| Stage 6 |
| Mühlhausen - Baumes les Dammes |
| 120.3 Kilometer; 5:39:24 Stunden |
Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )
70 Kilometer in einer von der Länge her noch nicht abschätzbaren Etappe hat es uns in Montbilliar erst einmal zu McDonalds verschlagen, nach Quickburger vor 18 Stunden wird es auch endlich wieder Zeit für BSE-Häppchen. Die 70 Kilometer können zudem als eher mäßig unterhaltsam bezeichnet werden, ebenso wie die gerade hinter uns sitzenden vier möchtegern-18-jährige mit ihren 2 aufgemotzten Peugeot-Mopeds, die natürlich intelligenterweise genau vor den McDoof-Eingang gestellt wurden. Wer nach Aufmerksamkeit schreit bekommt sie meistens auch und die Mopeds durften umgeparkt werden. Zumindest steht der Wind gut so das wir vom Zigarettenrauch wenig abbekommen.
Zurück zu den 70 Kilometern: eine ausgewogene Mixtur von Gegenwind und nicht endend wollenden Hügeln bereiteten einen bislang extrem anstrengenden Tag, vor allem da ich in Pullover und langer Hose auch ziemlich am frieren bin (Sonnenprävention, tatsächlich ziemlicher Sonnenbrand von gestern). Zum Glück gab es auch von der Sonne fast nichts zu sehen, trocken aber ständig bewölkt könnte man schreiben.
Nach meiner ursprünglichen methalen Streckenplanung dachte ich eigentlich, dass wir mehr oder weniger entlang eines Kanals von Mühlhausen bis hier fahren würden, hätte ich die Karten bislang genauso intensiv studiert wie derjenige, der von Mühlhausen bis hier 52,5 Kilometer geplant hätte, hätte ich auch gewusst, dass wir abwechselnd links und rechts vom Kanal rumhügeln. Naja, ein wenig mehr Pause und dann geht es weiter...
Zumindest war die heutige Strecke bislang von der Natur sehr schön, irgendwie
aber zu Zeiten eher wenig städtisch. 2 Friedhöfe und ein Grabsteinladengeschäft sowie
ein geschlossener Supermarkt stellten die lokale Wirtschaft da, gemessen am anzunehmenden
Bevölkerungsprofil dieser Gegend ist auch mit Gräbern
wahrscheinlich mehr zu verdienen als mit Obst und Gemüse oder anderen
Artikeln, die man im irdischen Leben braucht. Pferde wieherten zudem Frank und mir zu und
Frank wurde zudem auch fast von einem wilden Köter gefressen der debil kläffend hinter
ihm herhechelte. Die Szene hätte sicher ein exzellentes Foto gegeben, aber man ist ja
nicht immer knipsbereit.
Was auch auf der hügeligen Strecke heute auffiel waren einmal wieder die leichten konditionellen Unterschiede zwischen Frank und mir. Während ich wild keuchend jeden Minihügel erklomm radelte Frank mehr oder weniger unbekümmert durch die Landschaft, in Anbetracht meiner bestechenden Bergform hatte Frank sogar schon einmal den Ausfall der Mont Ventoux-Etappe angedacht. Mal sehen, aber auch er scheint heute nicht ganz so fit wie sonst zu sein und meinte gerade, dass er sich an Tagen wie heute nur das Hotelbett herbeisehnt.
2. Eintrag des Tages:
Wie in irgendeinem schlechten Film fand der Tag noch ein grandioses Happy-End.
Nach der McDonalds-Pause bis
etwa 16:30 geschah unglaubliches:
der Wind verschwand, wir fuhren durch den bislang mit Abstand schönsten Teil der Strecke
entlang einer wenig befahrenen Straße mit recht beeindruckenden Hügeln sowohl rechts als
auch links von uns. Die Straße hielt sich netterweise meistens entlang eines kleinen
Flusses und obendrein hatten auch die McBacons und BigMacs Wunder vollbracht, rasten wir
doch die 50 1/2 Kilometer
bis zu unserer Übernachtungsstätte
in nur 2 Stunden bei nur 2 kleinen Pausen, und das obwohl die Fahrlaune bei McDonalds den
vorläufigen Tiefstpunkt der Tour erreicht hatte. Ich kann mich auch noch daran erinnerte
das Frank über seinem BigMac etwas davon mauschelte das noch "20 (km) oder so ja
auch schon reichen würden", bedenkt man ganz nebenbei noch das ich während meiner
gesamten Tourvorbereitung erst einmal die 50 km in 2 Stunden (ohne Gepäck) geknackt hatte
wird das Ganze sogar noch wesentlich beeindruckender. Und nachdem auch der
Tagesdurchschnitt bei McDonalds nur bei mageren 19 km/h lag, stehen am Ende 21.2 zu Buche
und anstelle des langsamsten Tages der Tour gab es
erst einmal
den schnellsten.
