| Stage 9 |
| Giulianova - L´Aquila |
| 107.68 Kilometer; 5:38:53 Stunden |
Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )
Der Unterschied zwischen
Frühstücksbuffets in 3-Sterne-Hotels und Jugendherbergen? In 3-Sterne-Hotels
darf man im nett gedeckten Garten Brot mit Marmelade mampfen, in den
Jugendherbergen so ziemlich genau dasselbe Futter im weniger gemütlichen
Mampfsaal. Das „viel von wenig“-Prinzip ändert sich aber nicht grundsätzlich,
was ein gutes Argument gegen teure Herbergen ist. Wir bezahlten bei der Abreise
siebzig Euro, etwas später sah Frank noch auf einer Preisliste, dass das Hotel
zur Zeit 60 Euro kostet. Im Zimmer stand an der Tür jedoch ein Preis von 93
Euro. Wenn man
sich als Touri im Italien des Sommers 2002 langsam verarscht
vorkommt, ist das bestimmt kein Wunder. Als wir gingen sagte man „Thank you“
zu uns, ich dachte etwas anderes als ich gemäßigt freundlich darauf erwiderte (und auch „f“-Wörter beinhaltet) und los ging
es wieder. Jaja ihr Spaghettifresser, verkauft am Strand ruhig Tiefkühlpizzen,
lasst bierbäuchige Kinderpornogucker in Hotels von überzogenen „special
deals“ labern und gestaltet eure Preise, wie es euch gerade passt. Wenn dann
am Strand 90% der Ligen frei bleiben bedarf es keinen sonderlich hohen IQ, um
dies zu begründen. Rezession hin oder her. Mir soll das Ganze eigentlich
vollkommen egal sein, aber ein Normalverdiener mit Sippschaft kann am Urlaub
hier keinen Spaß mehr haben. Auch absolut genial waren die Behindertenparkplätze
bei einem Lidl-Supermarkt in einer der Hotelstädte an der Küste. Um selbst die
Verkrüppelten noch auf den Arm zu nehmen lagen die Behindertenparkplätze so
ziemlich am weitesten vom Eingang entfernt, wie es irgendwie möglich war.
Unglaublich…
Kurz vor der Abfahrt hatte ich noch meinen Radschlüssel verloren. Ich betrachtete es schon wieder als eine der
![]() |
|
...was machen denn die Wolken in den Bergen? |
unabwendbaren Konfrontationen mit dem Schicksal und Frank schüttelte nur belustigt/genervt den Kopf. 20 Minuten später hatte ich das Schlüsselchen allerdings auch schon wieder in meinen Pfoten. Frank war genervt. Ich war erleichtert.
Die Küste verließen wir nach etwa 15 Kilometern endgültig und radelten landeinwärts bis nach Montorio. Direkt am Fang passierten wir eine Temperaturanzeige, die nette 35 Grad bescheinigte. Mir wurde verdammt heiß. Fünf Kilometer später passierten wir eine Anzeige mit 30 Grad. Es war wieder angenehm kühl. Man soll die Psyche niemals unterschätzen…
Aus auch nicht genau erklärbaren Gründen schaltete ich zum vierten Mal in Folge um 11:11 auf die Uhrzeitfunktion meines Tachos. Das ist zwar nicht wirklich von irgendeiner Bedeutung, komisch ist es dafür aber schon. Helau! Der Karnevalsgott nimmt mich wohl auf den Arm…
Nach dreißig Kilometern kam die erste Pause des Tages. Ich haute mich auf den Boden, versuchte ein wenig Kraft in der Meditation zurückzugewinnen, war überrascht, wie gut es klappte und zwei Kilometer später noch überraschter, wie schnell ein gutes Gefühl wieder verschwunden sein kann. Dazu sollte man anmerken, dass wir an einer weiteren Temperaturanzeige vorbeikamen, laut der es angeblich 39 Grad waren. Mir war zumindest wieder richtig heiß.
In einem Dorf hielt ich
an einem kleinen Laden um mir etwas Wasser zu kaufen (schließlich war es ja
verdammt heiß). Wie schön es doch war, von den angeblich touristischen
Strandregionen weggekommen zu sein. 45 Cents für eine Eineinhalbliterflasche
Wasser, nett! Wenig angenehm war dafür allerdings, dass sich eine Wespe in
meinem Hemd verflog
und dabei meinte, mich gleich vier Mal akkupunktieren zu müssen.
