| Stage 12 |
| Carpentras - Mont Ventoux - Carpentras |
| 79.7 Kilometer; 4:18:12 Stunden |
Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )
Ich weiß jetzt in Anbetracht der gestrigen Einträge gar nicht genau, wie ich den
heutigen
Tag sinnvoll beschreiben soll, da einmal
wieder alles, aber auch absolut alles, anders kam, als ich es gestern noch dachte.
Wer mir jetzt vorwerfen will, gestern absichtlich tief gestapelt zu haben, sollte vielleicht wissen, dass ich bislang an Bergen immer hoffnungslos halbtot war und auch in Anbetracht der gesamten Tourvorkomnisse bzw. der bisherigen Etappen prinzipiell zwar in exzellenter physischer Verfassung bin, Frank aber eigentlich fitter sein müsste.
Aber fange ich einfach einmal von vorne an, spare mir einen Kommentar zum
mäßigen Frühstücksbuffet und sage einfach, dass die Anfahrt an den Berg von Carpentras
nach Malaucene (ca. 300 Meter im Vergleich zu Carpentras auf 84 Höhenmetern) schon einen
recht guten kleinen Vorgeschmack auf Späteres geben sollte. Frank
meinte, dass er "supertopfit" wäre, an den ersten Hügeln setzte er sich auch
gleich wie gewohnt ab während ich versuchte, mich mit den untersten Gängen anzufreunden
und einen einigermaßen sinnvollen Rhytmus zu treten.
Interessant war auch das Gesamtausmaß an Radverkehr in Richtung bzw. auf den Berg, der wohl ein Mekka der Radfahrer zu sein scheint, zumindest in Frankreich. Zwar schoben sich auch unzählige faule und schwitzende Touristen auf vier Rädern den Berg hinauf, alle einhundert Meter war aber auch ein Radfahrer dabei, der einem entweder mit Lichtgeschwindigkeit von oben entgegenkam oder sich ebenso wie man selber keuchend und mit leidender Mimik den Berg hochkämpfte.
Und genau hier fing das Wunder vom Mont Ventoux schon an, im ersten Gang bei etwa
10 km/h war ich nämlich genauso schnell unterwegs wie die optisch als
"Radprofis"
erkennbaren Radfahrer um mich herum. Und
wenn die, die ja sicherlich viel besser wissen, was sie da tun, als ich, der den ganzen
Berg ja sowieso für unschaffbar hält, auch so unterwegs sind, vielleicht ist er ja gar
nicht einmal so unschaffbar (der Berg)?
Von Kilometer zwei bis vier fuhr zudem noch ein nach eigener Aussage professioneller Mountainbiker neben mir her, war auch nur minimal schneller und bestimmt nicht weniger am keuchen als ich auch. Nach fünf Kilometern machten Frank und ich dann eine der letzten gemeinsamen Pausen wobei mich irgendwie der Glaube an den "Sieg" gepackt hatte und Frank irgendwie immer länger pausieren wollte als ich; bislang waren diese Verhältnisse ja eigentlich immer umgekehrt.
Ich meine, dass wir nach sechs oder sieben Kilometer zum letzten Mal sehen konnten, danach zog ich auf vor allem für mich beängstigende Art und Weise davon.
So richtig in Worte fassen kann man die ganze Auffahrt aber nicht, entweder man
hat so etwas schon einmal selber gefahren und kann 1700 Höhenmeter auf 21 Kilometern
nachvollziehen, oder es verbleibt nur eine vage Vorstellung, wie auch
ich sie bis heute Morgen hatte (was dummer Schwafelei gleichkommt). Ich weiß nur, dass
ich heute
sicherlich mehr als 100, weit mehr
sogar, Radfahrer am Berg gesehen habe, die entweder mich überholt haben oder teilweise
auch von mir versägt wurden. Heraufgerast ist den Berg aber niemand, selbst die
rennradfahrenden Rennradfahrer fuhren kaum schneller als man selber und schoben sich
stöhnend von einem Meter zum nächsten.
