Stage 2
Rhens - Worms
128.2 Kilometer; 6:38:18 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Und was schnappen die Ohren beim Frühstück vom Nachbartisch auf? "Hat schon jemand den Wetterbericht gesehen?" "Ja, heute morgen soll´s noch ganz gut sein und heute nachmittag Sturm!" "Ich habe es genau umgekehrt gesehen...". Gut das man gar nichts weiß, vielleicht auch besser so. Im Moment ist es auf jeden Fall hell und bedeckt.

In Anbetracht eines leichten Ziehens in den Beinen wünscht man sich zudem den magischen vierten Tag herbei, aber man kann ja nicht alles haben. Die Fahrt selber war auch erst einmal toll. Die ersten 20 Kilometer wusste man 2rhein.jpg (9493 Byte)kaum was nerviger war, der Nieselregen oder der verdammte Gegenwind der bislang unbekannte sub-20-Geschwindigkeiten auf gerader Strecke möglich machte. Als sich dann allerdings der Rhein mehr und mehr schlängelte änderte sich nicht nur der Wind - es variierte vom Kampf gegen Windmühlen bis zum tretlosen Fahren - sondern auch das Wetter. Es schien doch glatt die Sonne...2lorelei.jpg (12912 Byte)

45.5 Kilometer nach Abfahrt passierte dann aber das, was aufgrund der guten Räder in diesem Jahr wesentlich weniger passieren sollte als im Vorjahr: es brach auf einem eher mäßig guten Radweg am Rhein bei Frank die erste Speiche. Nun ja, alles halb so schlimm, es sei denn man ist an einem Sonntag in einem Dorf. 11 Kilometer waren es von dort noch bis nach Bingen wo es dann angeblich einen Radladen geben sollte. So lange musste es   mit einer Speiche weniger gehen, auch wenn das für das Rad alles andere als optimal war und es ziemlich eierte.

Nachdem wir unwesentlich später ein wenig durch Bingen gekurvt waren und Einheimische uns wenig helfen konnten (bei der Größe eigentlich unvorstellbar) fanden wir dann tatsächlich noch einen Radladen, wobei selbst die dank der Auskunft herausgefundene Privattelefonnummer des Besitzers nicht half, da am Sonntag auch niemand2radstore.jpg (29843 Byte) zu Hause war (was ja auch nur ein Teilerfolg gewesen wäre, der arme Typ hätte auch noch antanzen müssen, was allerdings in Bingen auch nie weit sein kann). An dieser Stelle sollte auch einmal angemerkt werden, dass es immer noch nicht genug verdammte Handies in Deutschland gibt (man glaubt es kaum wenn man im Stadtbus sitzt und Fahrgäste den Fahrer anrufen um zu fragen, ob er am übernächsten Stopp halten könnte...) da ich Ewigkeiten am öffentlichen Telefon warten musste bis man grinsend aus der Telefonzelle herauskam und meinte "Karte weg". Ah, is gut, Karte weg, krass, dann jetzt ja Telefon leer...

Nachdem Frank schon Betrugsideen á la "Bahn" aussprach machten wir uns dann nach 2 Stunden in Bingen einfach auf die Reise, im Notfall hätte eine Bekannte von Frank aus Heidelberg uns und die Trümmer des mittlerweile arg eiernden Rades aufsammeln müssen, und da wir uns am Abend eh mit ihr in Worms treffen wollten wäre der Umweg auch noch zumutbar gewesen. Einen geistigen Aussetzer allererster Güte hatte ich dann noch bei einem kurzen Stopp an einer Tankstelle um Wasser zu kaufen. Nachdem ich das lecker 2,50 DM-Tankstellenwasser gekauft  und menthal die Flasche auf den Boden gestellt hatte nahm ich meine alte Flasche vom Rad und BUMM, war die neue Flasche plötzlich kaputt. Zwar war ich arg verdutzt wie die Flasche (auf dem Boden stehend..) so schnell kaputt gehen konnte und konnte mich auch nicht daran erinnern die Flasche irgendwie umgetreten zu haben, Frank klärte mich dann aber darüber auf, dass ich die Flasche gar nicht auf den Boden gestellt  sondern mir nur unter den Arm geklemmt hatte. Sachen gibt´s, dem Zustand der Flasche nach erschien es auch logisch, aber erinnern kann ich mich daran beim besten Willen nicht...

Wie es dann allerdings das Schicksal so wollte fanden wir gleich im ersten kleineren Ort einen Radladen dessen Besitzer im ersten Stock des Hauses wohnte und uns auch am Sonntag ein Rad reparieren wollte. Für nur 5 Mark wurde dann eine neue Speiche eingesetzt, dafür wurde dann allerdings das schon leicht angeschlagene Rad auch nicht neu justiert ("ist nicht von Nöten wenn da ne Speiche drin ist..."). Schlauerweise erwarb Frank gleich ein paar Ersatzspeichen und ließ sich zeigen wie man weitere Speichen selber austauschen kann, man weiß ja nie was noch von Nöten sein kann.

