Stage 11
Sulanova - Porte Nuova
106.85 Kilometer; 5:29:06 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Es gibt Tage, die lassen sich schlecht in Worte fassen. Allein schon die Vorstellung am Abend, dass alles das, was passiert ist, seit dem letzten Aufstehen eingetreten ist, scheint zwangsweise surreal. Alles begann mit einem mäßigen Frühstück (welch Überraschung!) im Motel, einem kurzen Stopp beim Einkaufszentrum und dem Beginn des 45 Kilometer langen Anstiegs bis auf den bislang und auch absolut höchsten Pass der Tour auf stolzen 1630 Metern. Kilometer 1 bis 35 mit Zwischenpause in Sacco verliefen eher ereignislos. Die durchradelten Bergstraßen waren aber erneut so wie viele in den letzten Tagen unglaublich schön. Stauseen, enge Schluchten, wuchtige Berge zu beiden Seiten, besser kann es einfach nicht sein. Auch der Anstieg von 450 auf 1050 Meter war eher locker zu bewältigen. Man schaltete in einen tieferen Gang, ließ das Auge schweifen und interessierte sich nicht dafür, dass die Auffahrt fast ewig dauerte. In Sacco grummelte es dann aber zum ersten Mal an diesem Tag. Bislang war der Tag einer der sonnigsten der Tour gewesen. Bislang. Wetterkonstanz und Berge schließen sich offensichtlich aus. Dunkle Wolken türmten sich atemberaubend schnell auf aber auf einem wahnsinnig steilen aber erneut einfachen (man ist mittlerweile mehr als nur fit) 9.5 Kilometersegment kurz hinter Sacco mit 500 zu überwindenden Höhenmetern erwischte es mich dann. Ich hatte gerade ein Foto der hinter mir liegenden und sich den Berg hochschlängelnden Straße gemacht als ich sag, dass die Sicht durch das Tal plötzlich  getrübt war. Wenige Meter später saß ich unter einem Baum, der Regen pladderte rings um mich herum herunter  und Meditationsübungen mußten mangels einer entweder ebenen oder trockenen Fläche ausfallen. Frank saß wenige Meter weiter, was ich natürlich nicht wußte, und laß in ähnlicher Pose Harry Potter weiter. Der Regen kam, der Regen ging, wir fuhren weiter, bis ich zehn Minuten nach ihm am Pass ankam und wir für ein Foto eines der sehr spärlich vorbeikommenden Autos anhielten. Ich hatte die Karre herangewunken. Der Fahrer war optisch ungebremst vorbeigefahren. Mein Mittelfinger war schon oben. Er hielt. Mir ging kurz durch den Kopf, dass jetzt wohl ein ziemlich wütender Italiener auf mich zustürzen würde. Er hatte aber wohl nur kurz nach einer Parkmöglichkeit gesucht und meine wenig freundliche Geste übersehen. Statt aufs Maul gab es aufs Foto, vor dem Höhenschild. Die Abfahrt, in bewegten und stillen Bildern gut dokumentiert (auch mit netten Überholmanövern von Autos durch uns), war ebenfalls extrem spaßig. Im Tal angekommen beschlossen wir am anderen Ende des sich dort befindenden Sees zu pausieren. Als wir die Stadt Ballea in strahlenden Sonnenschein letzten Endes erreichten lag das zuvor von uns erreichte andere Ende des Sees schon wieder unter Belagerung sich ergießender Wolken. Präventiv kürzten wir unsere Pause ab, radelten los und konnten nach jeder sich den Berg hochwindenden Kurve sehen, wie die Regenfront auf uns zukam. Schneller als wir von ihr wegkamen. Wie in schlechten Filmen erwartete ich, dass wir es ca. 0,001 Sekunden vor Ankunft der Regenfront zur rettenden Abfahrt schaffen würden und trocken entkommen könnten. Den Gipfel erreichten wir auch trocken, das nächste Dorf am Ende der Abfahrt auch, aber auch aus dieser Richtung war Regen aus allen Richtungen angezogen. Statt der Mac Gyver-Style-Rettung in letzter Sekunde retteten wir uns unter einen Sonnenschirm vor einer Bar. Wenige Sekunden nachdem wir dort standen war auch schon das Pladdern deutlich vernehmbar. Das Leben ist kein Film und spielt auch nicht in Hollywood. Aber zumindest waren wir erst einmal trocken.

