Stage 13
Carpentras - Villeneuve
165.4 Kilometer; 7:17:57 Stunden

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Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

Anstelle der üblichen direkten Kommentare im Laufe eines Tages erfolgt dieser Rückblick auf die dreizehnte Etappe erst am Abend des nachfolgenden Tages. Dies liegt nicht nur daran, dass ich gestern Abend keine Lust zu schreiben hatte, sondern daran, dass unser "Hotel" leider weder über Strom noch fließendes Wasser verfügte, dass Frank gerade wieder in der Dusche dieses Hotels genießt, während ich diese Zeilen verfasse.

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Tag Nummer dreizehn begann genauso wie ihn der Arzt nach dem Mont Ventoux am Vortag verschrieben hätte. Der Himmel war wolkenverzogen, die Temperaturen stiegen nur auf 28 Grad und auch der Windgott meinte es gut mit uns (und gab recht nett 13ichonrad.jpg (7869 Byte)Anschwung). Da wir nicht genau wußten, wie wir den Mont Ventoux wegstecken würden, hatten wir mit alternativen Etappenzielen in 80, 100 und 120 Kilometern kalkuliert.

Da Wind, Wetter und die flache Strecke uns schon um 15 Uhr auf 70 Kilometer gespült hatten, entschieden wir uns dann für das insgesamt 120 Kilometer entfernte Montpellier. Dort würden wir dann spätestens um 18 Uhr sein und vielleicht hätte ich mir noch die Innenstadt ein wenig angeguckt (Frank zeigte schon im Vorfeld äußerst wenig Interesse).

Alles lief prima...

...prima bis etwa 90 Kilometer vorbei waren. Frank hatte sich geschickterweise wieder tief auf seinen Triathlon-Lenker gelegt und  einen relativ guten Vorsprung erfahren. Selbst mit 30 km/h konnte ich kaum mithalten. Plötzlich und wie aus heiterem Himmel (den es zum Glück heute nur wenig gab) geriet mein Vehikel jedoch arg ins Schlänkern. Nach einer Notbremsung machte ich mir zuerst schon Sorgen, dass irgendetwas am Rahmen gebrochen wäre. Allzu spektakulär war die tatsächliche Ursache dann aber doch13kaputtesRad.jpg (18598 Byte) nicht: der Hinterreifen war ganz einfach nur ziemlich platt. Handwerklich begabt wie ich bin machte ich mich dann auch an die Arbeit, hielt aber zuerst noch ein vorbeifahrendes Auto an um Frank mitteilen zu lassen, dass ich die Weiterfahrt vorerst beendet hatte.

Nach nur knapp 45 Minuten war nicht nur mein T-Shirt ziemlich versaut sondern auch der Hinterreifen wieder einigermaßen fit, ohne eine Tankstelle ließ sich aber der Reifendruck mit Franks billiger Luftpumpe nicht auf ein zufriedenstellendes Maß anpumpen. Aber zum Glück rollte ich schon bald an einem freundlichen Renault-Händler mitsamt Werkstatt vorbei.

Um 19 Uhr kamen wir dann letzten Endes wirklich in Montpellier an von wo dann prinzipiell alles schief gehen sollte, was nur schief gehen konnte. Und im Grunde genommen war das (zumindest vom heutigen Gesichtspunkt her betrachtet) auch gut so...

Um die weiteren Geschehnisse des Abends verstehen zu können, ist es  wichtig zu bedenken, dass viele der von uns bislang durchrollten Städte wahren Geisterstädten glichen und kein Bäuerlein zu Hause war. Bedenkt man dann auch noch, dass in Frankreich im August eigentlich überall Ferien sind, muss man eigentlich nur eins und eins kombinieren. Da Menschen die frei haben und offensichtlich nicht zu Hause sind auch gelegentlich in den Süden fahren könnten, könnte dies in zunehmend interessanteren Regionen zu Engpässen führen. Wenn man dann wie wir erst zu McDoof fährt und erst anschließend auf Bettensuche geht, kann dies dann vor allem bei billigen Autobahnhotels in Richtung Süden kritisch werden.

Zwar gab es gleich im ersten Hotel, in dem wir fragten, noch ein Zimmer zu 320 F. Preise unterhalb der 200 F für Autobahnhotels á la Formula One gewohnt lehnten wir aber ab, schließlich war ja auch Formula One direkt um die Ecke. Und voll.

Was nun? Zum nächsten Hotel, 205 F. Voll! Moment hier, nächstes auch voll? Besser zurück zum 320 F-Hotel. Jetzt auch voll, es ist fast 20 Uhr, wir brauchen ein Hotel und plötzlich ist jeder Schrott voll??????

