Stage 15

Deutschlandtour 2014

Ravensburg - Überlingen

 
56,2 Kilometer; 03:43:20 Stunden

        

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke (berntpv@gmx.de

  

...von Zigeunern, brennenden Affen, Negern und natürlich auch Niggern...

…und plötzlich ist die Tour doch noch nicht ganz zu Ende – ein klassischer Fall von „aufgeschoben ungleich aufgehoben“. Anstelle der feierlichen Zielankunft in Konstanz gab es heute recht überraschend eine kleine Extraetappe nach Überlingen, einer Kleinstadt, deren Existenz mir vor dieser Radtour nicht einmal bekannt war.

Demzufolge war auch die Jugendherberge von Überlingen nie theoretischer Bestandteil meiner akribisch-beamtenmäßigen Bodenseeplanungen, bis sich dann ein wenig überraschend telefonisch die Option ergab, von Freitag bis Sonntag ein spontan storniertes Doppelzimmer in der Konstanzer Jugendherberge zu ergattern. Zu dem Doppelzimmer gab es zwar die Warnung, dass dieses reichlich klein und ziemlich weit oben in einem Turm sein würde (7. Stock), der zudem keinen Aufzug hat, aber sportliche Herausforderungen dieser Art vermochten natürlich nicht zu erschrecken. Das nicht von der Hand zu weisende Problem war dann nur, dass heute nicht Freitag, sondern Donnerstag ist – und nach dem „Ja-Wort“ aus Konstanz eine gut gelegene Herberge für eine Nacht hermusste.

...ein herbstlicher Abschied aus Ravensburg - zumindest war es weitestgehend trocken...

Dank etwas penetrantem Herumgebettele war dann nach einer Absage in den ersten paar Sätzen des Telefonats doch plötzlich ein Viererzimmer in Überlingen zu haben – was uns in die Nähe der Fähre nach Konstanz bugsiert, gleichzeitig aber nicht dazu nötigt, für eine Nacht ein Hotel oder eine Pension zu buchen. Das hätte nämlich meinen Recherchen (HRS, Expedia) auf der bisherigen Tour nach ein unspaßiges und kostenspieliges Unterfangen werden können – unter 100€ gab hier in der Region sowieso nichts und selbst in einem Hostel & Motel-Kombinat konnte ich nur ein Doppelzimmer mit geteiltem Bad für 120€ finden. Vielleicht wäre es allerdings gar nicht so schlecht gewesen, bereits heute nach Konstanz überzusetzen und die Preise zu ignorieren, denn die Jugendherberge in Überlingen „nervt“.

Wir haben zwar ein ganz passabel großes Viererzimmer für uns und müssen dafür nicht in den siebten Stock, teilen uns das Bad aber mit einem anderen Viererzimmer, in dem leider vier augenscheinlich schwer erziehbare Kinder zwischen 10 und 13 Jahren auf Sozialisationsfreizeit sind. Zwei der Spacken empfingen uns gleich mit einem „Sind Sie die neuen Nachbarn?“ und erzählten dann forsch von ihren zwei Mitbewohnern, den „zwei Zigeunern“, die aber gerade nicht da waren (klauen?). Imke ermahnte die beiden sogleich (ganz die Lehrerin…), dass man diese Menschen ja auch nicht mehr Zigeuner nennt, sondern, wenn schon, Sinti und Roma, genauso wie man Neger nicht mehr Neger nennt, aber darauf wusste einer der Spackos dann nur, dass man die ja heute „Nigger“ rufen würde.

Ziel erreicht - Apfelschorle zur Feier des düsteren Anblicks & Überlingen als neues Tagesziel!

Dass die beiden Zigeuner in der Dusche einen Stoffaffen verbrannt hätten, sei übrigens die Erklärung für die schwarzen Spuren am Boden (verbranntes Gummi); genauso wie auch einige Flecken an der Decke davon zeugen, dass brennendes Zeugs im Zimmer herumgeworfen wurde (eben der Affe). Dumm ist auch, dass die Wände extrem dünn zu sein scheinen und man die nicht gerade leisen Gespräche im Nachbarraum relativ problemlos verstehen kann – ob die Bande wirklich ab zehn Uhr Bettruhe walten lässt, so wie laut Hausordnung gefordert, kann man nur hoffen – aber wohl kaum ernsthaft erwarten. Wirklich nicht zu beneiden sind obendrein die Betreuer der Spackenbande, die bestimmt, unabhängig des tatsächlichen Salärs, vollends unterbezahlt sein dürften. Genauso gehe ich auch davon aus, dass jegliche noch so gut ausgeprägten Kompetenzen im Umgang mit Verhaltensstörungen im Falle dieser Kinder zu einer massiven Überforderung führen. Vorhin gab es auch gleich einen ordentlichen Anpfiff und das Kommando zur kollektiven Putzaktion, wobei ich im Vorbeigehen nur sehen konnte, wie einer der selbsternannten „Zigeuner“ mit seiner Zahnbürste die Decke schrubbte. Ob dadurch irgendetwas besser oder schlechter wird, man weiß es nicht…

