Stage 10

Deutschlandtour 2014

Würzburg - Rothenburg ob der Tauber

 
61,4 Kilometer; 04:18:57 Stunden

        

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke (berntpv@gmx.de

...Sonnenaufgang in Würzburg...jede Menge langweiliger Kilometer...Rothenburg

„Sie müssen nach Rothenburg?“ „Oh, Sie Armer“…. 
– Kommentar der Empfangsdame bzw. Rezeptionistin der Jugendherberge Würzburg als ich gestern verriet, wie es für uns heute weitergehen sollte…

Imke verabschiedete sich gestern schon mit einem „Morgen wird es bestimmt sehr anstrengend…“ ins Bett, aber im Moment bin ich sehr guter Dinge, dass „Rothenburg ob der Tauber“ gar nicht einmal so schlimm wird. Entlang der gestern von unseren „Neufreunden“ aus Erding skizzierten „Romantischen Straße“ scheinen es zwar gar über 100 Kilometer zu sein, mein Navigationsgerät weiß jedoch von 60 Kilometern und Google Maps offenbart auf einen Klick eine Strecke von 65 Kilometern. Da Google sowieso immer alles besser weiß, wird diese Angabe wohl am ehesten der Realität entsprechen – und im Streckenprofil von Google sehen auch die Höhenmeter gar nicht einmal so heftig aus.

Klasse ist auch, dass entgegen der Aussage der Rezeptionistin, dass das WLAN der Jugendherberge nur im Foyer funktioniert, quasi überall im Haus Empfang ist. Im Frühstückssaal muss man zwar schon die richtigen Tische (sprich: nahe der Eingangstüre) finden, aber mit einem Kaffee in der Flosse ließ sich so fein ein wenig an der weiteren Streckenführung feilen, während Imke noch bis halb acht weiterschlummerte und sich für die Tagesetappe fit schlief. Das Frühstücksgewusel um mich herum war zwar nach vielen anderen nicht wirlkich gut besuchten Jugendherbergen marginal irritierend, aber der Kaffee schmeckte trotzdem und ein paar gescheite Zeilen bekam ich auch noch zu „Papier“.

Noch fing der Tag recht geruhsam an: Ein wenig Radelei durch den Wald, Proviant am Wegesrand.

So langsam wird das Thema „Reiseplanung“ immer dringender, denn nicht nur naht angeblich etwas schlechteres Wetter (meine Meinung dazu: …abwarten…), sondern auch ein touristisch enorm frequentierter Teil der Republik sowie das Fernziel des Bodensees, so dass es Zeit wird, wirklich konkret über so etwas wie „Endtermine“ nachzudenken. Unterkünfte habe ich entlang der Strecke noch recht gut buchen können, leider nicht immer in Jugendherbergen, aber durchaus mehrere Male, so dass wir auch ein paar Mal richtig gut und günstig unterkommen müssten. Für den Bodensee selbst sieht es allerdings extrem kritisch aus - dort scheinen Hinz und Kunz, oder hier in Bayern wohl Seppel und Franz, Hand in Hand Urlaub zu machen, so dass es im Internet nur noch hundsteure Unterkünfte gibt, die JHs allesamt bis unter das Dach voll sind und das, was man bei „hrs“ sicherheitshalber für stolze 120 Euro die Nacht buchen kann, ziemlich übel aussieht. Restpostenbetten zum Premiumpreis.

Da wird es hoffentlich heute Abend in Rothenburg richtig schön, wo wir immerhin 4 Sterne unser eigen nennen, dafür aber auch 135 Euro berappen dürfen, wofür man in Jugendherbergen schon mal komfortabel 2 Tage mit Halbpension und eigenem Zimmer wohnen kann. Eine Alternative gibt es aber nicht wirklich, denn da es scheint, als wolle jeder im Leben einmal nach Rothenburg (eine Milliarde Chinesen eingeschlossen), findet man überhaupt keine freien Unterkünfte mehr. Die Stadt hat zudem auch bloß 11.000 Einwohner und ist somit deutlich kleiner als sie bekannt ist, so dass es in Gänze auch nicht unendlich viele Betten geben dürfte.

14.7 km/h im Schnitt nach 95 Minuten - und Wind & Pampa ohne Ende...

Am Telefon wurde uns dafür aber das „Lieblingszimmer“ des Hoteliers zugesagt, was aber auch mit einigem Hick-Hack verbunden war, da ich zunächst ein Zimmer für 125€ bei Expedia gebucht hatte, dann aber etwas vedutzt sah, dass dieses „einzig verfügbare Zimmer“ auch eine Stunde nach meiner Buchung noch problemlos verfügbar war. Dies kam mir sofort komisch vor, so dass ich direkt bei dem Hotel anrief und erfuhr, dass Expedia regelmäßig Probleme verursacht und ausgebuchte Kapazitäten nicht als solche deklariert werden. Will heißen:  Das von mir gebuchte Zimmer für 125€ gab es trotz Expedia-Bestätigung gar nicht mehr.

