Stage 7

Deutschlandtour 2014

Rothenburg (Fulda) - Fulda

 
82,9 Kilometer; 05:09:38 Stunden

        

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke (berntpv@gmx.de

  

Es ist immer schwierig, das Tagebuch eines Tages erst am Folgetag zum Besten zu geben. Die oftmals banalen Erinnerungen des Moments sind verflogen und die kleinen Details abhanden geraten. Die Emotionen sind auch futsch. Die Arbeit, schließlich hat sich der Erdball ja weitergedreht und man selber hat die Pedale noch mal wieder eine Etappe weitergekurbelt, verdoppelt sich auf dafür aber auf unangenehme Art und Weise. Gestern allerdings, an dem Tag, den ich nach Imkes erstem „Einhunderter“ am Vorabend noch lakonisch als „kurze Etappe“ bis nach Fulda bezeichnet hatte, war einfach überhaupt keine Zeit, irgendetwas zu tippen, da wir erst gegen halb zwölf ins Bett fallen konnten – und dann noch zu schreiben, war überhaupt keine Option mehr.

Allerdings war es auch nicht verkehrt, die heimelige Jugendherbergenromantik diveserer Vorabende gegen einen netten Stadtspaziergang auszutauschen – und wer weiß, wie viele sehenswerte Ziele wir auf dieser Tour noch vor die Nase bekommen? Stichwort „Regenglocke“, aber dazu später mehr. Ein feiner Wein und ein erfrischendes Bier zum Abschluss des Abends waren auch nicht verkehrt, aber da die Jugendherberge einmal wieder höllisch dezentral lag, wurde es mitsamt einer nächtlichen Wandereinlage halt ordentlich spät.

Selten habe ich auf dieser Tour auch so gut geschlafen wie letzte Nacht. Da gab es kein nächtliches Aufwachen und ich habe sogar bis 07:20 Uhr durchgeratzt. Das mag jetzt für die meisten Leser oder Leserinnen kaum sonderlich spät wirken, ist aber für meine Wenigkeit schon so gut wie „mittags“, da ich normalerweise so gut wie nie nach sechs aufstehe – in der Schulzeit teiweise sogar noch deutlich früher. Verschlafen zur Schule tapern, nur um spätabends noch schlecht Fernzusehen oder im Internet die Zeit zu verdödeln? Nein danke. Nun, um kurz vor acht und mit dem zweiten oder dritten Kaffee des Tages, tippe ich erst einmal lustig über den Vortag, während um mich herum die Jugendherberge erwacht, das Frühstücksbuffet Gestalt annimmt und die ersten Gäste in dessen Richtung watscheln. Imke schläft immer noch. Die Ruhe sei aber auch gegönnt, denn heute wird es erstmals etwas hügeliger, da südlich von Fulda und in Richtung Würzburg zunächst einmal Ende im Gelände mit Flussradwegen ist.

Den Fuldaradweg haben wir nun zwar nicht bis zum letzten Meter gefahren, aber das war auch nie der Plan. Vergleicht man Weser- und Fuldaradweg, ist es nicht ganz einfach, ein faires Urteil zu fällen oder gar eine Handlungsempfehlung auszusprechen, sofern es die Qual der Wahl gäbe. Entgegen der naiven Annahme, ständig am Fluss entlang zu radeln, ist dies bei beiden Gewässern prinizpiell nicht der Fall - bei der Fulda vielleicht sogar noch etwas weniger als bei der Weser. Das Volumen an Radtouristen ist auf dem Weserradweg ungleich größer, denn der Radweg gleicht teilweise einer Fahrradautobahn. Davon ist der Fuldaradweg eindeutig weit entfernt, wobei dies jetzt, wie so alles im Leben, Vor- und Nachteile hat. Vergleicht man die Flüsse an und für sich, kommt die Fulda ein wenig „wilder“, kurvenreicher und einsamer daher - und wie uns andere Radler in Hannoversch Münden steckten, kann man dies mit dem Neckarradweg sogar noch einmal toppen. Alle paar Kilometer kreuzt man die Fulda von kinks nach rechts oder rechts nach links, radelt dann wieder abseits vom plätschernden Wasser durch kleine Ortschaften, in denen es selbst mittags kaum gescheit einen Happen zu kaufen gibt und genießt eine wirlich idyllische Landschaft, denn landschaftlich ist der Fuldaradweg vielleicht einen Tick netter.

