| Stage 9 |
| Lyon - Saint Vallier |
| 88.2 Kilometer; 4:04:34 Stunden |
Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )
Willkommen im Urlaub; gerade pausieren wir zum ersten Mal auf der ersten von 3 wahrscheinlich humanen sub-100-Etappen vor unserer Mont Ventoux-Ankunft und irgendwie hat der Abend in der Stadt (Lyon) kombiniert mit einem recht komfortabelen Bett und einem ordentlichen Frühstücksbuffet wieder reichlich Kräfte frei gemacht.
Es
radelt sich auch irgendwie viel leichter wenn man weiß, dass man selbst bei Pausen alle 2
Kilometer eher am Ziel wäre als an den letzten beiden Abenden.
Lyon war auch bei der Ausfahrt noch recht sehenswert, da wir einige
Straßenmärkte passierten und noch einen Blick auf einige historische Gemäuer bei
Tageslicht werfen konnten. Wettermäßig ist es heute 7 von 9 auf einer mir eher
unverständlichen Skala einer französischen Zeitung. Wenig Wind, keine Wolken
und wohl mehr als 30 Grad scheinen das Equivalent der ominösen sieben
zu sein...
Das Rhontal hat sich übrigens bislang als eher hässlich erwiesen, auch wenn man
nach 30 Kilometern noch nicht urteilen sollte. Radwege genau am Fluß gibt es nicht,
dafür aber zum Glück kaum befahrene
Nebenstrecken die zum Pech genau zwischen
einer Autobahn auf der rechten und Bahngleisen auf der linken Seite verlaufen.
Nach unserer Pause hier wird die Route erst einmal ein wenig abgeändert, ob man
jetzt die Rhon entlangfährt und wie hier kaum sehen kann oder sie gar nicht erst sehen
kann weil man kaum daran entlangfährt sollte
eigentlich egal sein.
2. Eintrag des Tages
Nachdem Frank gerade die vor uns dahinsiechende Rhon als elende Kotze
bezeichnet
hat mit "Scheiße die rumbtreibt und eigentlich untergehen müsste" sowie
Anglern, die entweder "mutig mutig oder von der Regierung bezahlt sein müssen"
werde ich noch mal ein paar Zeilen zur Fahrt bis ans heutige Etappenziel verlieren. 62,5
Kilometer sind es derweil auf dem Tacho,
der Schnitt liegt
bei exzellenten 21,3 km/h und zwischendurch wurde auch die 1000-km-Marke erreicht. An der
Stelle des Triumphes zweigte auch gleich ein Weg von der Straße ab, den wir auch gleich
auf den Namen "Millenium Way" tauften.
Bis zu unserer Pausenstelle hier wurden wir zudem von ein paar Kindern regelrecht
getrieben, die uns vom
Dorfanfang an folgten und "Allez Allez" riefen, schon recht lustig und ein wenig
Tour de France-Atmosphäre für die beiden bescheuerten Radler aus Deutschland.
Die Hitze wurde auch zu einem nicht zu unterschätzenden Problem, da sich immer noch keine Wolke am Himmel gezeigt hat und die 2 Liter Wasservorat am Rad schnell zur Neige gingen. Zudem lernten wir auch (während Frank gerade feststellt, dass sich das Wasser vor uns doch ein wenig bewegt) das in Frankreich Sonntags nirgendswo geöffnet ist und alle Tankstellen und Supermärkte nur mit einem netten ferme-Zeichen versehen sind.
Irgendwann kamen wir dann an einem strategisch gut platzierten Getränkeautomaten
vorbei und verfütterten auch gleich jede Menge Kleingeld für insgesamt 3,5 Liter an
Getränken. Die knapp 25 Mark die dafür draufgingen schienen in Anbetracht des Wetters
gut investiert, während wir jedoch den Automaten fütterten
kamen zwei Mal Fußgänger mit grünen Tüten an uns vorbei und als
wir die Reise fortsetzten sahen wir auch den Supermarkt. Was ist schon Geld?
"Was ist schon so ein Fluß? Nur eine Fortsetzung vom Berg; und Krieg? Nur die Fortsetzung von Politik mit anderen Mitteln", offensichtlich leidet Frank an einem Sonnenstich, ich schreibe dann mal weiter und lasse ihn mit der Rhon reden.
3. Eintrag des Tages:
Die typische Abendszene: Frank duscht, ich schreibe. Gerade sind wir nach 88.2 Kilometern am Ende der bislang kürzesten Etappe am Zielort angekommen. Nach Lyon am gestrigen Abend stellt Saint Vallier mal wieder einen guten 180-Grad-Turn da. Man könnte sagen das es sich um ein Dorf handelt in dem der Hund begraben ist, nur dass hier wohl nicht einmal jemand wohnen würde der den armen Köter unter die Erde gebuddelt hätte.
Wir sind auch wenig überraschenderweise die einzigen beiden Gäste des einzigen geöffneten Hotels, wohl auch fast die einzigen Menschen in der Stadt. Ein Marktplatz ohne Menschen, bislang erst ein Auto (sinnigerweise die Polizei), man fühlt sich wie wahrscheinlich vor der Jahrhundertwende irgendwo im wilden Westen. Der Sheriff ist auch gleichzeitig der Bürgermeister, leitet irgendwelche Abwässer aus Lyon in die Rhon und verdient daran ganz gut währendessen die Dorfbevölkerung nach und nach am vergifteten Brunnenwasser erkrankt und im Moment vom Sheriff einen bezahlten Urlaub genießt...
4. Eintrag des Tages:
20:00 und wir sind wieder zurück vom vibrierenden Nightlife der Stadt. Immerhin
sind wir bei einem Rundgang einigen anderen Fußgängern begegnet, zum Essen gab es eine
unglaublich schlechte und mit 55 F eher teure Pizza mit millimeterdünnen und eher
unbelegtem Teig, die es bei 33 Zentimetern Durchmesser wohl kaum auf 100 Gramm brachte. 
Jetzt liegen wir auf jeden Fall erst einmal hier als nach wie vor die einzigen Gäste im arg gut gefederten (dank zwei gestapelter Matratzen) Bett. Frank murmelt schon was von "Morgen wieder Formula One Hotel", wenn wir denn eines finden soll es mir mehr als recht sein...
Laufende Schachbilanz: Bernt vs Frank 1:12