Stage 13

Deutschlandtour 2014

Ulm - Biberach

 
48,8 Kilometer; 03:06:16 Stunden

        

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke (berntpv@gmx.de

  

...da hätte man es derSüdwest-Presse auch glatt ersparen können, einen Fotojournalisten (oder wahrscheinlich einen unbezahlten Praktikanten, den man mit der Ilusion auf ein schlecht bezahltes Volontariat geködert hatte…) nach Finningen zu schicken. Ganz abgesehen davon, dass unser Praktikant dafür auch bestimmt sein eigenes (bzw. jenes der Eltern?) Auto nehmen musste…

Wo Finningen ist und worum zum Geier, man entschuldige die Verwechselung des Viechs, es überhaupt geht?

Der Reihe nach: Finningen ist irgendwo zwischen hier (Ulm in der Früh) und Aalen, gefühlt aber näher an hier als an Aalen - so genau vermag ich das just in diesem Augenblick nicht zu rekapitulieren. Es tut auch wenig zur Sache, aber ungefähr genau jenes Foto, welches ich gestern von einem „Haufen“ Störche am Wegesrand machte, findet man auch hier in 15x10 Zentimetern auf der ersten Seite des Lokalteils, denn, so die Betitelung, „Störche machen Rast in Finningen“.

Der Text dazu muss etwas betrüben, heißt es doch im Originalton: „Sommer ade? Vielleicht ist es doch nicht so schlimm, dass sich die Vögel schon für den Flug in wärmere Gefilde sammeln. Aber am Wochenende hat eine Gruppe von rund 80 Störchen in der Nähe von Finningen Rast gemacht. Uns bleibt es aber unbelassen, auf ein paar herrliche Sommertage zu hoffen“.

 Ausschnitt aus meinem Foto links; Werk der Regiopresse rechts...

Schrieb ich gestern noch vom nun zumindest definierten Ende der Radtour und hat uns auch gestern definitiv der Wetterumschwung erwischt, schreibt nun die Zeitung bereits vom Ende des Sommers, was dann auch ein guter Zeitpunkt für das Ende einer Radtour wäre.

Warten wir es aber doch einfach ab – und ich versuche dann, es in einigermaßen gutem Deutsch wiederzugeben, da, so die Zeitung ebenfalls, selbst „Lehrer ohne Migrationshintergrund“ in Berlin empirisch nachweisbar „Kiezdeutsch“ sprechen, es also für vollends akzeptabel halten, Sätze wie „Karin, ich geh mal schnell Bäcker, willst Du was?“ vom Stapel zu lassen.

 Auch am zeiten Tag deutlich schöner als gedacht: Ulm trotz aller WW2-Zerstörungen

Jenseits des Pädagogenschnacks schaut der Tagesplan heute so aus, dass wir erst noch einmal Ulm gehen und Münster steigen, dann zu den Rädern in der Jugendherberge Bus, das Gepäck aufsatteln und uns in Richtung  Biberach verabschieden, etwa 40-45 Kilometer südlich von hier gen Ravensburg gelegen. In die Stadt gehen wir, wie bereits angedeutet, Bus, da wir, als Legitimation für Bus, die Strecke eh schon geradelt getan und b) in der Rolle des Touristen auch machen dürfen, was c) in der Rolle des streng nach Regeln radelnden Radfahrers nicht erlaubt ist (allen voran das überlebenswichtige Mantra, dass eine Strecke gefahren, schlimmstenfalls geschoben werden muss, Zug- oder Bussegmente in Reiserichtung jedoch Teufelszeug sind und Sinn und Zweck der ganzen Reise in Frage stellen, selbst, wenn nur ein Meter somit „betrogen“ wird). Ich weiß, dass die Welt für dogmatische Prinzipien viel zu konfus und unberechenbar geworden ist, aber im Kleinen „hart“ zu bleiben funktioniert (meistens) noch – und wenn man erst einmal anfängt, mit Regeln herumzuspielen, hat man am Ende, in bestem Kiezdeutsch, Grieche.

