Stage 8
Ancona - Giulianova
114.85 Kilometer; 5:02:07 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Im Gegensatz zum geradezu anmaßend grausamen Tourleben an der Costa Brava im letzten Jahr lebt es sich an der Adria regelrecht traumhaft. Zum Teil liegt dieses sicherlich daran, dass kaum Touristen anwesend sind, sicherlich liegt es aber auch daran, dass vieles nicht so ramschig ist. In einem Strandkaff hinter Ancona war zwar ein bisschen etwas los, die meisten waren aber wohl strandsehnsüchtige Bewohner der Region, da der heutige Sonntag sicherlich zu Fahrten an den Strand einlädt. Gegen Abend hin wurden die Strände aber überall leerer, hier, wo wir jetzt sind, sind wieder einmal bestenfalls 30% aller Hotelbetten belegt. Wenn überhaupt.

Mangels ansprechender (oder irgendwelcher) Jugendherbergen sind wir an der Strandpromenade in einem mit siebzig Euro relativ „günstigem“ Dreisternehotel gelandet. Ich investierte nach unserer Ankunft zwar noch zwanzig Minuten in eine gepäcklose Rundfahrt durch das Kaff auf der suche nach einer dem Expense Management entsprechenden Unterkunft, außer einer Bruchbude für fünfzig Euro, wo mein Verhandlungsgeschick ein wenig fruchtsam war (okay, habe 35 geboten), konnte ich aber nichts finden. Und mit Frühstücksbuffet und Swimmingpool, in dem auch ich erstmals seit dem toten Meer vor etwa zwei Jahren eine Expedition ins kalte Nass gestartet habe, ist der Laden auch ganz nett. Natürlich wurde mir in einer anderen heruntergekommenen und absolut gästefreien Bude auch ein Special-Price von 60 Euro von einem bierbäuchigen Italiasi angeboten, darauf verzichtete ich dann aber doch…

Was Schwimmen angeht ist mir das tote Meer allerdings insgesamt doch lieber als der Pool hier draußen, da man mit weniger Kraftaufwand in wärmerem Wasser entspannen kann. Das Wasser brennt zwar ziemlich in den Augen, aber ein Pool voller Kinderpisse und Chlor ist auch nicht unbedingt wesentlich besser.

Die von Frank netterweise  geschenkten Schokokekse sind gleich auch allesamt verstorben und müssen als alleiniges Abendmahl dienen, da es in der Nähe außer einer take-away-Pizzabude nichts gibt. Als ich doch checken wollte, was man dort so an Pizzen führt, führte man mich zu einem Tiefkühlschrank, wo Tiefkühlpizzen herumlagen, die man mir für vier Euro in den Ofen schieben wollte. Nein Danke…

Am Strand sitzend bis das Wasser die Farbe des Himmels hatte, habe ich auch mal wieder einer weitere Partie Schach verloren. Und Freundschaft mit einem aufblasbaren Fischvieh geschlossen, dass von seinem Herrchen am Strand gelassen wurde.

Pausen gab es auf der heutigen Fahrt nach dreißig (Sonnencreme), 40 (Strand) und 62 (McDonalds) Kilometern. Nach dem letzten Stopp setzte bei mir wieder der berühmte Burgerboost ein und die Kilometer zogen bei mehr als dreißig km/h nur so dahin. Die Windgötter waren auch gnädig mit uns: unverschämter Rückendwund ließ die 100+ Kilometer wirklich zur Kinderkacke werden. Aus der Reihe der „was-wäre-wenn-Szenarien“ lief die Episode „selbe Strecke in anderer Richtung“ vor meinem geistigen Auge ab, kein guter Gedanke.

Lediglich die ersten 25 Kilometer über Hügel von bis zu 250 Meter aus Ancona hinaus waren hart und auch nicht der optimale Auftakt mit doch etwas schweren Beinen nach der gestrigen Etappe. Ich schwitze wie ein Eisbär in der Wüste, bei der Abfahrt wurde es saukalt, ich zog ein zweites T-Shirt über, schwitze noch mehr, fror dafür aber bei der nächsten Abfahrt nicht mehr. Am Ende der Hügel konnte man beide Shirts auswringen…

Am Straßenrand sitzend und vom BurgerBoost plus technischen Problemen mit dem Tacho bei Frank 25 Minuten in „Führung“ gespült wartete ich auch zwischendurch einmal auf Frank, wobei ich vor einem total ramponierten Laden mit Schrottklamotten im Schaufenster und „Räumungsverkauf“-Schildern saß. Ein bisschen gelangweilt kam ich zu dem Schluss, dass sich niemand auch nur annähernd noch für solche Schrottklamotten interessieren kann, genau in dem Moment rollte jedoch ein Auto an, das Beifahrerfenster wurde geöffnet und die Klamotten wurden ausgiebig angestarrt.

Ich sollte übrigens auch vielleicht demnächst mal versuchen, mit meinem Fahrrad über Wasser zu fahren. Ohne Schaden überstand ich heute zwei riesige Scherbenhaufen, die ich auf dem Rad dösend komplett mit beiden Rädern überfuhr, ohne dabei jedoch mit einem platten Reifen bestraft zu werden.

Egal, wie dem auch sei, ein Rennradfahrer fuhr die Strecke in entgegengesetzter Richtung und hatte bei flacher Strecke wenig Geschwindigkeit und einen genervten Gesichtsausdruck. Sozusagen die Personifizierung meiner vorherigen Vision. Aber McDonalds lag ja noch vor ihm, und der Burgerboosteffekt ist unter Radfahrern sicher weit bekannt. Für die McDonalds Filiale wäre es aus umsatztechnischer Sicht hilfreich; es war bei unserem Besuch nicht gerade allzu viel los. Und am nahen Strand bestimmt auch nicht, da zwei der Sonnenbrillen+Schund-verkaufenden „Hirnverbrannte“ bei McDoof saßen und ungestört vom Management ihre Waren auf zwei Tischen ausgebreitet hatten. Alle Bars des Dorfes waren auch schon in den Konkurs gegangen, da der Rat der Dorfältesten auch einige Tische beschlagnahmte,  auf den 

Making new friends far from home!

Kauf von Produkten jedoch verzichtete. Adria 2002, alles tot…

Insgesamt sind wir unserem Plan jetzt einen Tag voraus, da ich eigentlich erst morgen Abend hier sitzen und schreiben dürfte, dass ich heute hier angekommen bin. Unter Umständen kann der Extratag aber noch sehr nützlich werden, ab morgen geht es drei Tage nur in die Berge und höher hinaus, als es je jemand vor uns zuvor mit Gepäck geschafft hat (zumindest von uns). Frank kam gerade wieder aus dem Hotelzimmer und verkündete, dass Lance Armstrong die Tour und Michael Schumacher ein Formel-1-Rennen gewonnen hatte. Überraschungen ohne Ende in der Welt des spannenden Profisports (wobei ich noch gar nichts von irgendeinem möhrenmäßig dummen Trade der New York Rangers mitbekommen habe)…

Schachbilanz: 2:5