| Stage 7 |
| Baumes les Dammes - Louhans |
| 152.6 Kilometer; 7:18:09 Stunden |
Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )
Eine Woche unterwegs und mehr als 700 Kilometer von Köln entfernt pausieren wir
im Moment zum ersten Mal
nach etwa 30 Kilometern. Vom Radfahren
her wird die Tour eigentlich fortlaufend besser, die Regengefahr scheint auch vorerst
gebannt und eine eher zählbare Wolkenanzahl schiebt sich am Firmament vorbei.
Landschaftlich geht es genauso gut weiter wie es bei der Rennetappe gestern Abend
aufgehört hat. Zwar folgten wir den ersten sieben
Kilometern einer arg steilen und hügeligen Landstraße, wo wir auch rund 30 Minuten für
diese sieben Kilometer brauchten, die folgenden 23 Kilometer aber ließen sich in nur
knapp 65 Minuten auf eher flacher Strecke entlang des Flusses unten im Tal sehr
komfortabel erledigen.
Laut Karte müssten wir auch gegen Abend hin das hügelige Terrain vorerst
verlassen, vorher droht
aber noch eine richtige Bergetappe da wir eine ziemlich lange Steigung auf unserer Route
haben auf der auch ziemlich viele Aussichtspunkte
eingetragen sind. Mehr dazu aber später...
Zweiter Eintrag des Tages:
...wesentlich später ganz nebenbei, denn mittlerweise hat die Uhr 22:40 geschlagen. Frank liest in der Badewanne und es hat sich einmal wieder Unglaubliches zugetragen. Aber ganz von vorne:
Der gefürchtete Aufstieg kam nach 46.2 Kilometern ziemlich genau an der von Frank projzierten 45 km-Marke und direkt hinter Besancon, einer Stadt die auf jeden Fall mehr Zeit verdient hätte als wir ihr widmenten. Allerdings ist das touristische Interesse an alten Festungsanlagen auf einem Hügel über die Stadt denkbar gering wenn man eh schon den ganzen Tag mit dem Rad über Hügel fahren muss. Sollte man mit einem anderen Vehikel unterwegs sein sollte man aber vielleicht schon ein wenig Zeit einplanen.
Über 6.8 Kilometer ging es zwar nicht sehr steil bergauf, dafür aber stetig,
wobei wir noch das Vergnügen einer stark frequentierten Hauptstraße hatten. Nach 3.6
Kilometern hatte ich dann auf Frank schon 45 Sekunden
Rückstand, am Ende waren es wohl wesentlich mehr. Netterweise folgte auch gleich eine
Abfahrt von 9.8 Kilometern Länge, ohne großen Krafteinsatz konnte man die Strecke locker
mit 30 Kilometer pro Stunde hinabrollen.
Nach einer relativ langen Pause mit Käse und Baguette (gute Abwechselung, zum
Frühstück
gab es noch Baguette mit Marmelade) ging es dann weiter bis wir nach etwa 70 Kilometern
die letzten kleinen Hügel passiert hatten und uns plötzlich in einer vollkommen flachen
Landschaft befanden (zumindest so lange man nicht nach hinten guckte). Der Wind wehte auch
freundlich in den Rücken und schon formten sich im Kopf extrem dumme Gedanken, die dann
im extrem toten (naja, Relationen ändern sich wie man im weiteren Streckenverlauf
feststellen sollte, jetzt, um 23:40 würde ich eher "extrem lebendig" sagen)
Mont-Vaudrey ausgetauscht wurden. 90 Kilometer waren gefahren, es war 18 Uhr und
eigentlich wäre es auch okay gewesen sich ein Hotel zu suchen. Wenn man aber noch ein
wenig weiter fahren würde und sich für morgen in Lyon-Schlagweite bringen würde könnte
man der ambitionierten Tourplanung einen ganzen Tag abringen...., mmmh, nach
zehnminütigem hin und her war ich es dann der das Startsignal gab. Das 60 Kilometer
entfernte Louhans musste erreicht werden um etwa 110-120 Kilometer von Lyon entfernt zu
sein!
Schon etwa 20 Kilometer später, es war derweil 19:30, stellten wir jedoch fest dass das Ganze nicht so eine tolle Idee sein könnte und wir entschieden uns am nächsten Hotel zu halten und dann Lyon einfach am übernächsten Tag als Mittagspause einzuplanen.
Was dann jedoch links, rechts und vor uns stattfand wurde zu einem ernsthaften und
unbeschreiblichen Problem.
Bei jedem zweiten der spärlich
verteilten Häuser kläfften uns irgendwelche Köter an als hätten sie noch nie ein Rad
gesehen, ein paar freilaufende Exemplare gefährdeten zudem das Weiterkommen ebenso wie
ein Einheimischer, der vor unserer Nase eine Kuhherde über die Straße treiben musste.