Unterm Strich kann man aber beide Radewege wärmstens empfehlen. Schwierig wurde es gestern entlang der Fulda aufgrund der miesen gastronomischen Infrastruktur jedoch, eine vernünftige Mittagspause einzulegen, da wir selbst im etwas „größeren“ Haunetal frustriert feststellen mussten, dass es dort nur zwei wenig einladende Pommes&Schnitzel Gasthöfe und einen Lidl gab, der gottlob wenigstens noch einen Bäcker in der Nachbarschaft hatte. Die Angestellte hatte dort zwar arg mit der wiederspenstigen Kaffeemaschine zu kämpfen, die sich augenscheinlich immer selber reinigen wollte („du verfluchtes Ding, ooooh, jetzt reinige dich doch nicht schon wieder…“; ein wiederkehrender „Fluch“ sowohl beim Kunden vor uns als auch bei uns), konnte uns jedoch mit etwas Kuchen und einem belegten Brötchen für Imke etwas durch den Tag helfen.

Ich hatte gestern Früh, also in Rothenburg, beim Frühstücksbuffet „aus Versehen“ auch noch zwei Vollkornaufbackbrötchen eingesammelt, die, dem Gewissen zuliebe, auch noch gegessen werden mussten, so dass Imke das frische Brötchen mit Käse vom Bäcker bekam und ich die dann doch langsam recht trockenen Backmonster mit etwas Marmelade verfeinerte, die ich seit Tagen mitschleppte. Am Wegesrand wurde ich damit natürlich auch flugs zum besten Freund von Wespe und Biene, kam aber ungestochen davon. Richtig Klasse war dafür am Tagesende das Abendbuffet in der Kategorie 3-4 Jugendherberge von Fulda, wo es für mich lecker Bratlinge und vegetariches Pseudo-Gyros gab, was aber dank viel Gewürz auf gebratenem Tofu so wie das Original schmeckte. Wirklich wundern muss dies bei Gyros natürlich nicht, denn bei Seinesgleichem in nicht-vegatarischer Originalform handelt es sich ja meistens auch bloß um ein ein Assortemement fetter Fleisch- und Antibiotikareste mit viel viel Gewürz.

Was den gestrigen Tag so hart machte, war die Tatsache, dass die antizpierten 70 Kilometer von Rothenburg nach Fulda dann doch derer zehn mehr wurden, wir morgens erst um kurz vor zehn ins Rollen kamen und nach dem Husarenritt vom Vortag bei Imke am Vormittag die Luft richtig raus war. Konsequenterweise kamen wir dann nur mit 13-15 km/h im Schnitt durch den Vormittag. Am Nachmittag kam Imke dann zum Glück etwas besser in Fahrt, aber dafür hatte ich dann einen richtigen Durchhänger, der mir ordentlich die Laune nahm.

...Getränke des Morgens und Getränke des Abends...Rothenburg & Fulda

Mit rund 182 Kilometern an zwei Tagen hat die Tour überhaupt nichts mehr von einer entspannten „Freund&Freundin“-Tour, sondern ist wieder voll im Tourensoll der vergangenen Jahre – und dementsprechend schmerzen die Knie ein wenig und die Ermüdung setzt langam aber unausweichlich ein. Eigentlich soll man am siebten Tag ja auch ruhen, aber nach Ruhe sieht es auch für den achten Tag dieser Reise nicht aus. Dies war zwar sowieso nicht geplant, aber da die Blöd-Zeitung in all ihrer reißerischen Macht und Kraft das baldige Ende des Sommers prophezeit (ab nächster Woche würde ein Phänomen namens „Regenglocke“ etwa eine Woche über Süddeutschland Dreckswetter, Regen und Kälte zur Folge haben), sind Ruhetage sowieso ganz schlechte Ideen.