Zuvor war ich noch nie vierfach von irgendetwas gestochen worden, und so richtig
wünsche ich es mir eigentlich auch nicht noch einmal, da vier Stiche in den Arm
schon kurzfristig dafür sorgen können, dass dieser ordentlich brennt und sich
kurzfristig komisch gelähmt anfühlt. Grrr…
Kurz vor Montonio hatten wir heute nicht nur erstmals einen Blick auf die bislang höchsten Berge unserer Radfahrerkarrieren (mit Gepäck, ansonsten wäre da noch der Mont Ventoux im letzten Jahr) und unser höchster Punkt heute wird, so Navigator Frank, 1299 Meter sein (von 0 am Meer ausgehend von den 263 hier in Montonio). Über den Bergen gewittert es im Moment ordentlich und in der Ferne durchzucken Blitze das Firmament, wir haben es im Moment allerdings noch trocken. Im Grunde genommen scheint sogar die Sonne. Wer auch immer diese Natur erfunden hat, war nicht arm an Schöpfungskünsten und Kreativität. So, genug für den ersten Eintrag des Tages. Jetzt noch eine Viertelstunde Pause und dann geht es wieder los. Noch donnert es zwar in der von uns anvisierten Ferne, bis wir da oben sind, hat es sich aber bestimmt ausgewittert. Bestimmt. Hoffentlich. Eine Temperaturanzeige sagt 23 Grad. Verdammt kalt plötzlich…
Zweiter Eintrag:
Atemberaubend, anders
kann man die Restetappe kaum in Worte fassen. Atemberaubend wegen der
fantastischen Natur, atemberaubend im etwas anderen Sinne wegen vierzig
Kilometern kontinuierlich steigender Straße. Schon nach
wenigen Kilometern
tauchten wir in ein grandioses „Tal“ ein, durch das wir uns mit erst Hügeln
und dann Bergen auf beiden Seiten Meter für Meter nach oben arbeiteten. 1050 Höhenmeter
auf 38 Kilometern standen auf dem Programm. Viele
kleine und auch bis 800 Meter
lange Tunnel wurden durchradelt, ein Fluss mit vielen zu ihm führenden Bächen
wand sich durch die Berge und vom Regen übriggebliebene Nebelschaden stiegen
nach dem heftigen Gewitter in den Himmel empor. In Worte kann man das Ganze kaum
fassen. Das Rollgeräusch der Reifen auf dem regennassen Boden, das Plätschern
des Wassers, kaum störende Autos; Frank charakterisierte es richtig mit seiner
Aussage, dass es Etappen wie diese und nicht etwa lockere Strandtage sind, für
die man radelt. Unheimlich steil wurde es heute gnädigerweise nie, nach
insgesamt 75 Kilometern und auf 1010 Metern angekommen war bei mir aber erst
einmal Schicht im Schacht. Bis dahin hatten Frank und ich noch meistens
Blickkontakt halten können, aber als es für Frank nach dem „1010
Meter-Schild“ am Eingang eines Dorfes und am Ende des davor liegenden Tunnels
kein Halten mehr gab, stand für mich an der ersten Bar um die Ecke erst
einmal
nur Halten auf dem Programm. Schon im Tunnel vor dem Dorf war meine
Geschwindigkeit ordentlich abgerutscht. Vier im Tunnel arbeitende Bauarbeiter
hielten in ihrem Werke inne, um mein Vorbeifahren im Halbdunkel zu bestarren.
Ein wenig wohlwollender Arbeitgeber hätte ihnen dafür eine ganze Pause
gestrichen, so schnell ging es bei mir voran. Wer sich irgendwo als absoluter
Lance Armstrong-Fan in Frankreich an der Rennstrecke positioniert hat nur etwa
zwei Sekunden etwas von seinem vorbeirauschenden Helden. Uns bzw. vor allem mich
gibt es live und in slow-motion…
Schon vorher hatte ich
nach stellen für erneute meditative Entspannung gesucht, der Regen hatte mir
dabei allerdings zuvor einen Strich durch die Rechnung
gemacht, da es überall
nass war. Statt Meditation gab es in der schon oben erwähnten Bar letzten Endes
ein Schinkenkäse- und ein Kotelettbrot auf 1010 Metern. Ich wollte schon immer
einmal gewusst haben, wie solch komische Mikrowellentiefkühlbrötchen wirklich
schmecken, die man an vielen Tankstellen herumliegen sieht (wobei ich mich
gerade ganz übel an solche Tiefkühlburritos in einer Tankstelle in Arlington
bei Dallas erinnern, nachdem ich nach einem Spiel der Texas Rangers gegen die
New York Yankees noch etwas zu futtern gesucht hatte). Nach 75 Kilometern war
allerdings alles leckerer, als es tatsächlich sein konnte. Objektiv betrachtet
war der Kram der letzte Dreck. Für die vier Euro, die ich für die beiden Brötchen
blechen musste, konnte die einsame Angestellte sich dann aber wieder neben den
einzigen Kunden der Bar setzten; an ein paar prähistorisch anmutende
Spielautomaten. Ich wollte mich fast entschuldigen, gekommen zu sein. Von den
knapp 20 verschiedenen Sandwichs, die auf dem bunt bedruckten Propagandaplakat
aushingen, waren auch etwa 15 angeblich ausverkauft. Ich hätte die
Haltbarkeitsdaten auf den Verpackungen meiner Brötchen vielleicht noch einmal
checken sollen. Leider waren auch die Hamburger ausverkauft, wobei ich mich
wirklich nur fragte, was da für Rindfleisch auf die Brötchen gefroren wird,
wenn das Ganze in kulinarischen Highlights dieser Art endet. Mmmmmhhh…
Vielleicht teste ich in einer Tankstelle in Oldenburg einmal einen solchen Tiefkühlburger,
allerdings mit mindestens 48 Stunden Sicherheitsabstand vor irgendeiner Klausur.