Dörfer kamen und gingen, Übernachtungsmöglichkeiten boten sich außer in den reichlich vorhandenen verlassenen Gebäuden eigentlich keine an. Und in denen würde man wahrscheinlich von irgendeiner Cujo-Töhle zerfetzt...
Nach 125 Kilometern kam dann die erste größere Häuseransammlung, die Sonne ging
auch langsam unter und Frank erspähte auch gleich das einzige Hotel der Stadt, dass aber
nach Aussagen des Besitzers leider voll war. Ein leerer Parkplatz widerspricht zwar
leicht der Aussage, man machte uns aber das Angebot, im Wohnzimmer zu übernachten
und dann
nur für das Frühstück zu
bezahlen. Irgendwie war das Ganze dann doch
etwas
dubios und eine Dusche wäre auch unter Umständen nicht schlecht, so dass wir uns auf die
Reise machten ins 11 Kilometer entfernte Bosjean. Außerdem gäbe es dort auch auf jeden
Fall Hotels, so der Hotelbesitzer.
Um 20:50 passierte dann beim langsam einsetztenden Sonnenuntergang noch das was uns gerade noch fehlte: bei Frank verabschiedete sich Speiche Nr. 3. Nach mittlerweile schon fast fachmännisch schneller Reparatur ging es geschwind weiter, Bosjean glich dann aber frapierend all den anderen Dörfern, die wir heute passiert hatten, und wo es sicherlich noch normal ist, dass man innerhalb der Familie heiratet.
Friedhöfe, Gäule, Köter und Kirche, kein Holiday Inn weit und breit. Super...,
derweil packte uns zwar schon fast das Entsetzten, fahrradmäßig waren wir aber noch gut
in Form und mittlerweile waren wir ja auch nur noch 17 Kilometer bis - genau -
Louhans.
Zwar fragten wir unterwegs noch an 2 Häusern ob es irgendwo in der Nähe etwas
zum Übernachten gäbe und hofften insgeheim, dass uns ein netter Bauer bei sich
einquartieren würde, immerhin hatte mein Fahrrad auch kein Licht und Frank ist
nachtblind,
letztenendes half aber nichts und wir
kämpften uns durch die Nacht in der man mittlerweile die Hand vor Augen nicht mehr sehen
konnte. Meine Steckleuchten hatte ich zu Hause gelassen, zum einen musste Gewicht gespart
werden und zum anderen hatten wir auch nicht vor, irgendwann mal in der Nacht Rad zu
fahren, vor allem da es im Sommer ja erst sehr spät dunkel wird. Aber wer rechnet denn
schon mit so einem Tag...
Neben dem recht ausgewogenen Verhältnis von Dörfern und Friedhöfen fiel mir in der Dunkelheit auch noch in jedem Dorf die hell angestrahlte Telefonzelle am Dorfplatz auf, deren Errichtung wohl ein Grund kollektiven Stolzes für die lokalen Bauern ist. Die Art der nächtlichen Illumination erinnert auf jeden Fall an die ersten Internet-Cafés in richtigen Städten vor einigen Jahren, der Bürgermeister der die Errichtung einer solchen Telefonzelle erwirkt hat (und dafür sicherlich viele Kühe abgeben musste) ist seines Amtes wahrscheinlich bis ans Lebensende sicher.
Nachdem wir dann wacker bis 22:25 geradelt und auch in Louhans angekommen
waren, neue Rekorde für
die erfahrene Gesamtstrecke
(150+ km) und Fahrzeit (7h +)
aufgestellt hatten, fanden wir
dann auch nach einer Wegbeschreibung der Dorfprostituierten (oder weshalb stellt man sich
in diesem Teil der Welt als 16-jährige Freitagabends um 22 Uhr irgendwo an eine stärker
befahrene Straße was hier das Equivalent von 2 Autos pro Stunde bedeutet?) tatsächlich
ein Hotel, stöhnten nicht lange über den hohen Preis von 350 F pro Nacht und belegten
gleich ein Zimmer. Um 22:30 hätte das Hotel zudem geschlossen, so dass es vielleicht doch
noch zu einer Nacht mit Cujo gekommen wäre.
Frank schnarcht derweil herum und für mich gibt es einmal wieder Baguette mit Marmelade. Marmelade hat somit den Tag gegen Käse mit 2:1 gewonnen, abwechselungsreiche Nahrung gibt es im Moment auf jeden Fall nicht. Aber morgen in Lyon geht es einmal wieder richtig essen!
Kurz nach der Ankunft hier musste ich Frank übrigens noch versprechen das wir so etwas nie wieder machen würden. Dasselbe hatte er auch schon nach den fast 130 Kilometern am zweiten Tag gesagt und ich glaube nicht das ich den Satz zum letzten Mal gehört habe.
Laufende Schachbilanz: Bernt vs
Frank 1:9