| Stage 15 |
| Rom - Vitabo |
| 86.84 Kilometer; 4:42:31 Stunden |
Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )
Der viertletzte Tag unserer Giro´d´Italia begann stilgemäß mit einem Frühstück im hotelnahen McDonalds. Gleich am ersten Hügel und sehr ordentlichen Anstieg schien jeder Erholungseffekt der letzten Tage als relativ, insgesamt lief es aber eigentlich doch recht locker in Anbetracht des hügeligen und uns bis auf 850 Meter bringenden Streckenprofils. Bei
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| Unterwegs trafen wir zwei ebenfalls verrückte Neuseeländer |
der Ausfahrt aus Rom fiel an einigen Ampeln aber
auch wieder die nicht von der Hand zu weisende Armut der Ärmsten auf. Ein Vater
mit einer bestenfalls zehnjährigen Tochter war dabei, vorbeifahrenden Autos die
Scheiben zu wischen, während seine Tochter wahrscheinlich geklaute
Großpackungen an Taschentüchern an den Fahrerfenstern vorbeitrug, bis die
Ampel wieder auf grün umsprang. Schon am ersten Abend in Rom war mir leicht
unangenehm aufgefallen, dass entlang der Straßen um unser Hotel nicht mehr
viele der zahlreichen Sitzbänke leer waren und praktisch überall Menschen
schliefen, die entweder nicht so viel Verhandlungsgeschick wie ich hatten oder
für die es vollkommen egal ist, ob ein beliebiger Preis X auf 27.50 Euro
fällt. Sicherlich ist es falsch in solchen Situationen so etwas wie
Schuldgefühle zu haben (außer man ist Politiker, wobei man sich dann meistens
sowieso schon den ganzen Tag schuldig fühlen muss), aber ab und zu nur einmal
für vieles dankbar zu sein kann sicherlich nicht schaden. Auch wenn jetzt ein
eigentlich lesen-und-schreiben sollendes Mädchen Taschentücher in
Familienpackungen durch das Abgasmeer an der Kreuzung schleppt muss man
bedenken, dass es sicherlich an vielen Orten der Welt noch Menschen gibt, die
damit sehr zufrieden wären, Lungenkrebs mit 45 hin oder her. Sie würden eh
keine 45 Jahre. Ich meine, es gibt auch Menschen, die alle zwei Jahre kraulend
durch ihr Wohnzimmerfenster (falls vorhanden) schwimmen und sich fragen, warum
Holland Deiche hat, Bangladesh aber nicht. Es wäre sicherlich falsch den ganzen
Tag nur dankbar für das eigene Sein zu sein, außerdem auch eher unproduktiv
und erst Recht nicht hilfreich für Mitmenschen, die nicht so recht wissen,
wofür sie dankbar sein sollen, aber alles immer nur gleichgültig und den
jetzigen Status als gerade gut genug oder gar bedingungslos einforderbar zu
sehen, ist sicherlich ebenso falsch. Zum gewissen Grad ist es sicherlich einfach
nur ein Spiel des Schicksals, wenn ich an einer Ampel stehe und über den
nächsten Anstieg grübele, neben mir aber ein Gleichalter in einem Maserati
sitzt und darüber nachdenkt, wie viele Autos er beim Umspringen der
Ampel auf
den ersten einhundert Metern versägen kann. Und keiner von uns im Moment
Taschentücher braucht. Aber vielleicht ist es auch zu einfach, alles auf das
Schicksal zu schieben. Die unglaubliche Chancendiskrepanz innerhalb der schon
als einigermaßen sozial anzusehenden europäischen Gesellschaften ist schon
fast Grund zum Scham genug, globale Vergleiche oder gar Beschwichtigungsversuche
müssen für einen jeden etwas gebildeten Menschen jedoch einfach nur peinlich
sein. Ich könnte jetzt noch seitenweise philosophieren, aber genauso wie die
Ampel umspringen und die Fahrt fortsetzten wird, passiert es hier jetzt auch.
Wenig passierte am heutigen Tag bis wir
nach knapp 50 Kilometern ziemlich erschöpft am Ende eines üblen Anstiegs nach
Luft schnappten. Zwei andere ordentlich beladene Radfahrer kamen uns entgegen
und hielten neben uns an, immer auf einen Plausch unter
"Gleichbescheuerten" aus. Blair und Angus aus Neuseeland hatten
irgendwann genug von ihren Inseln gesehen und hatten sich Arbeitsvisums für
Großbritannien geangelt., wo sie dann ein Weilchen in London schufteten, um
Geld zu verdienen ("the New Zealand-$ is very weak, it would be rather
cheap for you guys to travel there with the strong euro, but we needed some real
money for this and worked for some pounds in London"). Von London aus ging
es dann mit neu gekauften Rädern über den Kanal zur Tour de France, dann nach
Deutschland, über die Alpen und jetzt in der dritten Woche der dreimonatigen
Tour nach Italien. Nach fünf Nächten unter freiem Himmel waren sie über die
Rom-Seite aus meinem italienischen Jugendherbergen-Führer ebenso dankbar wie
über einen Touristenstadtplan, den Frank noch übrig hatte. Nach ein paar Tagen
dort sollte es dann Richtung Adria gehen und von dort aus in den Ostblock, wobei
die genau Tourplanung vom Schicksal gesteuert wird. Und von Blairs Hinterrad.
Mit alleine vier Speichenbrüchen am heutigen Tag kamen die beiden nicht gut
voran, auf Dauer könnte auch ein komplett neues Hinterrad nicht schaden. Und
falls wir mal in Neuseeland wären, könnten wir uns gerne melden!
Nach dem netten Plausch auf dem Land
pausierten wir noch in Sunri, wo wir zum Glück in der Mittagspause von 15 bis
17 Uhr im örtlichen Supermarkt einkaufen durften. Es war gerade Lieferungszeit
und das Personal war dabei, alle Regale
einzuräumen, für uns öffnete man aber
nach einem netten "we only want to buy some food, please" doch noch
eine Kasse. Gegen Abend fing es dann wie im hügeligen Terrain schon
gewohnt rings um uns herum zu regnen an. Frank bekam es ein wenig mit dem
Kreislauf zu tun und wir beide mit einem steilen Anstieg auf 850 Meter, der jedoch mit einer 11 Kilometer-Abfahrt bis an die Stadttore des Etappenziels belohnt wurde. 1000 Höhenmeter hatten wir heute sicherlich einmal wieder abgeradelt, aber mit viel Spiel nach Siena und Pisa (zeitlich betrachtet) lief es recht locker und vor allem entspannt. Man könnte fast sagen, dass es sich wie Urlaub anfühlte. Zu einfach darf es allerdings nicht werden, wobei ich mir in Anbetracht des Profils der Toskana irgendwie wenig Sorgen mache.
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| Dunkle Wolken ziehen auf... | ...aber auch bei Regen konnte man der Landschaft etwas abgewinnen. |