Ich enschloss mich an der Rezeption eines vollen Hotels zu fragen, wo denn eventuell noch etwas frei sein könnte. Auf die Frage gab es ein recht dummes Lächeln als Antwort. "Alles ist voll, höchstens in der Innenstadt von Montpellier." Also dann doch noch Centre Ville? Ich hätte eigentlich nur wenig dagegen, schließlich ist Montpellier sicherlich auch nicht ganz hässlich!

Andererseits wollte ich Frank die Fahrt Richtung Centre Ville gar nicht erst vorschlagen, er war eh schon leicht genervt und hegte irgendwie eine Abneigung gegen nicht kölsche Großstädte. Statt dessen rollten wir weiter entlang der Straße Richtung Barcelona. Bis zur absoluten Dunkelheit hatten wir noch mindestens 90 Minuten Zeit, und in der Zeit sollte man doch eigentlich ein Hotel finden. Eigentlich...

Etwas fanden wir dann auch, allerdings scheiterte unsere Übernachtung auf den Swimmingpool-Liegen eines Hotels daran, dass Frank dies als zu wenig rückenschonend betrachtete. Ich fand die Idee eigentlich gar nicht so schlecht und war zumindest dankbar, dass der Typ an der Rezeption einen kreativen Vorschlag hatte und nicht sofort abwiegelte. Es gäbe auch Duschen am Pool, frühstücken könnten wir auch und das Wetter wäre doch auch gut.

Das Veto von Frank brachte uns wieder zurück auf die Straße. Mehr als 130 Kilometer hatten wir bislang hinter uns und vielleicht noch 45 Minuten Tageslicht vor uns. Und wir fuhren...

...die Sonne senkte sich und sunset-cycling wurde zum zweiten Mal auf der Tour zu 13sunsetcycling.jpg (30322 Byte)nightcycling. Ich hatte das Rad ohne Licht und konnte fast nichts sehen, Franks Rad hatte Licht, dafür war er aber relativ nachtblind (bzw. ist es immer noch, aber egal). Im Blindflug kamen wir dann schließlich in Villeneuve an, wo natürlich im ersten Hotel auch wieder alles voll war.

Netterweise wurde noch bei einem anderen dann aber ebenfalls vollen Hotel für uns angerufen. Zum Glück kam der Hotelier aber noch auf eine weitere Idee, marschierte zu seinem Telefon zurück und rief einen Campingplatz in der Nähe an. Nach einem kurzen Gespräch meinte er zu uns, dass dort vielleicht noch etwas frei sein könnte. Sein "vielleicht" erschien uns nicht weiter komisch, auch wenn man nach einem Anruf beim Campingplatz eigentlich schon wissen sollte, ob alle Bungalows voll sind oder nicht. Aber das Hirn war bei uns mittlerweile aus und die Idee, dass uns der Hotelier13nachtsrad.jpg (10246 Byte) einfach nur los werden wollte, kam uns erst ein wenig später. Wasser hatten wir auch keines mehr, mussten unverschämte 15 F für eine Flasche zahlen (und damit noch 3 F mehr als auf dem Gipfel des Mont Ventoux bzw. 14 F mehr als im Supermarkt) und radelten von dannen (warum müssen auch alle Tankstellen abends auch zu haben in Frankreich und somit Tür und Tor für Wucherer für diesen zeitlich bedingten Wassermonopolisten öffnen?).

Ein wenig ärmer kamen wir dann auch am Campingplatz an, wo es die nächste Überraschung gab. Die Rezeption war unbesetzt, nach Aussagen eines Kellners des Restaurants des Campingplatzes war dies auch schon seit mehrern Stunden so. Wer auch immer gerade angerufen hatte, hatte bestimmt niemanden erreichen können. Sind wir wohl verarscht worden...

Also ging es wieder auf die Straße, im Notfall musste halt die ganze Nacht durchgeradelt werden. Aber nur keine 100 Meter vom Campingplatz entfernt passierten wir den Rohbau eines Ferienhauses und praktisch zeitgleich hatten Frank und ich diesselbe Idee! Geschwinds wurden die umliegenden und ebenfalls unbewohnten Gebäude abgecheckt und ab ging es in das noch dachlose Gemäuer.

Im Vergleich zu den vor vielen Stunden angebotenen Liegen am Swimmingpool war der Betonboden natürlich ziemlich hart, aus diversen Klamotten und Jacken ließen sich jedoch recht nette (und staubige) Betten bauen in denen man auch fast eingeschlafen wäre, wenn es nicht zu regnen angefangen hätte. Zwar regnete es nur ganz kurz, in einem dachlosen Haus reicht es einem aber um mindestens Mitternacht ein wenig nass zu werden. Man könnte auch sagen, dass es nervt...

