Stage 12

Deutschlandtour 2014

Aalen - Ulm

 
70,7 Kilometer; 04:19:33 Stunden

        

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke (berntpv@gmx.de

Die Tour hat ein Ende. Aber Obacht: Dieser Satz ist nicht gleichzusetzen mit „die Tour ist zu Ende“, aber seit einer etwas nervigen Warteaktion am Servicepunkt der Deutschen Bahn in Ulm steht definitiv fest, wann Imke und ich unsere Räder in einen Zug tragen und nach Hause fahren werden: am  Sonntag, den 17.08.2014 und um halb acht in der Früh in Konstanz ist alles vorbei. Was dann folgt, sind nur noch etwas über zehn Stunden Deutschland im Schnelldurchlauf…

...70 Kilometer, der erste echte Regen & eine gefühlt lange Etappe trennten Aalen von Ulm...

Indirekt bedeutet dies, dass wir es bis zum Bodensee schaffen werden – es gibt, Imke siniert gerade, dass Sie es „genießt, wie müde sich meine Beine anfühlen“, abgesehen von Katastrophen keinen Grund mehr, weshalb wir es nicht bis ans Ziel schaffen werden.

Lange hatten wir auch darüber nachgedacht, mit dem Deutschlandticket und 2 Fahrradkarten für nur 60 Euro bis nach Oldenburg zurückzufahren, aber dafür ist Deutschland einfach zu groß und die Radtour zu lang (geworden; bei den ursprünglichen Ideen, die sich maßgeblich um den Weserradweg drehten, war dies eine andere Geschichte). Auf dem Papier kann man zwar ohne Widerspruch der Bahn-Software Verbindungen konstruieren, die formal innerhalb einer durch das Ticket gedeckten Frist funktionieren, aber achtmalige Umsteigeaktionen von einem Verkehrsverbund in den nächsten mit teilweise kritisch kurzen Umsteigezeiten von 4 oder 7 Minuten – die Gefahr, einen Anschlusszug zu verpassen und das ganze Konstrukt der 16-Stunden-Fahrt zum Wanken zu bringen, ist einfach zu groß.

Der erste Blick aus dem Fenster am morgen: Ein grauer Tag lag in der Luft...und wurde es auch...

Muss man dann schlimmstenfalls am Folgetag noch ein Ticket kaufen und dazwischen übernachten, hat man 2 ausgesprochen miese Tage, ständig latenten Stress, eine wahrscheinlich schlechte Übernachtung und 0 Euro Ersparnis. Nun kostet die Rückfahrt zwar gleich 213€, wofür man mit Ryanair um die Welt fliegen kann (allerdings ohne Koffer und fest gebuchten Platz), dafür hat sich Imke aber eine Probebahncard anschnacken lassen, wir haben reservierte Sitzplätze, die Räder ebenfalls und man weiß, dass man abends um 18:30 wieder in Oldenburg sein wird – mit allergrößter Wahrscheinlichkeit zumindest.

Nicht ganz so erbauend wie die frohe Botschaft freier Plätze in Intercity-Fahrradabteil war übrigens die Warterei am Ulmer Hauptbahnhof – nachdem wie an der Käsetheke brav die Wartenummer gezogen wurde, setzte das Hirn langsam „A“ und „B“ zusammen – und ein wenig Subtraktion in der Schnelle ergab, dass 25 andere Nummern vor uns an die Reihe kamen. Die Tatsache, dass die Bahn dem Kundenansturm tapfer mit zeitweise nur 2 Schaltern entgegentrat, ließ sogar einen Abstecher zum „Abendessen“ nicht ganz unvernünftig daherkommen...

Die erste Regenpause in Heidenheim - und der Wetterbericht passte wie die Faust aufs Auge.

Am Ende reichten allerdings 35 Minuten Warterei am Bahnhof. Zeit, die man damit verbrachte, am Infoschalter noch einmal nach Restaurants Kundschaft einzuholen und bestätigt zu bekommen, dass das mit dem Deuschlandticket vielleicht wirklich nicht die beste Idee gewesen wäre, sofern bei nur einer der acht Verbindungen mal ein Grashalm auf den Schienen liegt und den Lokführer zum unerwarteten Bremsen zwingt. Die Tour hat eine Ende, aber das ist, zum Glück, noch etwas hin, so dass wir…

…auch weiter radfahren können, so wie es heute auch meistens der Fall war. Erstmals auf unserer Tour meinte es das Wetter einmal nicht mehr richtig gut mit uns, wobei allein schon diese Einschätzung lächerlich ist, da es die ganze Nacht über wie aus Kübeln goss und in weiten Teilen Südwestdeutschlands kräftig stürmte – ganz nach dem plakativen Motto der Bild-Zeitung von vor ein paar Tagen: „Kann das Wetter nur noch extrem?“.

