Stage 16
Vitabo - Chanchiano 
103.75 Kilometer; 4:49:02 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Im ersten Stock hingen kitschige Lassie-Fotos herum, hier starren mich debile Gäule an während Seniorenmassen um mich herum durch das Foyer schlurfen, wie das Kaff jetzt aber so genau heißt, weiß ich gerade noch nicht. "Voll-hinterm-bekackt-steilen-Berg-woll-Stadt" oder so ähnlich...

Gerade quatschte mich eine der Omis an, ich zuckte als Antwort nur mit den Schultern, eine andere Oma dackelte an, patschte ihre Flosse auf meine Schulter und dolmetschte ein wenig für die andere Oma. Als mit sechzig Jahren Abstand jüngster Gast erregt man im Fernsehraum sitzend und schreibend doch so einiges an Aufsehen. Die Omis interessiert Inter gegen Juventus am Fernsehen wohl auch nicht. Frank schon, der sich im Bett liegend von den heutigen Strapazen erholt und halbschläfrig das Gegurke auf dem Fußballplatz verfolgt. Mich interessiert es ehrlich geschrieben auch nicht die Bohne. 

Mit einem Schluss meiner Magnesium-Vitamin-Geplörre habe ich auch gerade zum zweiten Mal auf der Tour die 9-Liter-Marke an Flüssigkeitskonsum pro Tag durchbrochen. Wäre mir nicht unterwegs das Wasser ausgegangen, wäre ich schon längst locker im zweistelligen Literbereich. Frank tot im Bett, 9 Liter Wasser, Kaff hinterm Berg, was ist hier los?

Alles begann eigentlich recht harmlos. Und anders als gewohnt. Ganz anders. So als wäre Michael Jackson morgen schwarz oder George Bush intelligent. Nur noch mehr ganz anders. Frank schlief 12 Stunden. Nicht ich wie so oft. Ich weckte Frank um zwanzig vor zehn zum Frühstück. Nicht umgekehrt und natürlich früher wie sonst immer. Ich musste an fast jedem Anstieg auf Frank warten und nicht umgekehrt, wie fast immer. Nur das Frühstück im Hotel war eher schlecht, wie fast immer. Nur noch schlechter, da man durch ein Croissant und ein bisschen Zwieback sogar davor zurückschrak, nach Nachschub zu fragen. Bei einem Croissant und einem Stück Zwieback pro Nase ist der Wunsch nach Nachschub durchaus menschlich, die Furcht vor noch mehr Zwieback aber auch. 

Unterwegs stoppten wir nach knapp zwanzig Kilometern an einem Supermarkt. Ich holte mir am Backstand im Supermarkt zwei Baguette. Mit den Dingern hätte man den schiefen Turm von Pisa umschlagen können, so frisch waren sie. Selbst als er noch nicht einmal schief war. Zack-bumm. Die Baguettes blieben in der Obstabteilung liegen und ich stellte mich wieder beim Bäcker an. Die Brötchen waren dann besser. Für die schiefe Variante des Turms hätte es aber vielleicht auch noch gereicht. Gemampft wurde dann neben einer Gruppe Jugendlicher an einem Badesee. Hätte die Bande nicht gleiche Kopftücher gehabt und händchenhaltend im Sitzkreis gesessen, wäre ja alles normal gewesen.

Danach ging es eigentlich nur noch genauso viel rauf und runter wie vorwärts durch die für das Auge sehr schöne Toskana. Für die Beine hingegen war es ziemlich hart und während ich an meinem bislang stärksten Tourtag ziemlich gut dabei war, verschwand Frank oft im theoretisch vorstellbaren Rückspiegel. Spektakuläres trug sich allerdings heute kaum zu. Ich wäre zwar bei einer 50+ km/h Abfahrt fast in einen plötzlich bremsenden Bus gerutscht, solange fast aber nur fast ist, soll es ziemlich egal sein. Frank war zum Glück (im fast-Unglück) direkt hinter mir und hatte die am Vorderrad befestigte Videokamera am Laufen. Mit ein bisschen Glück sieht es nach einem geschickten Stunt aus (Bus überholt Frank, ich überhole Frank, ich fahre hinter Bus, Bus bremst, ich will rechts vorbei, Bus macht den Platz beim Abbremsen zu, ich haue in die Bremsen, lasse einen fetten Gummistreifen auf dem Asphalt zurück und so weiter. Viel Gegenwind bescherte es uns dann noch nach der zweiten Pause des Tages. Hätten sich die nervigen Windgötter nicht mit den Göttern der Straße darauf geeinigt, uns ein zehn-Kilometer-Streckensegment mit konstantem Anstieg und Gegenwind vor die Nase zu knallen, wäre es auch nicht so anstrengend geworden (Zitat Frank: "Das kann nicht sein. Ich trete wie ein Bescheuerter und komme nicht vom Fleck!"). Aus Protest gegen den Terror der Götter wurde erst einmal der am Abend im Hotelzimmer an der Wand hängende Jesus falsch herum aufgehängt, all den negativen Erfahrungen von den letzten Jesus-Modifikationen zum Trotz. 

Zum Abschluss des bis dahin sehr sportlich anstrengenden Tages wurden wir noch auf einer unheimlich steilen Straße bis auf 550 Höhenmeter katapultiert (von rund 250), wobei auf unserem Kartenmaterial die für extreme Steigungen eingesetzten Dreiecke gleich mehrfach zu finden waren. Der ganze Streckenabschnitt glich im Querschnitt einem rechtwinkligen Dreieck, aber was man nicht ahnen kann, kann man nicht wissen, und was man nicht weiß, kalkuliert man nicht ein ein und wenn man schon ein bisschen oder sehr kaputt ist, muss man halt sterben (naja, wir leben noch). 

Es wurde aber im übertragenden Sinne oft gestorben, an wie Endpunkten der Steigung aussehenden Kurven Freudesschreie herausgelassen und bei der nächsten Rampe üble Verfluchungen formuliert. Irgendwann wurde es aber auch dem Berg genug und wir hatten ihn passiert, was wir am Abend mit Pizza und Pasta feierten. Die heutige Etappe dürfte mit der Etappe nach Ancona und der Dreigipfeltour vom zweiten Tag am schwersten gewesen sein. Die Senioren hier um mich herum verfolgen gerade gespannt die Lottozahlen am Fernsehen. Ob sich irgendjemand bald über eine fette Erbschaft freuen darf? Noch sieht es nicht so aus...

Schachbilanz: 3-8-1