotelier nur meinte, dass man da eben nichts machen könnte und manche manchmal sogar 25 Euro zu zahlen hätten und mir auch nicht viel einfiel, was man hätte unternehmen können. Die Übernachtung kostete anschließend 38 Euro. Für Frank und mich. Mit Frühstücksbuffet. Ich kann mich nicht davon freisprechen, gelegentlich Gedanken à la „F__k_ euch doch alle…“ zu haben, wenn einmal wieder mehr von meinem Geld als plausibel erklärbar den Besitzer wechselt und man sich stillschweigend seinem Schicksal ergibt, aber schlussendlich weiß ich auch nicht, ob es das Theater um ein paar Euro lohnt, wenn ein aufgebrachter Taxifahrer wild gestikulierend nach Franks Rucksack greift, diesen bei sich im Auto als Geisel nimmt und beharrlich seine „twenty Euro, twenty Euro, twenty Euro“ verlangt. „Arme Sau“, könnte man sich auch denken…

Cala Pi.

Aber genug gemosert, denn der Tag war traumhaft, zumindest bis ich nach rund einhundert Kilometern ziemlich übel auf Grundeis lief und, am konditionellen Ende, de verbleibenden zwanzig Kilometer nur noch die Straße entlang kroch. Strecke, Wetter, Laune: die eigene Prüfung in wenigen Wochen ist fern, das skurrilerweise ein paar Grad wärmere Deutschland auch, man ist wieder zu „Hause“. Auf dem Sattel. In der Ferne. Unterwegs.

Das lockere Einrollen am ersten Tag (…es gab da mal so einen Plan, aber wie es mit Plänen so ist…) war spätestens auch nach unserem Abstecher an den „Fjord“ (so bezeichnete Frank die Miniaturausgabe selbigen Naturphänomens in Cala Pi, zitierte dabei jedoch auch bloß unseren stets nach überschwänglichen Formulierungen suchenden Reiseführer) von Cala Pi vorbei, folgte doch nach wenigen Kilometern der eigentlich überflüssige, dafür aber richtig schöne Anstieg auf den Puig de Randa. 5 Kilometer mit 4.4% Steigung im Durchschnitt galt es zu bewältigen. Wohl um den Preis meiner am Tagesende schwindenden Kräfte hastete ich den Berg mit 16 bis 20 km/h hinauf und versägte nicht wenige der auch am Berg arbeitenden Radeltouristen, von denen die ganze Insel nur so wimmelt. Eine Riesengaudi, keine Frage, aber knapp unterhalb der Schmerzgrenze den ersten echten Berg des Fahrradjahres zu erklimmen ist spätestens dann diskutabel, wenn anschließend noch fünfzig Kilometer bis zum Ziel fehlen.

Passiert ist insgesamt wenig. Erste Sorgen, über Ostern eventuell kaum noch freie Betten zu finden, haben sich mehr oder weniger in Luft ausgelöst. Frank hatte, so sagt man augenscheinlich in Kölle, „Nacken“ (bzw. „Ich habe Nacken“), was dann, so lernte ich, so viel bedeutet, wie das selbiger etwas schmerzt, da er das stundenlange Gehocke auf dem Rennvehikel noch nicht gewohnt ist.

Ich für meinen Teil „habe Schulter“, um mal gleich im selben Dialekt zu verbleiben. Unser heutiges Hotel ist – wohlwollend gerechnet – vielleicht zu einem Drittel voll. Vielleicht war Franks Eis auch deshalb so teuer und die Tiefkühlpizza auch deshalb so mies – die armen Menschen müssen ja auch über die Runden kommen, sollten dabei aber nicht vergessen, dass sie uns vielleicht nur einmal zu Gesicht bekommen, negative Mund-zu-Mund Propaganda allerdings auch flugs dazu führen kann, dass sie von noch weniger Gästen in Zukunft noch mehr verlangen müssen, um nicht vor die Hunde zu gehen. Der erste Eindruck von der Insel – abgesehen von bereits viel zu oft erwähnten Preisen bzw. damit verbundenen Leistungen -  ist auch fantastisch, vor allem, da ich bis zum heutigen Tage immer noch ein klischeebelastetes Bild von Mallorca mit mir herumschleppte, welches mich bisher stets davon abhielt, überhaupt über einen Urlaub auf der Insel nachzudenken. Das typische halt: Saufen, Ballermann, kotzen und so weiter…

Letzteres musste ich heute am Etappenende Gott-sei-Dank nicht. Furchtbar viel fehlte aber auch nicht mehr…

Puig de Randa

Ausblick über den Spielplatz der kommenden Tage.