07:05 zeigt der Wecker, im Speisesaal der Ulmer Jugendherberge hockt nur ein weiterer Gast, starrt zum Fenster hinaus, Imke darf noch 25 Minuten schlafen und für mich gibt es wieder die ersten zwei bis drei Kaffee des Tages sowie Kiezdeutsch, Störche , das DFB-Karriereende von Miro Klose und fast zwei Prozent plus im Dax. Damit ist der Tag bezahlt. Es stimmt übrigens nachdenklich, wenn man lesen muss, dass der gute Herr Klose „auf seine alten Tage“ zur Erfüllung eines WM-Traumes gelangte und sich bravourös „fit gehalten hat“ um den Rekord von Ronaldo mit 15 WM-Treffern zu übertreffen. Was genau so nachdenklich stimmt? 36 bin ich auch – und liest man den Abgesang auf Herrn Klose in der Zeitung, so scheint es fast, als wäre man mit 36 schon am Ende angelangt. Da mag es noch marginal trösten, dass ich beim Einchecken in der Herberge gefragt wurde, ob ich über oder unter 27 bin…

Stunden über Stunden später: Ulmer Münster – bei Sonnenschein bestiegen, perfekte Aussicht genossen (nun gut, man konnte vom versprochenen Alpenpanorama nichts sehen, aber allein schon der Sonnenschein machte fast alles wett), netten vegetarischen Döner mit Bauernsalat bei „König Kebap“ an der Donau verspeist („Wir hätten gerne 2 vegetarische Döner und einen Bauernsalat zum Teilen“ - „Die vegetarischen Döner sind doch auch schon Salat!“ „Salat ist immer gut.“ „Wie sie wollen“), 100% trocken und mit 50% Sonnenschein bis nach Biberach gelangt und jetzt ziemlich platt – so kann man die aktuelle Lage gut zusammenfassen.

 Ulmer Münster - Turmstum in der Früh

Imke hat auf einem Kurztrip in die Stadt am Abend zwar die Vorzüge eines neuen, leichten Tourenrades ohne Gepäck erkannt („Ich glaube, Focus und ich werden noch viel Freude haben…“), mir sind aber, ganz ehrlch, die Beine etwas schwer. Bleischwer. Am Tag waren es heute zwar nur fünfzg Kilometer, aber bis wir gegen ein Uhr loskamen, hatten wir schon eine halbe Stadtbesichtigung mit Besteigung der 150-Meter-Plattform der höchsten vollendeten Kirche der Welt in den Beinen. 768 Stufen hinauf und hinab mögen nicht viel klingen, aber irgendwann ist es halt die Kumulation von allem, die jetzt durchschlägt- so geht es mir zumindest heute Abend.

Hunger war auch den ganzen Tag über mein ständiger Begleiter – das Frühstück war mies und ein etwas fader Start in den Tag, da es nur billige Weißbrotbrötchen und ziemlich alt schmeckendes Brot gab, die Obstauswahl mangelhaft mit Tendenz zu ungenügend war, der Kaffee genauso flüssig wie die Marmelade daherkam und der Käse vom Herbergszivi (falls es so etwas noch gibt) 2 Atome dick geschnitten wurde. Diesen konnte man zumindest stapeln, wodurch allerdings das Produkt, auf dem man herumstapelte, auch nicht besser wurde.

Schon um kurz vor zwölf gab es dann den Veggie-Döner mit „Wie Sie wollen“-Salat, später Kaffee, Kuchen und Brötchen, Corny-Riegel, 5 über den Tag verteilte Äpfel, abends noch Semmelknödel und Pfifferlinge im Grünen Baum in Biberach (http://www.gruener-baum-bc.de/de) und nun habe ich immer noch Hunger, ganz so, als könnte ich die Tanks nicht mehr volltanken. Dazu kommt auch ein ganz leichtes Verschnupfungsgefühl, da die letzten beiden Tage doch deutlich frischer und vor allem windiger waren, was dann in Kombination mit trocknenden, salzhaltigen Körperflüssigkeiten auf der Haut nach diversen Anstiegen schnell schon einmal zur Schnieferei führen kann.

