| Stage 12 |
| Porte Nuova - Gaeta |
| 92.51 Kilometer; 4:59:19 Stunden |
Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )
Wenn man als Otto
Normalarbeitnehmer morgens schon merkt, dass heute gar nichts geht, ruft man
seinen Chef an und ist ganz einfach krank. Als Student hat man es einfacher. Man
bleibt im Bett. Als Radfahrer im Urlaub hingegen steht man unter einem gewissen
Leistungszwang und auch wenn mein Leben heute am seidenen Faden hing, leichte
Übertreibungen seien erlaubt, musste ich auf den Sattel. Die gestrige Etappe
hatte ein leichtes, dafür aber extrem nerviges Kratzen im Hals und ein
absolutes Knockout-Feeling hinterlassen. Ein Tag im Bett würde nicht schaden.
Die Existenz von etwas wie "Beinmuskulatur" ließ sich bei meinem
Herumgegurke auf dem Rad bestenfalls erahnen. 20 km/h bekamen schon den
Charakter von wilder und hemmungsloser Raserei. An allem ist aber der wohl doch
nicht alles vergebende Gott schuld. Schon gestern Abend hatte ich angedeutet,
mir für den großen Jesus an der Wand etwas lustiges zu überlegen. Letzen
Endes wurde es eine mit einem grinsenden Gesicht bemalte Klopapierrolle, die man
gut auf den mitleidserregend abgesenkten Kopf stülpen konnte. Gott ist aber
nicht so lustig wie Alanis in Dogma und kann auch wahrscheinlich nicht so gut
singen. Direkt vor dem Hotel hatte ich zur Strafe gleich einen platten
Vorderreifen, da Gott aus Wut einen Nagel in meinem Reifen gerammt hatte, bevor
wir nur zehn Meter gefahren waren. Über den Tag verteilt kam dann zum
Halskratzen noch Knie- und Bein-Auaaua. In welchem der zehn Gebote steht denn
"du sollst Jesus keine lustigen Gesichter malen?".
Frank blieb nicht viel übrig
als mit meiner elenden Form zu leben. Besserung trat auch nicht nach einem
großen Frühstück am Supermarkt ein, wo ich allerdings gegen ein Gebot
verstieß und mein verschwundenes Reisemesser durch ein neues Messer aus einer
Plastikpackung voller Messer ersetzte, ohne gleich die ganzen hundert Stück zu
kaufen.
Vielleicht hätte ein wenig Meditation geholfen, aber als ich gerade bei einer Pause auf dem Boden liegend dabei war, unterbrach Frank die meditative Ruhe damit, dass ich ein paar Videoaufnahmen von ihm am Straßenrand machen sollte. Gott rächt sich auch indirekt durch Mitmenschen. Warum hat mich eigentlich kein LKW in dem für Fahrräder verbotenen und einem Kilometer langen Tunnel heute Nachmittag überfahren? Gott steht wohl auf subtilere Folterungsmaßnahmen.
Von Rom sind wir heute Abend
in Balea, einer netten und rattenteuren Badestadt am Mittelmeer, noch 135
Kilometer und wohl zwei Tage entfernt. Auf einen Horrortag mit 135 Kilometern
nach Rom hinein hätte ich im Moment auch gar keinen Nerv. Mal sehen, was Frank
dazu sagt. Eigentlich wollten wir uns auch hier am Strand treffen, wo ich gerade
mit der Brandung im Hintergrund sitze und schreibe. Ich hatte im Hotel noch
geduscht,
er war gleich zu einem Hüpfer in das Meer geflüchtet. Und da ich
auch noch seinen Supermarkt finden wollte, der Cola Light führt, dauerte es
halt alles ein wenig. Ein Hotel zu finden war auch nicht ganz einfach, da die
meisten Läden der Stadt 120 bis 140 Euro pro Doppelzimmer haben wollen. Ach ja,
Cola Light? Meistens Fehlanzeige. Teure Hotels? Ohne Ende. Zusammenhang? Keiner.
Sinn der Aussage? Null.
Die Schatten werden länger,
die noch aufzuschreibenden Tagesereignisse weniger. Ich werde noch ein wenig den
Wellen
lauschen, vielleicht ein paar Meter durch die Brandung schlurfen und dann
die Rückkehr zum Hotel antreten, wo viel Schlaf auf mich warten wird. Falls
Gott nicht irgendwie dazwischen funkt. Gegenwind hatten wir nebenbei heute
durchweg volle Möhre, ein paar Regenwolken verpassten uns aber um etwa einen
Kilometer. Auch Gott ist nicht unfehlbar, aber vielleicht gebührt auch nicht
alle Strafe des Tages mir.
Schachbilanz nach wie vor 2-5-1.