Der Regen verschwand, Sterne erschienen am Firmament über uns und der erste Schlaf kam. Leider ging auch dies nicht allzu lange gut, da eine Campingplatz-Intifada bestend aus einem Batzen Kleinkinder anfing, uns durch die Fenster des Hauses mit Steinen zu 13firsthotel.jpg (16235 Byte)beschmeißen. Die genaue Reihenfolge der Ereignisse habe ich zwar bedingt durch den Schlaf nicht sofort mitbekommen (wohl aber die Landung eines recht großen Steines nur unweit von mir), Frank meinte aber, dass zuerst in einem der Fenster ein paar Köpfe zu sehen waren, dann der Stein geflogen kam und anschließend Gelächter folgte. Mich weckte eine Mischung des Steines und des Gelächters, Köpfe hatte ich keine gesehen.

Die Nachtruhe war auf jeden Fall erst einmal dahin, die Kinder verschwanden allerdings sofort. Schon Blair-Witch-Szenen faszinierend beschlossen wir, das Haus zu verlassen und irgendwo anders zu übernachten. Als alles gepackt war überkam uns aber doch die13cuisinerad.jpg (10987 Byte) Vernunft. Ein dummer Kinderscherz, mehr hatte es nicht gegeben und wahrscheinlich hatten die Balgen die Schnauze mittlerweile voll, immerhin war es ja auch mitten in der Nacht.

Also wieder Betten bauen, einschlafen und...

Schritte draußen! Ich flüsterte Frank etwas von "aufspringen und in die Raummitte" zu, dass Überraschungsmoment war aber auch in der Tat diesmal auf unserer Seite und durch eines der Fenster konnte ich unsere Intifada flüchten sehen. Meines Schlafes beraubt musste ich noch lautstark ein paar englische Wörter hinter ihnen herschmeißen und entschied mich dann, mit den Kindern in Dialog zu treten.

Diese waren natürlich schon wieder in die Abgründe des Campingplatzes verschwunden und als ich an den Eingang des umzäunten Terrains kam (wohl eher zum Schutz der Außenwelt vor militanten Campern als zum Schutze der eigentlichen Camper) wusste die Security gar nichts von irgendwelchen Kinderhorden. Auch nichts von der englischen Sprache, denn obwohl der security-Typ mehrfach zu mir meinte, dass  ich englisch sprechen sollte, bekam ich als Antwort immer nur zu hören, dass der Campingplatz leider voll sei. Schließlich latschte ich einfach in den Campingplatz hinein um die Kinderhorde zu suchen, was natürlich total unmöglich war.

Allerdings offenbahrte mir dieser nächtliche Ausflug in eine fremde Urlaubswelt Einblicke auf die unendlichen Abgründe des Lebens auf dem Campingplatz. Besoffene Massen torkelten umher und diverse "Menschen" schrien sich gegenseitig an. Es gab sogar eine richtige Schlägerei in der Nähe des Restaurants und in bester Mike Tyson-Manier haute man sich auf die Fresse bis einer der Security-Penner mit einem Kampfköter ankam und für Ruhe sorgte. Bevor ich als Camper wiedergeboren werde, möchte ich lieber George Bush III werden...

Schließlich wieder bei Frank in "unserem" Haus angekommen entschlossen wir uns, endgültig das Weite zu suchen. Auch einige andere Gebäude in der Umgebung waren noch nicht ganz fertig und vielleicht würde die Intifada nicht das ganze neue Wohngebiet nach uns absuchen, wenn wir uns in einen schlauer gelegenen Rohbau verziehen. Vielleicht war es auch nicht ganz intelligent gewesen, den nähesten Rohbau in Campingplatznähe zu beziehen.

Nach wenigen Pedaltritten mitten in der Nacht erreichten wir dann auch ein anderes Haus, diesmal sogar schon teilweise überdacht. Einen Swimmingpool gab es auch im Garten und auch ausreichend Distanz zum Campingplatz. Ein Traumheim für eine Nacht? Endlich der Hort der dringend benötigten Nachtruhe nach mehr als 150 Kilometern?

Wieder wurden neue Betten gebaut, wieder wurde eingeschlafen. Eingeschlafen? 13goodnight.jpg (12581 Byte)Moment einmal, was jetzt? Ob man es glaubte oder nicht, aber genau vor unserer Nase und keine 30 Meter Luftlinie von uns entfernt schien noch jemand an seinem Haus zu bauen! Verdammt spät, oder? Und wenn man so spät noch bauen will, warum kommt man dann mit einem Anhänger, lädt Steine und Säcke mit Baumaterial ein und verzieht sich nach etwa einer halben Stunde in Windeseile?

Erst versoffene Camper und steine-schmeißende Kinder, dann Erwachsene die Steine mit ihrem Anhänger mitten in der Nacht von Baustellen abtransportieren, was denn sonst noch alles an diesem verdammten Tag?

Schlaf zum Beispiel, und irgendwann, es war sogar noch dunkel, schliefen wir dann tatsächlich ein...

Laufende Schachbilanz:         Bernt vs Frank     2:14:1