Stage 4

Deutschlandtour 2014

Hameln - Höxter

 
69,7 Kilometer; 04:08:42 Stunden

        

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke (berntpv@gmx.de

Morgenstund hat Gold im Mund, pflegt man immer gerne ins olle Phrasenschwein zu pfeffern, aber wenngleich weder Imke noch ich heute Früh großartig ein Problem damit hatten, die Jugendherberge Hamelns nach einem wirklich recht miesen Frühstück ausgesprochen zeitig zu verlassen, ist es jetzt doch etwas dämlich, um kurz vor vier ziemlich einsam im Innenhof der ausgestorben wirkenden Jugendherberge von Höxter zu hocken und nicht rein zu können. Eigentlich hätte man einfach noch etwas weiter die Weser entlang fahren sollen und ein wenig mehr Strecke abspulen können, aber da wir uns darauf eingeschossen hatten, wo immer auch möglich in Jugendherbergen unterzukommen, lässt es sich kaum ändern, dass die nächste Herberge gleich 70 Kilometer weiter ist. Siebzig Kilometer wären dann doch eindeutig zu viel des Guten, so dass gerade wenig bleibt, außer hier im Innenhof zu hocken, bei fast dreißig Grad ordentlich zu schwitzen und darauf zu hoffen, dass noch vor fünf jemand erscheint, um uns Hineinzulassen. Kraft für weitere Kilometer hätten wir beide noch, was auch ein wenig wurmt, da sicherlich noch schlechtere Tage kommen, was die äußeren Bedingungen angeht.

...Nachtisch bzw. Betthupferl vom Wegesrand - wenngleich die Ernte vom Vormittag am Abend schon ein wenig einem potenziellen Brotaufstrich glich...

Zwar wollten wir auf dieser Radtour nicht immer nur radfahren, radfahren & radfahren, aber das passende Gegenstück zu „nicht den ganzen Tag nur treten“ ist auch wohl kaum, in einem tristen Innenhof die Minuten tot zu hocken. Die weitere Tagesplanung dürfte dann auch recht überschaubar sein – Abendessen um sechs, vorher den Schweiß abduschen, vielleicht „Tagesschau“ oder „Heute“ gucken und dann ein wenig lesen. Da es ja ein Gesetz ist, dass Jugendherbergen grundsätzlich immer an den höchsten Punkten einer Stadt liegen (Annahme: Damit man Schulklassen auf dem Weg zum Bett zurück richtig schön müde latschen kann…), müsste man bis ins Zentrum gleich 2 Kilometer den Berg hinab – und darauf haben wir beide nicht wirklich Lust, da die letzten 500 Meter doch ungefähr so steil wie ein durchschnittlicher Alpenpass daherkamen. Höxter selbst sah bei der Durchfahrt auch nicht prickelnd aus, vermag aber mit dem Schloss Colvey zumindest über einen touristischen Magneten zu verfügen. Dort hielten wir auch bei der Einfahrt rückblickend viel zu kurz an, machten ein paar flinke Fotos und hätten wohl noch gemütlich einen Kaffee kippen sollen, um etwas die Zeit beiseite zu kriegen und sinnvoller zu nutzen, als dies just in diesem Moment der Fall ist. Am Schluss meinte Imke jedoch, dass man auch nicht unbedingt Eintritt für etwas zahlen müsste, von dem man zuvor noch nie gehört hat, was zwar auch nicht immer stimmt, heute aber schon ein Fünkchen Wahrheit beinhalten dürfte. Zumindest habe ich entspannt Zeit für das Tagebuch…

