Stage 7
Ravenna - Ancona
164.17 Kilometer; 7:33:53 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

„Wie gottv______t spät ist es denn?“

„6:32“ (in der Früh)

Super, die Polen waren auch schon auf den Beinen, hatten uns Deutsche damit (mal wieder) im Morgengrauen aus den Betten gerissen und los ging der Tag der Monsteretappe nach Ancona, wo wir für den Abend schon zwei Betten in der Jugendherberge reserviert haben. Ziemlich müde ziemlich früh am Morgen mit einigem Respektabstand zu Frank radelnd fragte ich mich dann, wann ich das letzte Mal bewusst zu diesen Krankenhausweckzeiten erwacht bin (witzigerweise auch an dem Tag, an dem ich diesen Text für die Homepage abtippe, da ich im Moment mit einem für 2003 alle Radtouren verhindernden Knorpelschaden am Sprunggelenk in der Uniklinik in München mit dem Laptop im Bett und dem Fuß dick verpackt gen Himmel liege). Wahrscheinlich bin ich aber vor der Radtour im Sommer im März das letzte Mal so früh aufgestanden, da ich ein Wochenende nach London geflogen war und früh zum Flughafen musste. Frank hingegen meinte, es wäre mal schön, zur gewohnten Zeit aufzustehen, wobei er keinesfalls Gefängnisarbeitszeiten hat (sondern über den Luxus der Gleitzeit verfügt und wohl freiwillig so früh aufsteht, um dann eher frei zu haben; viele meinen dann ja, dass sie „noch mehr vom Tag hätten“, wobei ich mich dann immer frage, ob man nicht genauso viel vom Tag hat, wenn man etwas später pennen geht und später aufsteht, oder ob mehr Zeit in Träumen wirklich so schlecht ist…). Vielleicht stehen auch manche Menschen gerne um 6:30 auf…

Das Frühstück der Jugendherberge war viel zu wenig und zur frühen Stunde trällerte Alanis Morisettes „Ironic“ aus dem Radio, aber bei den Übernachtungspreisen will ich wirklich nicht mosern, vor allem dann nicht, wenn ich beim Auschecken noch zwei italienische Jugendherbergsausweise und eine Quittung über 25 Euro bekomme. 25 Euro, die ich für den entsprechenden Ausweis eigentlich nie bezahlt habe…

Auf das Konto unserer Polen geht allerdings nicht nur gestohlener Schlaf sondern wohl auch ein halber Schneidezahn, der mir beim Aufwachen einfach links vorne fehlte. Ich habe weder aktiv Eishockey geträumt noch sonst irgendwo ein bisschen geprügelt, ich weiß zwar auch nicht wie die Polen den halben Beißer gestohlen haben können, aber bei Polen weiß man ja schließlich nie. Andererseits wachen wiederum andere Menschen morgens auf und haben durch irgendeine Katastrophe ihren ganzen Besitz verloren oder wachen gar nicht mehr auf, da sie im Schlaf ihr Leben verloren haben (was in Altenheimen aber wiederum als gut gesehen werden kann). Was ist da schon ein kleines Stück vom Beißer?

Die beiden Polen waren auch schon seit zwei Tagen im eigentlich wenig spektakulären Ravenna um sich Mosaiks anzugucken, wahrscheinlich warteten sie auch auf ein deutsches Auto auf dem Parkplatz der Jugendherberge, um mit dem und ihren mit Mosaiks beschwerten Wanderrucksäcken gemütlich nach Polen heimfahren zu können.

Gefahren sind wir bislang erst dreißig Kilometer und sitzen im Moment abseits der heute extrem befahrenen und zugestauten Hauptstraße , die heute größtenteils auch unser Schicksal sein wird, auf einem Brückchen. Unterwegs gab es bislang fünf Schilder für „sexy shops“ (ist sex nicht eigentlich ein Adjektiv?) und ein e leicht bekleidete Frau am Straßenrand, die offensichtlich schon früh am Morgen zur Arbeit erschienen war.