Ganz nebenbei haben wir derweil nach 6 Tagen 675 Kilometer weggeradelt, schon ein
wenig mehr als im letzten Jahr auf der gesamten Tour nach Paris, die ja immerhin 8 Tage
dauerte. Was unsere eigene Tourplanung angeht haben wir unseren Vorsprung gegenüber den
Planzahlen von den gestrigen 22 Kilometer auf
50 Kilometer ausgebaut
(und das trotz des frankschen Fehlerquotienten der uns ja eh schon verdammt viele
Extrakilometer beschert hat).
3. Eintrag des Tages:
Wieder einmal sind 2 Stunden vergangen, das Tagebuch wird derweil zu einer Art Roman. Aber was soll man machen wenn selbst das Vorhaben einer Partie Schach an der Hotelbar wieder unglaubliche Überraschungen bietet. Da es übrigens keine Cola Light gab verlor ich natürlich alle Partien, andere Ursachen für das Herabsacken meiner winning percentage auf 10% (1:9) kommen natürlich gar nicht in Frage. Frank meinte auch, dass es vielleicht etwas mit Talent und Konzentration zu tun haben könnte, man weiß es nicht.
Egal, die 2 Niederlagen waren ja auch eigentlich nichts so weltbewegendes, dass es
sich dafür lohnen würde, diese Zeilen zu schreiben. Interessanter war da schon ein
netter französischer Mitmensch der uns beim Spielen beäugte und in der zweiten Partie
endlich einen Grund sah, in das Spiel einzugreifen. Zu Beginn der Partie hatte Frank
unerhörterweise im dritten Zug den Bauern vor dem König 2 Felder nach vorne gezogen,
woraufhin der Franzose
die Figur gleich erst einmal wieder
ein Kästchen zurückschob. Anschließend folgte auch gleich die Erklärung für seinen
Eingriff in unsere epische Schlacht: Ein Bauer darf nämlich nur beim allerersten Zug
einer Partie 2 Felder nach vorne bewegt werden, ansonsten nur jeweils ein Feld. Aufgrund
sprachlicher Mängel an deren Behebung ich aber arbeite und heute Abend sogar schon die
Wörter Messer+Gabel auf französisch lernte konnte der Schachdisput leider nicht
zufriedenstellend geregelt werden, wir spielten danach aber mit unseren
"eigensinnigen" Regeln weiter, die es jedem Bauern erlauben, bei seinem ersten
Zug 2 Felder zu gehen. Das sei zwar totaler Quatsch, so der Franzose, aber ich kann ganz
gut damit leben. Die Kasparovs der Welt übrigens auch...
Wenig später, wir wollten gerade den Laden zu einem kleinen Spaziergang verlassen, lief uns dann noch ein deutscher Wanderer in die Arme. Wir durften uns anhören, dass er angeblich seit 5 Monaten zu Fuß unterwegs ist, das Ganze übrigens "um den Kopf frei zu kriegen". Natürlich hatte der arme Mensch auch gerade nicht genug Geld für eine Übernachtung im Hotel, mein Vorschlag nach einer kostengünstigeren Übernachtung in irgendeiner Jugendherberge stieß aber auf wenig Begeisterung. Geld genug für ein Bier war natürlich auch vorhanden und "Barcelona ist (ganz nebenbei) auch eine hässliche Stadt, die man nur gut finden kann, wenn man nicht mehr ganz richtig im Kopf ist". Ich würde mal sagen, dass derjenige, der zu Fuß von Barcelona bis hierhin unterwegs ist, nicht mehr ganz richtig im Kopf sein kann und das ich bestimmt niemandem Geld schenke der mir erst vorheult das ein paar Mark zum Übernachten fehlen, mir dann aber erzählt, dass er am Dorfanfang schon in einer Kneipe war und etwas getrunken hat (was man wiederum auch gut riechen konnte).
Genug für heute und alle Bauern zwei vor!
Laufende Schachbilanz: Bernt vs Frank 1:9