Sieht man einmal vom „Problem“ der verfrühten Ankunft und den Brötchen beim Frühstück ab (Imke: „Knusprig gebackenes Billigweizenmehl mit Luft drin“), hatten wir eigentlich einen recht entspannten Tag im Sattel, der jedoch stets etwas unentspannt war, da uns der Wetterbericht von vor zwei Tagen noch im Kopf herumschwirrte. Regengefahr für alle Stunden des Tages war damals prognostiziert worden,  aber heute gab es abgesehen von einem kurzen Schauer nach einer halben Stunde, den man bei diesen Temperaturen eigentlich nicht einmal als wirklich nervigen Schauer titulieren kann, überhaupt keinen Regen. Seit dem frühen Nachmittag erfreute man sich zudem auch fast nur noch an feinem Sonnenschein. Imke hatte jedoch am vierten Tag der Deutschlandtour 2014 einen ersten kleinen Motivationsdurchhänger, sprach häufiger davon, endlich „da sein“ zu wollen und auch nicht mehr ganz so komfortabel zu sitzen wie noch an den Tagen zvor. Ein richtiger Regentag hätte da zum Problem werden können, aber schlussendlich kam wenig vom Himmel, der Weserradwaeg war erneut wirklich schön, in Gänze sahen wir mehr Radfahrer als Autos und rutschten recht entspannt bis zum Ziel – bloß halt zu schnell.

Passiert ist eigentlich wenig, sieht man noch von einer leider sehr verkürzten Kaffeepause 20 Kilometer vor dem Ziel ab, die uns durch eine wahre Ameisenplage im Biergarten des Restaurants am Wegesrand vergrätzt wurde. Schöne Tische unter schattenspendenden Bäumen sind ja toll, aber wenn  die Stühle und Tische beinahe von alleine wegkrabbeln und das Viehzeug einen im Sekundentakt besteigt, besteigt man auch am liebsten sofort wieder das Fahrrad – Imke machte der Kram sogar so kirre, dass sie ihren Kaffee im Stehen ausschlürfte – Ameisen auf dem Tisch, Hummeln im Arsch. Ich war froh, keinen Salat bestellt zu haben. Die nächsten, die unseren Tisch mit drei Stücken Kuchen beladen ergatterten, hatten nach wenigen Sekunden denselben Spaß, denn im Wegfahren konnten wir noch sehen, wie Teller wieder angehoben wurden, semi-verzweifelt mit der Hand über den Tisch gewischt wurde und eine der Radlerinnen gleich den Kuchenauf den Schoß nahm, was aber auch höchstens 20 Sekunden Seelenfrieden gebracht haben dürfte. Ich bin zwar generell nicht pingelig, aber das ging gar nicht…

Statt eines netten Kleingesprächs mit einem drahtig daherkommenden Rennradfahrer am Schloss Colvey (siehe Foto links über diesem Abschnitt) wurden wir dort auch kurz Opfer eines „Verkaufsschnacks“, da uns ein braungebrannter Rennradfahrer erst nett anschnackte, dann aber relativ unverblümt damit herausrückte, dass ihm in Höxter ein Kayak- und Mountainbikeverleih gehöre – und wir ja „jung, dynamisch und sportlich“ ausschauen würden, also ganz genauso wie coole Typen, die bei ihm eine Kayak- oder Kanutour auf der Weser buchen würden. Immerhin war das Gespräch nicht sofort vorbei, als wir ihm klar machten, dass bei uns nichts zu holen ist – und wenn das Geschäft mies läuft, könne er ja auch am Bodensee etwas aufmachen und wir könnten dann dort bei ihm etwas Spaß im Boot kaufen, kam im Gespräch heraus, als wir unser ambitioniertes Fernziel zum Besten gaben. Ob wir es jemals dorthin schaffen, weiß ich zwar nicht, aber heute wäre auch mal besser der Weg das Ziel gewesen- und nicht die Jugendherberge hoch über Höxter. Noch ist es mal gerade zehn nach vier, fünfzig Minuten Warterei liegen noch vor uns und viel mehr wird heuer, wie geschrieben, wohl auch kaum noch passieren. Rings um das Schloss herum war übrigens ordentlich etwas los – später konnte man von Zehntausenden lesen, die über das Wochenende verteilt dorthin eilten, da die Parkanlagen des Schlosses für eine (kostenpflichtige) Gartenschau genutzt wurden. Einen Blumenpott fürs Rad konnten wir allerdings genauso wenig gebrauchen wie hässliche Marmorbänke für den Garten ab 2.500€ aufwärts…

