Stage 5
Künzelsau - Rothenburg
54,52 Kilometer; 03:07:22 Stunden

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Der Tag der Pannen

Tagebuch während der Tour geführt von: Bernt Pölling-Vocke ( bernty@gmx.com )

„Weißt Du eigentlich, was für ein Schwein Du hast?“; brüllte Herbert mir schon aus zehn Pedalumdrehungen Entfernung zu, als er vom einzigen Radlanden („Nicht mehr als eine schäbige Garage“) dieses Kaffs zurückkam und

Morgens um sieben im Zelt...

dir frohe Botschaft der baldigen Öffnung überbringen durfte.

Öffnungszeiten am Nachmittag: Montag und Mittwoch von 16 bis 18 Uhr – wäre heute nicht ziemlich zufälligerweise gerade die Mitte der Woche, wäre, wie man so schön zu sagen pflegt, die „Ah-A“ am dampfen. Ordentlich am dampfen. Meine Tour wäre für heute beendet gewesen…

Noch mehr Glück im Unglück hatte ich sowieso schon damit, dass die verfluchten Schweißnähte meines Gepäckträgers bis in dieses Dorf gehalten haben. Hätte sich der Gepäckträger einfach auf einer flotten Abfahrt verabschiedet, vielleicht in einer schnellen Kurve bei 8% und einer netten Leitplanke zu beiden Seiten, und jenen Bremsblock gebildet, der mir bei 15 km/h nicht wirklich gefährlich werden konnte, könnte ich jetzt auch genauso gut im Rettungshubschrauber liegen und bräuchte mir gar keine Gedanken mehr über meine Form für den Sommer zu machen.

Nun gut, hier sitze ich nun an der Hauptstraße von Schrotzberg, einen Bahnübergang zur Rechten, einen Fußgängerübergang zur Linken, und muss noch knapp zwei Stunden tot sitzen. Leider, etwas Zusatzunglück im prinzipiell glücklich belasteten Unglück, zwei wertvolle Stunden, mit denen das Vorhaben, Rothenburg ob der Tauber noch touristisch würdigen zu können für heute Abend wohl ad acta gelegt werden darf. Es liegen zwar nur noch rund zwanzig Kilometer vor uns, aber vor halb fünf oder fünf werden wir wohl kaum weiterfahren können, vor sieben steht das Zelt nicht und ob wir uns dann noch dazu aufraffen können, die Stadt zu besichtigen, mag angezweifelt werden.

Sowieso haben wir mit unseren Rädern heute etwas Pech, falls ich dieses Wort überhaupt benutzen darf. Davon ausgehend, dass der Gepäckträger irgendwo sowieso gebrochen wäre, hätte es beinahe keinen optimaleren und sichereren Ort als die Hauptstraße von Schrotzberg dafür geben können. Wäre dasselbe in Neuseeland an der einsamen Westküste passiert, hätte ich gleich mehrere hundert Kilometer mit dem Bus überbrücken müssen. Wäre es, wie oben erwähnt, auf einer Abfahrt passiert, würde ich mit mehreren hundert Kilometern pro Stunde in einem Hubschrauber reisen. Nein, Pech habe ich nicht gehabt. Wohl aber Herbert, dessen Rad uns heute Früh schon nach nur 12 Kilometern mit einem Plattfuß erfreute, die Weiterfahrt ebenso unfreiwillig wie nun ich verzögerte und den Grundstein für diesen Tag legte, an dem wir einfach nicht voranzukommen scheinen. Selbst wenn einmal nichts kaputt geht und wir tatsächlich in Richtung Ziel treten dürfen, schleichen die Kilometer schrecklich langsam an uns vorbei, da das hüglige Terrain hohe Geschwindigkeiten außer auf den Abfahrten kategorisch verbietet und das ewige Stop- and Go jeden Rhythmus im Keim erstickt. 

Aber vertreibe ich mir doch einfach weiter die Zeit mit meinem Tagebuch. Gerade kommt einmal wieder ein Zug vorbei, die Autos stauen sich vor meiner Nase, direkt vor mir tuckert ein verschmutzter Trecker und ein Mädchen im Auto dahinter scheint mich beinahe auszulachen – kein Wunder bei dem Häufchen Elend, welches ich im Moment hier am Straßenrand, Mohrrüben schmatzend und in ein kleines Heft krickelnd, abgebe. Die Mohrrüben hat Herbert spendiert, der aus dem nahen Supermarkt gleich einen Kilosack mitgebracht hat und verkündete, dass man das Zeug aus holländischen Zuchtfabriken auch ungewaschen futtern kann – „sind doch aus Holland, bestimmt aus dem Gewächshaus; muss ja, kann man dann auch so essen“: Wesentlich ungesünder als fette Pizzen oder Fleischpflanzerl werden auch gespritzte, pestizidverseuchte Mohrrüben kaum sein…