Nach der Plackerei und Schwitzerei von gestern war es heute allerdings schon beinahe herbstlich frisch – 20 Grad in der Spitze dürften es kaum gewesen sein und nach der offiziell ersten richtigen Regenpause der Tour (Tag 12, nicht zu vergessen) in Heidenheim waren Beinlinge und eine Jacke schwer gefragt. Das Timing war aber einmal mehr abartig gut – 4 Kilometer vor Heidenheim fing der Schauer ausgesprochen zaghaft an, ich wollte in die Regenklamotten wechslen, Imke prügelte mich bis ins Zentrum, leicht angenässt erreichten wir ein „geht-so“ Café, draußen ging der Mist erst richtig los und einen Kaffee bzw. Cappuchino später und etwas die Heidenheimer Tageszeitungstristesse nebenbei ging es dann weitestgehend trocken bis ins Ziel – sogar eine Stunde Sonne gab es zwischendurch. Historisch betrachtet dürfte man das Ganze kaum als einen schlechten Tag einstufen…

Impressionen von der Strecke und vom Ziel - ein sinnloser Kommentar unter einem Foto...

Ulm, zweiter Beko-BBL-Gegner der EWE Baskets in Folge (nach Crailsheim am gestrigen Tage), kam dann überraschend positiv daher. Imke hatte vorher viel von weitreichenden Zerstörungen im zweiten Weltkrieg gelesen, die kaum einen Stein auf dem anderen gelassen hätten. Mit dem Wissen ob der weitreichenden Zerstörungen im Hinterkopf erwartete ich dann einfach gar nichts mehr außer „Osnabrück in groß“. Stattdessen gab es aber eine unheimlich „schnuffige“ Innenstadt,  das wahrlich imposante Münster, welches wir morgen früh vielleicht noch erklimmen werden, ein relativ gutes Abendessen sehr amerikanischer Natur (Caesars Salad, Bruschetta, vegetarischer Burger für mich und das Nichtessbehinderten-Äquivalent für Imke, dazu Ofenkartoffeln) im Q-Muh (http://www.qmuh.de), das uns die Schalterangestellte der Deutschen Bahn empfahl und einen schönen und natürlich auch wieder trockenen Abendspaziergang durch die engen Altstadgassen entlang der Donau.  Die Donau kam heute eh etwas heimtückisch daher und stellt nach der Weser und Fulda den wohl dritten wirklich bekannten Fluss Deutschlands dar, an dessen Ufern sich unser Deutschlandabenteuer zumindest zeitweise abspielte. Ganz ohne Frage kriegen wir von Deutschland viel zu sehen – und das auserkorene Ziel, Deutschland ein wenig mehr radelnd zu erfahren, wurde einmal mehr erreicht.

Schon beinaheüberraschend muss auch angemerkt werden, dass die heutigen doch wieder 70 Kilometer mit weniger Höhenmetern als am gestrigen Tage sportlich schon beinahe einfach daherkamen – und dies gilt sowohl für Imke als auch mich. Hätte ich Imke vor der Tour geflüstert, dass sie a) überhaupt 85 Kilometer an einem Tag fährt, dies b) mit 800 Höhenmetern kombiniert und dann c) 70 Kilometer am Tag danach am Ende etwas nervig lang, aber keinesfalls als wahnsinnig anstrengend empfindet, nein, allein schon eine solche Behauptung hätte dazu geführt, dass ich solche Touren besser alleine plane und sie fein daheim bleibt.

12 Tage ohne Ruhetag im Sattel haben aber diesbezüglich vieles geändert – und, sofern nichts Schlimmes passiert, klappt es auch mit dem Bodensee – idealtypischerweise am Ende dreier relativ kurzer Schlussetappen von jeweils 40-50 Kilometern, wobei der Wetterumschwung noch einmal ungemütlich werden könnte. Für morgen ist zwar nur gutes Wetter gemeldet (so wie eigentlich auch für heute, aber sieht man von der Heidenheimer Schauerepisode ab, war auch nichts zu vermelden), aber was heißt das schon. Definitiv ist der Regen dann aber für den Tag danach nach Ravensburg gemeldet, aber da warten wir erst einmal ganz locker ab, was wirklich kommt.

…etwas bedenklich ist heuer übrigens mein Brotkonsum – 4 Bötchen (3x mit Ei) beim Frühstück; 2x eineinhalb Brötchen unterwegs, beim Abendessen 2 Scheiben Baguette zum Ceasar, ein Burger und 2 Stücke Bruschetta sowie unterwegs ein Stück Zwetschgenkuchen. Als ausgewogene Ernährung kann man das wohl kaum bezeichen & meinem eigentlichen Wunsch nach guter „schwäbscher“ Küche wurde das Q-Muh auch nicht gerecht, aber so schwach auf den Beinen wie beim Spaziergang im Münster war, war mir einfach auch nicht mehr nach einer großen Sucherei . Somit wurde dann der erste Tipp, den wir fußläufig erreichen konnten, auch gleich das Ziel aller kulinarischen Träume. Käsespätzle und Semmelknödel müssen wohl noch ein wenig auf mich warten, aber gesünder als die Backwarenernährung verschiedenster Gattungen wäre das wohl auch kaum…