Was wir machen, sofern das Wetter wirklich dreht, weiß ich natürlich nicht, aber bislang haben wir in einer Woche rund 30 Minuten Nieselregen gehabt – und eine verregente Nacht, was ziemlich egal ist. Verregnet dürfte auch die letzte Nacht gewesen sein - draußen, vor dem Fenster, liegt auch Fulda unter einer dicken Wolkendecke, der Boden ist nass und Traumwetter sieht anders aus. Allerdings haben so schon mehrere Tage begonnen und auch gestern dauerte es, bis aus einem kühl wolkenreichen Morgne ein absoluter Traumtag wurde. Die erste Woche hätte, vom Wetter her, auch eine Radtour durch Kaliforniern sein können…

Wirklich interesssant war gestern Abend auch ein Schnack vor der Rezeption und später auch beim gemeinsamen Abendmahl, als wir zwei radelnde Kanadier trafen, die, Cousins nebenbei (& miese Satzstellung), sich in Frankfurt am Flughafen getroffen hatten, um Deutschland mit dem Fahrhrad zu erkunden. Einer der beiden hatte sich dann auch vor Ort flugs ein Rad bei BOC gekauft – quasi für die Tour, was, wenn man einmal kurz darüber nachdenkt, in Anbetracht von hohen Flug- und Reisepreisen auch irgendwo egal ist und nur auf einen ersten Eindruck komisch klingt.

Für Kanadier mag Deutschland auf der Karte zwar wie ein Witz aussehen, aber ihr wahrlich naives Vorhaben, binnen vier oder fünf Tagen von Frankfurt bis Berlin zu kommen, haben sie nach zwei hügeligen Tagen zwischen Fulda und Frankfurt bereits ad acta gelegt. Der eine unserer beiden Neu-„Freunde“ malochte gerade 2 Jahre in China, der andere in Kanada. Nun war jedoch erst einmal Schluss und die Promotionen sollten in Angriff genommen werden, wofür beide gerade auf der Suche nach passenden Universitäten waren.

Der eine der beiden, die Namen sind mir gerade entfallen und an dieser Stelle sowieso Stoff für die Kategorie "nutzloses Wissen"l, hatte sich auch zum Ziel gesetzt, mindestens sechs Sprachen zu lernen und dafür jeweils mehrere Monate in einem Land zu verbringen. Meistens hat sich dieses Vorhaben wohl auch realisieren lassen, aber China war angeblich dann doch eine Schwierigkeitsstufe zu hoch, so dass er dort zwei Jahre verbrachte. Gearbeitet hat er übrigens als Lehrer, wobei es interessant zu hören war, dass dort „jeder“ Lehrer werden kann, der des Englisch einigermaßen mächtig ist. Nach Chinesischkenntnissen oder einem Lehramtsstudium fragt demgegenüber niemand, da es einfach bloß darum geht, den Sprößlingen von mehr als einer Milliarde so schnell es geht Englisch beizubringen – koste es, was es wolle. Unterrichtet hat unser kanadischer Freund auch gleich in zwei Rollen – für Erwachsene gab se abends von 18 bis 20 Uhr einen Sprachkurs, ansonsten unterrichtete er in einer normalen Schule einen höchst suspekt klingenden Kurs namens „Word History“. In der Tat war es nach den curricularen Vorgaben dabei vorgesehen, dass die gesammte Weltgeschichte in einem Kurs abgehandelt wird – 40 Minuten Ägypten und das war es dann.

In Berlin wollten beide übrigens einen Freund besuchen und sich dort wieder trennen. Für einen der beiden, den „Chinesen“, stand dann vor einem Job („nächste Sprache“) in Russland (Moskau) noch eine Hochzeit in Würzburg auf dem Programm, für den anderen eine kleine Europa-Tour auf der Suche nach einer geeigneten Universität, wobe es zunächst nach Rumänien gehen sollte.

Deutschland, so hatten die beiden aber bereits nach wenigen Tagen bemerkt, sei fürs Radfahren ein Traum - exzellent ausgeschiderlte Radwege und überall sofort wieder Schilder, die einem den Weg weisen – von so etwas könnte man in Kanada nur träumen.

Fulda - Abendspaziergang anstelle von Lesestunde auf der Stube - zur Abwechslung auch nicht übel.