Dafür gäbe es, das klang am Telefon alles etwas komisch, aber mir waren ja die Hände gebunden, noch ein feines Zimmer, eben das „Lieblingszimmer“ des Hoteliers, für 145€, welches ich stattdessen haben könnte. Da mir das zunächst nach ggf. systematischer Abzocke am Telefon klang (die Expedia-Saga kann sich ja jeder ausdenken), schlug ich vor, meine Buchung bei Expedia zu stornieren und 135€ die Nacht zu bezahlen, was für den Hotelier natürlich auch nicht schlecht war, da Expedia somit ohne Provision bleibt.

Und so kam es dann – und heute Nacht sind es dann halt 135€ für ein hoffentlich feines Zimmer – und ob es die anderen Zimmer, die es ja gar nicht gibt, bei Expedia immer noch gibt, weiß ich nicht – aber wenn es dort echt so oft Probleme gibt, sollte man flugs etwas ändern, um sich Arbeit ohne Ende zu sparen. Oder es ist eine gängige Masche um teurere Zimmer ohne Provision zu verticken, was weiß ich, was interessiert es mich, so lange wir ein ruhiges Bett ob der Tauber finden…

Nun, halb acht ist es, werde ich Imke wecken gehen, 2 Kaffee habe ich intus und der Wetterbericht ist online immer noch gut, sprich trocken. Aber soll man immer alles glauben, was man online sieht?

  „Habst a schöne Kärtli gefunde?“
…Zitat von gestern, als Imke in Würzburg eine Postkarte kaufen wollte…

Facettenreich, sehr sehr facettenreich - anders kann man Tag zehn der diesjährigen Tour kaum beschreiben. Im Einzelnen betrachtet ist es jedoch insbesondere jene Facette, die auf der exquisiten Dachterrasse unserer 4-Stenre-Unterkunft im Herzen der Touristenhochburg Rothenburg ob der Tauber spielt, die bis dato zu den absoluten Tourhighlights zählen muss. Eine malerisch schöne Innenstadt die wie Venedig am Tag von Tagestouristen aus allen Nähten platzt und abends deutlich geruhsamer daherkommt, womit für alle Reisenden eine eindeutige Übernachtungsempfehlung einhergeht, ein leckerer Wein (wenig passend allerdings ein australischer Wein mit einem Känguruh auf der Flasche, jeder sporadische Supermarktweinkäufer dürfte wissen, wovon ich schreibe…) auf eben jener über den Dächern thronender Dachterasse, ein traumhafter Blick über die mittelalterlichen Dächer – so kann Urlaub, so kann eine Fahrradtour einem Hochgenuss der Sinne gleichkommen. So vergisst man den Mist vom Tag.

Ebenfalls eine feine Facette war unser Abendmahl im Biergarten etwas außerhalb der Stadtmauern – und damit wohl auch zumindest ein wenig abseits der typischen Touristenpfade. Im Gegensatz zur importierten Massenware im Weinglas schmausten wir dort wenigstens mit regionalem Bezug:  Schlupfnudeln mit Speck und Kraut für Imke, ein leicht fetter Röstli bei dem die Nährwertangabe „50 Kilometer+“ lauten könnte mit Gemüse für mich und dazu zwei Salate – eine wohltuende Abwechslung zum Standard-Essengehen (Italierner) oder der ansonsten hoch gelobten Jugendherbergskost. Eine Jugendherberge gibt es in Rothenburg natürlich auch, aber, wie bereits geschrieben, wissen das auch tausende anderer Touristen, so dass im Sommer auf Wochen hinaus nichts geht.  

Absoluter Mist, wie „oben“ bereits angedeutet, war dafür aber die heutige Plackerei auf dem Rad – da passt dann auch der Rösti mit all seinen übertrieben vielen Kalorien. Wetter-online hatte schon fiese Winde gemeldet, die jedoch überwiegend nicht von vorne sondern von der Seite kamen. Auch egal, wenn es durch die Speichen pfeifft wie nichts Gutes und dies kaum dazu beitrug, Imkes am heutigen Morgen sehr geringe Aufbruchsmotivation zu steigern. Leider, so musste man um kurz nach halb neun feststellen, hat Tag zehn bei Imke ein wenig Lagerkoller aufkommen lassen – das ewig gleiche Spiel der stinkenden Radklamotten am Morgen und stundenlanger Radelei danach war heute ein wenig zu viel des Guten, so dass zumindest verbal die Tour das ein oder andere Mal verwunschen wurde. Dazu kam dann der wirklich abartige Wind, den man so sonst eigentlich nur von Borkum im Dezember kennt. Es war dabei sogar dermaßen windig, dass nicht einmal Pausen richtig Spaß gemacht haben, sofern man keinen windgeschützten Platz hatte – und auch von der Seite war, wie bereits geschrieben, der Wind alles andere als ein Zuckerschlecken.