 Kulinarisch eines der Highlights der bisherigen Tour, wenn auch ordentlich bodenständig: Grüner Baum

Aber nein, ein Teufel soll hier keinesfalls an die Wand gemalt werden, heute war ich einfach boß nicht vollends in der Spur, wobei auch Imke ein wenig „tan“ war,wie die Friesin zu sagen pflegt. 13 Tage am Stück auf dem Rad, auch wenn die Etappen nicht immer lang waren, sind in einem Alter, in dem „unser“ Miro Klose ja nun schon alles erreicht hat eben doch nicht ganz wenig.

Müsste man den heutigen Tag trotz der leicht absinkenden Form allerdings benoten, könnte man nur eine „sehr gut“ vergeben. Der Pädagoge wieder. An den touristischen Highlighs hatten wir bombastisches Wetter und richtig viel Sonne, die Stecke war nach dem Verlassen des Ulmer Industriegürtels zunächst entlang der Donau und später abseits von Hauptstraßen ein Augenschmauss, das Abendessen im Grünen Baum wirklich fein und die Jugendherberge der höchsten Kategorie auch dufte – zum ersten Mal gastieren wir in einer Jugendherberge mit gemachten Betten, 2 Flaschen Gratis-Mineralwasser (HRS oder was?) sowie 4 Mini Ritter-Sport als Empfangs“geschenk“ auf dem Zimmer mit eigenem Bad. Das die Übernachtung dann 67€ kostet und man uns beim Einchecken explizit – aber sehr freundlich - darauf hinwies, dass dies ja noch einen 11€ Aufschlag für das Doppelizimmer beinhaltet, den man theoretisch mit einem Mehrbettzimmer umgehen könnte, interessierte uns dann nicht den Semmelknödel oder die Spätzle.

 Feine Strecke, feine Radwege, gutes Wetter - trotzdem platt am Abend...

Nicht ganz eine „1“ hat demgegenüber der Wetterbericht für morgen verdient. Ob wir an Tag 14 der Tour erstmals richtig in die Schüssel greifen wird sich zwar noch zeigen müssen, aber der Wetterfrosch lässt nicht nur wenig Gutes erahnen, sondern ist schlichweg katastrophal. 10-20 Liter Niederschlag pro Quadratmeter, Dauerregen von morgens bis abends für Biberach und vom späten Vormittag bis zum Abend  auch für den Zielort Ravensburg, bei weitem keine 20 Grad – theoretisch kann das richtig richtig bescheiden werden, aber Imke konnte ich zumindest damit trösten, dass die Ortlieb-Fahrradtaschen auch vollends wasserdicht daherkommen. Das sollte man allerdings von den Dingern auch erwarten, da die Plastikplanentaschen nun schon locker einen Hunderter im Doppelpack kosten und man über die Relation des Materialwerts im Vergleich zum Endpreis besser nicht zu lange nachdenkt…

 ...Fotoshooting in Biberach - so sähe Imkes Fahrrad im Alltag aus...

Bedenklich stimmt übrigens die Perspektivenverschiebung beim Radfahren, sobald man mit Besitzern flotter E-Bikes spricht. Bei der Suche nach einer passablen Gaststätte für eine Pause in Langenau, es wurde schlussendlich die Bäckerei von Kaufland – schnackten wir noch mit einem älteren Ehepaar auf E-Bikes, die auch auf dem Weg zum Bodensee waren. Zuvor hatten sie uns auf der Strecke bereits zwei Mal recht flott überholt, wobei wir jeweils bei Pausen der beiden wieder in Front fuhren. Beide sahen nicht gerade wie frisch aus dem Trainingslager aus, waren wirklich deutlich jenseits vom Karrierenende mit 36 Jahren, sprachen aber auch davon, jeden Tag nur „locker 70 bs 100 Kilometer zu fahren“. Die beiden glaubten dabei allerdings auch noch, dass die E-Bikes allerhöchstens am Berg ein wenig mithelfen würden und unterstrichen ihre Topform damit, dass zumindest er, Bierbauch volle Kanne voraus, noch entspannt einen Zigarillo anzündete, während wir schnackten. 80 bis 100 Kilometer am Tag, BMI nahe 30 bei ihm und vielleicht 27 bei ihr, halb so viel Gepäck wie wir, schwere Räder, zumindest zur Hälfte Raucher – da ist mir doch etwas viel Fahrraddoping und Selbstverarsche („…nur am Berg…“) am Start…