Um ein wenig Strecke zu sparen verließen wir heute den Rhein und radelten eine auf der Karte recht gerade und somit ungefährlich aussehende Straße zwischen Bingen und Worms. Dummerweise entpuppte sich die Strecke dann2berglan.jpg (9109 Byte)mehr oder weniger als erste Horrorstrecke der Tour. Im oben angesprochenen Fahrradladen meinte man auf meine Frage nach dem Profil zwar noch "es geht nur ab und zu bergab", sagte dann aber leider auch noch das wir quer durchs rheinische Bergland fahren werden. Die zwei wohl in dieser Kombination übelsten Wörter der Welt (Bergland, rheinisch) nach 70 meiner Meinung nach schon arg strapazierenden Kilometern auf denen Frank doch schon wesentlich häufiger als noch gestern von mir wegzog lagen mir schon schwer im Magen.

Komischerweise war es dann aber nach etwa 100 Kilometern an der brutalsten Steigung des Tages -- der ersten Steigung mit %-Angaben auf der Tour (8%, gab vorher nur schon eine Abfahrt von 6%) -- Frank, der als erster bei der diesjährigen Tour schieben musste. Ich schlich zwar nur im ersten Gang bei knapp 10 km/h die Steigung hoch, gewann allerdings locker 2-3 Minuten in der laufenden Hügelwertung an Vorsprung. Irgendwann waren dann auch einmal die Wasservorräte am Rad erschöpft, Tankstellen gab es aber weit und breit keine im rheinischen Bergland. Kurz vor dem Verdursten entschlossen wir uns jedoch in einem Dorf einfach so lange rumzuklingeln, bis uns jemand Wasser geben würde und wurden auch schnell von einem sichtlich verdutzten Jugendlichen bedient, der sicherlich beim Klingeln an der Tür mit allem außer zwei Radfahrern auf der Suche nach Wasser rechnete. Man dankt!

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Abends gegen 20 Uhr, knapp 2 Stunden hinter dem Zeitplan zurück, kamen wir dann in Worms an, fanden nach kurzem Finanzdisput noch ein akzeptabel teures Hotel und landeten da auch prompt auf der Personaletage. Dafür hatte das Zimmer zwar Wohnqualität, einen großen und auslaufenden Kühlschrank und 2 Betten mit rosa Bettwäsche. Auf dem Flur begegnete ich zudem einem rothaarigem 150 kg-Monster das mich dann fragte, ob ich neues Personal sei. Klar, erster Arbeitstag, Radhelm in der Hand, Sonnenbrille und Radfahrklamotten, schlaue Frage! Es gibt wohl doch Zusammenhänge zwischen Schönheit und Intelligenz...

 

Weiterer Tagebucheintrag am Abend:

So, weg ist jetzt auch Katharina, Franks Urlaubsbekannte (vor 4-5 Jahren in München getroffen) die im Moment in Heidelberg studiert und uns von 20:45 bis 23:00 noch die Ehre gegeben hatte nachdem Frank im Dönerladen schon die zweite Niederlage des Tages hinnehmen musste (nach dem ersten richtigen Hügel). Da musste man sich dann anhören, dass "Der Körper Kohlenhydrate will und Fett kriegt", mir war´s egal, meiner war auch mit Dönertellern zufrieden, vor allem eineinhalb davon.

Auf jeden Fall stellte man am Abend fest dass das Nightlife in Worms nach 22:00 nur noch bei McDonalds oder in der Dorfschenke stattfindet, wo man dann allerdings bei ziemlich lauter Schlagermusik das Herumgelalle der lokalen Alkoholiker ertragen müsste. An kulturellen Highlights gibt es natürlich auch noch einen alten Bau der "Dom" genannt wird und es weder mit seiner Konkurrenz in Osnabrück oder Köln aufnehmen kann. Tolle Stadt! Wie dem auch sei, nach einem Eis verschlug es uns dann noch zu Cola Light, Apfelschorle und griechischem Mokka in ein griechisches Restaurant wo wir natürlich die einzigen Gäste waren. 2beimgrichen.jpg (29323 Byte)

Morgen wird es zum Glück auch etappenmäßig mal besser, nach dem ersten Tag mit sub-20-Geschwindigkeiten vielleicht auch der erste sub-100-Kilometer-Tag. Die Beine würden es danken. Katharina meinte übrigens, dass es in Heidelberg den ganzen Tag geregnet hatte. Ist das Wetterglück auf unserer Seite oder ist es die Ruhe vor dem Sturm?