Nachtrag am Abend:  Wie heute Nachmittag bereits prognostiziert, sollte heute nicht mehr wahnsinnig viel passieren, abgesehen von globalen Kleinigkeiten wie der Eroberung des größten irakischen Staudamms durch die IS-Spackomasos sowie ein Erdbeben irgendwo in China. Zum Glück kamen wir bereits um 16:30 in die Jugendherberge, hatten heute einmal wieder ein Zimmer mit eigenem Bad und ohne expliziten „Lehrerschlüssel“ wie gestern in der Rattenmetropole Hagen, bekamen um sechs ein passables Abendmahl (jede Menge Salat, Buletten für Imke, 3 Gemüsebratlinge für mich, Potato Wedges als besser zu ignorierende, halbkalte Stärkebeilage für alle) und schlurften des Abends doch noch einmal die 2 Kilometer und mindestens 100 Höhenmeter nach Höxter hinab.

Downtown Höxter“ war dann aber auch wirklich nur für etwas Zeitvertreib und Bewegung zu Fuß gut – zu sehen gibt es wenig, die Stadt selber ist eher „geht so“ in Schuss gehalten, viele öffentliche Flächen sind verwuchert und heruntergekommen, es gibt deutlich mehr Ladenflächen zu mieten als noch in Hameln, dabei deutlich weniger als beispielsweise in Minden, die Eiskugeln waren 10 Cent billiger als in Hameln und an der ruhig dahinfließenden Weser konnte man noch recht nett hocken und den Joggern bei der abendlichen Ertüchtigung entlang der Staumauer zusehen. Spannend war wenig davon, aber man bekam die Zeit bis um neun ganz gut überbrückt, schwitzte noch ein wenig beim wenig pittoresken Marsch zur Jugendherberge hinauf und genoss dort noch ein bisschen das Gratis-W-LAN.

Imke ließ zudem heuer Nachmittag einmal mehr durchblicken, dass sie richtig auf der Radtour angekommen ist, fragte sie doch eine Radlerin aus Berlin, die ab kurz nach vier ebenfalls mit uns im Innenhof auf die Jugendherbergsöffnung wartete, wo wir denn am heutigen Tage losgefahren wären. Im Nachhinein war es Imke ein wenig peinlich, aber ich kenne das Gefühl nur zu gut- nach einigen Tagen im Sattel weiß man es teilweise einfach nicht mehr, ohne länger nachdenken zu müssen. Imke rettete sich zwar mit einem prompten Verweis, dass sie gerade sehr in ihr Buch vertieft sei, „stolperte“ dann aber verbal zwischen Hameln und Minden hin und her, ohne sich in dem Augenblick selber so sicher zu sein, wo die Treterei wenige Stunden zuvor begonnen hatte. Ich kenne das Ganze nur zu gut…

Ganz in diesem Sinne lässt uns momentan noch unsere weitere Tourenplanung ein wenig im Unklaren. Zwar würden wir sehr gerne weiterhin Jugendherbergen bevorzugen – allein schon das Abendessen für 5€ ist immer klasse – aber nach Hannoversch Münden, einem eigentlich gut gelegenen Ziel für morgen, kommt erst mal beinahe 100 Kilometer bis Rotenburg an der Fulda nichts an Jugendherbergen. Man könnte natürlich auch morgen gleich bis Kassel weiterzischen und hätte dann eine kürzere Etappe nach Rothenburg am Folgetag, aber will man unbedingt ganz nach Kassel hinein und erlauben Wetter und Lust überhaupt 100 Kilometer, wenn 70 doch bislang immer so gut waren? Sollte man vielleicht doch morgen die 70 nach Hannoversch Münden fahren und dann 100 am Folgetag, nicht wissend, wie das Wetter wird, wie lange man durch Kassel gumpen muss und so weiter? Fragen über Fragen..