Trocken? Tja, nach etwa dreißig Minuten sowie einer Dose Pringles für mich und einem Eis für Frank entschieden wir beziehungsweise Frank (durch indirekte Andeutungen, deren ich mich nicht erwehrte), durch den Nieselregen weiterzufahren. Beim nächsten Anstieg von rund 700 auf 1150 Meter erwischte es uns aber volle Kanne. Es nieselte nicht mehr sondern strömte geradezu. Frank war irgendwo vor mir. Wesentlich schneller unterwegs. Schon lange außer Sicht. Ein rettendes Hotel Kilometer hinter mir. Außer Reichweite. Dank Regenjacke und Regenhose schwitze ich mir einen Wolf, gleichzeitig nahm der Regen mehr und mehr zu. Den Kopf voller nicht jugendfreier Wörter erreichte ich den Gipfel und begann die Abfahrt. Jetzt spritze das Wasser auch von unten hoch. Nicht, dass es groß einen Unterschied machen würde. Kein Frank weit und breit in sicht. Keine Hoffnung auf ein Hotel mitten im mittelitalienischen Nichts, dass sich noch zwanzig Kilometer weit erstrecken würde. Keine trockenen Klamotten am Leib. Ich schlotterte mich zu Tode, rollte erst langsam um nicht zu sehr zu frieren, dann schneller, da meine Bremsen auf der nassen Felge kaum noch griffen. Vorsichtig gesagt war ich genervt. Unvorsichtig gesagt stand mir das Wasser bis zum Hals. Irgendwann stand Frank dann doch in der Gegend, laberte etwas von "wenn man ´nen bisschen tritt ist es kaum so kalt" und so. Ich antwortete vieles nicht jugendfreies und gab in wenig freundlichem Ton von mir, dass das alles im Moment ziemlich besch___n wäre, ich keinen Nerv mehr hätte, noch einen besch____nen Meter bei diesem besch____enen Wetter zu fahren, ich mir keine besch____ene Erkältung holten wollte und am nächsten besch___enen Haus anhalten würde. Vielleicht habe ich bei der Wiedergabe meiner Wörter ein paar "besch___en" vergessen, ich bitte dieses zu entschuldigen. Frank fand das alles ganz locker. Ich rollte entnervt ab und pfefferte leicht genervt eine meiner Wasserflaschen mit voller Wucht von Bord. Dümmer geht es eigentlich nicht mehr. Abgesehen davon, dass ein Aggressionsablass dieser Art nur von kurzer Dauer ist verschmutzt man dabei auch die Umwelt. Dachte ich denn 

Kurz bevor der Regen uns zum ersten Mal einholte....

gar nicht an die Kinder von morgen? Sollen sie etwa baumlose Berge bei Regen herabrasen müssen während ich noch theoretisch schöne Landschaften habe, diese aber durch missgeleitete Aggressionen töricht zerstöre? Wie konnte ich nur!

Ich beschloss dann doch bis zum ersten Hotel durchzuradeln, passierte ein paar Häuser, rollte weiter und begann zu schniefen. Aus. Schluss. Game Over. Bis hier und nicht weiter!

Ein verlassener Bau zur rechten. Bremsung. Tür offen? Angelehnt. Das Dach fehlt ein wenig, drinnen scheint es aber zumindest teilweise noch trocken zu sein. Ich versuche die Tür einzutreten. Wie in schlechten Filmen. Das Leben ist kein 

Kurz bevor ich zum Hausbesetzer wurde...

Film. Immer noch nicht. Die Tür bewegt sich nur wenige Zentimeter. Ein Schutthaufen hat sie aufgehalten. Mein Fuß tut weh. Frank  rollt  vorbei. Ich sage ihm, dass er zum ersten Hotel weiterfahren soll und ich die Schnauze voll habe. Oder so ähnlich. Vielleicht waren ein paar "besch___n" dabei. Frank rollt ab. Hat keine Lust auf einen kurzen Stopp im Trockenen. Ist ja auch schönes Wetter. "Wenn man ein bisschen tritt.." Blabla. Ich trete ein. Ziehe mich um. Zum Glück sind meine Fahrradtaschen wasserdicht und ein neues Outfit im Bereich des Möglichen. Eine halbe Stunde später regnet es nicht mehr durch das teilweise offene Dach. Ich fahre wieder ab. In trockenen Klamotten. Warum.

Wie schön war es doch, ein Dach über dem Kopf zu haben!

Wo Frank ist?

Keine Ahnung. Im Hotel?