Nächster Eintrag, 21:40, Ancona, 165 Kilometer geradelt, ich in einer Pizzeria sitzend, Frank schon im Bett und noch am Lesen, man sich „good stage, good stage“ denkend…

Die heutigen 165 Kilometer sind Rekord, Rekord der Tour, Rekord aller Touren bislang. Und trotzdem ist man im Fahrerlager auf beiden Seiten noch wesentlich flotter als bei den beiden 150+ Etappen des Vorjahres. Zauberei ist daran wohl kaum Schuld, auch zumindest bei mir kein ausgeklügeltes Doping neben Magnesiumtabletten (Frank hat eine Dose komischer Mineraliendinger aus der Apotheke, verdammt suspekt). Vielleicht ist man einfach nur bestens in Form. Und gerade hier beim Tippen (zur Erklärung: habe Tagebuch erst mit einiger Verspätung nach einer recht komplexen Fußoperation im Frühjahr 2003 endlich abgetippt und veröffentlicht, eigentlich peinlich...) mit der Aussicht auf keinen Sport in den nächsten 9-12 Monaten, keiner Vollbelastung wie „gehen“ oder so für die nächsten knapp zweieinhalb bis drei Monate auf dem rechten Bein frage ich mich doch, ob ich diesen Fitnesspunkt jemals wieder erreichen kann. Weitere Pausen nach der ersten nach dreißig Kilometer am frühen Vormittag lagen in Rimini, wo McDonalds beglückt wurde und anschließend noch ein Strand nach etwa 100 Kilometern, wo Frank ein wenig mit dem nassen Element kämpfte und ich die knappe Dreivierteilstunde ins geistlose Starren in das Nichts investierte. Gerade vor der Strandpause (mmmh, Pizza vom Nachbartisch schnüffelt gut) hatten wir auch dreißig Kilometer in an der Küste gelegenen Hügeln verbracht und auch zwei Mal einen Anstieg auf etwa zweihundert Meter in den Beinen. Ein uns überholender und professionell ausgestatteter Rennradtourist meinte nur, dass wir wohl gut in Form wären, im Gegensatz zu Florenz-Bologna war das Ganze aber bestenfalls Kinderkacke. Zumindest war es nach drei Tagen auf dem platten Land wieder (mittlerweile Pizza aufgemampft, Spinat-Mozarellla-Pepperonisalami, sehr sehr gut) schön ein wenig optische und auch radlerische Abwechslung plus ein paar recht nette Ausblicke zu bekommen. In ein paar Tagen gibt es davon aber wieder mehr als nur genug…(wie war das mit fast 1300 Metern?).

Nach dem Dösen und Planschen in der vorhin erwähnten Pause gab es nicht mehr viel, was berichtenswert wäre. Ein klasse Sonnenuntergang begleitete unsere lang herbeigesehnte Ankunft in Ancona. Ancona selbst ist allerdings ziemlich dürftig und Hafenstadttypisch voller komischer Gestalten, zumindest um unser nahe dem Hafen und dem Bahnhof gelegenes Hotel herum. Dafür gibt es aber auch ein geöffnetes chinesisches Restaurant, dessen Fenster mit Papier verklebt sind (und wo es Gerichte laut Karte für drei Euro gibt, kann man nicht von Schiffen billig Ratten abkaufen?) und einen Fastfood-Pizza-Macher, der um 22:00 schließt und mir um 21:30 verkündet, dass nur noch Reststücke verkauft würden und man mir keine Pizza (groß) mehr machen würde. Beim für mich antizipierten Umsatz von fast Null hat sch der „Koch“ wohl schon daran gewöhnt, um siebzehn Uhr die letzte Pizza zu machen und dann seine dumme Gehilfin die nächsten fünf Stunden ein paar Stücke kalter Pizza verticken zu lassen.

Allzu viel Lust auf Sightseeing bekammt man daher jedenfalls nicht, aber ob es hier wirklich Sights zu sehen gibt, ist sowieso eine gute Frage, deren Antwort wir nie bekommen werden. Morgen stehen wieder mehr als 100 Kilometer auf dem Programm. Kein Thema…, woll?

Ach ja: Schachbilanz: 2:4, meine winning percentage ist somit bei .333 angekommen, was aber im Gegensatz zum Vorjahr immer noch topp ist. Aber wohl kaum so bleiben wird…