Das Zuckerschlechen war dafür dann der obligatorische Genuss des Rothenburer Schneeballs, von denen wir uns ein Objekt der Begierde teilten. Imkes freundliche und unwissende Bitte, dass man uns einen der Schneebälle in der Mitte durchschneidet, wurde leider abgelehnt - die ahnungslosen Flachlandindianer konnten ja nicht wissen, dass der Schneeball eine Art flockig leichtes Spritzgebäck ist, welches in eine Million Teile zerbröselt, sobald man mit dem Genuss beginnt. Zumindest dürfte solch ein Schneeballmonster somit äquivalent zu weniger als zehn Kilometern Radfahren sein…

Somit war dann aber zumindest der Vorgang des Teilens einfach - Schneeball in Tüte, ein zaghafter Versuch, den recht harten Schneeball in der Tüte durchzubrechen und dann ein großer Haufen Krümel für beide zum lustig Aufschlumpfen. Die optisch an einen Hauptgang bei Krümelmonster erinnernde Bröselei schmeckte aber trotzem passabel. Das Vierersparpaket  zum Mitnehmen für die Allerliebsten daheim in den USA oder China – daher scheinen die meisten Touristen in Rothenburg zu kommen, so dass man auch hier in Deutschland im Restaurant prinzipiell erst einmal auf Englisch angesprochen wird  - muss als weitere Wegzehrung aber nicht unbedingt sein…

Neben dem Wind nervte heute auch die Strecke selbst, denn nachdem wir die wenig pittoresken industriellen Ausleger Würzburgs hinter uns gelassen und ein paar Kilometer den Main genossen hatten, ging es ab Ochsenhausen stramm durch die bayrische Oberpampa – Felder soweit das Auge reicht, ein unheimlich eintöniges Hochplateau zwischen Ochsenhausen und Rothenburg, Trecker, Mähdrescher, Windräder und eben der elendige Wind, Wind, Wind. DieKilometer zogen sich schleppend dahin, Imke stellte fest, dass außer uns niemand hier Fahrrad fährt, womit auch latent die Frage in den Raum geschmissen wurde, warum wir so etwas machen müssen – und schlussendlich kaum dann auch die Aussage von Imke, dass das alles so kein Urlaub mehr sei  - verbunden mit der Frage, ob ich es nicht genauso sehen würde. Tja, was soll man abends dazu schreiben oder am Tag dazu sagen? Mal so, mal so, mal Krampf, mal dann aber auch abends wieder der wohlverdiente Wein im 4-Sterne-Hotel über der Stadt.

Von den Unterkünften her ganz ohne jeden Zweifel das bisherige Highlight der Tour - am zehnten Tag hoch über den Dächern von Rothenburg. Auch wenn es ein wenig Hick-Hack war, das Zimmer zu buchen (vgl. Expedia-Saga im Fließtext), war das Zimmer trotz des Preises (135 Ocken die Nacht) eine nette JH-Abwechslung... (http://www.historik-hotel-gotisches-haus.de/)

War das Abendmahl außerhalb der Stadtmauer noch gut, war nachmittags ein Spaghettieis innerhalb der Stadtmauern gräuslich schlecht. Am Oldenburger Westkreuz ist die Aussicht zwar weniger fein, dafür das Eis aber um Welten besser – oder wohl auch überall sonst, wo sich ein Gastwirt noch darum scheren muss, dass ein Gast eventuell noch einmal zurückkehrt.

Was man hier für 4 Euro in die OP-Nierenschale bekam war kaum mehr als ein Kügelchen mit einem sparsamen Schuss Sauce und einigen einsam dahinsiechenden Kokosraspeln, aber sich darüber zu beschweren ist auch wiederum albern, da man letztlich bekam, was man erwartete. Fragen muss man sich allerings, ob die ganze Stadt im Zentrum nur noch eine Fassade für ausländische Touristen ist, denn normale Geschäfte oder Häuser suchte man vergebens, fand dafür aber einen Schneeballfachmarkt nach dem anderen – und divese Weihnachtskrimskramsläden, damit auch alle Chinesen brav Weihnachtskugeln aus „Gool old Germany“ mit nach Hause bringen können (womit sich schlimmstenfalls der Kreis für die aus China importierten Weihnachtsartikel schließt). Am Abend hätten wir uns auch noch eine Nachtwächtertour, so etwas scheint es mittlerweile in jeder Stadt zu geben, antun können, entschieden uns dann aber für den Weinn auf dem Dach, was wahrlich keine schlechte Wahl war…