Frank, hier auch neben mir auf der Veranda unseres Hotels sitzend, meinte gerade noch, dass ich auf den ersten Kilometern wohl nur geblufft hatte, "noch am Anfang ein wenig showmäßig neben Schumcher herfahren und dann ab" und "Ich dachte schon, wo ist der hin? Vielleicht vom Berg gefallen? Eigentlich hattest du ja gesagt, dass der Führenden an jedem Kilometerstein warten sollte, und als du dann nicht da warst!"
Naja, nachdem ich Frank das erste Mal nach 5-6 Kilometern abgehängt hatte, kam
ich
irgendwie richtig in Schwung.
"Schwung" ist natürlich Definitionssache bei teilweise fast zehn Prozent
Steigung, ab zehn Kilometer pro Stunde spricht man dann auch schon von Raserei, aber
irgendwie wollte ich einfach den verdammten Berg hoch und hatte eher das Bedürfnis nach
einem km/h mehr als einer weiteren Pause.
Richtig fies wurden eigentlich nur die letzten drei Kilometer, auch wenn die
Kilometerzeiten in der Statistik dies nicht zeigen. Sobald man den das Auge schützenden
bewaldeten Teil des Berges und die Vegetationsszone in Richtung Gipfel verließ konnte man
schon aus großer Entfernung den weiteren Straßenverlauf in der steinigen Mondlandschaft
sehen. Und drei Kilometer sich windender Straße fühlen sich wie dreißíg an, wenn man
sie mit knapp zehn
Kilometern pro Stunde beradelt und
schon beinahe zwei Stunden dabei ist, einen Berg hinaufzufahren.
Frank meinte gerade, dass er so etwas nie wieder machen würde, ich glaube, dass
schreibe ich jetzt schon zum dritten Mal auf der Tour. Mein eigenes fixes Ziel, das sich
irgendwann im Hirn entwickelte, den
Aufstieg in unter
zwei Stunden Fahrzeit zu bewältigen, verfehte ich zwar, als ich aber den Gipfel auf 1912
Metern erklommen und 1828 Höhenmeter in den Beinen hatte, war ich schon relativ
zufrieden. Auf dem Gipfel wimmelte es dann auch nur so von Touristen und Radfahrern, wobei
mir ein Niederländer der zusammen mit seinen beiden Töchtern den Berg erklommen hatte,
während die Mutter das Begleitfahrzeug fuhr, noch ein paar Liter Wasser für die Abfahrt
schenkte. Ein wenig Baguette hatte er auch noch übrig, man nimmt, was man kriegt. Er
meinte dann auch noch zu mir "if you have cycled up here you can tell people that you
can cycle". Man dankte für Lob, Brot und Wasser und das Warten auf Frank begann.
Hatte er etwa aufgegeben?
In Anbetracht der Tatsache, dass er schon nach sechs oder sieben Kilometer ein
wenig
geschoben hatte, war dies durchaus
nicht unmöglich. Ich weiß nicht genau, wie lange ich oben auf dem Gipfel gewartet habe,
vielleicht war es eine halbe Stunde, aber schließlich kam er dann doch sichtlich
erleichtert am Gipfel an. Einen netten Niederländer fand er zwar nicht und musste somit
12 F für ein Wasser berappen, das im Supermarkt nur einen F kostet, nach einer etwas
längeren Pause für Fotos und Videoaufnahmen ging es dann aber auf die im Vergleich zur
Auffahrt extrem entspannende Abfahrt. 70.3 km/h erreichte der Tacho, lustigerweise wurden
noch einige der extrem langsam den Berg herunterrollenden Autos überholt und einmal ging
es sogar von der Straße hinunter, da ich irgendwie zu nah am Randstreifen war und die
Wahl zwischen einem kontrollierten Ausritt in ein Kiesbett und einem radikaleren
Lenkmanöver zurück auf die Straße bei 50 km/h hatte. Rein theoretisch hätte das Ganze
auch weniger glimpflich ausgehen können, hätten zum Beispiel einige Bäume im Weg
gestanden. Andererseits wäre ich auch nie so nah am Randstreifen
gefahren, wenn es dort Bäume gegeben hätte, man weiß es nicht.