Etwas dröge war heuer Früh auch unsere Abfahrt aus Ravensburg, da nach einem extrem lauten Frühstück im vollgerammelten Frühstücksraum der JH eine leicht feuchte Abfahrt bei extrem herbstlichen Temperaturen den Tag eröffnete. Richtig gut wurde es bis zur dann wenig feierlichen Ankunft am Bodensee auch nicht – Imkes Illusion, dass man nett am See ankommt und erst einmal ein Siegerfoto macht, passte nicht ganz zur Ankunft im Industriegebiet von Friedrichshafen, wo man den See nur durch oder über Zäune hinweg erblickte. Die Weiterfahrt zur Fußgängerzone und Flaniermeile bot dann aber den erwünschten Rahmen für das Foto – alles weitere entlang des Bodensees, ob jetzt heute Überlingen oder morgen Konstanz, fällt vollends in die Bonuskategorie.

Gefeiert wurde die Ankunft auch mit2 Tassen Kaffee und 2 Stück selbstaufgebackenem Apfelstrudel mit Eis für in Gänze nur läppische 14 Euro, aber wenn man sich die Flaniermeile der Stadt aussucht, darf man weder Topqualität noch günstige Preise erwarten – denn warum sollte man Gäste dazu animieren, noch einmal zu kommen, wenn eh jeden Tag tausende Touristen

So fühlt man sich wahrlich am Ziel: Dem Navigationsgerät geht die Welt aus...

 nachkommen? Die Sicht und der Platz am See waren aber trotzdem ein würdiger Schlusspunkt, den „Torturen“ der Tour beinahe so würdig wie ein späterer Halt an einem Badestrand, wo wir uns im plötzlich herbeigeeilten Sonnenschein am Strand hinfletzten und mit Apfel, Brötchen und letztem Fitnessriegel die Mittagspause einlegten.

Dank diverser Pausen, Fotostopps und erneut Imkes Rücken sowie auch dazukommender Kopfschmerzen kamen wir dann erst um 16:45 in der Kategorie IV (von IV) JH von Überlingen an, zahlten den höchsten JH-Halbpensionsübernachtungspreis der bisherigen Tour (80,60€), kamen in den Genuss einer sehr erfrischenden Kaltwasserdusche, der nervigen Kinder im Nebenzimmer und eines extrem wuseligen Abendessens mit Spätzle, lieblos angerührter Bratensauce, Schnitzel oder Gemüsebratling und einem immerhin passablen Salatbuffet. Das ging auch schon mal besser, aber bedenkt man, dass selbst ein Teller Knödel mit Pfifferlingen in Biberach mit 13€ in die Ausgabenliste ging, darf man wirklich kaum klagen. Richtig gut war es trotzdem nicht, aber vielleicht ist die Grundeinstellung gegenüber der auch von außen sehr hässlichen JH einfach so, dass man die frische Tomate im Salat nicht erkennen will…

Abends reichte die Kraft und Motivation dann nur noch für einen sehr kleinen Herbstspaziergang an den See und auf ein Eis – das Zentrum von Überlingen war mit 2.5km ein wenig zu weit entfernt, die Räder wollten wir auch nicht mehr bemühen und nun hocken wir daher um zehn nach neun auf der Stube und können nur hoffen, dass die Bande nebenan nicht allzu spät Ruhe gibt.

Alternativ können wir sie natürlich auch noch einmal richtig anscheißen gehen. „Dann rennen die gleich zu ihren Betreuern“ unkte Imke, als ich sagte, dass ich „da gleich mal mit dem Messer rübergehen würde“ – und wahrscheinlich stimmt das auch, da die „Täter“ im bisherigen Leben bestimmt genug Erfahrung damit sammeln konnten, „armes Opfer“ zu spielen (wobei, wie kommt man in den Genuss einer solchen Freizeit mit solchen Mitreisenden, wenn man nicht zumindest zu Hause regelmäßig vermöbelt wird?). Andererseits schreie ich auch nach deren Betreuern und mache einen auf „Opfer“, wenn es in einer Stunde immer noch so weitergeht wie jetzt gerade – wüsste ich es nicht besser, würde ich die nächste Scheiterhaufeneskapade mit einem Kuscheltier vermuten…