Herausfinden. Irgendwann kommt er mir entgegen, sorgte sich schon. Hatte ich nicht angedeutet, den Regen in dem Bau abzuwarten? Er meinte, meine Regenhose wäre ja auch scheiße gewesen und ich hätte sie gleich zu Hause lassen sollen. Ich meine, bei diesem Wetter mit einem Tag Vorsprung auf den Zeitplan überhaupt zu fahren ist besch____n. Wir haben beide Recht. Das Ganze ist mittlerweile auf seine Art schon wieder ziemlich witzig. Finden wir zum Glück beide. Auch wenn ich verdammt gerne im letzten Kaff und im letzten Hotel geblieben wäre. Verdammt gerne. Gemeinsam geht es weiter auf der Suche nach einer geeigneten Herberge. Nach wenigen Kilometern frage ich in einem Bauladen. Zig Bauarbeiter sind da. Keiner kann deutsch. Von all denen, die kein deutsch können, kann auch keiner englisch. Mit Gesten signalisiere ich den Wunsch nach einem Hotel. Draußen strömt es wieder. Frank wartet draußen. Alle reden. Ich 

Mein Haus... (unten von innen)

verstehe nichts und keiner kann mir etwas erklären. Ich hole die Karte von Frank, der im Regen steht. Man fingert auf der Karte herum und redet auf mich ein. Ich sollte italienisch lernen. Auch meine Gastgeber verstehen dies und einer bietet an mit dem Auto den Weg zu zeigen. Sehr nett! Danke! Wir radeln hinter ihm her. Mittlerweile wieder ziemlich nass, auch im zweiten Outfit. Der Typ führt uns an einen gesperrten Weg. Gesperrt für Autos, für die es eine große neue Hauptstraße gibt. Mit Rädern sollte es kein Problem sein. Denke ich zumindest, dass er es so gemeint hat. Wir schütteln die Hände. Er fährt ab, wir radeln weiter, die abgesperrte Straße entlang. Es regnet. Aber es sind ja nur noch wenige Kilometer bis zum ersehnten Hotel. Erst eine Schranke unter der wir mehr oder weniger mit den Rädern hindurchrobben. Dann ein riesiger Schutthaufen. Schluss. Nass. Frank meint, wir sollten zurückfahren und den Typen verprügeln. Ich halte dagegen, dass er wahrscheinlich auch nicht wissen konnte, dass der Haufen hier liegt. Wie denn auch, wenn er mit der Karre nicht mehr reinkommt? Andererseits, wo war der Bauladen? Mir ist es auf jeden Fall zu nass zur Umkehr bis zum Laden, wir nehmen also die Hauptstraße für Autos, radeln durch einen ewig langen Tunnel und stehen echt nach etwa drei Kilometern vor dem rettenden Hotel. Ein Zimmer ist auch noch frei. Mami, Papi, Omi und zwei Töchter schmeißen den Laden. Die eine sieht scheiße aus, die andere gut. Lächelt auch ganz nett. Sagt vielleicht auch ganz nette Sachen. Ich sollte italienisch lernen. Im Zimmer werden erst einmal wieder alle Klamotten zum Trocknen ausgebreitet und die Karte geföhnt. Frank föhnt jetzt gerade seine Klamotten, ich sitze noch im mäßigen Restaurant im Erdgeschoss und die gut aussehende Tochter räumt die Tische ab. Lächelt nicht mehr. Die Arbeit ist wohl besch____n. Das Essen übrigens auch. Egal.

Was die Übernachtung kostet?

Keine Ahnung, wir haben nicht gefragt.

Ob es Frühstück gibt?

Keine Ahnung. Wir stellten beim Einchecken nicht viele Fragen. Der Ganze Laden ist von Truckern gefüllt, ihre Vehikel stehen in Reih und Glied hinter dem Hotel. Es wird schon nicht zu teuer werden bei diesem Klientel. Aber mit der Sintflut vor der Tür verändern sich die eigenen Ansprüche rapide. Allein schon in trockenen Klamotten hier zu sitzen fühlt sich großartig an. Insgesamt ein besch____n gelungener Tag auf einer besch____n guten Tour. Wenn jetzt noch mein loser Zahn wieder auftauchen würde, wäre das Happy End komplettiert. Das Leben ist aber kein Film.

Ich sollte italienisch lernen.

Gutes Wetter... Schlechtes Wetter...
Schlechtes Wetter... Aber gutes Tempo...
Ankunft im Hotel, irgendwann, unglaublich, endlich... A bissl Wäsche nass, gell?
Die Weltneuheit: Der Sockenhalter zum Trocknen Konventionelle Methoden bei der Kartentrocknung...