Zumindest habe ich jetzt "die einzige Etappe, auf die es zeitlich
ankommt" (Zitat Frank aus den letzten Tagen) für
mich
entschieden, das Bergtrikot an mich gerissen und zur Krönung auch noch Abfahrt und
Rückfahrt nach Caprentras auf der Uhr gewonnen. Der Abend wurde dann der
Entspannung gewidmet, heute Nacht träume ich vom Pizza Hut Buffet,
das Frank mir jetzt schuldet, und morgen ist auch wieder ein Buffet, äh Tag (mit
Frühstücksbuffet) und los geht´s mit dem Endspurt nach Barcelona.

Noch eine letzte Bemerkung: den angeblich abnehmenden Sauerstoffgehalt in der Luft habe ich leider nicht feststellen können. Frank meinte aber manchmal kaum Luft bekommen zu haben. Bernt im Höhenrausch und unangreifbar von Gott, der Welt und dem Berg oder was war heute los?
Laufende Schachbilanz: Bernt vs Frank 2:14:1
Der Mont Ventoux
Ausgangspunkt der Tagesetappe: Carpentras, 84 Meter über dem Meeresspiegel
Höhe des Gipfels: 1912 Meter
Gefahrene Höhenmeter: 1828 Meter
Le Mont Ventoux |
|||||||
| Streckenteil | Distanz | Bernt | Frank | ||||
| Zeit | Dschnitt | Max km/h | Zeit | Dschnitt | Max km/h | ||
| Anfahrt | 20.1 | 1:01:42 | 19.5 | 40.1 | 1:00:45 | 19.74 | 34 |
| Auffahrt | 22 | 2:05:04 | 10.5 | 31.7 | 2:15:16 | 9.75 | 23 |
| Abfahrt | 21.8 | 34:58 | 37.57 | 70.3 | 37:12 | 35.06 | 64 |
| Rückfahrt | 15.8 | 36:18 | 25.9 | 37.2 | 36:47 | 25.77 | 36 |
| Gesamt: | 79.7 | 4:18:12 | 18.5 | 70.3 | 4:30:20 | 17.7 | 64 |
Le Mont Ventoux - Kilometerweise, Bernt PV |
|||
| Kilometer | Gesamtzeit | Zeit pro Kilometer | Höhenmeter |
| 1 | 4:09 | ||
| 2 | 8:23 | 4:12 | |
| 3 | 13:55 | 5:32 | |
| 4 | 20:05 | 6:10 | |
| 5 | 26:14 | 6:09 | |
| 6 | 31:44 | 5:30 | |
| 6.7 | 36:04 | ||
| - 15 (zum Gipfel) | 36:04 | 766 | |
| - 14 | 42:17 | 6:08 | 824 (+68) |
| - 13 | 48:38 | 6:26 | 899 (+75) |
| - 12 | 53:40 | 5:04 | 952 (+53) |
| - 11 | keine Daten | siehe - 10 | |
| - 10 | 1:07:25 | 13:45 (6:43 pro km) | 1138 (+186, 93 pro km) |
| - 9 | 1:14:27 | 7:02 | 1241 (+101) |
| - 8 | 1:21:42 | 7:15 | 1345 (+104) |
| - 7 | keine Daten | siehe - 6 | |
| - 6 | 1:30:30 | 8:24 (4:12 pro km) | 1432 (+ 87, 43 pro km) |
| - 5 | 1:36:23 | 5:53 | 1520 (+ 88) |
| - 4 | 1:40:32 | 4:09 | 1575 (+ 55) |
| - 3 | keine Daten | siehe - 2 | |
| - 2 | 1:52:28 | 11:56 (5:58 pro km) | 1738 (+ 163, 82 pro km) |
| - 1 | keine Daten | siehe Mountain-Top | |
| Mountain-Top | 2:04:58 | 12:30 (6:15 pro km) | 1912 (+164, 82 pro km) |