Als ich nach rund fünfzehn
Minuten den vom Lärm zweier piepender Spielautomaten und des kontinuierlich
laufenden Fernsehers wieder mit dem Rad vor die Tür schob hatte mich zu allem
Glück auch das zuvor verschwundene Gewitter wieder eingeholt. Vorsichtig schätzend,
dass jeder schlaue Blitz zu faul sein müsste, sich mich zwischen den hohen Hügeln
und Bäumen zu beiden Seiten als Ziel auszugucken, strampelte ich wieder besser
gelaunt weiter, einigermaßen damit rechnend, dass Frank in irgendeinem Tunnel
warten würde. Es zahlte sich auch endlich aus, dass ganze Regenequipment bei
35, 30, 39 oder auch 23 Grad oder so durch Italien gekarrt zu haben. Ein paar
Tunnelasylsuchende Motorradfahrer meinten nach etwa zehn Kilometern, dass Frank
drei Kilometer weiter sitzen würde. Ich raste wie ein Bescheuerter (auch
Burgerboost von dem Futter aus der Bar?) durch den Regen wobei dank top
atmungsaktiver
Regenkleidung meine Klamotten mittlerweile fast so durchnässt
waren, als wenn ich die Regensachen gleich weggelassen hätte. Nach drei
Kilometern gab es aber keinen Frank, keinen Unterstellplatz und nur mich, eine
Schafherde und Regen. Also weiter! Irgendwann fing ich auch an ungeschützt beim
Regen Pausen zu machen, es war sowieso alles dermaßen durchnässt, dass es
keinen
Unterschied mehr machte. Frank fand ich letzten Endes erst 500 Meter
hinter dem 1300 Meter hohen Pass. Lesend. Auf Seite 25 seit seiner Ankunft. Ob
Frank jetzt ein ausgesprochener Schnellleser ist, weiß ich nicht. Falls nicht,
na ja, egal…
Für die nach dem
Anstieg anstehende Abfahrt schmissen wir uns dann in alle verfügbaren
Klamotten, da es sicherlich sehr zugig werden würde. In meinem
Fall waren es
drei Hosen (Radfahrhose, kurze Hose und Regenhose), zwei T-Shirts, einen Pulli,
eine Sommer- und eine Regenjacke. Nach ein paar Minuten zog es trotzdem
ordentlich.
Nach einer zehn
Kilometer langen Abfahrt waren wir dann schließlich hier. Ob das hier einen
Namen hat oder nicht weiß ich gerade nicht, der Anfang eines Dorfes zeichnete
sich etwas hinter diesem Hotel mit einer Pizzeria im Erdgeschoss am Horizont ab,
es müsste L´Aquila sein.
Lange Reisen zu einem anderen Restaurant standen auch
nicht auf dem Programm, so dass wir unten im EG eine leckere Pizza (oder in
Franks Fall eine ordentliche Portion Nudeln) speisten. So gut die Pizza auch
war, so schlecht ist das Zimmer. Der Preis ist allerdings ausnahmsweise mal
okay. Objektiv betrachtet war die heutige Etappe aber im Vergleich zu zum
Beispiel Florenz – Bologna am zweiten Tag noch relativ einfach. Kaum starke
Anstiege bzw. Rampen, grandiose Landschaften (die gab es am zweiten Tag
allerdings auch) und nur einen Gipfel (statt deren vier). Ich widme mich jetzt
den zwanzig letzten Seiten von Mr. Nice (ein Dank an Dirk für die
Reiseliteratur) und dann dem Schicksal des „Lost Boys“ (ein Dank an Imke).
Die Schachbilanz verbleibt mangels weiterer Partien bei 2:5.