Zack – nächster Eintrag, Zeitsprung, denn gerade als ich weiter in das Tagebuch schreiben wollte, sprach mich ein etwas buckliger Einheimischer an und riet mir, doch einfach mal mit dem Rad zu einer Landmaschinenwerkstatt um 

Freude pur und Glück im Unglück: marginaler Gepäckträgerdefekt unterwegs...

die Ecke zu fahren. Da es außer Zeit, von der ich sowieso im Überfluss hatte, nichts zu verlieren gab, machte ich mich auf den Weg und hoffte, mir vielleicht doch die Kohle für einen komplett neuen Gepäckträger sparen zu können. Zwar hatte ich auch schon einmal in Oldenburg versucht, den Gepäckträger schweißen zu lassen (eine Naht war auch schon vor dieser Tour durch, was mich aber nicht wirklich bekümmerte; jetzt sind es drei und der Träger ist zum Bremsklotz wider Willen geworden), aber dort hatte man mir entweder gesagt, dass man an Fahrrädern sowieso nicht schweißen würde (Radgeschäft) oder Aluminium nicht schweißen könnte (Autowerkstatt). Zum Glück widmete man sich hier recht schnell meinem Rad, schweißte ein wenig herum, nachdem man das Rad wortlos entgegen genommen hatte und beglückte mich mit einer kostenlosen Reparatur. Überschwänglich bedankend radelte ich freudestrahlend zu Herbert zurück und konnte die Rettung des Tages verkünden, nachdem auch Herbert sich von der hervorragenden Schweißarbeit überzeugt hatte („besser als vorher“).

Rothenburg, auch mit uns in der Rolle als genießende Touristen, schien auf einmal wieder gerettet, mein Deutschlandbild, im Dienstleistungsbereich tief negativ geprägt von Oldenburger Fahrradabzockern wie „Die Speiche“, hellte sich etwas auf und wir radelten guter Laune nach Rothenburg, wo nach einem ziemlich harten Anstieg zum Schluss zu erfahren war, dass der Campingplatz nicht nur etwas weit außerhalb lag, sondern auch an der Tauber und nicht „ob“, wie die Stadt. Ganz nebenbei auch genau in der Richtung, aus der wir gerade kamen. Error!

Rothenburg ob der Tauber; romantische Mittelalteratmosphäre ohne passende Begleitung am Ende eines schlauchenden Tages...

Unwillens vom Campingplatz noch mehrere Kilometer bis nach Rothenburg zu wandern oder fahren, vor allem bergauf, checkten wir letzten Endes in der Jugendherberge direkt in der Altstadt Rothenburgs ein, schlenderten noch eineinhalb Stündchen durch die wirklich richtig schöne Altstadt, in der die Zeit teilweise stehen geblieben scheint und was das schlechte Wetter in Heidelberg vor zwei Tagen etwas erträglicher machte, mampften lecker und ließen uns von einem langen Tag erschöpft in die Federn fallen.

Selbstverständlich verzichteten wir zum Nachtisch auch nicht auf den Genuss eines Rothenburger „Schneeballens“ – schlicht und einfach DER lokalen, kulinarischen Spezialität überhaupt. Wahrscheinlich gibt es das eher fettige Friteusengebäck sowieso nur überall in allen nur erdenklichen Farben und Musterungen zu kaufen, weil jeder Tourist es einmal probieren muss (oder meint, es zu müssen, weil es es ja überall gibt…), denn wirklich gut schmecken die handlichen Kalorienbomben nicht. „Der Puderzucker war lecker“, resümierte Herbert und brachte das Geschmackserlebnis gut auf den Punkt, denn außer dem Puderzucker schmeckt der ganze Ballen auch nach denkbar wenig – kalorienreiche Luft mit Puderzucker in Schneeballform. Respekt, wenn so etwas berühmt werden kann, aber wir kauften es ja auch…

Jung ausschauen zahlt sich übrigens manchmal in barer Münze aus. Zwar hatte ich auch schon „peinliche“ Erlebnisse wie im Februar in Haselünne (aka Fusellünne), als man mir im Supermarkt die Zahlung per EC-Karte verweigerte, da ich mich nicht als volljährig ausweisen konnte (bin ganz nebenbei 28), aber in Rothenburg bekam ich somit zumindest noch den Jugendtarif in der Jugendherberge für Herbert und mich, was zuvor in Heidelberg nicht gelang und zum eher horrend teuren Übernachtungspreis von 23,30 Euro führen sollte. Ab 26 Jahren kosten die Jugendherbergen leider drei oder vier Euro mehr pro Nacht – „Seniorenaufschlag“. Da ich auch den heute Abend nicht zahlen musste, bleibt nur zu sagen, dass ich eigentlich heute sogar verdammt viel Glück hatte…