Stage 17
Chanchiano - Siena
84.15 Kilometer; 3:53:29 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Jesus ist ein Spaßverderber. Okay, die alten Omis und Opis trieben mich mitten im Kapitel nach oben zurück. Okay, festgebissen in dem ziemlich genialen "White Teeth" von Zaddie Smith vergaß ich die Kleidung von Jesus zu überprüfen. Okay, wenn sich ihm bislang niemand erbarmt trotz anders lautender Versprechen von mir immer noch falsch herum (der am Kreuz bei uns im Zimmer). Aber muss den jeder Tag mit ein bisschen fun-with-Jesus bestraft werden (wo sind denn die Buddie-Christ-Ideale aus Kevin Smith´s Dogma?)?

Offensichtlich.

Aber dazu später mehr. Ganz viel später. Beim Frühstück wiederholte sich diese Mal mit Frank als Augenzeugen das Spiel vom Vorabend. Omas laberten mich an, eine Omi strich mir durch die wild abstehenden Haare (Frank 2 Minuten zuvor: "du siehst heute aber richtig scheiße aus") und sagt zu mir "you´re beautiful" und an der Rezeption saß wieder jemand, der eigentlich seit 1972 Rente beziehen sollte. Die erste und recht hügelige Straße nutze Frank nach einer desolaten Leistung am Vortag zur Illustration seiner heutigen Fitness und verschwand schnell aus meinem Blickfeld. Am Ende des Tages war er dann aber wieder derjenige, der stehend die Berge vor Siena hinaufkroch und mich "beschuldigte", den ganzen Tag langsam zu fahren nur um dann am Ende wie Lance Armstrong herumzuradeln. Naja, wenn man sich wie ich erst einmal daran gewöhnt hat andauernd abgehängt zu werden kann man gut damit leben, passiert es einem allerdings fast nie scheint es nicht mehr ganz so einfach zu sein. Richtig nervig war dann am Ende, dass wir die anvisierte Jugendherberge weit und breit nicht finden konnten und unzählige Kilometer um Siena herum kurvten. Bis wir es dann aufgaben. Auch klasse waren heute übrigens die vielen über die Etappe verteilten Abfahrten, bei der zuerst mit 62 und dann sogar mit 70 neue Geschwindigkeitsrekorde für die Tour aufgestellt wurden. Natürlich ist es eigentlich absolut bescheuert mit 70 km/h einen Berg herunterzufahren und mit 40 km/h hätte man auch viel länger etwas von der Abfahrt, ganz reizlos ist das Ganze jedoch nicht. Die Vorstellung eines kleinen Ausrutschers blendet man natürlich besser aus und falls etwas passiert ist auch nicht davon auszugehen, dass man danach noch allzu sehr über seine Doofheit schimpft (bzw. schimpfen kann).

Zurück zur erfolglosen Suche der Jugendherberge. Nach einigem Frust auf der Suche nach eben dieser landeten wir an der Touristeninformation in der Innenstadt wo wir nach einem günstigen Hotel fragen wollten. Hotels unterwegs kosteten 83 und 90 Euro, hier zahlten wir am Ende für ein Hotel nur 65 Euro. Nicht wirklich umsonst, für die sehr zentrale Lage allerdings okay, da Siena auch mehr als nur ein bisschen nett ist.

Wirklich interessant ist die Frage, welchen IQ man vorweisen muss um in Italien offenbar so willkürlich wie eben möglich Entfernungsschilder aufstellen zu dürfen. Wir wussten zwar dank unserer Karte meistens wo wir waren, konnten aber den Schildern nie entnehmen, wie weit Siena noch entfernt sein könnte. Aber ganz von vorne:

30 Kilometer gefahren. Erste Pause. Keine Cola Light bei Spar zu bekommen. Dow Jones plus 350 Punkte. Dadurch wieder sehr knapp über lächerlichen 8000 Punkten. Alles schlecht? Nein. Schild vor uns. Siena 35 Kilometer. Nett kurze Etappe, woll? Drei Kurven und eine Pause weiter waren es 41 Kilometer. Klar, die Erde dreht sich ja auch. Vielleicht in Siena schneller und somit ist Siena jetzt weiter entfernt. Ziemlich dämliches Gelaber hier, was? Die Schilder stehen ja auch schon etwas länger, vielleicht war früher alles anders. Besser oder schlechter? Hängt davon ab welches Schild stimmt. 20 Kilometer weiter ist Siena dann nur noch 25 Kilometer entfernt. Ausgehend von 35 ist das voll-voll daneben, ausgehend von 41 voll daneben. Irgendwann sind es nur noch 17 Kilometer. Dann wieder 17 (selbe Straße, ein paar Minuten später). Dann 12. Dann 13. Dann 14. Alles im Abstand weniger hundert Meter in genau dieser Reihenfolge. Etwa einen Kilometer später sind es immer noch 14 Kilometer. Danach kamen keine Schilder mehr. Vielleicht auch besser so. Nur noch Siena kam irgendwann dann doch noch einmal nach 11, 17, 12, 13, 14 oder 14 Kilometern. Man weiß es nicht. Dümmer habe ich Schilder allerdings noch nie verteilt gesehen. Die Frage nach dem IQ der zuständigen Behördenmitarbeiter muss leider unbeantwortet bleiben. All die falschen Kilometerangaben als Strafe Jesu oder Gottes? Nicht ganz. Die Strafe kam ganz viel später und ganz harmlos beim Versuch ein bisschen zu duschen. Tragischerweise versuchte ich meinen linken Fuß ein wenig einzuseifen. Eigentlich kein allzu schweres Unterfangen, sollte man denken. Von Problemen mit dem linken Knie gab es ja bei mir hier und da schon etwas zu lesen. Manchmal zieht es ein bisschen, meistens nicht. Schlimm ist es nie. Wäre es auch heute nicht gewesen wenn man die plötzlich beim Duschen auftauchende Unfähigkeit das Bein mehr als 45 Grad anzuwinkeln als nicht-so-schlimm bezeichnen könnte. Beim Fahren hatte ich gar nichts gemerkt, gegen Ende der Etappe war ich fit wie Lance und auch bei der Hotelsuche in Siena war alles noch bestens in Ordnung gewesen. Plötzlich war aber an normale Bewegungen ohne ein tierisches Ziehen kaum zu denken. Zum Glück hatte ich allerdings noch eine von einem ziemlich unfähigen Sportarzt ausgestellte Kniebandage mit dabei, die dann für etwas Linderung und etwas weniger Bewegungsfreiheit sorgte. Frank murmelte schon, dass er wohl morgen alleine nach Pisa radeln müsste und ich im Zug nachkommen würde. Im Moment weiß ich allerdings selber noch nicht wie es morgen aussehen wird, aber so übel hat das verflixte Knie noch nie gezogen. Und vor allem so grundlos. Mal sehen ob morgen wieder alles fit ist oder es mit ein bisschen auf-die-Zähne-beißen geht. Ansonsten werde ich am schiefen Turm "White Teeth" zu Ende lesen und auch Frank warten. Gleich geht es zumindest noch auf einen kleinen Rundgang durch das nächtliche Siena. Gerade habe ich zudem einmal wieder im Schach verloren. Insgesamt konnte ich wohl kaum auf meinem guten Start mit 2:1 Siegen zu Tourbeginn aufbauen (3-9-1 insgesamt, 1-8-1 seit der guten Startserie).